Ein Raum und ein Treppenhaus

Nach The Quintet of the Astonished will ich heute zwei weitere meiner Lieblingskunstwerke vorstellen. I Am Sitting in a Room (2005) ist Residuums digitale Wiedererschaffung des gleichnamigen Stücks von Alvin Lucier (1970). Der sprach damals folgenden Text auf Band…

I am sitting in a room different to the one you are in now. I am recording the sound of my speaking voice and I am going to play it back into the room again until the resonant frequencies of the room reinforce themselves so that any semblance of my speech with perhaps the exception of rhythm, is destroyed. What you you will hear, then, are the natural resonant frequencies of the room articulated by speech. I regard this activity not so much as a demonstration of a physical fact, but more as a way to smooth out any irregularities my speech might have.

…nahm auf einem anderen Band das Abspielen des Textes in einem Raum (mit spezifischen Resonanzeigenschaften) auf und tat dasselbe immer wieder mit der jeweils letzten Aufnahme, bis aus dem Sprechen ein sphärisch-abstraktes Pfeifen und Kreischen geworden war. Mehrere (alle?) Aufnahmen aus der Reihe bilden das fertige, ca. 15-minütige Stück. Eine gute Idee, aber eine ungenießbare Umsetzung. Residuums Version ändert das, indem es die Imperfektionen der Wirklichkeit hinter sich lässt. Statt eines Menschen spricht ein (sehr blechernes) Text-to-Speech-System, und statt einen echten Raum den Klang filtern zu lassen, wird eine digitale, wahrscheinlich nicht sehr realistische Simulation bemüht. Mit jeder Iteration wird es halliger, ungefähr ab der 32. ist keine Ähnlichkeit mit Sprache mehr wahrnehmbar und man kann sich das wirklich gut anhören.

Ganz früher war ich mal in einem Physikerlebnismuseum für Kinder gewesen und hatte dort ein säulenförmiges „Klavier“ gesehen, dessen acht Tasten im Kreis um die Säule herum angeordnet waren. Jede Taste schien einen höheren Ton zu produzieren als die links von ihr. Ging man um das Klavier herum und spielte eine Tonleiter, produzierte man scheinbar ständig höhere Töne, ohne jemals die eine Oktave zu verlassen. Diese Illusion entsteht dadurch, dass immer ein Sinuston zusammen mit vielen Ober- und Untertönen gespielt wird, die zu den Rändern des hörbaren Frequenzspektrums hin leiser werden (Shepard-Skala, der Beginn eines langen faszinierenden Wikipädiegeklickes).

Da es damals noch keine Wikipädie gegeben hatte, geriet ich mit Shepard-Tönen erst wieder in Kontakt, als ich 2007 durchs ZKM schlenderte, außer einem Industrieroboter, der die Bibel auf Pergament kalligrafierte, noch nicht viel Begeisterndes gesehen hatte, und mich nicht groß fragte, woher das leise Jaulen in der Ausstellungshalle kam – na geh, die Lüftungsanlage würde es halt sein. Man kann sich meine Begeisterung vorstellen, als ich schließlich Elín Hansdottírs treppenhausförmige Installation Drift betrat, das Jaulen genauer hörte und gewahr wurde, dass der Shepard-Effekt auch als absteigendes Glissando funktioniert! Absteigend war auch deshalb gut, weil man die weiß verschalte Treppe hinaufsteigen musste, die Wände des Schachtes sich aber so neigten, dass es erst ein wenig klaustrophobisch und dann ziemlich plötzlich surreal zwergenhaft wurde; weiter ging es nicht. Diesen Effekt kombiniert mit dem Shepard-Glissando, das man im Mittelalter für ein eigenhändiges Werk des Satans zum Verstoß gegen die Ordnung des Kosmos gehalten hätte, fand ich sehr beeindruckend. Was auf clevere Weise an Urängste rührt, ist mir ohnehin die liebste Kunst.

Ein Gedanke zu „Ein Raum und ein Treppenhaus

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