Denken und sprechen

Die Zeit widmet diese Woche dem Niedergang der deutschen Sprache den Aufmacher und eine Doppelseite im Feuilleton. Ulrich Greiner erkennt zum Glück richtig, dass Anglizismen, Genitiv und Konjunktiv nichts zur Sache tun, schiebt sie nach einer halben Spalte beiseite und stürzt sich auf ein sprachphilosophisches Thema, das hierzublog schon hie und da aufgetaucht ist. Seine Thesen geben mir Gelegenheit, ein paar verstreute Frechheiten in geisteswissenschaftliche Richtung abzufeuern.

Zitiert wird aus einem Artikel von Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo:

„Unter Wissenschaftlern hat sich herumgesprochen, dass es sich empfiehlt, erst zu denken und dann zu sprechen. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass nicht wir denken, sondern die Sprache für uns.“

Ich finde, das hat Coulmas großartig gesagt. Greiner ist anderer Meinung:

In der Literatur begebe ich mich in die Sprache hinein, und ich weiß nicht, wo ich am Ende herauskomme. Das gilt für nicht wenige Felder der Geisteswissenschaften. Die Philosophie Kants, Hegels oder Heideggers wäre anders ausgefallen, hätten sie Englisch schreiben müssen.

Ja, weniger Geschwurbel und klarer herausgearbeitete wesentliche Gedanken, behaupte ich mal frech.

Natürlich nur dann, wenn der Zwang zum Schreiben in der Fremdsprache bei den drei Herren tatsächlich den Schalter umgelegt hätte von „sich mit der Sprache treiben lassen“ auf „erst denken, dann sich verständlich ausdrücken“. Aber es gibt keinen Grund das anzunehmen; Kant, Hegel und Heidegger hätten wohl auch auf Englisch zu schwurbeln gewusst. Sie hätten dann halt anders geschwurbelt – das ist ja gerade das Problem, wenn man eine Sprache für sich denken lässt. Man sollte es daher nur tun, wenn man Kunst, nicht Erkenntnis erlangen will. Greiner sieht das anders:

Wenn es also Gebiete gibt, wo die Sprache eine erkenntnisleitende Funktion besitzt (was unbestreitbar der Fall ist), (…)

Ah. Und Belege für diese unbestreitbare Tatsache kommen dann nächste Woche als Forsetzung? Das nun folgende Jürgen-Trabant-Zitat überzeugt mich nämlich noch nicht ganz:

„Es gibt wissenschaftliche Betätigungen, die nicht sprachlos Gedachtes, Gemessenes, Gewogenes und Berechnetes als wissenschaftliche Erkenntnis erzeugen, sondern die wissenschaftliche Erkenntnis in Sprache generieren. Wissenschaftliche Arbeiten in den sogenannten Geisteswissenschaften kommen nicht so zustande, dass der Forscher sich zuerst die Ergebnisse denkt und diese dann nur noch bezeichnen und verlautbaren muss. Er schafft mit der Sprache einen völlig aus Sprache bestehenden Gegenstand.“

Man kann sich das nackte Grauen vorstellen, das es für den Leser bedeutet, zu versuchen, solchen „völlig aus Sprache bestehenden“ Gegenständen einen Erkenntniswert abzutrotzen – oder den Spaß, den es bereitet, sie zu verspotten. Bei der Gesellschaft zur Stärkung der Verben haben wir dafür einen Vorgang mit dem Titel Geschwalle.

9 Gedanken zu „Denken und sprechen

  1. Poet

    Mag sein, dass wir nicht in der Sprache denken, aber dennoch formt die Sprache, mit der wir aufgewachsen sind, unsere Denkwerkzeuge. Wir haben immer noch keine befriedigenden Eigenbeiträge für Konzepte wie „ratio“, oder „logos“, oder „(socially) awkward“…

  2. ke Beitragsautor

    Aber das Fehlen dieser Wörter in der deutschen Sprache hat ja gerade nicht zur Folge, dass wir deutschen Muttersprachler diese Begriffe nicht denken können. Deswegen importieren und verwenden wir ja Fremdwörter.

    Einfacher ausgedrückt: Natürlich hat auch die deutsche Sprache Wörter für ratio, logos und (socially) awkward. Sie lauten ratio, logos und (socially) awkward.

