Plagiatsapologie ohne Sinn und Bedeutung

Selten las ich solchen Schwachsinn wie die „sprachphilosophische Spurensuche“ zu Plagiatsvorwürfen, die Rafael Wawer gestern in das Redaktionssystem von Zeit Online gerotzt hat:

[A]ngenommen, Google oder Stephan Wolfram [sic] brächten demnächst eine öffentliche Plagiatssuchmaschine heraus, die das heutige Internet als „text corpus“-Basis (Fachbegriff der Computerlinguistik) verwendet.

Man nehme amüsiert zur Kenntnis, dass er das wahrscheinlich den meisten seiner Leser unbekannte Wort Computerlinguistik verwendet und großspurig darauf hinweist, dass Textkorpus (aus irgendwelchen Gründen als englisches Wort geschrieben) ein Fachbegriff dieser Disziplin sei, ohne sich damit aufzuhalten, ihn zu erklären. Geschenkt. Weiter:

Diese Maschine könnte Abermillionen Bücher anhand eines Buches vergleichen wie das bereits „text merge“-tools (Textvergleiche) im kleinen Rahmen tun.

Kann diesen Noob bitte mal jemand LARTen? Weder ist ein Merge-Tool ein Vergleichs-Tool noch ist eins dieser beiden Werkzeuge allein zur Plagiatssuche geeignet. Und so viel kleiner ist der Rahmen gar nicht, gängige Plagiatsdetektorsoftware benutzt doch Google und damit das Internet als Textkorpus.

Jede Suchabfrage hätte als Ergebnis den prozentualen Anteil der Plagiate am Gesamttext. Ganz oben rangierte vermutlich Guttenberg, gefolgt von – vielleicht Journalisten, Schriftstellern, Herausgebern, Nobelpreisträgern? Es gäbe einen Aufschrei.

Was wäre daran vorschnell? Plagiate kommen nicht einfach durch buchstabengetreue Übereinstimmung zustande.

Dieser Satz hat es in sich. Ich werde darauf zurückkommen, wie er das meint.

In Rom galt nicht die unerlaubte Vervielfältigung als moralisch verwerflich, sondern die Bereicherung daran. Noch zu Zeiten Shakespeares galt das originalgetreue Plagiat als Zeichen der Verehrung.

Beim Plagiat im wissenschaftlichen Sinne geht es weder um den Aspekt der Vervielfältigung noch um den der Bereicherung noch um den der Originalgetreuheit, also dient diese Ausführung nur der Verwirrung.

Im Allgemeinen verstehen wir aber unter Plagiat, von lateinisch plagium, so viel wie „Raub der Seele“. Dieb ist, wer fremde Gedanken stiehlt, seins nennt oder verkauft.

Das Stehlen fremder Gedanken ist also schlimm, das Stehlen fremder Wortlaute nicht so sehr? Aber stiehlt, wer fremde Wortlaute stiehlt, damit nicht automatisch auch fremde Gedanken? ACH, HÄTTE ICH DOCH NICHT GEFRAGT! Wawer holt Luft und doziert:

Nun beziehen sich die meisten Plagiatsvorwürfe auf Platon (428-328 v. Chr.) und erben damit seine Fehler. Platon hat die Seele mit Wachs verglichen. Eindrücke der Wirklichkeit würden zu Abdrücken auf der Seele. Erkennen wir etwas, das uns bekannt scheint, suchen wir im Schrank der Seele nach genau diesem Eindruck. Wir legen Eindruck und Abdruck übereinander. Passt etwas, rufen wir: Ah! Viele aktuelle technische Erkenntnistheorien gehen nach diesem Muster vor, ebenso neuronale Netzwerke.

Strukturen werden miteinander verglichen, indem man nach identischen Unterstrukturen sucht, ja. Man kann nicht nur zwischen identisch und nicht identisch unterscheiden, sondern in einem gewissen Maße auch ähnliche Eindrücke zueinander in Beziehung setzen. So konkret hat Platon sich das vielleicht noch nicht vorgestellt, aber er war nicht so sehr auf dem Holzweg, wie Wawer es klingen lässt:

Aber dann kam Gottlob Frege (1848-1925) und erinnerte an den „Morgenstern“. Wie sieht der Abdruck eines Morgensterns schon aus, wenn wir darunter den Planeten Venus, eine Waffe, selbst Jesus Christus und vieles weitere verstehen? Hiermit war die moderne Formalisierung von Sinn, Bedeutung und Referenz geboren – und damit die moderne Logik, die Computerwelt, das Internet. Mit Ludwig Wittgenstein (1889-1951), Bertrand Russell (1872-1970) und Jan Łukasiewicz (1878-1956) wurde sie erweitert und formalisiert. Łukasiewicz haben die Unix-Anhänger zum Beispiel zu verdanken, dass sie anstatt „8 + 5“ eher „+ 8 5“ schreiben.

