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Eine Antwort zur Semantik

Lieber @Frachtschaden,

du schreibst von zwei Sätzen, die anscheinend verschiedene Bedeutungen haben, obwohl sie genau die gleichen Satzglieder haben (Prädikat wohnen, Subjekt Könige, Präpositionalobjekt in Palästen):

(A) Könige wohnen in Palästen
(B) In Palästen wohnen Könige

Es gibt für beide Sätze einige mögliche Lesarten. In den Lesarten, auf die du dich beziehst, sind die Sätze generische Sätze, die die Funktion von partiellen Definitionen haben (Krifka), also für eine Klasse von Dingen eine allgemeine Aussage trifft. Die beiden Lesarten, formal aufgeschrieben, sind damit:

(1) ∀x.(könig(x) → wohnt_in_palast(x))
(2) ∀x.(palast(x) → könig_wohnt_in(x))

Nun gilt laut Krifka (und ich meine, er hat Recht) für generische Sätze im Deutschen die Beschränkung, dass das Definiendum durch das Topik des Satzes ausgedrückt werden muss und das Definiens durch den Fokus.

Ferner gilt, wenn ich nicht irre, dass Satzglieder, die zum Fokus eines Satzes gehören, nur dann im Vorfeld stehen können, wenn sie einen Kontrastakzent tragen. Von einem Kontrastakzent würde man beim Lesen der Sätze, wie sie in (A) und (B) aufgeschrieben sind, nicht ausgehen, da nichts mit Sternchen, Unterstreichungen, Kursivschrift o.Ä. markiert ist und man auch keinen Kontext sieht (wie eine Frage oder eine dem Satz widersprechende Aussage), der einen Kontrastakzent rechtfertigen würde.

In (A) steht aber Könige im Vorfeld und kommt damit nicht als Teil des Fokus und Definiens in Frage, womit Lesart (2) ausscheidet. In (B) steht Paläste im Vorfeld und kommt damit nicht als Teil des Fokus und Definiens in Frage, womit Lesart (1) ausscheidet.

Insofern: Ja, die Satzstellung kann die Bedeutung verändern!

Tsait füür dii näächste rächtshraibreeform

Vän äs naach miir ginge, vürde dii rächtshraibung des doitshen vii folgt reeformiirt: Ainz-tsuu-ainz-tsuuordnung tsvishen foneemen und grafeemen. Konzoonantenbuuchshtaaben nii dopelt. Ainfache vookaalbuuchshtaaben füür kurtse vookaale, dopelte füür lange. Tranzpaaräntere shraibung fon diftongen: <ai> shtat <ei>, <oi> shtat <eu>. Apshafung üüberflüsiger zonderveege bai deer shraibung fon konzoonanten: <ts> shtat <z>, <v> shtat <w> (diizes vird apgeshaft), <f> shtat <v>, voo fooneemish shtimloos (t.b. <foogel>), <v> shtat <f>, voo fooneemish shtimhaft (t.b. <fünv>, <fünver>), <z> shtat <s>, voo fooneemish shtimhaft (t.b. <hauz>, <hoizer>, aaber <has>, <hases>), <sh> shtat <sch>, <sht>/<shp> shtat <st>/<sp>, <kv> shtat <qu>, <ts> btv. <k> shtat <c>, <ks> shtat <x>; <i>, <j>, <ü> ooder <üü> shtat <y>. Apshafung deer groosshraibung fon noomiinaa. Diis ales hauptsächlich, um dii ortoografii laichter tsuu ärlärnen unt tsu ärkläären tsuu machen.

Von Leuten, die sich entblöden bzw. nicht entblöden, der Sprache Vorschriften machen zu wollen

Immer mal wieder stolpert jemand darüber, dass die Wendungen sich entblöden und sich nicht entblöden dasselbe bedeuten. Zum Glück erklärt bereits Johann August Eberhards Synonymisches Handwörterbuch der deutschen Sprache (hier: 17. Auflage, 1910) dieses Kuriosum ausführlich. Am tollsten ist aber, dass der entsprechende Artikel einen erregten, nichtendenwollenden Rant gegen sprachlichen Präskriptivismus enthält:

Selbst wenn aber auch die Annahme Grimms, daß in entblöden das ent- ursprünglich privativ sei, richtig wäre, so würde das doch nicht imstande sein, den gegenwärtigen Gebrauch von sich entblöden in der Bedeutung sich scheuen als falsch und unberechtigt erscheinen zu lassen. Wir haben häufig in unserer Sprache einen Bedeutungswandel, der oft so weit geht, daß die Bedeutung eines Wortes im Laufe der Zeit geradezu ins Gegenteil umgeschlagen ist; es sei hier nur an das Wort schlecht erinnert, das früher schlicht, glatt, gerade bedeutete, gegenwärtig aber nur noch als Gegensatz von gut verwendet wird (mit Ausnahme der formelhaften Wendung schlecht und recht). Wir können die alte Bedeutung von schlecht nicht auf künstlichem Wege wieder herstellen, und niemand wird diesen Versuch machen; wir beugen uns vielmehr dem allgemeinen Sprachgebrauch, der hier zugleich maßgebend für unser Sprachgefühl geworden ist, und genau in demselben Falle befinden wir uns der Wendung sich nicht entblöden (d. i. sich nicht scheuen) gegenüber. Überall, in ganz Deutschland, im Norden und Süden, im Westen und Osten gebraucht man diese Wendung in der genannten Bedeutung, unsere besten Dichter und Schriftsteller schreiben so, diese Wendung ist vollständig in unser Sprachgefühl übergegangen; da ist es ganz einfach die Pflicht der Wissenschaft, diese Wendung anzuerkennen, selbst wenn hier ein Bedeutungswandel vorläge. Es gibt in sprachlichen Dingen keine andere Autorität als die Sprache selbst; die lebendige Sprache schreitet in ihrer Entwicklung ruhig über das Ansehen auch des berühmtesten Sprachforschers hinweg und läßt sich nicht künstlich wieder in eine alte überwundene Form zurückdrängen. Es ist unerklärlich, wie man die Wendung sich nicht entblöden auf das Ansehen Grimms hin immer und immer wieder angreifen und tadeln kann, obwohl doch die lebendige Sprache uns täglich eines bessern belehrt und überhaupt kein wirklicher Grund vorliegt, der diese Wendung als tadelnswert erscheinen ließe. Gerade Jakob Grimm hat selbst am entschiedensten gegen eine solche Auffassung der Sprache, wie sie Adelung predigte, Verwahrung eingelegt. Sollen wir uns nun an den Buchstaben der Aufstellungen Grimms oder an den Geist seiner unsterblichen Werke halten? Ich glaube doch, daß allein das letztere Grimms würdig ist und daß sich die Sprache nicht nach der Sprachwissenschaft, sondern umgekehrt die Sprachwissenschaft nach der Sprache zu richten hat.

