Das Zerdreschen von Musikinstrumenten (4)

Manchmal stelle ich mir vor, wie ich eine Rakete in einen Glockenturm schieße und die Glocken ein letztes Mal KLÄNG machen. Es ist eine schöne Vorstellung. Während eines Meetings hat mich heute mal wieder das Glockenspiel im Turm des Hauptgebäudes der Universität Groningen schier wahnsinnig gemacht. Und das ist das wohlklingende der beiden Carillons in der Groninger Innenstadt. Es gibt da auch noch das in der Martinikirche, neben dem zu wohnen ich mir ungeschickterweise ausgesucht habe. Zwei- oder dreimal pro Woche greift der Stadtglockenspieler am Vormittag eine ganze Stunde lang in seine Tasten. Zudem wird es jeden Tag von früh bis spät viermal pro Stunde von einer Mechanik betätigt und spielt zu jeder Viertelstunde eine andere Melodie, beim frühmorgendlichen Erstspiel sogar alle vier hintereinander. Die Häufigkeit zeugt von großem Stolz aufseiten der Groninger und von Vertrauen in die Qualität der Darbietung, wie es weniger gerechtfertigt nicht sein könnte. Das Carillon klingt furchtbar blechern und für mein Gefühl ist keine der Glocken näher als einen Achtelton am intendierten. Vollends grotesk wird es bei starkem Wind, wenn nur noch ein stark verzerrter Experimentalhorrorfilmsoundtrack dabei herauskommt. Zerdrösche man das Carillon, würde Groningen in musikalischer Hinsicht auf einen Schlag fünfmal kultivierter.

Was ich immer sage (7)

Was bisher geschah: Was ich immer sage, Was ich immer sage (2), Was ich immer sage (3), Was ich immer sage (4), Was ich immer sage (5), Was ich immer sage (6)

  1. Story of my life.
  2. Gut schaut ihr aus.
  3. There, I fixed it.
  4. Konsistenz über alles!
  5. Sei geknuddelt!
  6. Problem vollständig gelöst.
  7. Mooooi!
  8. Das wüsst ich aber.
  9. Hee hee. That’s funny. You’re funny.
  10. That’s not my area of expertise.

Il Giardino dei Tarocchi

Nur wenige Orte sind so dazu geeignet, mit der Welt Frieden zu schließen, wie der „Tarotgarten“, den die große Künstlerin Niki de Saint Phalle vor den Toren des Städtchens Campalbio in der südlichen Toskana errichtet hat. Man merkt ihm an, mit wie viel Liebe er gemacht ist. Die extrem farben- und formenfrohe Gestaltung der Skulpturen und Pavillons reicht hinein bis in aberwitzig viele Details, wie Säulen mit Stachelkleidern, die man streicheln kann, hohle Drachen, in denen man liegen kann, der Fußboden, in den Muster und Runen gezeichnet sind. Alles ist bunt oder spiegelnd und aus widerstandsfähigen Materialien, die Wetter, Streicheln und Klettern trotzen. Mir blieb nur, mit einem Hochgefühl durch das alles hindurchzuspazieren, lächelnd und gelöst.

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Die Kaiserin, die Päpstin, der Turm, der Kaiser, das Rad des Schicksals und der Magier

Die Kaiserin ist – zusammen mit dem Magier – das Gesicht des Parks. Der Ausdruck dieses Gesichts ist über alle Maßen herrschaftlich, und die enormen Brüste der Kaiserin (de Saint Phalle ist für die großzügige Darstellung weiblicher Rundungen bekannt) bringt sie wie Kanonen alles sprengenden Kalibers in Stellung. Außerdem kann man in der Kaiserin wohnen, ein großes Wohnzimmer, Kochnische und Bad mit Klo und Dusche, alles bunt mosaisch ausgekleidet, sind vorhanden.

Im Kaiser

Im Kaiser

Der Kaiser schaut ganz anders aus, gar nicht wie eine Person, im Grunde ist er ein runder Säulengang mit begehbarer Galerie. Abgesehen von der runden Form und dem Brunnen in der Mitte ist alles an ihm phallisch: der Turm mit den goldenen Kugeln auf der Spitze, die wie im Übermut dazugestellte rote Rakete, der in den Komplex integrierte Turm und die Säulen des Säulengangs, mit den unterschiedlichsten Perlen, Bildern und Stacheln besetzt und sehr sinnlich zu berühren.

