Archiv der Kategorie: Film

Das jüngste Gewitter

Gutes über hervorragende Filme, Folge 4: Das jüngste Gewitter (Roy Andersson, 2007). Es gibt keine Kamerafahrt in diesem Film und keine Nahaufnahme und nur ausnahmsweise mal einen Wechsel der Einstellung innerhalb einer Szene. Aber was für schön durchkomponierte Bilder die vielen statischen Totalen zeigen! Skandinavisch spartanisch, extrem klar und übersichtlich eingerichtete Räume strukturieren die Bilder mit Türrahmen und Neonleuchten. Der Blick geht stark in die Tiefe, oft in den übernächsten oder sogar überübernächsten Raum hinein. Alles ist gleichmäßig ausgeleuchtet wie von einer Art fluoreszierendem grauen Nebel, der die wenigen sanften Farbflecke wie Möbelstücke, Kleidungsstücke oder das sattgoldene Sousaphon besonders leuchtend hervortreten lässt. Und so leuchtet auch die Hoffnung mit skurrilem Humor aus dem Elend der Menschen hervor, die in dem Film auftreten. Fast alle sind sie ziemlich mitgenommen von Liebeskummer, Geldsorgen, Alpträumen, Alkoholismus, Burnout, dem Diktat des Shareholder Value, der Welt als ganzer. Sie scheitern in den alltäglichsten Situationen. Gezeigt werden gerade die Teile menschlicher Kommunikation, die, weil sie nicht weiterführen, normalerweise nie in Filmen zu sehen sind. So gibt es eine Szene, deren ganzer Dialog wie folgt lautet: „Es ist schon fast halb sechs!“ – „Ja, was soll ich dazu sagen? … Schön, schön!“ Aber es ist keiner dieser Filme, die einen hoffnungslos zurücklassen, im Gegenteil werden viele verschiedene Wege aus dem Unglück gezeigt: Man kann musizieren, träumen, eine Versöhnungsglatze schneiden, sich in den unpassendsten Situationen bei der Kamera oder bei Kunden ausweinen oder notfalls – so entzieht sich ein Unternehmschef dem Diktat des Shareholder Value – einen plötzlichen Herzinfarkt erleiden und sterben.

Sie kamen an ein Häuschen

Gut, dass anscheinend auch Lebkuchenhäuser Seifenspender haben, die gelegentlich nachgefüllt werden müssen. Ansonsten wären Lea und Konstantin in Milchwald (Christoph Hochhäusler, 2003) bestimmt der bösen Hexe statt dem netten Kuba Lubinski in die Hände gefallen. So weit meine Theorie dazu, dass sein Auto mitten im Wald stand.

Home

Home (Yann Arthus-Bertrand, 2009), ein grauenhafter Film, nicht zu verwechseln mit Home (Ursula Meier, 2008), einem großartigen Film. In geselliger Runde wurde gestern ein Versuch gestartet, ihn anzuschauen, doch nach kurzer Zeit brachten ich und weitere Zuschauer/innen diesen Plan durch Murren zu Fall und wir widmeten uns wieder voll der Geselligkeit. Der vorliegende Verriss basiert also auf den ersten ungefähr 20 Minuten. Verstehen Sie mich nicht falsch, Home ist ein toller Bildschirmschoner. Ich finde es aber künstlerisch unredlich, einen Bildschirmschoner mit Musik und Text zu unterlegen und als Film zu verkaufen. Diese Mogelpackung hatte mich schon bei Mikrokosmos (Claude Nuridsany und Marie Pérennou, 1996) gestört. Bei Home kommt noch dazu, dass er sich als engagierter Film mit aufrüttelnder Botschaft zum Umweltschutz präsentiert, wie es bei Filmen halt gerade Mode ist. Ha!

Ich bin ungerecht; vielleicht gibt es ja wirklich Leute, die sich von Home zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit der Erde animieren lassen. Aber wenn ich mich in jemanden hineinversetze, dem Home gefällt, dann stelle ich mir vor, dass ich das Kino verlasse und gar kein Problem sehe, weil das an der Erde Schöne, nämlich bonbonbunte Luftbilder zu dramatischem Geschrummel und parapoetisch/pseudoinformativer Sprechberieselung („The atmosphere was thick with carbon dyoxide“), ja jetzt auf DVD konserviert ist.

Ich habe nichts grundsätzlich gegen die Kombination aus Landschaftsaufnahmen und Musik. Es gibt auch künstlerisch wertvolle Filme, die sich ihrer bedienen, um das gestörte Gleichgewicht zu thematisieren, das da herrscht zwischen den aufopferungsvollen Versuchen der Menschheit, eine technisch perfekte Zukunft zu schaffen, und dem blöden Planeten, der es für nötig hält, empfindlich darauf zu reagieren zwischen der Erde und ihrer rücksichtslosen Aneignung durch uns, die Menschen, zum Beispiel Koyaanisqatsi (Godfrey Reggio, 1982). Die gesellige Runde schaute noch Ausschnitte daraus, nachdem Home geditcht war. Die Musik ist von Philip Glass, und das gab Anlass zu folgendem Dialog.

