Frost/Nixon

Frost/Nixon (Ron Howard, 2008) gesehen, gebannt gewesen. Richard Frost (gespielt von Michael Sheen), ein britischer Playboy und Fernsehentertainer, nimmt es auf eigenes unternehmerisches Risiko mit einem dicken Fisch auf, dem amerikanischen Skandalpräsidenten Richard Nixon. Er gewinnt Nixon für das erste große Fernsehinterview seit dessen Rücktritt vor drei Jahren. Im Laufe der Vorbereitungen wächst der Druck auf Frost beträchtlich an: Er muss Nixon Sensationelles entlocken, ein Schuldeingeständnis etwa, damit sich die Sendung an die Fernsehsender verkaufen lässt.

Für James Reston (gespielt von Sam Rockwell) ist das keine Frage des Erfolgs, sondern der Ehre. Der von Frost für die Recherchen angeheuerte Journalist kommt in den ersten Sekunden seines Auftritts als unscheinbarer Gelehrter rüber, dann dreht er richtig auf: Dieser Job ist die Gelegenheit, Nixon den Prozess zu machen, den er nie hatte! Sonst macht er’s nicht! Die Bombe von Intellekt und Idealismus, die Reston zündet, machte ihn mir sofort sympathisch. Sein Kollege Bob Zelnick (Oliver Platt) bleibt eine blasse Figur, teilt aber Restons journalistische Berufsehre und steht mit dem Satz „Yeah, he said ‚performer'“ extrem genial im Mittelpunkt der lustigsten Szene im Film, in der der die Kulturen Kritischer Journalismus und Entertainment wuchtig zusammenprallen.

John Birt (Matthew Macfayden), Frosts Produzent, steht hier auf interessante Weise zwischen den Lagern. Einerseits muss er den verspielten, optimistischen, zum Leichtsinn neigenden Frost auf dem Teppich halten, andererseits Reston und Zelnick beibiegen, dass sie im Showgeschäft Abstriche bei ihren Idealen machen müssen.

Schließlich Richard Nixon, den Frank Langella im Vergleich zum echten Nixon (Schnipsel aus dem historischen Interview gibt’s bei YouTube) geradezu senil spielt. Trotzdem schwadroniert er Frost gekonnt an die Wand, plötzlich ein verkrampft dasitzendes Männchen mit versteinertem Lächeln, das noch nicht einmal sein Handwerk versteht. So geht es im ersten Interview und auch im zweiten und auch im dritten. Nixon stellt sich dar als der gutmütige, leutselige nuschelnde Opa, der insgesamt doch ein feiner Präsident war und auf den Amerika allmählich anfangen sollte, stolz zu sein. Seine brillante Rhetorik stellt der Film glaubhaft dar. Frosts Totalversagen ist dagegen unglaubwürdig, weil nicht nachvollziehbar. Das ist für mich die zentrale Schwäche des Films.

Im vierten Interview passiert die Wendung, der Mythos: Frost gewinnt die Oberhand und lockt Nixon aufs Glatteis, wo er sich die Worte „I’m saying that when the president does it, it’s not illegal“ leistet, dann aber endlich ein Schuldeingeständnis ablegt, mit dem niemand gerechnet hatte (historisch stimmt das so nicht). Frosts Waffe, mit der er Nixon aus der Fassung bringt, sind neue Informationen zu einem weiteren Gesetzesverstoß, auf deren Spur er mit Hilfe eines drunk call Nixons und Restons Recherchewut gestoßen ist (das stimmt historisch so wohl schon gar nicht). Im Film jedenfalls wird das vierte Interview zu Frosts strahlendem, alles Zusteuern auf das Fiasko vergessen machenden Erfolg, für Nixons Sykophanten und Familie eine Schmach, für den Altpräsidenten selbst jedoch ein befreiendes Erlebnis.

Sehr berührend fand ich dann die Schlussszene, wo Frost und seine Frischvermählte Nixon noch einmal besuchen, der nun, so scheint es, wirklich zum alten Mann geworden ist und dankbare Zuneigung für seinen jugendlichen Bezwinger empfindet. Frost ist nun sehr distanziert. Er setzt Nixons Jovlalität das gleiche versteinerte Lächeln entgegen wie in den Interviews, nur dass es jetzt nicht mehr Nervosität ausdrückt. Sondern kalten Triumph und Hohn? Oder ein schlechtes Gewissen, auf Kosten dieses alten Mannes die eigene Karriere in Gang gesetzt zu haben? Man durchschaut ihn nicht mehr.

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