sharen [Anglizismus 2012]

Die Wahl zum Anglizismus des Jahres 2012 steht kurz bevor. Nachdem im Sprachlog zuletzt die Kandidatinnen posten, Crowdfunding und Tablet besprochen wurden, will ich noch ein paar Worte zu sharen verlieren.

Die Verben posten und sharen wurden von Nachtwerker gemeinsam in den Ring geworfen. Thematisch sind sie eng verwandt, doch in der Verbreitung scheinen sie weit auseinander: Mit ein paar tausend deutschsprachigen Google-Treffern liegen die Partizip-Perfekt-Schreibvarianten gesharetgeshared und geshart derzeit um Größenordnungen hinter gepostet und geposted. Auch Google Trends verzeichnet ein so geringes Suchvolumen für sie, dass die Zahlen nicht interpretierbar sind. Besonders große Aussichten darauf, als wichtigster Anglizismus des Jahres 2012 in die Geschichte einzugehen, hat sharen also nicht. Schade, meiner Ansicht nach ist sharen ein tolles Wort, das eigentlich viel größere Verbreitung verdient hätte. Und das kommt so:

Ein Wort mit gesellschaftlicher Relevanz

Google+ Ripples visualisieren, wie ein Post immer wieder gesharet wird und sich dadurch verbreitet

Google+ Ripples visualisieren, wie ein Post immer wieder gesharet wird und sich dadurch verbreitet

Wenn ich selbst das Wort sharen benutze, dann denke ich am ehesten an Facebook, das bei mir meistens auf Englisch eingestellt ist. Da gibt es unter so gut wie jedem Post den Link „Share“. Mit dem kann man Beiträge von Leuten, deren Beiträge man angezeigt bekommt, „weiterreichen“ an die Leute, die die eigenen Beiträge angezeigt bekommen. Viele soziale Netzwerke haben ähnliche Funktionen, etwa Google+, Twitter und auch dezentrale Netzwerke wie die Blogosphäre, wo ebenfalls „gesharet“ wird: Es bedeutet, dass man einen Inhalt (oder einen Anriss davon) republiziert und dabei auf die Ursprungsquelle und/oder die Quelle, über die man selbst auf den Inhalt gestoßen ist, zurückverlinkt. Eine postet’s und viele sharen’s, so könnte man die Aufgabenverteilung dieser beiden 2012er-Kandidatinnen zusammenfassen (allerdings wird sharen auch als Synonym für posten gebraucht und umgekehrt).

Das Sharen ist ein zentraler Bestandteil der neuartigen Mediennutzung, bei der von jeder Nutzerin persönlich zusammengestellte Netzwerke aus Menschen bestimmen, was sie rezipiert, statt eine Handvoll Zeitungs- und Fernsehredaktionen, und jede Nutzerin selbst mitbestimmt, was die Menschen um sie herum rezipieren. Michael Schmidt beschreibt es in einem Handbuchartikel ausführlicher.

Ein Wort, das eine Lücke füllt

Warum sage ich eher sharen als teilen, wie es in Facebooks deutscher Oberfläche heißt und wie auch sonst oft zu hören ist? Habe ich, weil ich meist englische Benutzeroberflächen vor mir sehe, meine Muttersprache vergessen? Im Gegenteil. Mein deutsches Sprachgefühl sagt mir, dass teilen für to share in diesem Zusammenhang keine sehr glückliche Übersetzung ist. Beide Wörter haben mehrere Bedeutungen, manche entsprechen einander, manche nicht. Um es in einer Tabelle zu zeigen (beschränkt auf transitive, nicht reflexive Gebräuche):

share (Merriam-Webster) teilen (Duden)
1. ein Ganzes/eine Zahl in Teile zerlegen
3. ein Ganzes in zwei Teile zerteilen: der Vorhang teilt das Zimmer
1. to divide and distribute in shares : apportion —usually used with out <shared out the land among his heirs> 2a. (unter mehreren Person) aufteilen
2a. to partake of, use, experience, occupy, or enjoy with others 4a. gemeinsam (mit einem anderen) nutzen, benutzen, gebrauchen
2b. to have in common <they share a passion for opera> 4b. gemeinschaftlich mit anderen von etwas betroffen werden; an einer Sache im gleichen Maße wie ein anderer teilhaben
3. to grant or give a share in —often used with with <shared the last of her water with us> 2b. etwas, was man besitzt, zu einem Teil anderen überlassen
4. to tell (as thoughts, feelings, or experiences) to others — often used with with

Oben sieht man teilen Bedeutungen abdecken, für die im Englischen divide zuständig ist, unten hat dafür share eine Bedeutung, auf die wir im Deutschen mit weitergebenweitersagen oder mitteilen verweisen, aber auch eine Konnotation, die diese deutschen Verben weniger stark einfangen, nämlich eine der Freundschaftlichkeit und Vertrautheit: sharen tut man eine tolle Geschichte, um anderen eine Freude zu machen („I just had to share this with you“) oder Intimes aus dem eigenen Seelenleben („she shared her thoughts with me“). Diese letzte Bedeutung von share ist es meiner Einschätzung nach, aus der die Bezeichnung für das Posten und Weiterreichen in sozialen Netzwerken entstanden ist. Mit teilen kann man das nicht gut übersetzen.1 Es gäbe also meinem Sprachgefühl nach durchaus eine Lücke im Deutschen, die sharen gewinnbringend einnehmen könnte.