A: Ich bin ja auch ein großer Fan von Steve Reich.
B: Von wem?
C: Steve Reich, auch ein Vertreter der Minimal Music.
B: Also nicht Third Reich.
A: Nein, Third Reich ist sein Bruder.
B: Sein Stiefbruder.
A: Nein, nicht Steve Bruder!

Es wurde noch ein schöner Abend.

Stallman/Sproull

Sie haben jetzt die Geschichte des Hackers Mark Zuckerberg verfilmt, dabei ist doch die von Richard Stallman viel eher movie material. Die (legendenhafte) Schlüsselszene zu Beginn wäre natürlich die, in der Stallman um 1980 herum kasual in Professor Robert Sproulls Büro an der Carnegie Mellon University vorbeitropft, um den Quellcode eines bestimmten Xerox-Druckertreibers bittet und wie vom Donner gerührt ist, als seine Bitte entgegen allen Gewohnheiten abgeschlagen wird: Der Treiber ist „proprietär“, die Entwickler haben zugesichert, den Quellcode nicht herauszugeben. Also die Art von Software, mit der dann Bill Gates ein Vermögen verdiente, mit der die meisten von uns in den Neunzigern und Nullzigern aufgewachsen sind und die manche dann entnervt größtenteils hinter sich ließen, als sie von Windows zu Linux wechselten.

Ich würde die Szene so gestalten: Stallman natürlich in speckiger Jeans, verwaschenem T-Shirt und den ganzen Kopf voll langer Haare, Sproull im Dreiteiler mit akkurat gescheitelten Haaren. Während das Gespräch von einem lässigen, kollegialen Plausch in die Keimzelle eines Kriegs der Welten übergeht, fliegen dramatische Schnitte zwischen beiden Männern hin und her, untermalt von Paukenschlägen, die Kamera kommt den Gesichtern immer näher. Kalte Sachlichkeit in Sproulls Gesicht, in die sich dann ein Funken süffisanter Schadenfreude mischt, während die Züge seines hippiehaften Gegenübers von Unverständnis über Entsetzen in nackten Zorn übergehen.

Am Ende sieht man den Mann mit dem wilden Bart aus der Vogelperspektive, wie er die Fäuste gen Himmel reckt und einen Urschrei ausstößt – der Moment, in dem Richard Stallman beschließt, sein Leben von Stund an dem Kampf für Freie Software zu widmen.

Frost/Nixon

Frost/Nixon (Ron Howard, 2008) gesehen, gebannt gewesen. Richard Frost (gespielt von Michael Sheen), ein britischer Playboy und Fernsehentertainer, nimmt es auf eigenes unternehmerisches Risiko mit einem dicken Fisch auf, dem amerikanischen Skandalpräsidenten Richard Nixon. Er gewinnt Nixon für das erste große Fernsehinterview seit dessen Rücktritt vor drei Jahren. Im Laufe der Vorbereitungen wächst der Druck auf Frost beträchtlich an: Er muss Nixon Sensationelles entlocken, ein Schuldeingeständnis etwa, damit sich die Sendung an die Fernsehsender verkaufen lässt.

Für James Reston (gespielt von Sam Rockwell) ist das keine Frage des Erfolgs, sondern der Ehre. Der von Frost für die Recherchen angeheuerte Journalist kommt in den ersten Sekunden seines Auftritts als unscheinbarer Gelehrter rüber, dann dreht er richtig auf: Dieser Job ist die Gelegenheit, Nixon den Prozess zu machen, den er nie hatte! Sonst macht er’s nicht! Die Bombe von Intellekt und Idealismus, die Reston zündet, machte ihn mir sofort sympathisch. Sein Kollege Bob Zelnick (Oliver Platt) bleibt eine blasse Figur, teilt aber Restons journalistische Berufsehre und steht mit dem Satz „Yeah, he said ‚performer'“ extrem genial im Mittelpunkt der lustigsten Szene im Film, in der der die Kulturen Kritischer Journalismus und Entertainment wuchtig zusammenprallen.

John Birt (Matthew Macfayden), Frosts Produzent, steht hier auf interessante Weise zwischen den Lagern. Einerseits muss er den verspielten, optimistischen, zum Leichtsinn neigenden Frost auf dem Teppich halten, andererseits Reston und Zelnick beibiegen, dass sie im Showgeschäft Abstriche bei ihren Idealen machen müssen.