  3. DrNI

    Doch zur Sache: Chomsky pistolenschoss ja vor gar nicht all zu langer Zeit in Stuttgart nach seinem Vortrag witzelnderweise, die Sprache der Gedanken sei »English, of course!« …

    Doch Indizien in die andere Richtung, also hin zum sprachlosen Gedanken (gedankenlose Sprache wird uns ja täglich schon serviert), gibt es genug. Oft genug erinnere ich mich an einen Schnipsel Information, der in meinem Kopf herumgeistert und für ein bestimmtes Thema relevant wird. Nur kann ich nicht mehr sagen, ob ich diese Information auf Deutsch oder auf Englisch gelesen habe.

    Mehrsprachig aufwachsende Kinder müssten bei komplett sprachlichem Denken ja vor einer ziemlich seltsamen Aufgabe stehen: In welcher Sprache zu welchem Anlass denken? Sind zweisprachig aufgewachsene Kinder womöglich in der einen Sprache sogar dümmer als in der anderen? (Sicherlich gibt es einige Studien dazu, welche Sprache von Bilingualen in welcher Situation am liebsten Genutzt wird, wenn sie die Wahl haben. Mit den Geschwallekapazitäten der jeweiligen Sprache wird das aber eher nicht zusammenhängen.)

    Und was machen wir mit den Tieren, die zwar denken, nicht aber sprechen können? Klar, auch Tiere haben Kommunikation, aber bei weitem keine, die an die Möglichkeiten der des Menschen heranreicht. Funktioniert Denken bei unseren näheren Verwandten also komplett anders als bei uns? Hat sich die Evolution für den Menschen eine so dicke Extrawurst ausgebrutzelt?

    Was die Fremdwörter angeht, so stimme ich ke schmunzelnd zu. Ein Wort, das mir sofort einfällt ist der ›Groove‹ in der Musik. Für mich ist das Wort ziemlich genau definiert, dennoch muss ich mich mit dem Importwort begnügen. Macht aber nix, hauptsache es groovt (schon ziemlich deutsch geworden, das Wort).

  4. David

    Es war bei meiner Kant-Lektüre bisher eigentlich nie mein Eindruck, daß sich da jemand „mit der Sprache treiben“ lasse.

  5. ke Beitragsautor

    Zugegeben, meiner auch nicht wirklich. Vielleicht besteht Greiners Fehler hier also nicht darin, das Sichtreibenlassen als erkenntnisleitend zu glorifizieren, sondern darin, es überhaupt zu sehen.

  6. Oliver Scholz

    „‚Die Philosophie Kants, Hegels oder Heideggers wäre anders ausgefallen, hätten sie Englisch schreiben müssen.‘

    Ja, weniger Geschwurbel und klarer herausgearbeitete wesentliche Gedanken, behaupte ich mal frech.“

    Das nervt. Andererseits: warum sollte es der Philosophie besser gehen als der Linguistik? Karl Popper ist für die Philosophie, was Bastian Sick für die Sprachwissenschaft ist. Wenn einer als gebildeter Mensch den Hegel nicht versteht, dann liegt’s daran, dass es „Geschwurbel“ ist. Wenn einer als kompetenter Sprecher der standarddeutschen Varietät überzeugt ist, dass er Pausen zwischen den Wörtern macht und <d>, <b>, und <g> im Silbenauslaut auch stimmhaft ausspricht, dann kann er sich getrost auf seine Kompetenz als Angehöriger einer Sprachgemeinschaft verlassen.

    Was Sprache ist, weiß jeder, denn jeder ist ja Sprecher. Was Denken ist, weiß jeder, denn jeder denkt ja. Und weil ich innere Organe habe und mich im Weltall befinde, bin ich auch ein kompetenter Internist und Astrophysiker.

    Oh, wie beneide ich die Mathematik. Wenn ein Nicht-Mathematiker die letzten Seiten einer umfangreichen Monographie zu, sagen wir, Zahlentheorie aufschlägt, dann wird er, ganz gleich wie klug und kompetent er oder sie in ihren eigenen Bereichen ist, die Schuld an seinem Unverständnis kaum der Mathematik zuschieben. „Hah! Diese Mathematiker. Lassen sich von ihren Formeln und Graphemen treiben. Die verstehen doch selbst nicht mehr, was sie da machen. Aber jeder gibt sich von dem Geschwurbel beeindruckt.“

    (Zur Sicherheit: ich hab‘ nicht vor den Greiner zu verteidigen. Zwischen zwei sich widersprechenden, einseitig zugespitzten, schlecht-abstrakten und darin gleichermaßen falschen Positionen, muss ich keineswegs für eine von beiden Partei ergreifen.)