Uuuffff!!! Was war das denn für ein Stunt? Einmal von Frege über das Internet zu polnischer Notation wie mit dem Dirtbike durch einen Supermarkt, viele Kenntnisse, null Zusammenhang und kaum Relevanz.

Kennte Wawer Frege, wüsste er, dass ihm das Wort Morgenstern als Beispiel für den Unterschied zwischen Sinn und Bedeutung diente – Morgenstern und Abendstern haben nämlich laut Frege verschiedene Sinne, aber dieselbe Bedeutung (den Planeten Venus). Darin steckt unter anderem das Phänomen der Synonymie, verschiedener Wörter mit gleicher Bedeutung, und das hätte Wawer brauchen können, um richtig darauf hinzuweisen, dass man ungekennzeichnete fremde Gedanken auch so umformulieren kann, dass die oben erwähnten, Wörter vergleichenden Suchmaschinen das Plagiat nicht entdecken, wie er es an anderer Stelle am Beispiel einer möglichen Umformulierung von Einsteins Relativitätstheorie auch kurz tut. Hier hebt er stattdessen auf das Phänomen der Homonymie ab, dass nämlich ein Wort – wie Morgenstern – verschiedene Bedeutungen haben kann: Venus, Waffe, Jesus usw.

Was will er uns bezüglich der Plagiatsvorwürfe damit sagen? Dass die folgende Passage, von Silvana Koch-Mehrin laut VroniPlag ungekennzeichnet und wörtlich aus Lothar Galls Buch Europa auf dem Weg in die Moderne 1850-1890 in ihre Dissertation übernommen, vielleicht gar kein Plagiat darstellt, weil sie dank der Homonymie der darin vorkommenden Wörter ja etwas ganz anderes bedeuten könnte?

„Konkret hieß das, daß sich nach England und Frankreich nun auch die meisten Staaten Mittel- und Südeuropas entschlossen, alle noch bestehenden Hindernisse für die Entfaltung des Handels und der gewerblichen Wirtschaft auf rechtlichem, finanz- und handelspolitischem Gebiet mehr und mehr abzubauen und sich künftig auch in ordnungspolitischer Hinsicht ganz auf den Markt und die Initiative des einzelnen zu verlassen.“

Natürlich nicht, eine solches Argument wäre selbst Wawer zu albern. Stattdessen schließt er aus seinem sprachphilosophischen Mäander pauschal, „dass man mit einfachen Abdruckvergleichen nicht weiterkommt“, weil menschliche Sprache „zu variationsreich“ für eine Entscheidung durch „crowd-Tribunale“ sei.

Er impliziert damit, die Bemühungen von GuttenPlag, VroniPlag und Co. hätten keine Gültigkeit. Natürlich können sie nicht alle Plagiate aufspüren. Aber wenn sie denn eine schlichte wörtliche Übernahme wie oben aufspüren, ist das dann nicht ein über jeden Zweifel erhabener Nachweis eines Plagiats, um meine schnell bereute Frage von oben zu wiederholen?

Wawer sagt nein. Er behauptet allen Ernstes, die oben zitierte Passage bedeute nichts weiter als „Mittel- und Südeuropa orientieren sich an der Marktwirtschaft“ und dass das eine Trivialität sei. Wortlaute ungekennzeichnet zu übernehmen, die Gemeinplätze formulieren, ist für Wawer noch kein Plagiat (und diese bornierte Privatmeinung erhebt er Ursula-März-mäßig zur „Regel“):

Die Regel lautet: Wer neuartige Bedeutungen und Sinnzusammenhänge stiehlt, der ist ein Dieb, also wer zum Beispiel dem nächsten Einstein beim Reden im Schlaf zuhört. Denn die Wissenschaft lebt vom Neuen. (…) Wer Allgemeines wörtlich kopiert, ist doof, aber kein Verbrecher. Dass Regen vom Himmel fällt, braucht nicht bewiesen zu werden.