Schließlich Richard Nixon, den Frank Langella im Vergleich zum echten Nixon (Schnipsel aus dem historischen Interview gibt’s bei YouTube) geradezu senil spielt. Trotzdem schwadroniert er Frost gekonnt an die Wand, plötzlich ein verkrampft dasitzendes Männchen mit versteinertem Lächeln, das noch nicht einmal sein Handwerk versteht. So geht es im ersten Interview und auch im zweiten und auch im dritten. Nixon stellt sich dar als der gutmütige, leutselige nuschelnde Opa, der insgesamt doch ein feiner Präsident war und auf den Amerika allmählich anfangen sollte, stolz zu sein. Seine brillante Rhetorik stellt der Film glaubhaft dar. Frosts Totalversagen ist dagegen unglaubwürdig, weil nicht nachvollziehbar. Das ist für mich die zentrale Schwäche des Films.

Im vierten Interview passiert die Wendung, der Mythos: Frost gewinnt die Oberhand und lockt Nixon aufs Glatteis, wo er sich die Worte „I’m saying that when the president does it, it’s not illegal“ leistet, dann aber endlich ein Schuldeingeständnis ablegt, mit dem niemand gerechnet hatte (historisch stimmt das so nicht). Frosts Waffe, mit der er Nixon aus der Fassung bringt, sind neue Informationen zu einem weiteren Gesetzesverstoß, auf deren Spur er mit Hilfe eines drunk call Nixons und Restons Recherchewut gestoßen ist (das stimmt historisch so wohl schon gar nicht). Im Film jedenfalls wird das vierte Interview zu Frosts strahlendem, alles Zusteuern auf das Fiasko vergessen machenden Erfolg, für Nixons Sykophanten und Familie eine Schmach, für den Altpräsidenten selbst jedoch ein befreiendes Erlebnis.

Sehr berührend fand ich dann die Schlussszene, wo Frost und seine Frischvermählte Nixon noch einmal besuchen, der nun, so scheint es, wirklich zum alten Mann geworden ist und dankbare Zuneigung für seinen jugendlichen Bezwinger empfindet. Frost ist nun sehr distanziert. Er setzt Nixons Jovlalität das gleiche versteinerte Lächeln entgegen wie in den Interviews, nur dass es jetzt nicht mehr Nervosität ausdrückt. Sondern kalten Triumph und Hohn? Oder ein schlechtes Gewissen, auf Kosten dieses alten Mannes die eigene Karriere in Gang gesetzt zu haben? Man durchschaut ihn nicht mehr.

Ein kleines Donnerwetter

Auf der offiziellen deutschen Website zu dem wunderbaren, mit keinem Raster zu fassenden, unbedingt empfehlenswerten schwedischen Film Das jüngste Gewitter steht folgende Inhaltsangabe:

Da ist beispielsweise die junge Frau, die sich die Hochzeit mit einem begehrenswerten, aber unerreichbaren Rockmusiker erträumt. Oder der Psychologe, der es nicht mehr erträgt, seine Patienten mit ihren eingebildeten Krankheiten zu behandeln. Oder der Frisör, der sich an einem ungehobelten Kunden mit einer Skinheadfrisur rächt. Oder der Familienvater, der sich an einer langen Tafel am Tischtucktrick versucht und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt wird.

Der „unerreichbare Rockmusiker“ ist Gitarrist und Sänger einer Schülerband, den die junge Frau in der Stammkneipe anspricht. Der „Psychologe“ ist ein Psychiater und es sind nicht die eingebildeten Krankheiten, die er nicht mehr erträgt, sondern die Schlechtigkeit seiner Patienten und die Sinnlosigkeit ihres Wunsches nach Glück. Die Glatze ist nicht die Rache, sondern ein Versöhnungsangebot des Frisörs, nachdem er – das war die Rache – seinem ungehobelten Kunden eine kahle Schneise über den Kopf rasiert hat. Und dass der Mann mit dem Tischtuchtrick ein Familienvater sei, kommt im Film nicht vor.

Es ist nicht leicht, irgendetwas über den Film zu schreiben, das ihm gerecht wird. Eine Inhaltsangabe, in der jeder Satz sachlich falsch ist, ist aber auch eine Leistung.

Where Are They Now?

Für mich persönlich war die Matrix-Trilogie der letzte Kontakt mit Keanu Reeves, den Wachowski-Brüdern und der Idee, dass eine elitäre Gruppe von Guten sich über physikalische Gesetze hinwegsetzt. Gestern im Kino, während der Vorschauen, bin ich allen dreien wieder begegnet: Ersterer spielt jetzt einen Cop in Street Kings, die zweiteren beiden bringen demnächst einen unglaublich bonbonfarbenen Film raus und letztere treibt sich bald in einem neuen Film rum, in dessen Trailer am Anfang eine Frau vor einer Zielscheibe steht und der Held um sie herum schießen soll. Der Titel war… kurz. Machte einen interessanten Eindruck.