    Ich bin hierhin über den Link in den Kommentaren in „Im Relativismuskoma“ gekommen. Eigentlich würde ich gerne etwas Konstruktives beitragen … zum Beispiel könnte es erhellend sein, vor welche Probleme man sich in der englischsprachigen Hegelforschung bei der Übersetzung der Hegelschen Begrifflichkeit gestellt sieht, weil jede Übersetzung, auch die einfache Übernahme des deutschen Ausdrucks, mit Fragen der Interpretation verbunden ist, über die größerenteils noch kein allgemeiner Konsens besteht. Ein Problem, das sich in dieser Weise nicht stellt, wenn es lediglich um unabhängige philosophische Überlegungenen im Anschluss an Hegel geht, etwa bei Brandom und MacDowell. — Wer ist denn eigentlich auf die Idee gekommen, dass die Aufgabe, einen Text zu übersetzen die gleiche sei wie die, einen Gedanken in einer anderen Sprache auszudrücken? … Naja, vielleicht war’s derselbe, der auch als Erster glaubte, beim Zusammenhang von Sprache und Denken gehe es nur um die Lexik, und der war vielleicht auch derjenige, der als erster meinte, „Konzepte“ und „Begriff“ stünden an und für sich als isolierte kleine Gedankendinge fest, vielleicht in einem platonischen Ideenreich oder etwas Ähnlichem, und als würde sie sich mit der Entscheidung, dass ein bestimmter Ausdruck die angemessene Übersetzung (in eine Fremdsprache oder in ein „anders gesagt: …“) eines Gedankens sei, nicht zugleich auch bestimmen, was der Gedanke an sich war. Als wäre, anders gesagt, nicht jede Übersetzung zugleich auch Bestimmung.

    Sei’s wie’s sei. Ich würd‘ ja gern was konstruktives Beitragen. Doch es gibt guten Grund zu befürchten, dass es hier dann nur „Geschwurbel“ wäre.

    Deshalb beschränke ich mich auf’s Stänkern. (Und wahrscheinlich ist auch das schon „Geschwurbel“, aber wenigstens hat’s mir keine Mühe bereitet.) Jedenfalls ist hoffentlich erkennbar, dass mich die „verstreuten Frechheiten in die geisteswissenschaftliche Richtung“ hinreichend geärgert haben. Da ja nun die Schleuse für alle möglichen Frechheiten geöffnet ist, schließe ich mit:

    Prost den Sicks dieser Welt!

  7. ke Beitragsautor

    Ich habe mich ja oben schon von David korrigieren lassen: Ich will eigentlich nicht Kant, Hegel und Heidegger Geschwurbel unterstellen, sondern Greiner dafür angreifen, dass er Kant, Hegel und Heidegger unterstellt, ein „Sichtreibenlassen“ mit der Sprache sei für ihre Philosophie wesentlich gewesen. Ich gebe vorbehaltlos zu, dass die zugespitzten Formulierungen meines Artikels hinsichtlich dieser Absicht unglücklich sind; ich habe die drei Philosophen unfair in die Schusslinie gebracht.

    Ich freue mich, dass Sie Ihren Ärger nicht für sich behalten haben und empfinde Ihre Kritik keineswegs als Geschwurbel! Es würde mich auch z.B. sehr interessieren, „vor welche Probleme man sich in der englischsprachigen Hegelforschung bei der Übersetzung der Hegelschen Begrifflichkeit gestellt sieht“ und was das Übersetzen eines (wissenschaftlichen) Textes denn ist, wenn nicht „einen Gedanken in einer anderen Sprache auszudrücken“.

  8. Oliver Scholz

    O.k., ich bin wieder versöhnt. Und jetzt bin ich wohl eine klare Antwort schuldig … (Mist!).