Damit verkennt er total, was den Guttenbergs und Koch-Mehrins dieser Welt eigentlich vorzuwerfen ist. Das Stehlen von neuen Ideen wäre an sich ja gerade kein Problem, denn insofern die Wissenschaft vom Neuen lebt, ist es wichtig, dass, aber nicht, von wem es unters Volk gebracht wird. Plagiate sind hingegen deswegen schlimm, weil sie erstens das Urheberrecht der Autorinnen verletzen, zweitens (wichtiger) das wissenschaftliche Arbeiten der gesamten Disziplin sabotieren, indem Quellen verschwiegen werden und dadurch das Nachvollziehen von Entwicklungen und Zusammenhängen erschwert wird, drittens und wichtigstens jedoch zum Erwerb eines Titels eine Leistung vorgetäuscht wird, die nicht erbracht wurde, nämlich eine ganze Dissertation nach den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens zu schreiben. Dazu gehört nicht zuletzt, alles genau zu durchdenken und mit eigenen Worten zu formulieren bzw. korrekt als Zitat zu kennzeichnen, um eine klare, lesbare und nachvollziehbare Darstellung zu erhalten. Neue Ideen hat man oder hat man nicht, das ist keine Frage des Anstandes und nur begrenzt eine des Fleißes. Die Knochenarbeit, an der sich das wissenschaftliche Ethos meiner Ansicht nach erweist, steckt im korrekten Aufschreiben und in der Literaturrecherche – hierzu gehört auch, nach Kräften zu versuchen, herauszufinden, ob eine Idee, die man selbst hat, nicht jemand anders schon vorher veröffentlicht hat.

Ich werde den Verdacht nicht los, dass Wawer das deshalb nicht weiß, weil er in seinem eigenen Philosophiestudium nie so gearbeitet, sondern sich immer nur Wissensbrocken angelesen und zu irgendwelchem zusammenhanglosen Rhabarber verleimt hat. Nur so eine Vermutung.

16 Gedanken zu „Plagiatsapologie ohne Sinn und Bedeutung

  1. DrNI

    Im Prinzip möchte der Autor vielleicht an irgend einer Stelle sagen: Es ist doch das gleiche, ob man 1:1 kopiert oder etwas liest und dann neu formuliert. Im einen Fall hat man den Text plagiiert, im anderen Fall den Gedanken. (Der im kopierten Text ja auch drin steckt, es ist sich also recht ähnlich.)

    Dass man wörtlich gleiche oder sehr ähnliche Textsegmente schon seit längerer Zeit automatisiert auffinden kann, darüber hätte der Autor in den Holzmedien der letzten Jahre ja immer wieder etwas finden können. Manche Abteilungen Universitäten machen das bei Hausarbeiten regulär, was auch schon kontrovers diskutiert wurde.

    Natürlich ist es schwieriger, den „Gedankenklau“ automatisch zu finden. Da ich als Computerlinguist mich ja mit Bedeutungsvergleichen herumschlage, bin ich da aber mal nicht so pessimistisch.

    Doch als Computerlinguist sollte man seinem Adrenalinspiegel zuliebe solche Artikel nicht lesen. Etwas nicht zu verstehen ist keine Schande, aber dann einen Artikel in der Zeit darüber zu schreiben ist schon mindestens fragwürdig. Ich dachte eigentlich immer, etwas zu verstehen und für alle verständlich wiederzugeben sei Teil des Kerngeschäfts bei Journalisten. Aber vielleicht können die heute auch nur noch abschreiben. Von der DPA oder so.

  2. jd

    Ach du Scheiße, das ist ja entsetzlich. Leider greift die von DrNI vorgeschlagene Vermeidung solcher Qualen durch Verzicht auf Lektüre solcher Artikel zu kurz. Mich drängen solche grauenhaften Erlebnisse immer zu der Frage, ob auch der Rest meines durch morgentliche ZEIT-Lektüre aufgeschnappten Wissens, wegen mangelnder Vertrautheit mit dem Fach für mich nicht erkennbar, ebenso aus schlecht verleimten halb- bis unverstandenen Weltanschauungsbrocken besteht. Ich denke da vor allem an den Wirtschafts- und den Wissensteil. Dass das Feuilleton gehobene Unterhaltung, aber keine ernstzunehmende Informationsquelle ist, versteht sich hingegen schon von selbst.

  3. Gerd Pohl

    In der öffentlichen Diskussion kommt fast immer die Differenzierung zwischen dem wissenschaftlichen Plagiat und dem urheberrechtlichen Plagiat zu kurz.

