Ach

Ein Gastspiel von Nadja Kwapil

Wir betreten die Straße, es ist ein sonniger Tag. Mein Vater schleicht sichelförmig neben mir. Mein Cello belastet seine Wirbelsäule. Wir essen Kebab, grüne Sauce ist aus den Tiefen des Germteiges getreten und rinnt mehrspurig zwischen meinen Fingerkuppen Richtung Handgelenk. Ab und zu denke ich an vergangene Zeiten und erinnere mich melancholisch an Ereignisse, die nie geschehen sind.

„Du Papa?“, zerkaue ich eindringlich.

„Hmm?“, genießt mein gebeugter Vater. Seine Serviette schützt ihn vor Saucenerosionen.

„Wenn die Welt untergeht“, schlucke ich, „glaubst du macht es dann ein Geräusch?“

„Wie Bitte?“, stopft sich mein Vater in den vollen Mund. Ein Zwiebelring landet verdattert auf dem Asphalt. Seine verschobenen Augen sehen mich besorgt aus den Augenwinkeln an.

„Na, wenn die Welt untergeht, ob es dann ein Geräusch macht?“ Ich verharre selbstverständlich auf dem Gehsteig und warte aufrichtig auf Antwort. Die Sauce tropft aus allen Zutaten.

„Warum sollte sie untergehen?“, brummt mein Vater verbissen in das letzte Stück Kebab. Er zerknüllt die vollständig ausgeräumte Serviette und zieht an mir vorbei.

Verachtet sehe ich ihm nach, während ich voreilig den Rest meines Menüs in den Mund verdränge. Der Geschmack hat mein Interesse verloren.

Ich hole ihn wiederkäuend ein. „Das weltweite Netz hat Laufmaschen, wie meine Strumpfhose. Die Welt wird sich vollständig auftrennen, früher oder später“, überschlage ich beiläufig.

Mein Vater tupft sich geduldig den Mund ab und runzelt Falten in die Stirn.

„Du willst also deine kaputte Strumpfhose über den ganzen Erdball spannen? Ich fürchte, deine Strümpfe sind etwas zu klein, um einen Superlativ bekleiden zu können.“ Er sieht mich vorwurfsvoll an.

Der Kebab ist sinnlos in meinem Magen gelandet. Sauce klebt auf meinen Händen.

„Ich möchte sie nicht verdecken. Die Welt soll keiner Anmaßung zum Opfer fallen. Im Gegenteil, ich will sie sehen, ich wünschte eindeutig, sie wäre übersichtlicher.“

Ein Taubenmeer breitet sich gurrend vor uns aus. Wir bleiben einvernehmlich stehen, mein Blick trifft nachdenklich ins Schwarze. Ich verdrehe meinen Hals und suche nach einem bleibenden Eindruck auf dem Gesicht meines Vaters. Ein graues Haar auf seinem Kopf weht gelassen im Wind.

„Im Überfluss hat sich die Welt in Vieldeutigkeiten verheddert, bis zur Unkenntlichkeit. Die Hintergrundmusik ist lauter geworden, die Nachspeise holt die Vorspeise ein“, stochere ich dekadent weiter. Ich glaube noch ein graues Haar entdeckt zu haben.

„Romantische Vorstellungen, die du da hast“, erwidert mein Vater im Perückenstil des 17. Jahrhunderts. Seine Gesichtszüge haben einen amüsierten Blick entwickelt.

„Nicht ich. Die Welt liefert romantische Vorstellungen“, versuche ich den Witz meines Vaters im Ansatz zu ersticken. „Überall bedeutungslose Übertreibung, aber der ewige Text ist souffliert. Mit besten Grüßen.“

Mehr als ein Dutzend wirre Wendehälse stoßen routinierte Schnäbel gegen den Boden. Mein Vater öffnet seinen Mantel und lässt die Hände in die Manteltaschen sacken.

„Die Floskeln, die Oberflächlichkeiten von denen du da sprichst, die sind doch buchstäblich klar  erkennbar. Sie bilden das Geländer, das Profil der Welt, wenn du so willst.“ Er streckt sein Rückgrat  empor und lehnt sich gediegen gegen das Cello.

„Und wohin gehen wir, wenn wir in Evidenz gehalten werden?“, frage ich.

Ich spüre seinen abrupten Blick auf meiner Wange.

Eine hinkende Taube nähert sich unseren Füßen und moderiert die Stille.

„Ach“, murmelt mein Vater in abfallendem Ton.

„Ach?“, klettere ich überrascht die Tonleiter hinauf.

„So etwas in der Art“, zögert er. „Das ist irgendwie untergegangen. Das ,Ach‘, vor dem Unaussprechlichen, vor jeder Undurchsichtigkeit. So etwas in der Art. Als Geräusch, mein ich, wenn dann die Welt untergeht.“

 

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