Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher

Rezension aus dem Jahr 2004, ursprünglich unter dem Namen Inuk Latuda im nunmehr erloschenen Zamonischen Literaturforum gepostet.

Da haben wir in Ensel und Krete einen Hildegunst von Mythenmetz kennen und lieben gelernt, einen Giganten der zamonischen Literatur, Urgestein und Klassiker zu Lebzeiten, Vita und Opus bereits zu einem Berg undurchdringlichen Dickichts angewachsen. In seinen Abschweifungen und beim Lesen der Biografie zeigte sich uns ein wirklich interessanter Charakter: Bei aller künstlerischen Sensibilität, bei aller überwältigenden Geisteskraft und Weisheit doch von Leben und Erfolg bereits mit zahlreichen Ecken und Kanten versehen. Selbstherrlich, arrogant, reizbar, launisch und sowohl persönlich als auch künstlerisch notorisches enfant terrible: Stets verwickelt in Skandale, Krisen, Geheimnisse, Blamagen, dubiose Zirkel und illegale Machenschaften gar. Dabei immer bereit, rücksichtslos neue literarische Türen aufzustoßen und Konventionen, Geschmack und den gesunden Verstand der umgebenden Daseinsformen niederzuwalzen. Von solchen Echsen will man lesen!

Doch was finden wir davon in der Stadt der träumenden Bücher wieder? Mythenmetz als unbeschriebenes Blatt, der genauso dauerstaunend und noch passiver als Blaubär und Rumo durch die Wunder des zamonischen Kontinents taumelt, die mit Masse und verschleißenden Superlativen auszugleichen versuchen, was sie gegenüber den 13½ Leben des Käpt’n Blaubär und auch gegenüber Rumo an Vielfalt und Fantasie eingebüßt haben.

Mit seinen Vorgängern, dem lügenden Bären und dem kämpfenden Wolpertinger, ist der literaturinteressierte Dinosaurier in diesen seinen jungen Jahren beinahe austauschbar, und der eigentliche Romanheld, der Kontinent Zamonien, hat hier in dem Höhlenlabyrinth unter Buchhaim auch nicht viel mehr zu bieten als die x-te gefährlichste, gemeinste Daseinsform überhaupt und die zigste ausweglose Gefahr in der tausendsten mit Büchern gefüllten Höhle, in der sich das millionste bemerkenswerteste Buch aller Zeiten findet. Als Spannungsmotor soll nicht das eigenwillige autoritäre Genie – das Mythenmetz noch nicht ist – fungieren, sondern die Schauplätze, die mit immer neuen und ewig alten Superlativen um sich schmeißen. Die Liebe zum Kleinen, der Zauber der schillernd ausdifferenzierten Miniatur, der in Ensel und Krete mit der Beschreibung des Mythenmetz’schen Arbeitszimmers eine der schönsten Stellen der Zamonienliteratur bescherte, ist weitgehend verlorengegangen.

Wo es allerdings um das Erfinden von Namen und Wörtern, um den abgedrehten kreativen Umgang mit Sprache geht, bevorzugt in langen Aufzählungen, ist Moers nach wie vor unermüdlich und hundertprozentiger Meister seines Fachs. „Musenkußkakao“ (Getränk), „Kometenwein“ (Gedicht), „Colophonius Regenschein“ (Bücherjäger), „Schimmerschimmel“ (Lichtquelle), „Zetypsilonx“ (Person mit revers-alphabetischem Krankheitsbild) – wenn es um die Erfindung und Benennung der zahlreichen kleinen Nebensächlichkeiten und Alltäglichkeiten geht, die Zamonien so viel spannender und vollgestopfter machen als unsere Welt, da hat die „Stadt der träumenden Bücher“ gegenüber ihren Vorgängern nichts eingebüßt.

Des Weiteren fällt auf, dass Moers’ Zeichnungen immer besser werden. Die Illustrationen sind lebensechter, greifbarer und ausgefeilter denn je. Moers’ Universum ist düsterer, schattiger geworden – da bedarf es natürlich auch größerer zeichnerischer Differenzierung.

Es bleibt also genug, was Moers weiterhin mit Bravour meistert, um sich auch auf das nächste Zamonien-Buch wieder zu freuen. Hoffentlich wird es wieder mehr vom wohlkomponierten Ideenreichtum des Blaubär und/oder dem auktorialen Gebahren des etablierten Mythenmetz getragen werden.

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