    Es würde mich auch z.B. sehr interessieren, „vor welche Probleme man sich in der englischsprachigen Hegelforschung bei der Übersetzung der Hegelschen Begrifflichkeit gestellt sieht“, was das Übersetzen eines (wissenschaftlichen) Textes denn ist, wenn nicht „einen Gedanken in einer anderen Sprache auszudrücken“.

    Ich sag’s mal so: Jede Übersetzung ist immer zugleich eine Interpretation. Das bereitet für das Übersetzen nicht an sich ein Problem, im Gegenteil, schließlich ist jedes Textverstehen eine Interpretation. Und es macht diesbezüglich keinen Unterschied, ob ich innerhalb derselben Sprache „übersetze“ (wenn ich sage: „anders ausgedrückt …“), oder ob ich in eine andere Sprache übersetze. Um sprachmetaphysischen Vorstellungen vorzubeugen, bzw. zu markieren, dass ich selbst nicht unter sprachmetaphysischen Vorstellungen leide: die Fähigkeit etwas anders auszudrücken ist es, woran sich zeigt, dass man einen Gedanken ausgedrückt und nicht bloß Wörter von sich gegeben hat. Von jeder anderen Haltung ließe sich zeigen, dass sie sich mehr oder minder direkt auf eine zurückführen lässt, die im Wittgensteinschen Sinne ein Privatsprachenproblem hat. Privatsprachen gibt es nicht.

    Das heißt allerdings nicht, dass Übersetzung immer leicht ist. Um beim Beispiel Hegel zu bleiben: das berüchtigte „Was wirklich ist, ist auch vernünftig.“ sieht zwar so aus, wenn man den gesamten Kontext geflissentlich ignoriert, als könne man es als deutscher Muttersprachler sofort verstehen. In Wirklichkeit (haha!), stimmen die verwendeten Ausdrücke aber nicht mit jeder der — vielfältigen, heterogenen — alltagssprachlichen Verwendungen überein. Es handelt sich bei „wirklich“ und „vernünftig“ um normierte technische Ausdrücke, denen nur bestimmte Bedeutungsnuancen der Alltagssprache zugrunde liegen. Hier etwa „wirklich“ im Gegensatz zu bloß „scheinbar“. Über diese Normierung verweisen sie auf die zugrunde liegende Theorie, etwa: was wirklich und nicht bloß zufällig oder scheinbar da ist. (Merkwürdigerweise würde sich ja niemand daran stoßen, dass die Naturwissenschaften (1) vernünftig sind und (2) über das Wirkliche Aufschluss geben, im Unterschied zu dem, was uns nur naiverweise so scheint.)

    Wollte ich nun Hegels Ausspruch nun interpretieren, oder: vom Deutschen ins Deutsche übersetzen, so müsste ich diesen Hintergrund und diesen Kontext einholen. Ich müsste also auch zumindest einige Momente der entsprechenden Theorie explizit machen. Dabei spielt dann auch der Kontext eine Rolle, in dem ich die andere Formulierung vornehme. Abhängig von der philosophischen Vorbildung des Zielpublikums könnten für das „anders gesagt“ zwei knappe Absätze genügen — oder es bräuchte gleich eine ganze Monographie. Dabei kommt es auch auf die spezifische Vorbildung an. Für jemanden aus der Tradition der sog. „Analytischen Philosophie“ müsste ich anders „übersetzen“ als für jemanden, der sich in der nachkantischen deutschen Philosophie bereits zuhause fühlt (ich schreibe ganz dezidiert „nachkantische deutsche Philosophie“ und nicht „Deutscher Idealismus“.)

    Gerade letzteres ist für das Übersetzen in eine andere Sprache auch direkt relevant: In der angelsächsischen Hegelrezeption gibt es nämlich, anders als in der deutschen, zwei grundsätzlich anders gelagerte Hegel-Interpretationen, die auch in Einzelfällen zu unterschiedlichen Übersetzungen neigen, dass man getrost sagen kann: es gibt auf Englisch zwei Hegel. Die eine Interpretation steht ideengeschichtlich, grob gesagt, dem amerikanischem Pragmatismus nahe, die andere kommt aus dem britischen Idealismus. Zu letzterer kann ich nicht viel sagen, weil ich nicht viel davon halte. Hier aber ein Link, wo zwischen dem „traditionellen metaphysischen“ und dem „nicht-metaphysischen (nach-kantischen)“ Hegel unterschieden wird: http://plato.stanford.edu/entries/hegel/