Der Tod

Der Tod

Dass das alles kein allzeit heiteres, vielleicht etwas suggestives Disneyland ist, wird klar, wenn man zu der einzeln stehenden Skulptur des Todes weitergeht. Genau so bunt wie alles andere hier und geformt wie eine klassische Nana im Badeanzug, nur mit Totenkopf, ist diese Gestalt doch unverkennbar grim: Zwischen den Hufen ihres mit blauer Nacht behangenen Pferdes liegt, dahingerafft, mit allen möglichen Kuscheltieren nicht nur die halbe Einrichtung eines Kinderzimmers, sondern mit emporgestreckten menschlichen Armen und Beinen womöglich auch dessen Bewohnerschaft.

Die Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit

Müsste ich eine Lieblingsfigur wählen, so müsste es wohl die Gerechtigkeit sein. Auch hierbei handelt es sich um eine Frauenfigur, sehr groß, herausstechenderweise ganz in Schwarz und Weiß gehalten. Ihre Brüste sind gleichzeitig die Waagschalen des berühmten Attributs der Gerechtigkeit. In ihrem Inneren befindet sich, hinter Gitter und Schloss, eine extrem verrostete, extrem wirr aufgebaute und fürchterlich quietschende motorisierte Installation: eine Art Maschine, die sich unaufhörlich bewegt. Darin hängen ein verkleinertes menschliches Skelett und mehrere Tierschädel. Meine Assoziation: Diese Maschine hat man vor Jahrzehnten eingeschaltet, um einen Delinquenten automatisiert zu Tode zu foltern, und seitdem hat man sie nicht mehr berührt. Es scheint mir also, sympathischerweise, ein eher skeptischer und sarkastischer künstlerischer Kommentar zum Konzept der Gerechtigkeit zu sein.

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Der Magier, der Gehängte, der Papst und die Sonne

Und ich hatte noch gezweifelt, ob der Garten die insgesamt fünf Stunden in Zügen und Bussen in die Provinz an meinem letzten Rom-Tag lohnen würde. Hell, did it ever!

Der wiederauferstandene Antitheist

Bis 2010 bloggte ein gewisser sapere aude über Gott, Religion und die Welt, mit einer seltenen Entschiedenheit aus atheistischer, ja antitheistischer Perspektive. Das fand ich sympathisch.

Meine Sympathie ließ nach, als ich einmal mit sapere aude über Beweise der Nichtexistenz Gottes diskutierte und er aber jeden Gottesbegriff, über den er bereit war zu diskutieren, auf etwas offensichtlich Absurdes einengte (Stichwort: Allmachtsparadoxon). Von da an kam mir sapere aude eher wie ein verrannter Fanatiker vor.

Am 28. Oktober 2010 wurde auf sapere audes Blog in der dritten Person die Nachricht von seinem überraschenden Tod gepostet, zusammen mit der Bitte, von Nachfragen nach den Umständen abzusehen. Seitdem war es still, bis zum 14. April 2015, als wieder ein Post in der ersten Person erschien, bestehend nur aus dem Titel: „Ich bin wieder da.“ Ein weiterer Post folgte am selben Tag. Er legt dar, der erwähnte Tod sei gar kein Tod im Wortsinne gewesen, sondern nur der eines „Geist[es]“, des „Religionsverächter[s] und Antitheist[en]“ sapere aude. Der Mensch dahinter habe ein „tiefe[s] und plötzliche[s] Bedürfnis“ verspürt, das Werk dieser Online-Persona nicht fortzusetzen. Es wird sich für die Täuschung entschuldigt und weitere Erklärungen angekündigt.

Was der atheistische Leser jetzt schon befürchtet, wird am 16. April Gewissheit: Der neue sapere aude postet, Theismus mache „Sinn“. Und dass er das verstanden habe, „indem ich mit religiösen Menschen gesprochen, gegessen, gesungen, gebetet, gelacht und gelebt habe.“ Details werden dazu noch nicht genannt, aber es klingt begeisterungstrunkenes Vokabular an („unschätzbarem Reichtum“, „überwältigt“), wie man es u.a. von evangelikalen Christen kennt. Die inszenierte Wiederauferstehung würde geradezu ins Bild passen.

Hat sapere aude seinen Fanatismus bewahrt und sich nur von einem ins andere Vorzeichen bekehrt? Oder ist der ursprüngliche Blogautor so tot wie zuvor und eine Entität mit anderer Agenda hat sich seines Accounts bemächtigt? Man darf auf weitere Posts gespannt sein.

Was ich immer sage (6)

Was bisher geschah: Was ich immer sage, Was ich immer sage (2), Was ich immer sage (3), Was ich immer sage (4), Was ich immer sage (5).

  1. Indeed.
  2. Where to start.
  3. How could this possibly lead to confusion?
  4. How are things on this side of the party?
  5. Verzeihung.
  6. Consistency above all!
  7. Hat was.
  8. Kijk!
  9. (When people start to clink glasses.) Handshake problem!
  10. (When someone turns down help with the dishes etc.) I was counting on your saying that.

