Das jüngste Gewitter

Gutes über hervorragende Filme, Folge 4: Das jüngste Gewitter (Roy Andersson, 2007). Es gibt keine Kamerafahrt in diesem Film und keine Nahaufnahme und nur ausnahmsweise mal einen Wechsel der Einstellung innerhalb einer Szene. Aber was für schön durchkomponierte Bilder die vielen statischen Totalen zeigen! Skandinavisch spartanisch, extrem klar und übersichtlich eingerichtete Räume strukturieren die Bilder mit Türrahmen und Neonleuchten. Der Blick geht stark in die Tiefe, oft in den übernächsten oder sogar überübernächsten Raum hinein. Alles ist gleichmäßig ausgeleuchtet wie von einer Art fluoreszierendem grauen Nebel, der die wenigen sanften Farbflecke wie Möbelstücke, Kleidungsstücke oder das sattgoldene Sousaphon besonders leuchtend hervortreten lässt. Und so leuchtet auch die Hoffnung mit skurrilem Humor aus dem Elend der Menschen hervor, die in dem Film auftreten. Fast alle sind sie ziemlich mitgenommen von Liebeskummer, Geldsorgen, Alpträumen, Alkoholismus, Burnout, dem Diktat des Shareholder Value, der Welt als ganzer. Sie scheitern in den alltäglichsten Situationen. Gezeigt werden gerade die Teile menschlicher Kommunikation, die, weil sie nicht weiterführen, normalerweise nie in Filmen zu sehen sind. So gibt es eine Szene, deren ganzer Dialog wie folgt lautet: „Es ist schon fast halb sechs!“ – „Ja, was soll ich dazu sagen? … Schön, schön!“ Aber es ist keiner dieser Filme, die einen hoffnungslos zurücklassen, im Gegenteil werden viele verschiedene Wege aus dem Unglück gezeigt: Man kann musizieren, träumen, eine Versöhnungsglatze schneiden, sich in den unpassendsten Situationen bei der Kamera oder bei Kunden ausweinen oder notfalls – so entzieht sich ein Unternehmschef dem Diktat des Shareholder Value – einen plötzlichen Herzinfarkt erleiden und sterben.

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