    Gerade bei Hegel hat man es also gleich mit mehreren Problemen zu tun. Keines ist in einem strikten Sinne unlösbar — das können sie gar nicht sein, denn wer das behauptet, hätte ein Privatsprachenproblem. Aber man steht vor bestimmten Schwierigkeiten, über die man sich Rechenschaft ablegen muss. Hier zunächst einmal die Schwierigkeiten der Interpretation, die Schwierigkeiten der Übersetzung in eine Fremdsprache sind dann zusätzlich die, welche dann auftreten, wenn die Zielsprache nicht von selbst schon völlig äquivalente Ausdrucksmöglichkeiten anbietet:

    Hegels Sprachgebrauch ist der des späten 18. Jahrhunderts. Das macht seine Texte schon auf der im engsten Sinne sprachlichen Ebene nicht gerade leicht verständlich, zumal er sich stilistisch — das ist nur mein Empfinden — eher an die Barockliteratur anschließt als an die Weimarer Klassik (etwa im Satzbau). Aber es führt auch teilweise direkt in die irre. So wurde etwa der terminus technicus „schlechte Unendlichkeit“ früher mit „bad infinity“ übersetzt, heute meist mit „spurious infinity“. Ersteres ist irreführend, letzteres schlicht falsch. Beides beruht auf der Fehlannahme, dass Hegel in modernem Deutsch geschrieben hätte. Heute würde man sagen: „schlichte Unendlichkeit“.

    Hegel schreibt innerhalb eines bestimmten intellektuellen Diskurses. Nämlich, wen wundert’s, in dem seiner Zeit. Das führt unter anderem dazu, dass bestimmte Abgrenzungen noch nicht nötig waren. Ein Beispiel wäre das berüchtigte „Absolute“, ein Begriff, der zu Hegels Zeiten völlig neu im Diskurs war, von dem aber heute jeder unausrottbare Vorstellungen hat, die wenig oder nichts mit Hegel zu tun habe. Mit der „Dialektik“ ist’s sogar noch viel, viel, viel schlimmer. Ganz schlimm. So schlimm, dass man sagen muss: vergessen Sie alles, was sie außerhalb des engsten Kontextes der Hegelforschung der letzten, sagen wir, zehn Jahre jemals davon gehört haben. Aber es gibt auch feinere, nuancierte Schwierigkeiten. Deshalb ist die philologische Arbeit, etwa eines Walter Jaeschke unverzichtbar, die aufzuschließen versucht, wie die philosophischen Diskurse zu Hegels Zeit gelagert waren. (Dadurch erweist sich zum Beispiel, dass „deutscher Idealismus“, erstens keine Selbstbezeichnung war und zweitens in die Irre führt. Es gab eine „Idealismus-Realismus“ Debatte in der nachkantischen deutschen Philosophie, in der es darum ging, eine Position zu finden, die beide umfasst. Zum „Deutschen Idealismus“ wurde das Ganze erst im Laufe des 19. Jahrhunderts.)

    Hegels Texte sind schwierig. Ich wage zu behaupten: sie sind das Schwierigste, das die Philosophie zu bieten hat. Vermutlich ist die „Wissenschaft der Logik“ sogar der schwierigste Sachtexte überhaupt. Das liegt zum einen in der Sache selbst: es geht ja gerade darum auf die Konstitution unseres Denkens als Denken (im Unterschied zu „Fühlen“ und „Vorstellen“, und ganz gewiss im Unterschied zu „elektrische Ströme im Gehirn“) zu reflektieren, dadurch nimmt die Reflexion eo ipso einen Standpunkt ein, der unseren vertrauten Alltagsvorstellungen radikal fremd ist. (Daher mein Vergleich mit der Mathematik.) Die Schwierigkeit — und der Interpretationsstreit gerade zwischen den beiden genannten angelsächsischen Richtungen — beginnt schon mit der Frage, worum es überhaupt geht. Zum anderen liegen die Schwierigkeiten im Text: entgegen einem gängigen Vorurteil, halte ich Hegels Sprache für äußerst klar und präzise. Allerdings weisen seine Texte keinerlei Redundanzen auf. Keine. Von der Lyrik eines Pindar, Hölderlin oder Ezra Pound einmal abgesehen, sind es die dichtesten Texte die ich kenne.

