Archiv des Monats: Juni 2008

Ein kleines Donnerwetter

Auf der offiziellen deutschen Website zu dem wunderbaren, mit keinem Raster zu fassenden, unbedingt empfehlenswerten schwedischen Film Das jüngste Gewitter steht folgende Inhaltsangabe:

Da ist beispielsweise die junge Frau, die sich die Hochzeit mit einem begehrenswerten, aber unerreichbaren Rockmusiker erträumt. Oder der Psychologe, der es nicht mehr erträgt, seine Patienten mit ihren eingebildeten Krankheiten zu behandeln. Oder der Frisör, der sich an einem ungehobelten Kunden mit einer Skinheadfrisur rächt. Oder der Familienvater, der sich an einer langen Tafel am Tischtucktrick versucht und zum Tode auf dem elektrischen Stuhl verurteilt wird.

Der „unerreichbare Rockmusiker“ ist Gitarrist und Sänger einer Schülerband, den die junge Frau in der Stammkneipe anspricht. Der „Psychologe“ ist ein Psychiater und es sind nicht die eingebildeten Krankheiten, die er nicht mehr erträgt, sondern die Schlechtigkeit seiner Patienten und die Sinnlosigkeit ihres Wunsches nach Glück. Die Glatze ist nicht die Rache, sondern ein Versöhnungsangebot des Frisörs, nachdem er – das war die Rache – seinem ungehobelten Kunden eine kahle Schneise über den Kopf rasiert hat. Und dass der Mann mit dem Tischtuchtrick ein Familienvater sei, kommt im Film nicht vor.

Es ist nicht leicht, irgendetwas über den Film zu schreiben, das ihm gerecht wird. Eine Inhaltsangabe, in der jeder Satz sachlich falsch ist, ist aber auch eine Leistung.

TaCoS 2009

Vielleicht bin ich der erste, der das online bringt: Die nächste TaCoS wird aller Voraussicht nach in Heidelberg stattfinden. Vorfreude! Die TaCoS 2008 ist für mich wegen eines wichtigen Termins schon vorbei, war aber wunderschön. Ich habe 17 Vorträge gehört, einen gemeinsam mit Johannes gehalten, interessante Menschen, zwei neue Anglizismen und das Spiel „Teamwork“ kennengelernt, zu dem folgende Verschärfung zu empfehlen ist: Die Beschreibung jedes Begriffs muss mit einem Derivat des vorhergehenden Begriffs beginnen.

Reliefs

Hexagonales Relief am Glockenturm, das zwei Diskutanten zeigtIch war im März in der Toskana. Im Museo Leonardino in Vinci faszinierte mich eine Schautafel über die 21 untersten sechseckigen Reliefs am Florenzer Campanile. Diese Reliefs stammen aus dem 14. Jahrhundert und zeigen menschliche Tätigkeiten. Interssanterweise sind diese nicht, wie damals (und heute) üblich, nach „niederen“ (landwirtschaftlichen und handwerklichen) Arbeiten und „höheren“ Künsten (einschließlich Wissenschaften) getrennt – sondern all das steht nebeneinander. Noch interessantererweise beginnen diese „menschlichen Tätigkeiten“ mit der Erschaffung von Adam und der Erschaffung von Eva. Auf einer Ebene ist Menschenmachen natürlich eine menschliche Tätigkeit. Auf einer anderen Ebene ließen mich diese beiden Reliefs an einen schöpferischen Menschheitstraum denken (klonen, Chimären, Golem und so weiter). Plausibler kommt es mir allerdings vor, dass die Künstler versucht haben, die Aufstellung der Handwerke und Künste gleichzeitig eine chronologische Illustration zur Bibel sein zu lassen – grob gesagt: Erst Erschaffung, dann Ackerbau, dann Rhetorik. Der Architekt taucht auf zwei Reliefs auf: Einmal als Planer am Schreibtisch, einmal als Baumeister auf der Baustelle. Im geisteswissenschaftlichen Bereich wurde dem Naturalismus der Darstellung die klare Erkennbarkeit der einzelnen Disziplinen anscheinend vorgezogen – so hätte ich Rhetorik von Grammatik (im Bild) kaum unterscheiden können. Das Relief zur Grammatik gefällt mir aber gut, weil es die Sprengkraft von Sprachnormen so lebendig darstellt. Gerne hätte ich es in das Logo der Gesellschaft zur Stärkung der Verben eingebauen, aber unglücklicherweise liegt es auf der Domseite des Campanile, die zudem durch biestige Gitter für Fotografen schlecht zugänglich ist. Oben sieht man das bescheidene Resultat meiner Bemühungen. Wer besseres Bildmaterial hat, melde sich! Wer lesen will, was Profis zu den Reliefs schreiben, kann zum Beispiel in Bluffton beginnen.

Kognitive Dissonanz

Wenn man a) sich für einen klugen Kopf hält und b) einen Job macht, der eigentlich sinnlos ist, dann besteht die Gefahr, dass man die kognitive Dissonanz dadurch verringert, dass man sich einredet, der Job sei gar nicht so sinnlos.
Herr Rau

Oh ja. Das kenne ich aus eigener Erfahrung.

The Quintet of the Astonished

von Bill Viola (siehe da) ist eins meiner Lieblingskunstwerke. Es handelt sich um ein Video von wenigen Sekunden, das durch Superzeitlupe auf ca. 15 Minuten Länge ausgedehnt wurde. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, die irgendetwas mit heftigen Emotionen zu beobachten scheinen. Am Anfang dachte ich aufgrund der starren Haltung und der anhaltend verzerrten Gesichter an die Gram an einem Sterbebett. Oder war das eine langsamkeitsbedingte Täuschung? Als ich die Bewegungen weiter verfolgte, kam ich auf den Gedanken, das seien die Zuschauer eines Sportereignisses. Bill Viola selbst hatte anscheinend die Dornenkrönung im Sinn. So vielfältige Sichtweisen eröffnet The Quintet of the Astonished auf Anhieb. Jedenfalls wird es ab und zu im Fernsehen nachgestellt. Wenn nämlich bei der Wiederholung von Torchancen im Fußball die Trainerbank im Bild ist.