Ein vielschichtiges Wort

Im Kontext von Computernetzwerken ist share4 im Sinne des Weiterreichens von Verweisen auf Inhalte in sozialen Netzwerken nur das eine Ende eines Bedeutungsspektrums, an dessen anderem Ende share2a und share3 im Sinne des gemeinschaftlichen Nutzens von und des Zugriffgewährens auf Ressourcen stehen. Beim Carsharing zum Beispiel teilen sich viele Kundinnen einen Pool von Autos, und einen freigegebenen Drucker in einem Netzwerk können sich viele Arbeitsplätze teilen. Etwas weiter zur Mitte des Spektrums hin findet sich so etwas wie das (unerlaubte) Teilen von Benutzerinnenkonten bei Online-Spiele-Plattformen unter mehreren Leuten, die dann dieselben Spiele spielen können, oder das (erlaubte) Teilen von Softwarelizenzen unter einer von der Herstellerin willkürlich festgelegten maximalen Anzahl von Endgeräten. Hier ist die „gemeinsam genutzte Ressource“ schon deutlich abstrakter – im Falle der Softwarelizenz handelt es sich z.B. um ein Konstrukt, mit dem versucht wird, das Konzept des „geistigen Eigentums“ zu realisieren – aber immer noch um etwas, das, ähnlich wie ein Auto oder ein Drucker, in einem gewissen Sinne begrenzt vorhanden ist und daher als Objekt für teilen4a taugt. Was nicht heißt, dass sharen hier nicht beliebt wäre: Besonders im Playstation-Kontext figurieren solche Gebräuche unter den Google-Treffern für Formen wie gesharetgeshared und geshart sehr prominent. Aufs beinahe schon Äußerste gedehnt wird die Metapher des gemeinschaftlichen Nutzens dann, wenn man file sharing mit dem „Teilen von Dateien“ übersetzt, denn nur auf einer sehr abstrakten Ebene ist ein Filesharing-Netzwerk ein gemeinsam genutztes verteiltes Dateisystem – um eine Datei wirklich zu nutzen, muss eine sich erst mal ihre eigene Kopie „saugen“, die sie dann alleine nutzt. Es geht also hierbei schon um das Vervielfältigen und Weitergeben von Daten, genau wie beim Sharen in sozialen Netzwerken.

Ein Wort, das man sich merken sollte

Nachtwerker meinte, sharen sei eigentlich schon viel zu alt. Ich meine, dass es einen Anglizismus-des-Jahres-würdigen Verbreitungsanstieg vielleicht erst noch vor sich hat. Die wachsende Verbreitung und Bedeutung von sozialen Netzwerken würde dafür sprechen. Und dass es zugunsten eines bedeutungsausgeweiteten teilen in absehbarer Zeit ganz verschwindet, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung ist sharen für mich das spannendste Wort des diesjährigen Wettbewerbs.

  1. Als ich vor ein paar Jahren die Website Freut euch des Labenz! mit sozialen Buttons ausstattete, stand ich vor genau diesem Problem und entschied mich schließlich für mitteilen, was die richtige Bedeutung hat und durch den Verbstamm noch auf die üblichere, aber für mich falsch klingende Übersetzung von share verweist. Einige Zeit später führte Google Google+ ein und fügte vielen seiner Seiten einen Share-Button rechts oben hinzu, in der deutschen Oberfläche: Mitteilen. Great minds think alike. []

epic/episch [Anglizismus 2012]

Es geht weiter mit den Kandidatenwörtern zum Anglizismus des Jahres 2012. Im Sprachlog wurden jüngst gendernHipster und Blackfacing besprochen, heute geht es hier im Texttheater weiter mit epic/episch. Dieses Wortpaar wurde von Janwo nominiert:

Ich würde gern „epic“ bzw. die Lehnprägung „episch“ nominieren. Eventuell ist es nicht ganz so neu, aber es kommt mir so vor, als ob es erst seit Kurzem wirklich um sich greift.

Was blüht dieser Nominierung, epic win oder epic fail?

Besonders interessant finde ich, dass mit episch ein Wort in der Endrunde ist, das schon lange in deutschen Wörterbüchern steht und lautlich und morphologisch gerade mit der Endung -isch ganz und gar im Deutschen beheimatet scheint. Diese Abwesenheit von englischem Wortmaterial hatten wir, wenn ich richtig geguckt habe, bisher erst einmal, nämlich mit ausrollen für 2010.

Wenn also ein Anglizismus vorliegt, dann handelt es sich um einen „Übersetzungsanglizismus“, also ein deutsches Wort, das unter dem Einfluss des Englischen eine neue Bedeutung angenommen hat. 

Um in diesem Wettbewerb zu reüssieren, müsste das Wort in seiner neuen Bedeutung außerdem 2012 deutlich mehr gebraucht worden sein als zuvor, und es müsste eine interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllen.

Diese drei Kriterien werde ich mir für episch im Einzelnen angucken. Auf epic werde ich dabei auch zu sprechen kommen.