    Vor diesen Schwierigkeiten steht jede Interpretation. In der deutschen Hegelforschung hat man es nun verhältnismäßig leicht: man muss nur klären, was mit „Verstand“ oder „Wirklichkeit“ gemeint ist, die Texte selbst bleiben wie sie sind. (Eine Ausnahme wäre allerdings z.B. „schlechte Unendlichkeit“ in einer Textausgabe, der ansonsten so genannte „behutsame“ orthographische Angleichungen vornimmt.)

    Bei einer Übersetzung ins Englische aber schlägt sich die Interpretation direkt im übersetzten Text nieder. Die Fachausdrücke sind dabei nur der Anfang:

    Während „Vernunft“ einfach „reason“ ist, bereitet „Verstand“ zunächst Probleme. Für die Zwecke der Hegelforschung wurde allerdings im Englischen eine ältere und seltenere Wortbedeutung von „understanding“ wiederbelebt (etwa Hume: „A Treatise on Human Understanding“). Diese Verwendung ist mitlerweile etabliert und in der Fachsprache der Hegelforschung unproblematisch. Ähnliches gilt z.B. für „Wirklichkeit“. Das Problem, das sich bei „Wirklichkeit“ zunächst stellte, ist, dass man es nicht einfach mit „reality“ übersetzen kann, weil es bei Hegel auch „Realität“ gibt, und zwar mit einer völlig anderen Normierung. Auch das ist, in diesem Fall schon seit Jahrzehnten, gelöst: die englische Übersetzung für „Wirklichkeit“ im Kontext der Hegelforschung ist „actuality“, was auf die Bedeutung von „actually“ zurückgreift oder auf Wendungen wie „the actual meaning“.

    Größere Schwierigkeiten bereitet, noch heute, „Vorstellung“. Traditionell wurde Vorstellung, etwa auch bei Schopenhauer, als „idea“ übersetzt, manchmal auch als „conception“. Beides ist, jedenfalls in diesem Kontext, irreführend. Die häufigsten Übersetzungen sind „picture-thinking“ und „representation“. Beide haben unterschiedliche Schwierigkeiten. Das englische „representation“ ist noch am dichtesten dran an Hegels Verwendung von „Vorstellung“ und scheint sich auch durchzusetzen, aber eben nur am dichtesten. Das Problem hierbei sind die Konnotationen, die das Wort aus anderen Kontexten mit sich führt.

    Ginge es nur darum, wie etwa bei den genannten Brandom und MacDowell, ausgehend von der eigenen Hegelinterpretation die eigenen Gedanken für einen bestimmten Diskussionszusammenhang zu formulieren, dann wäre es weiter kein Problem: man formuliert’s einfach anders. Vielleicht verzichtet man auf ein einzelnes Wort und schreibt einen Absatz, der die Sache beschreibt, vielleicht führt man ein neues Wort ein. Es kommt in solchen Zusammenhängen, für solche Zwecke weniger auf Hegel an als auf Brandoms oder MacDowells philosophische Argumentation. Ob es eine richtige Hegelinterpretation ist, ist zweitrangig, oder sogar unbedeutend.

    Bei einer Übersetzung allerdings kommt es darauf an, einen Text Hegels für die angelsächsische Hegelinterpretation bereit zu stellen. Wäre mein Ziel bloß, den Inhalt der Wissenschaft der Logik (in meiner Interpretation) wiederzugeben, dann könnte ich das, ob auf Englisch oder auf Deutsch, in meinen eigenen Worten tun. Bei einer Übersetzung von Hegels Text aber geht es, nun ja, um den Text. Und da beginnen dann die Probleme. Und die führen dazu, dass im Zuge der Entwicklung der Hegelforschung und der philosophischen Diskussionen um die Interpretation ständig Neuübersetzungen nötig werden.