Der Tod und die Autobahn

Auf der A3 bei Bad Camberg fiel mir gestern mal wieder auf, wie gut sich Schnellstraßen als Symbole für Lebensfeindlichkeit, Tod und Endzeit eignen. Drei Kunstwerke kamen mir in den Sinn, die diese Symbolik enthalten.

Zumindest wurde mir endzeitlich zumute, als ich zum ersten Mal den Raum im Düsseldorfer Kunstmuseum K21 betrat, der Reinhard Muchas Installation Deutschlandgerät enthält. Weit ergreifender als die formstrenge Anordnung von Vitrinen fand ich die Klangkulisse von seelenlos vorbeirauschenden Autos und das regelmäßige Donnern der Schwellen, über die sie fahren. Als Betrachter des Objekts ununterbrochen diesem Geräusch ausgesetzt, erinnerte ich mich an einen Zeitungsbericht, den ich einige Jahre vorher gelesen hatte: Ein Mädchen war entführt und für einige Tage in einem Hohlraum eingesperrt worden, der zu einer Autobahnbrücke o.Ä. gehörte. Beklemmend, zu versuchen, sich eine solche seelische und akustische Tortur vorzustellen.

Akustisch schlug auch DrNI mich in den Bann, als er 2012 eine einen meditativen Sog entfaltende Klangcollage veröffentlichte, auf der anfängliches Bachgeplätscher, Wipfelgerausche und Vogelgezwitscher allmählich von ebenjenem Sound einer Schnellstraße verdrängt wird. Es fühlt sich an wie der Übergang von einem unschuldigen Naturzustand in die menschengemachte Apokalypse, wo menschliches Leben hinter Blech verborgen ist und tierisches Leben oft bald zwischen Gummi und Beton endet. Passend dazu heißt das Werk: Death Zone.

In Jasper Ffordes Roman Something Rotten schließlich kommt das Tor zum Jenseits in Form einer doppelten englischen Autobahnraststätte vor, deren Hälften über eine Fußgängerbrücke miteinander verbunden sind. Die armen Seelen wechseln auf die andere Seite, nicht ahnend, dass es nicht einfach die andere Seite der Autobahn ist, sondern das Reich der Toten, in das sie hinübergehen. Der Szenenkommentar des Autors fängt den morbiden Schauer schön ein, den Autobahnen auch im wirklichen Leben auslösen können:

If you were misfortunate enough to have lived through the time when British motorway services really did resemble a gateway for the dead, then this chapter might have some resonance. I remember exploring at the tender age of eight the mysteries of the ‚Northside‘, walking over the connecting bridge as the juggernauts shook the bridge as they swept on beneath, taking shoes to Northampton or something.

Things I learned about the Netherlands

In the Netherlands, people often introduce themselves with just their first names. Yet they seem to be unusually reluctant to write first names in full – the most commonly seen form in professional settings is the initial(s) of the first name(s) together with the full last name, such as H. Vossen or C.J.B. Jansen. When filling in your personal details on a form, you are not usually asked for your voornamen, but only for your voorletters. A measure against gender discrimination? In any case, as N. once observed, it leads to situations where you meet someone at an event, later get a list of participants but have no chance of finding him or her back because the only thing you know – the first name – does not appear on the list. And don’t think any of the initials will be the actual initial of the first name you heard: that is often a short form, e.g. Lex or Sander corresponds to the initial A – for Alexander.

The ability of the Dutch population to communicate in English is among the highest in Europe. Of course, Dutch English has its own characteristics. For example, the Dutch language has some terms that seem like internationalisms to many Dutch speakers, so they assume they will be understood in English as well. For example, they divide university subjects into the alfa branch (humanities), the beta branch (STEM) and the gamma branch (social sciences). Another example is the word horeca which is an abbreviation of hotel, restaurant, café and commonly used in Dutch when speaking about the catering industry. Another pet observation of mine: Dutch speakers tend to overuse the static passive in English (where it’s uncommon), e.g. the game is chosen instead of the game has been chosen or the game was chosen. This seems to be due to the fact that a form of zijn (“to be”) plus past participle is in Dutch the most common form to express the passive in the past: het spel is gekozen, even in situations where e.g. German would avoid the corresponding form, which would be classified as static passive. May we thus say that Dutch has a static passive and uses it a lot? Or should we say that the passive auxiliary worden EDIT: geworden is usually dropped in the perfect tense?

As a final interesting piece of information, note that precipitation is so unpredictable here that people have little use for your traditional weather forecast. Rather, you use a live satellite cloud map in order to wedge your bicycle ride home from work into the gap between two showers.

verstoß gegen die stvo

verfasst in den nullzigern, frei nach ernst jandls „antipoden“

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