Ein unchristlicher Standpunkt

Eine typische Laufbahn von Kindern aus evangelischen Elternhäusern sieht so aus: Man wird regelmäßig in den Gottesdienst genötigt, bis man 14 ist und konfirmiert wird, mit den Feierlichkeiten und Geldgeschenken, die das mit sich bringt. Danach wird man in Kirchen nie wieder gesehen, außer zu Weihnachten und bei Hochzeiten und Taufen – man wurde „aus der Kirche konfirmiert“. Hat man dieser Entfremdung zum Trotz Sympathien für die Kirche übrig, zahlt man in den kommenden Jahren brav seine 0,00 € Kirchensteuer, bis man sein erstes richtiges, aber bescheidenes Gehalt bekommt, beim Anblick der Abrechnung einen Schreck kriegt und austritt.

Was das Aus-der-Kirche-Konfirmieren angeht, gab es bei mir einen dreistufigen Prozess: Vor meiner Konfirmandenzeit war ich elterlicherseits dazu angehalten, jede Woche in die Kirche mitzukommen, mit dem Argument, dass es ja immer auch einen Kindergottesdienst als Parallelprogramm gab. Als Konfirmand ging man natürlich nicht mehr in den Kindergottesdienst, war aber pfarrerlicherseits dazu angehalten, mindestens einmal im Monat in die Kirche zu gehen. Öfter ging ich da natürlich nicht mehr – das Aus-der-Kirche-Konfirmieren war in seine erste Phase eingetreten. Der Rest ist bekannt. Ich lasse mich aber nicht als „Weihnachtschristen“ bezeichnen, denn es ist ja nicht so, als ob ich zu Weihnachten religiös wäre, nur weil ich da in die Kirche gehe.

Was die Kirchenmitgliedschaft und -steuer angeht, bin ich auch typisch, weil ich die evangelischen deutschen Landeskirchen immer als im Großen und Ganzen sympathisch wahrgenommen habe und die Gemeinden als wertvolle soziale Anlaufstelle für viele Menschen kenne. Indes hat sich jüngst herauskristallisiert, dass ich mein erstes richtiges, aber bescheidenes Gehalt im Ausland verdienen werde, wo die EKD auch von Mitgliedern keine Steuer erhebt. Und so wurde mir unter Freisetzung diabolischer Freude klar, dass mir die Entscheidung zwischen real zu zahlender Kirchensteuer und der Schande eines finanziell motivierten Kirchenaustritts vorerst erspart bleiben wird.

7 Gedanken zu „Ein unchristlicher Standpunkt

  1. David

    Never been to church, never will. Aufgewachsen ohne den Segen eines christlichen Elternhauses. :-o

    Hängt auch damit zusammen, daß ich „Heide“ gern semantikvergessen auf alle anwende, die nicht praktizierende Christen sind.

  2. DrNI

    Man könnte ja sagen: Wer die Dienste der Kirche nutzt, der soll auch Steuern zahlen. Christ sein heißt ja nicht, dass man in die Kirche geht, vor allem als evangelischer Christ kann man ja auch ohne die Telefonzentrale in Rom beim Chef persönlich anrufen. Doch wenn alle so denken würden, dann würde die Kirchensteuer für den Betrieb der teuren Tempel hinten und vorne nicht ausreichen. Vielleicht sollte man das ganze Ding umstrukturieren und Glaubensgemeinschaften als Sonderform von Vereinen führen. Mitglieder zahlen dann eben Beitrag.

    Ich für meinen Teil bin, wie das hier im Kommentarbereich heißt, Naturheide. Ich kenne mich auch so gut wie gar nicht aus in der Bibel und stelle immer wieder fest, dass dieses kund zu tun unter Christen für leichte Ablehnung sorgt, diese sich aber nur wegen ihrer Initiationsriten noch lange nicht besser auskennen.

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