    In Einzelfällen behilft man sich in den angelsächsischen Diskursen damit, ein halbwegs passendes Englisches zu verwenden und durch einen Verweis auf den deutschen Ausdruck zu markieren, dass die Bedeutung speziell ist. Z.B. „science, in the German sense“ oder „science (Wissenschaft)“; „representation (Vorstellung)“. Mitunter trifft selbst das auf Probleme: das Wort „Sache“ aber hat im Englischen keine exakte Entsprechung. (Ich bitte dabei zu bedenken, dass es jeweils um die Übersetzung ganzer Kontexte geht, nicht darum, für isolierte Ausdrücke andere isolierte Ausdrücke zu finden. Das ist natürlich nicht weiter schwierig.) Eine vor kurzem erschienene Neuübersetzung von „Sache“ verwendet „facts“. In der Diskussion in einer Mailingliste stieß das auf meinen heftigen Protest, aber die beteiligten englischen Muttersprachler, die Deutsch recht gut verstehen, waren sich einig, dass „facts“, in einer bestimmten Bedeutung, der beste Kompromiss sei. Wo die Probleme damit liegen, muss ich, denke ich, nicht ausführen. In Diskussionen wird dann gerne auch auf Englisch „the sache“ verwendet, aber in einer Textausgabe würde dies suggerieren, dass es sich, wie „Wirklichkeit“ oder „Vernunft“ um einen Hegelschen terminus technicus handelte. Das ist aber nicht der Fall. Es helfen nur Fußnoten.

    Aber auch die im engeren Sinne Hegelschen Begriffe unübersetzt zu lassen, ist, jedenfalls in den Interpretationsansätzen, die ich für die einzig maßgeblichen halte, problematisch. Das Problem entsteht hier dadurch, dass die Hegelschen Kategorien als „Titelwörter“ (Stekeler-Weithofer) aufgefasst werden sollten, die — jedenfalls zum Teil –auf sprachliche Ausdrucksformen verweisen. Etwa: „An-Sich-Sein“ verweist auf Ausdrücke der Art „An sich ist er ja ein ganz netter Mensch. (Nur wann immer man mit ihm redet ist er ein Rüpel).“ „Für-Sich-Sein“ auf Ausdrücke der Art „Das Haus steht für sich.“ oder „Er lebt für sich.“ Weshalb dies extrem wichtig ist, lässt sich vielleicht an einem Wort zeigen, dass selbst in der Übersetzung kein Problem bereit: „Sein““. Es macht für die Interpretation einen großen Unterschied, ob ich unter dem Wort „Sein“ irgend etwas metaphysisch Raunendes verstehe, irgendetwas dinghaft-handgreifliches in einer platonischen Ideenwelt, oder ob ich es als „Titelwort“ verstehe, das auf Ausdrücke der Form „x ist y“ verweist: „Dieses Blatt ist grün.“, „7 ist eine Primzahl“. Der Ausdruck „Titelwort“ ist unglücklich, aber es trifft etwas wesentliches in der Sache, für das sich auch Belege bei Hegel finden. Das Problem ist nun, dass das einfache Beibehalten der deutschen Ausdrücke in einer englischen Übersetzung — die ja für Menschen verfertigt ist, die des Deutschen nicht allzu mächtig sind — dieser Zusammenhang zu Ausdrucksformen aus der Alltagssprache (bzw. in Einzelfällen, aus Fachsprachen) verloren geht.

    Auch hier spielt wieder Interpretation eine Rolle. „Dasein“ zum Beispiel, für das Hegel selbst den Kontext von Ausdrücken der Art „etwas ist da und nicht dort“ angibt, wurde und wird häufig als „there-being“ übersetzt. (Das ist übrigens einer der wenigen Fälle, wo die Übersetzung meines Erachtens sogar besser funktioniert als das Original: „There is a vase on the table“, „There is an x, element of S, for which …“.) Zu meinem Bedauern findet sich aber in jüngerer Zeit die Übersetzung „determinate Being“. Das ist zwar nicht falsch und beruht auf Hegels Begriffsbestimmung von „Dasein“ (Hegel: „Dasein ist Sein mit einer Bestimmtheit, bestimmtes Sein.“), aber wenig hilfreich: „determinate being is … determinate being“. Der Punkt ist — und das ist nun allerdings eine Frage der philosophischen Interpretation –, dass der Name der Kategorie „Dasein“ über den Verweis auf typische sprachliche Kontexte sich auf eine Determinante unserer Vorstellungswelt bezieht, und dass das (logische) Prädikat „ist bestimmtes Sein“ Teil der philosophischen Analyse dessen ist, was, jedenfalls nach Hegel, das wesentliche Moment an dieser Determinante wäre.