Die neue Bedeutung

Das Adjektiv episch hat seit mehr oder weniger kurzer Zeit eine neue Bedeutung, die noch nicht im Duden steht. Im Duden stehen bisher:

  1. (Literaturwissenschaft) die Epik, das Epos betreffend; Beispiel: ein episches Gedicht
  2. (bildungssprachlich) erzählerisch, erzählend, berichtend; Beispiele: epische Elemente; etwas in epischer Breite (in allzu großer Ausführlichkeit) schildern

Schaut man aber einer mehrheitlich jungen, internetaffinen Sprecher/innengemeinschaft aufs Maul, zum Beispiel über eine Suche bei Twitter, kann man sich leicht davon überzeugen, dass auf deren überwiegende Verwendung des Wortes keine der beiden Definitionen passt. Eine Auswahl:

Screenshot-1

Auch nach Definitionen, die auf diese neue Verwendung passen, muss man nicht lange googeln, wiederum eine Auswahl:

Andererseits wird „episch“ (abgeleitet von engl. „epic“) in der Netzkultur verwendet, um als Superlativ einen Sachverhalt besonders positiv zu bewerten. (Wikipedia)

Epic – Episch. Bedeutet für mich. Wahnsinnig, Wow, Atemberaubend. (ChrisBoy18 auf gutefrage.net)

Mir scheint, und so ordnet es im Oktober 2012 auch Wolfgang Kemp im FAZ-Feuilleton ein, dass episch hauptsächlich ein Neuzugang in der langen Reihe der Jugend- und Modewörtern ist, die verwendet werden, um Begeisterung auzudrücken oder etwas zu intensivieren: coolgeilkrassfett – episch eben.

Der Einfluss des Englischen

So weit die neue Bedeutung, aber ist sie ein Import aus dem Englischen? Die englische Entsprechung zu episch, das Adjektiv epic, hat einen ganz ähnlichen Bedeutungszugewinn hinter sich. Das Wörterbuch Merriam-Webster kennt folgende Bedeutungen:

  1. of, relating to, or having the characteristics of an epic <an epic poem>
  2. a : extending beyond the usual or ordinary especially in size or scope <his genius was epic — Times Literary Supplement>
    b : heroic

Daneben wird epic wie im Deutschen in der Bedeutung fantastischüberwältigendatemberaubendkrassgeil verwendet. Diese Verwendung ist zwar relativ dicht dran an der zweiten Merriam-Webster-Bedeutung (dichter als an der zweiten Duden-Bedeutung), dennoch findet man viele englischsprachige Quellen, die sie als etwas Neues, zur Jugendsprache bzw. zum Slang gehörig einordnen. Auch hier wieder eine kleine Auswahl:

epic adjective. Incredible, big, massive. “It’s been an epic day.” (The Youth Language Lexicon. In Mark McCrindle with Emily Wolfinger: Word Up. A Lexicon and Guide to Communication in the 21st Century, 2007)

“What does epic mean when used as slang?” – “grand, great, amazing” (Yahoo Answers, 2010)

“EPIC means “Extremely awesome’” (InternetSlang.com, )

“In everyday conversation, ‘epic’ is often slang for superb or excellent.” (Answers)

Entsprechende Gewährsleute finden sich für episch in deutschen Internetforen:

heisst so viel wie: grandiós, poetisch. kolossal. fantastisch. (Frag Galileo, 2012)

In der heutigen vor allem Szenesprache (nicht nur Jugend oder Slang-Sprache wird episch häufig und inzwischen in als eingedeutscht zu wertender gleichberechtigter Form für epic = legendär = einmalig = außergewöhnlich = Über die Maßen genutzt. (Ulisses Forum, 2012)

Also, was ich Unwissender jetzt, nach vielen Antworten zum Thema weiß, ist, dass „episch“ im Jugend-Slang dasselbe bedeuet wie „cool“ (gutefrage.net, 2011)

Die Vermutung liegt sehr nahe, dass die Bedeutungsentwicklung bei episch im Deutschen von der bei epic im Englischen beeinflusst wurde, auch wenn sich das nicht mal so eben beweisen lässt. Insbesondere zwei Kanäle fallen mir aber ein, über die das Wort verstärkt vom englischen in den deutschen Sprachraum eingedrungen sein und so die Verbreitung des neuen episch mitverursacht haben dürfte:

Erstens gibt es da das Schadenfreude zelebrierende Internet-Mem Fail, das sich seit etwa 2004 großer Beliebtheit erfreut, auf Blogs wie Failblog reihenweise instanziiert und häufig zu Epic Fail gesteigert wird. Sicher nicht völlig zu Unrecht war Fail/Epic Fail bei der Wahl zum „Jugendwort des Jahres 2011“ zweitplatziert, die allerdings weitgehend selbst ein Fail war. Daneben gibt es auch die Gegenstücke Win und Epic Win.

Epic_Win_by_danzilla3 Epic Fail

Zweitens ist Epic in dem sehr populären Online-Spiel World of Warcraft eine Kategorie von relativ wertvollen Gegenständen, die eine dort in ihren Besitz bringen kann. Auf diesen Rollenspielhintergrund hebt auch der oben erwähnte FAZ-Artikel stark ab.

Vielleicht am deutlichsten kann man den Einfluss des Englischen daran ablesen, dass epic und episch im Gegenwartsdeutschen beide ziemlich synonym auftauchen, wie ja schon die Nominierung anmerkt. Eine Stichprobe bei Google liefert z.B. bei Redaktionsschluss für „das ist episch“ 1.120.000 Treffer und für „das ist epic“ auch nicht weniger 821.000.

Ich bin damit hinreichend überzeugt, dass das neue episch als Anglizismus gelten kann.