    Beim Letzteren geht es um die Aneignung eines in der Regel fremden Werkes im Sinne des Urheberrechtsgesetzes. Ein solches Werk ist gekennzeichnet durch den Ausdruck eigenpersönlicher Züge des Urhebers. Auf Neuheit im Sinne etwa des Patentrechts kommt es nicht an. Vielmehr musst der persönliche Ausdruck des Urhebers in hinreichend individueller Form erkennbar sein. Schlagwortartig spricht man davon, dass das Patentrecht die Idee schützt, während das Urheberrecht die (Ausdrucks-)Form schützt. Hierzu gehört, dass auch ein fiktiver Stoff, wie etwa ein Roman, inhaltlich als Ausprägung der Persönlichkeit urheberrechtlich geschützt ist. Sonstige Textmittelungen sind aber inhaltlich jedenfalls nicht durch das Urheberrecht geschützt, so dass etwa Pressemittelung umfänglich inhaltlich übernommen werden können, sofern dies „in eigenen Worten geschieht“, d.h. ohne Übernahme etwaiger eigenpersönlicher Ausdrucksformen geschieht. Solche Ausdrucksformen können nicht nur durch origenelle Formulierungen vermittelt werden, sondern auch die Anordnung des Stoffes oder die Auswahl von Informationen. Die Übernahme eines Textes als solchem führt aber, selbst wenn er Fachsprache enthält, noch nicht zu einer Urheberrechtsverletzung.

    Hiervon zu unterscheiden ist das wissenschaftliche Plagiat. Hierbei geht es um die Aneignung einer Idee, die einer fremden Darstellung entnommen wurde. Hierzu gehört nicht die eigenständige Entwicklung einer Idee, die unbemerkt ggf. bereits anderweitig zuvor veröffentlicht wurde. Hier mag ein wissenschaftlicher Sorgfaltsverstoß vorliegen, aber kein Plagiat. Da es auf die Übernahme der Idee ankommt, ist die Textübernahme grundsätzlich irrelevant. Allerdings lässt sich über eine hinreichend intensive Formulierungsübernahme unter Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeitsmaßstäben zum Ausschluss einer eigenständigen Formulierung der Beweis eines Plagiats führen.

  4. DrNI

    @Gerd Pohl: Das ist nun ein durchaus aufschlussreicher Kommentar. Allerdings dürfte es so sein, dass die meisten Plagiate in der Wissenschaft auch direkte Textübernahmen sind. Eine Neuformulierung „geklauter“ Gedanken ist zwar eigentlich deutlich hinterhältiger, aber deutlich weniger wahrscheinlich: Wer das kann, der kann auch gleich noch eine korrekte Zitierung dazupacken und die Sache ist in Ordnung.

    Man muss sich aber immer überlegen, dass Abschreiber eben meist abschreiben, weil sie nicht so die Leuchten sind. Die machen sich nicht die Mühe eines „Gedankenklaus“ weil sie dazu gar nicht in der Lage wären. Bei studentischen Abgaben fallen die Abschreiber auch schon mal dadurch auf, dass sie selbst zum Abschreiben zu doof waren. Wenn zum Beispiel ein Programmcode in Programmiersprache X auf einmal Befehle in der Syntax von Programmiersprache Y enthält… tja dumm gelaufen. Bei Text läuft es dann auch nicht intelligenter.

    Um so trauriger, dass Doktorväter das dann nicht gemerkt haben wollen.

  5. Eridanos

    Ich kann diesem Artikel nur zustimmen. Er zeigt sehr schön auf, wie der Autor der Apologie mit großartigem Halbwissen traurige kleine Nebelkerzchen in Stellung bringt.

    Nur in einem Punkt bin ich anderer Meinung: Das Schwerwiegendste am wissenschaftlichen Plagiat ist die Sabotage an nachfolgenden Forschern. Die Verstellung des Zugriffs auf weitere, tiefere Quellen zieht großen Mehraufwand an Zeit und Mitteln nach sich, wenn sie nicht sogar manche Recherche ganz im Sande verlaufen lässt.

    Natürlich ist auch die Urheberrechtsverletzung und das Verschweigen des Namens des Ideengebers eine schwere Verfehlung, denn Ehre soll dem widerfahren, der sie verdient (und umgekehrt genau so…). Vom Standpunkt des Fortschritts aber ist irgendwann sekundär, von wem eine Idee stammte.

    Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht zu sehr von meiner Herkunft aus der Naturwissenschaft geprägt. Mir ist durchaus klar, dass man beispielsweise den gleichen Gedanken unterschiedlich bewerten kann (und manchmal auch aufgrund des Zusammenhangs muss), je nachdem, ob er von Kant oder etwa einem englischen oder französischen Zeitgenossen formuliert wurde, der aus einer ganz anderen Schule stammte. Was am Ende aber für uns alle bleibt, ist die Wirkung einer Idee/Erfindung auf unser Leben und unsere Zukunft.

  6. ke Beitragsautor

    Genau das habe ich ja auch geschrieben: Die Sabotage an nachfolgenden Forschern ist weit entscheidender als die Urheberrechtsverletzung und das Vorenthalten von Anerkennung, und von wem eine Idee stammt, spielt für ihren Nutzen keine Rolle. Als noch entscheidender habe ich lediglich den Aspekt des Betrugs bezeichnet – das ist der Grund, aus dem Guttenberg und Koch-Mehrin für mich nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Politiker gestorben sind. Was von beidem jetzt wichtiger ist, darüber mag man sich streiten – das eine ist halt ein Faustschlag für die Wissenschaft, das andere einer für die Gesellschaft.

  7. David

    Allein für die wunderbare Stilblüte, einen der entschiedensten Platonisten seit Platon als großen Antipoden desselben präsentiert zu haben, könnte ich diesen Wawersack umknutschen. Danke für den Hinweis.

  8. Gerd Pohl

    Sofern der Artikel in ZEIT ONLINE einer der ersten Vorboten einer Relativierung sein sollte nach dem Motto: „Guttenberg war schlimm, aber bei Mehrin ist es doch gar nicht so schlimm“, ist anzumerken, dass die Verwaltungsgerichte für die Bestätigung einer Aberkennungsentscheidung durch die Uni bereits einige wenige wissenschaftliche Plagiate ausreichen zu lassen scheinen.

    Dies macht Sinn, denn einerseits lässt sich nicht sagen, dass die ungekennzeichnete Übernahme trivialer banaler Gedanken etwa aus Lexika kein relevantes Plagiat ist.

    Wichtiger noch ist aber, dass hier nicht die strafrechtliche Unschuldsvermutung hinsichtlich noch weiterer wissenschaftlicher Pflichtverletzungen nutzbar gemacht werden kann; vielmehr wird der Wert einer Dissertation bereits umfänglich durch einige wenige Plagiate in vollem Umfang beeinträchtigt, da die Glaubwürdigkeit des Verfassers in Gänze in Zweifel steht. Denn es kann nicht Aufgabe der Wissenschaft sein, beim Verdacht jeden weiteren Fehler akribisch zu ermitteln, um den Wert einer Dissertation ggf. noch teilweise zu retten.

  9. Kristin

    Ich habe diesen Artikel auch gesehen und genau bis zu text corpus gelesen. Weiter ging nicht, wegen Fremdschämen. Danke für’s Filtern und Kommentieren!

  10. J.

    Glücklicherweise fand sich diese Selbstbeschreibung, bevor ich in geisteswissenschaftliche Fremdschämpickel ausbrechen konnte: „Rafael Wawer, geb. 1979, studiert Philosophie, Geschichte, Mathematik und demnächst Physik in Hagen und Berlin“, abgerundet von „Ferner verfügt er, neben latent technischen, über journalistische und redaktionelle Erfahrung“.
     
    Die wahrscheinlich rundeste Vita der Welt.