    ***

    Das alles betrifft soweit nur die Fachausdrücke, von denen ich oben schrieb: die sind nur der Anfang. Die wirklichen Schwierigkeiten beginnen jetzt erst.

    Während das Englische ein umfangreicheres Lexikon hat, bietet die deutsche Grammatik — nicht nur über Flexion, sondern auch über und vor allem über die Wortstellung (etwa bei Klammerung) — wesentlich mehr Informationen über die Syntax. Das führt dazu, dass Wort-für-Wort-Übersetzungen von Hegels Sätzen nicht nur teils noch schwerer verständlich wären als auf Deutsch (was man bei Hegel ganz gewiss nicht in Kauf nehmen will), zum andern aber entstünden Mehrdeutigkeiten, die so im deutschen Original nicht vorhanden sind. Jedenfalls nicht, wenn man sehr genau liest, und das sollte man sich bei der Hegellektüre besser angewöhnen.

    Nun ist das für sich genommen einfach gelöst: der englische Übersetzer löst den Satz in mehrere Einzelsätze auf. Kein Problem. Allerdings, will die Übersetzung ja nicht künstlich klingen, sondern sie soll flüssiges Englisch sein. Er stellt sie also nicht etwa graphisch dar, oder wiederholt stumpf die wesentlichen Bezugsausdrücke z.B. bei Nebensätzen, sondern er variiert. Zudem muss er sich bei der Auflösung für bestimmte Akzentuierungen und gegen andere entscheiden.

    Auch das ist alles kein unmögliches Unterfangen. Allerdings führt das alles zusammengenommen dazu, dass sich der Interpretationsansatz des Übersetzers direkt in der Übersetzung niederschlägt. Nimmt man noch dazu, dass viele Fragen auch in der deutschen Hegelforschung noch strittig sind, und dass die angelsächsische Hegelrezeption darüber hinaus auch noch völlig inkompatible Ansätze kennt, dann ergibt sich daraus, dass bei jeder Neuübersetzung erst einmal nicht der Hegelsche Text diskutiert wird, sondern die Übersetzung. Man darf annehmen, dass für die angelsächsische Rezeption alle paar Jahre eine Neuübersetzung nötig wird, während die deutsche es so bequem hat, dass sich die Texte nicht verändern, sondern nur wie wir sie verstehen.

    ***

    Im Grunde hat es jede Übersetzung mit solchen Schwierigkeiten zu tun. Bei Hegel stellen sie sich nur schärfer wegen der Schwierigkeit der Materie, der Dichtheit der Texte und der Tatsache, dass die Texte mindestens implizit immer auch auf Sprache selbst reflektieren.

    Allerdings ist das Phänomen auch aus anderen Bereichen bekannt: von altgriechischen und lateinischen Texten werden immer wieder Neuübersetzungen nötig, zum einen weil sich der Stand der Forschung, zum andern weil sich die heutige Sprache und Vorstellungswelt verändert.

    Bei lyrischen Texten kommt noch dazu, dass man sich für oder gegen bestimmte Momente des Textes entscheiden muss. Ist die genaue Wortbedeutung in ihrer Vielfältigkeit und ihren Konnotationen wesentlich oder, etwas vager, das angerissene Bild? Spielt das lautliche eine Rolle? Oder der Rhythmus?

    ***

    Das ist wesentlich länger geworden als geplant. Ich hoffe nur, es ist nicht allzu uninteressant.

  9. ke Beitragsautor

    Hihi, so hab ich es also geschafft, Ihnen eine klare Antwort abzuluchsen. Und was für eine! Vielen Dank! Sie ist in der Tat sehr erhellend. Nicht, weil ich die Vorstellung gehabt hätte, Übersetzung sei leicht oder gar unnötig, nein, sollte ich je so geklungen haben, würde ich vor lauter Missverstandensein gerne in ein kaltes Wasser fallen! Sondern weil ich sehr interessant finde, welche konkreten Formen die Probleme beim Übersetzen – und allgemeiner beim Interpretieren – annehmen können, gerade bei einem Extremfall wie Hegel.

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