Der deutliche Anstieg

Da wir uns nur für eine bestimmte der mehreren Bedeutungen von episch interessieren, ist es schwierig, seinem Gebrauch quantitativ auf die Spur zu kommen. Schaut man sich an, wie oft die Leute in Deutschland nach episch googeln, sieht man einen relativ plötzlichen Anstieg im relative Suchvolumen ab Oktober 2010, Höhepunkte schon im Juli 2011 und im Januar 2012, seither ist die Tendenz fallend (die Klippe am Ende ist allerdings nur der ja noch unvollständige Februar):

Screenshot

Für den Anstieg kann man vermutlich das neue episch verantwortlich machen, denn die anderen Bedeutungen dieses Wortes dürften überhaupt deutlich seltener gegoogelt werden. Aber nur mit extrem großem Wohlwollen sieht man einen deutlichen Anstieg für 2012.

Bei epic geht das deutsche Interesse seit 2009 – mit den üblichen Fluktuationen – relativ kontinuierlich nach oben, auch noch in 2012:

Screenshot-1

So weit also ein klares Nnnnaja. Auch der Anstieg, den nach meiner manuellen Zählung das neue episch in Zeitungstexten (also einer sprachlichen Neuerungen gegenüber eher konservativen Textsorte) im Deutschen Referenzkorpus erfährt, ist aufgrund der geringen Trefferzahl in allen Jahren nicht besonders belastbar, aber immerhin kann man sehen, dass es 2009 überhaupt nicht vorkommt, 2010 auch nicht, 2011 zweimal und in der ersten Jahreshälfte 2012 ebenfalls zweimal:

„Ich habe in allen Sportarten, für die man die Hände braucht, episch versagt. Darum bin ich Läufer geworden.“ (Niederösterreichische Nachrichten, 2011-04-12)

Unglaublich, der Mann wird 108 Jahre alt und stirbt an Heiligabend. Das ist episch! (Rhein-Zeitung, 2011-12-27)

Als 2004 in Chur hitzig diskutiert wurde, wie man das Problem der kontinuierlichen Strenge gegen Spass, Lärm, Lebensfreude und Wochenende anpacken könnte, gab es eine Einheit in der linken Szene, ein Momentum. Was zur Folge hatte, dass mit Jon Pult, Andrea Fopp, Kiran Trost und Tom Leibundgut ein ganzer Block dieser Bewegung in den Gemeinderat gewählt wurde. Das war episch, das war die Revolution! Dachte man. (Die Südostschweiz, 2012-05-15)

Aber es gibt auch ganz andere Höhepunkte: Etwa das schleppend beginnende „It’s Good To Be King“, das mit der Zeit in eine Art Dauer-Crescendo abhebt, durchdrungen von Mike Campbells beeindruckend vielfältiger Lead-Gitarre, kurz unterbrochen von Benmont Trenchs feinfühligem Piano-Solo, gestoppt von messerscharfen Breaks der ganzen Band und letztlich aufgelöst in einem wunderbar klaren Petty-Ton – episch! (Mannheimer Morgen, 2012-07-02)

Die interessante Lücke im Wortschatz

Eine besonders interessante Lücke im deutschen Wortschatz füllt epic/episch eigentlich nicht. Ich halte es, wie gesagt, im Wesentlichen für ein Nachfolgewort von coolgeilkrass etc., und es wird selbst sicher ebenso bald in der Rolle des aktuellsten Slangbegeisterungswortes abgelöst werden. Natürlich kommen jedem dieser Wörter gemäß seiner Ursprungsbedeutung andere Konnotationen zu: cool eine lässige, geil eine sexuelle, krass eine Konnotation des pathologisch Übertriebenen und episch eine des Sagenhaften, Mythologischen, gut passend zu einer Zeit mit vielen Kinofilmen, die riesige Schlachten in vergangenen Zeiten oder Fantasy-Welten zeigen.

Fazit

So interessant ich episch als „eingedeutschten“ Anglizismus auch finde, muss ich doch konstatieren, dass es – und nicht weniger die nicht eingedeutschte Form epic – bei den Kriterien „Aktualität“ und „Interessante Lücke“ zwar nicht völlig abloset, aber sich gegen so manch anderes Kandidatenwort in diesem Wettbewerb wohl nicht wird behaupten können. Was meint ihr?

Paywall [Anglizismus 2012]

Die Kandidaten für den Anglizismus des Jahres 2012 stehen fest und werden jetzt bis Mitte Februar von der Jury in Blogbeiträgen besprochen. Den Anfang machten Anatol mit Fracking/fracken und Susanne mit Hashtag, heute setze ich die Reihe mit Paywall fort.

Das Wort

Das englische paywall, seltener: pay wall, ist ein Substantiv und ein Kompositum aus dem Verb pay („bezahlen“) und dem Substantiv wall („Mauer“). Ins Deutsche wurde es als Paywall praktisch unmodifiziert übernommen und bezeichnet auch dasselbe wie im Englischen: eine technische Vorrichtung, mit der Online-Medien den Zugang zu ihren Inhalten beschränken, wobei diese Beschränkung für zahlende Benutzer/innen aufgehoben wird, typischerweise in Form eines Abonnements.

Zwei Parallelen zur bereits länger bekannten Firewall fallen mir auf: Zum einen, dass beide Wörter die Mauer (wall) als Metapher für elektronische Zugriffsbeschränkungen benutzen, und zum anderen, dass sich bei beiden im Deutschen das feminine Genus durchgesetzt hat, wohl in Anlehnung an Mauer. Nur sehr vereinzelt findet sich maskulines oder neutrales Genus, wohl in Anlehnung an das deutsche Wort Wall.