  11. kusanowsky

    @J. Es ist immer schwierig, in einer ablaufendenen Diskussion, die sich immer schon auf ein zu behandelndes Thema meint festgelegt zu haben, auf etwas anderes aufmerksam zu machen, weil alles andere scheinbar nicht zum Thema gehören mag. Aber man kann es ja versuchen. Die Frage, was ein Plagiat ist, ist keineswegs so eindeutig wie die Diskussion plausibel machen möchte. Denn wie die Dinge auch immer sein mögen, sie müsssen erst in Erfahrung gebracht werden; und sobald sie in Erfahrung gebracht wurden stellt man fest, dass man sie immer auch ganz anders betrachten könnte. Statt sich also gegenseitig mit scheinbar eindeutigen und klaren Meinungen zu bedrängen, käme es darauf an, den Erfahrungsprozess mitzuverstehen, durch den dieses oder jenes als Meinung behandelt werden kann.
    Wie man an diesem Beispiel sehen kann, ist die Frage, was ein Plagiat ist, ziemlich alt, und wurde schon immer unter jeweils verschiedenen Bedingungen erörtet, im alten Rom genauso wie im China unserer Zeit. Für die gegenwärtige Diskussion könnte man annehmen, dass die spezifische Problemlage nicht mit jeder anderen einfach zu vergleichen ist. Bei der Affäre um zu Guttenberg konnte man erkennen, dass ja nicht nur das Copy-and-Paste-Plagiieren durch das Internet leichter und schneller wird, sondern auch die Aufklärung durch Ausnutzung der internettypischen Schwarmintelligenz. Und möglicherweise haben die daraus resultiereden Lerneffekte eine entscheidende Auswirkung auf das, was man Originalität, Authentizität und Neuartigkeit nennen könnte. Wenigstens kann man glauben, dass sowohl ein Copy-and-Paste-Verfahren als auch eine Plagiatsüberprüfung niemals die Bedingungen, durch die beides zustande kommen kann, unbeeindruckt zurück lassen werden.
    Ausführlicher:
    http://differentia.wordpress.com/2011/05/12/der-raub-der-seele-uber-die-doppeldeutigkeit-der-plagiatsaffaren-plagiat/

  12. ke Beitragsautor

    kusanowsky, du befürchtest also, dass durch die öffentliche Diskussion, die die Fälle Guttenberg & Co. sowie die kollaborative Copy&Paste-Plagiatssuche ausgelöst haben, in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, nur solche besonders dreisten und offensichtlichen Plagiate seien Plagiate, und die Sensibilität für weniger offensichtliche Formen des Plagiats sinkt?

    1. Ich wüsste nicht, wie viel tiefer die öffentliche Sensibilität für wissenschaftliche Plagiate überhaupt noch sinken könnte, der Fall Guttenberg hat das Thema überhaupt erst bekannt gemacht, wenn auch in einer speziellen Form.

    2. Ich möchte meinen Blogartikel und die anschließende Diskussion gegen den Vorwurf in Schutz nehmen, „plausibel machen zu möchten“, die Feststellung jedes Plagiats sei trivial. Niemand hat hier bestritten, dass Copy&Paste-Plagiate nur ein besonders dreister und offensichtlicher Spezialfall des Plagiats sind und dass es jenseits davon Grauzonen gibt. Auch wer subtiler plagiiert, gehört getadelt – gegebenenfalls, denn zu sagen, wo hier das Plagiat aufhört und die eigene Leistung beginnt, ist viel schwerer zu sagen, als angesichts der bei GuttenPlag und VroniPlag zusammengetragenen Daten zu einem Urteil zu kommen. Das Pferd von hinten aufzuzäumen und wie Wawer das meiner Meinung nach eindeutig nicht in eine Grauzone fallende Copy&Paste-Verfahren zu bagatellisieren kann nicht die Antwort sein.

    3. Danke für den Link. Ich werde wohl auch da kommentieren.

  13. sam

    @ jd
    „Mich drängen solche grauenhaften Erlebnisse immer zu der Frage, ob auch der Rest meines durch morgentliche ZEIT-Lektüre aufgeschnappten Wissens, … ebenso aus schlecht verleimten halb- bis unverstandenen Weltanschauungsbrocken besteht. Ich denke da vor allem an den Wirtschafts- und den Wissensteil.“

    Das kann ich für den Wirtschaftsteil nicht beurteilen, aber als Naturwissenschaftler der ab und zu in den Wissensteil nicht nur den der ZEIT schaut muss ich sagen, ja, an dem dem Verdacht könnte was dran sein.

  14. Pingback: Das #Plagiat – ein akademisches Kulturgut. Ein Plädoyer für mehr akademische Lernbereitschaft « Differentia

  15. Antoninus

    Antoninus:

    Es lohnte sich, aus den arg- bis ganz-kritischen Wortmeldungen in der ZEIT zu zitieren (hier also e i n Zitat):

    Miese Prozent-Meierei!

    Wow – wie quasi-wissenschaftlich:
    „Sicher, Koch-Mehrin verdient eine Schelte. Und bestünde ihre Arbeit zu 95 Prozent aus geklauten wortgetreuen Trivialitäten, stünde dies dem wissenschaftlichen Wert der Arbeit klar entgegen….“

    Nee, nicht erst 95 Prozent. Da reicht eine eiskalt (also: identisch) abkopierte Passage!

  16. Pingback: Blogspektrogramm #2 › Sprachlog › SciLogs - Wissenschaftsblogs

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