Als Eigenbezeichnung kostenpflichtiger Inhaltsangebote kommt Paywall selten vor, die Online-Medien sprechen eher von „Abonnements“ oder „E-Papers“. Der Kandidat kommt vielmehr in Berichten über die Errichtung von Paywalls vor. Das scheint mir daran zu liegen, dass die Mauer-Metapher die Sichtweise ausdrückt, dass der freie Zugriff auf alle Inhalte im Internet der Normalfall ist und die Online-Medien sich quer dazu stellen, um ihrer Nutzer/innen zur Kasse bitten zu können. Demgegenüber sind die Paywalls einführenden Medien bemüht, das Zahlen als Normalfall zu etablieren. Eine Ausnahme bildet die taz: Deren Paywall heißt TAZ PAYWALL. Aber bei der ist das Zahlen auch völlig freiwillig.

Die Sache

Paywalls sind nicht völlig neu, so bietet das Wall Street Journal schon seit 1997 seine Online-Nachrichten nur gegen Geld an. Auch ist es bei Online-Medien schon lange üblich, manche Artikel kostenlos und andere Artikel nur für Besitzer/innen eines Premium-Abonnements anzubieten. Dass über so etwas unter dem Begriff paywall Bericht erstattet wird, lässt sich im Englischen etwa ab 2005, im Deutschen etwa ab 2008 ausmachen.1 Diese „Paywalls der ersten Generation“ sind eigentlich alle „hart“: jeder Artikel ist entweder kostenlos oder kostenpflichtig, die Paywall teilt das Angebot des jeweiligen Online-Mediums in zwei fixe Teile, wobei in Extremfällen wie dem Wall Street Journal der kostenlose Teil praktisch nichtexistent ist. Die erste Paywall der New York Times teilte ihr Angebot in einen kostenlosen aktuellen und einen kostenpflichtigen historischen Bereich, diese Paywall wurde 2007 aufgegeben.

Seit etwa 2011 ist eine zweite Generation von „weichen“ Paywalls im Kommen. Hierbei verläuft die Grenze flexibel: die ersten 10-20 Artikel, die ein/e Leser/in aufruft, sind kostenlos, danach muss er/sie zahlen oder ihre/seine Browser-Cookies löschen. Auf diese Weise vermeiden die Medien es, ihre gelegentlichen Nutzer/innen zu vergrätzen, schonen so ihre Reichweite und Werbeeinnahmen und können doch an treuen Nutzer/innen dazuverdienen. Die wohl bekannteste Vertreterin dieser im Englischen metered paywalls genannten Art ist die neue Paywall der New York Times. Sie gilt als Erfolgsmodell und wird daher und seit Kurzem eifrig kopiert, auch von deutschsprachigen Medien wie z.B. NZZ, Welt Online oder – geplant – der Süddeutschen.

Aktualität

Paywall ist also im deutschsprachigen Raum gerade ein sehr aktueller Begriff und boomt entsprechend. In Googles Suchstatistiken für Deutschland taucht das Wort überhaupt erst Anfang 2011 auf (kurz vor der Einführung der neuen New-York-Times-Paywall) und geht nach einem fluktuierenden Jahr seit Mitte 2012 steil nach oben. Aktueller könnte das Thema auch nicht sein, nun, da Welt Online ihre Paywall im Dezember eingeführt hat und eine noch blödere Zeitung aus demselben Hause bald als zweite überregionale Tageszeitung folgen wird.

Das Deutsche Referenzkorpus bildet indes noch kein nachhaltiges Eindringen von Paywall in die deutsche Sprache ab. Vor Juli 2012 (weiter geht dieses Korpus momentan noch nicht) taucht das Wort nur in 11 Texten auf, davon 1 Zeitungsartikel, 2 Wikipedia-Artikel und 8 Wikipedia-Diskussionen.

Auch im englischsprachigen Raum wurde paywall als besonders aktuelles Wort wahrgenommen, allerdings schon 2009, da war es unter den Finalisten für die Wahl zum Word of the Year des New Oxford American Dictionary.

Die Lücke füllen

Wird für das, was Paywall bezeichnet, ein Wort gebraucht? Im Moment offensichtlich ja. Die Paywall ist sozusagen die Veränderung, die aus einer kostenlosen Nachrichtenseite, wie wir sie gewohnt sind, eine (teilweise) kostenpflichtige Nachrichtenseite macht, wie sie uns auch nicht völlig unbekannt ist. Man könnte also argwöhnen, dass der Begriff eigentlich nur in der aktuellen Diskussion um die Veränderung von Online-Journalismus eine Rolle spielt und dass wir ihn, wenn die Entwicklung erst mal halbwegs abgeschlossen ist, nicht mehr brauchen werden. Dann könnten wir einfach wie bisher von kostenlosen und kostenpflichtigen Websites reden.

Andererseits sagt sich „Hat die Website eine Paywall?“ leichter als „Ist die Website kostenpflichtig?“ Eine aktuelle Suche beim englischen Google News erweckt den Eindruck, dass Entsprechendes auch fürs Englische gilt und der dort schon etwas ältere Begriff sich durchaus durchgesetzt hat – auch abseits von Nachrichtenwebsites, z.B. bei Websites, die wissenschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlichen.

Dass Paywall ein relevantes Wort bleiben wird, denke ich aber vor allem deshalb, weil Websites sich immer weniger entweder dem Kostenlos- oder dem Kostenpflichtig-Modell zuordnen lassen. Mit hybriden Modellen wie der metered paywall hält der Moment, in dem man „gegen die Paywall knallt“, in den Erfahrungsschatz der Internetnutzer/innen Einzug, und so braucht man denn auch ein Wort dafür.

Bleibt noch die Frage, ob es eine nichtanglizistische Alternative gibt. Ja: Bezahlschranke, was eine freie Lehnüberseztung zu sein scheint. Mit aktuell 84,300 deutschen Google-Treffern gegenüber 172,000 für Paywall ist sie durchaus eine ernstzunehmende Konkurrenz. Das Wort ist deutlich sperriger, hat aber den Charme, dass die Schrankenmetapher m.E. besser zur bezeichneten Sache passt als die Mauermetapher: Wo, wann und für wen welche Schranke hochgeht, entscheiden flexible Algorithmen™, es gibt keine Mauer, die unverrückbar wäre.

Fazit

Paywall ist ein solider Kandidat, der eigentlich alle Kriterien erfüllt: Das Wort besteht aus englischem Wortmaterial, es ist kein Produktname, es füllt eine erkennbare Lücke im deutschen Wortschatz (wenn auch nicht ohne „heimische“ Konkurrenz) und es lässt sich für 2012 eine klare Ausbreitung in Bewusstsein und Sprachgebrauch einer relativ breiten Öffentlichkeit erkennen.

Fußnoten

1 Die krude Methode, die mich zu dieser verstiegenen Aussage verleitet: Bei Google über die Suchoptionen die Ergebnisse auf die jeweilige Sprache sowie auf jeweils eins der vergangenen Jahre beschränken und dann gucken, wann chronologisch zum ersten Mal auf Ergebnisseite 1 ein einziger relevanter Treffer auftaucht, d.h. ein Link zu einem Blogbeitrag oder sonstigem Medienbericht, der tatsächlich auf das jeweilige Jahr datiert ist.

Verben steigern

Will man im Deutschen Verben steigern, muss man sich normalerweise mit umständlichen adverbialen Ergänzungen wie mehr, stärker, in höherem Maße, in stärkerem Maße usw. behelfen. Schlimmer noch, es ist nie so recht klar, welche dieser Konstruktionen in welchem Kontext passend ist. Es wird höchste Zeit für eine einheitliche Lösung. Bei der Gesellschaft zur Stärkung der Verben habe ich vor einiger Zeit eine vorgeschlagen, die ich jetzt einer breiteren anderen Öffentlichkeit vorstellen möchte.

Komparativ und Superlativ der Verben orientieren sich an denen der Adjektive. Am einfachsten geht das bei den Partizipien, weil die morphosyntaktisch Adjektiven stark ähneln:

  • Wohnte ich nicht in Berlin-Mitte, würde ich noch viel kritisierter.
  • Er hat sich umso bemühter, je positiver die Rückmeldungen waren.
  • Ich hätte dieses Kapitel strukturierter.
  • Marilyn Monroe gilt als die fotografierteste Frau der Welt. Von ihr wurde sogar am geträumtesten.
  • Das hat ihn getroffener, als er sich zuerst eingestehen wollte.
  • Wir erheben nur auf die Espressotassen Pfand, denn die werden geklauter als die Kaffeebecher.
  • Google-Nutzer werden seit März 2012 noch durchleuchteter.
  • Unter Internetfirmen herrscht ein erbitterter Kampf darüber, wer bei Google am gefundensten wird.
  • O. J. Simpson ist der „mutmaßlichste, freigesprochenste Doppelmörder des Jahrhunderts“ (Der Spiegel)
  • Das Rot in unserem Logo ist etwas gedeckter worden.
  • Es wäre dann zwar nicht strafbarer, aber es würde dir von den Leuten vorgeworfener.

Von den Partizpien ist es dann nicht mehr weit zu den finiten Verbformen:

  • Per Mail oder per Skype? – Egal, was auch immer konvenierter.
  • Ehrlich gesagt konvenierst mir das Piratenpad.
  • Frierster du in dieser Jacke nicht noch als in der anderen? Frierstest du nicht sogar in ihr? Es ist doch deine dünnste! – Nein, in der dickeren frierer ich komischerweise.

Schöne Bigramme (2)

Was bisher geschah: Schöne Bigramme

Basser und Drummer müssen sich einigen, ob sie den One Drop machen wollen, dann kommt statt der betonten Eins im Takt eine Pause, was Leute ohne Erfahrung im Genre gerne in den Wahnsinn treibt. (DrNI)

Ich bin mittel bis sehr stark verwundert warum der Empfang da so abrupt abrupft. (Juuro)

Ist der Chef zufällig zugegen?

Ständig wurde ich letzte Woche in Gespräche verwickelt, die nicht selten seltsam wurden.

Solange dies währte, hatten sie sich nur über unter mysteriösen Umständen hinzukommende Tassen zu wundern.

Nee, ne?

Die Proteste scheinen ja erfreulich erheblich gewesen zu sein.

Musikalisch-kulinarische Inspi­ra­tion liegt dem Bei­trag von Ste­phan Bopp (Fra­gen Sie Dr. Bopp!) zugrunde, wenn er auf­grund eines Schla­gers kon­sterniert kon­statiert: Wenn Carne sich auf Sahne reimt. (suz)

Tempus- und Aspektmysterien der philosophischen Geheimsprache

Es gibt eine philosophische Geheimsprache, an der ich mir immer wieder die Zähne ausbeiße. Peter Sloterdijk zum Beispiel hat seit gefühlten tausend Jahren keinen Absatz mehr geschrieben, der nicht in dieser Geheimsprache abgefasst wäre. Aber auch die folgenden Absätze aus dem Artikel Transparent ist nur das Tote von Byung-Chul Han sind ein gutes Beispiel. Der Karlsruher Philosoph schilt darin die „Ideologie“ der Transparenz (vgl. Post-Privacy) und außerdem die Piratenpartei dafür, dass bei ihr keine Ideologien (!) zugelassen seien, aber das nur am Rande. Einleitend schreibt Han:

(…) Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. Transparent werden die Dinge, wenn sie ihre Singularität ablegen und sich ganz im Preis ausdrücken. Transparent werden die Bilder, wenn sie, von jeder hermeneutischen Tiefe, ja vom Sinn befreit, pornografisch werden. In ihrer Positivität ist die Transparenzgesellschaft eine Hölle des Gleichen.

Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Abweichende eliminiert. (…)

Die Dichte von Fremdwörtern und Fachbegriffen ist sehr moderat. Ich störe mich auch nicht an vagen Begriffen wie die Dinge oder das Gleiche. Auf deren Bedeutung könnte man wohl im Prinzip aus dem Kontext schließen.

Wovor mein Verständnis aber kapituliert, das sind Tempus und Aspekt.

Die Geheimsprache kennt beinahe ausschließlich solche Verben, die die Änderung eines Zustandes ausdrücken. Das allerwichtigste Verb, wenn nicht Wort, der Geheimsprache überhaupt ist werden. Es kommt in dieser Passage sechsmal vor. Ansonsten zähle ich jeweils ein Vorkommen folgender zehn eindeutiger Zustandsänderungsverben: abstreifen, glätten, einebnen, einfügen, unterordnen, ablegen, befreien, stabilisieren, beschleuningen und eliminieren. Alles wird als Prozess ausgedrückt.

Leider ist keine der beschriebenen Zustandsänderungen auch nur ansatzweise in der Zeit verankert. Han sagt nichts darüber aus, wann Zustand A geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird oder darüber, wann Zustand B geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird. Es gibt keine Hinweise darauf, wann und wie oft der beschriebene Vorgang eingesetzt hat, einsetzt oder einsetzen wird, wie schnell er verlief, verläuft oder verlaufen wird und ob und wann er abgeschlossen war, ist oder sein wird. Vor allem fehlen Zeitangaben wie in den letzten zehn Jahren, zukünftig oder immer dann, wenn.

Auch das Tempus hilft nicht weiter. Die ganze Passage ist im Präsens geschrieben. Aber ich kann ums Verrecken nicht erkennen, ob das ein aktuelles, generelles, historisches, futurisches oder gar szenisches Präsens sein soll. Wird hier ein aktueller Prozess beschrieben oder eine allgemeine Aussage getroffen? Wenn Letzteres, geht es um einen lang andauernden oder einen sich immer wieder wiederholenden Prozess?

Schließlich die Konjunktion wenn, ein weiterer Grundpfeiler dieser Geheimsprache. Sie bedeutet hier sicher mehr, als dass Dinge zur gleichen Zeit stattfinden. Aber was? Kausation, Korrelation, Definition? Wird Transparenz durch das Abstreifen jeder Negativität verursacht? Oder treten Transparenz und das Abstreifen jeder Negativität typischerweise gemeinsam auf? Wenn ja, auf welchen Beobachtungen, in welchem Zeitraum, in welcher Kultur, an welchem Ort, beruht diese Generalisierung? Oder will Han den Begriff Transparenz hier überhaupt erst definieren, als das Abstreifen jeder Negativität (und/oder der ganzen anderen Vorgänge, von denen er schreibt)? Es bleibt das Geheimnis Hans und derer, die seine Sprache sprechen.

Ich will mich hier nicht nur lustig machen über einen schwierigen Schreibstil. Ich verstehe aufrichtig nicht, was gemeint ist. Vielleicht verstehe ich wirklich einfach nur die philosophische Fachsprache nicht. Hat dieses Präsens, haben diese Prozessbeschreibungen, hat dieses wenn in der Philosophie eine konventionelle technische Bedeutung? Wissen Fachleute, wie sie es zu interpretieren haben? Wenn ja, bitte ich um Aufklärung. Bis dahin werde ich wohl annehmen müssen, dass es sich um eine Methode zur Verschleierung handelt. Zur Verschleierung der Tatsache, dass die eigene Positon auf vagen, selbstausgedachten Zusammenhängen beruht, die man nicht begründen, geschweige denn belegen kann. Es würde mich nicht wundern.

PS: Der überwiegende Rest von Hans Artikel ist dankenswerterweise nicht in diesem Stil geschrieben.

Unfug mit Fügungen

Sprache ist auch dazu da, seine Mitmenschen zu verwirren. So bereitet es mir großes Vergnügen, Wortfolgen, die normalerweise in einer eingebürgerten, festen Bedeutung gebraucht werden, in anderen Bedeutungen zu verwenden, die sich aber auch aus den Bedeutungen der einzelnen Wörter herleiten lassen.

Ein Beispiel ist die Fügung es sei denn, deren Etymologie ich im letzten Blogpost skizziert habe. Wie schön lässt sich der Konjunktiv I zur Wunschform umdeuten und das denn in seiner Bedeutung also verwenden. Schon hat man einen prima Spruch, um sich ins Schicksal zu fügen und den Lauf der Dinge zu affirmieren: Nun gut, es sei denn.

Das altertümliche siehe da erstrahlt in neuer Frische, wenn man das siehe in seiner ungebrochen modernen Verwendung für Verweise verwendet und ein Hyperlink das einfache deiktische Adverb mit Sinn erfüllt: siehe da.

Oder so kennt man als Ungenauigkeit und Ungewissheit ausdrückende Fügung (er hieß Schymanski oder so), kann man aber auch prima gebrauchen, um einen Gegenvorschlag anzuerkennen: Lass uns zur Pizzeria und dann einkaufen gehen. – Oder wir kaufen heute ein, essen zu Hause und gehen morgen essen. – Oder so.

Ab und zu gerät man an einen Gegenstand, der sowohl ästhetisch als auch funktional wenig zu wünschen übrig lässt. Man beschreibe ihn als schön und gut und freue sich daran, wie irreführend die Homonymie mit der abschätzig-einräumenden Formel Das ist ja schön und gut, aber… ist.

Die Mehrdeutigkeit des Wortes schon nutzte @kasia886 für einen sehr gelungenen Tweet im Sinne dieses Beitrags (Hervorhebung von mir): Du weißt schon. Aber ich noch nicht.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, wie schön man sich im Adminstrationsbereich der deutschen Version von WordPress zur Seite klicken kann, also zum Frontend des Blogs.