auf\zu

Kaum ein Alltagsgegenstand hat eine so banale Aura wie ein Schrank. Eröffnete ein Universitätsmuseum eine Ausstellung Das Papier in den Wissenschaften, verneigte man sich sogleich vor der unüberschaubar vielfältigen Kunst der Papierherstellung und -benutzung, fühlte sich gleichsam in das Zelt eines weisen Manns aus dem Orient versetzt, der einem Geheimnisse über Pflanzenfasern, tausendundeine Papiersorte sowie deren Aromen zuraunte. Eröffnete ein Universitätsmuseum eine Ausstellung Der Computer in den Wissenschaften, müsste man nicht lange überlegen, um zu dem Schluss zu kommen, dazu sei viel zu sagen und zu zeigen. Eröffnete es eine Ausstellung Das Lesezeichen in den Wissenschaften, verneigte man sich sogleich vor der scheinbaren Banalität dieses Gegenstandes. Bei der ersten regulären Ausstellung des Universitätsmuseums Tübingen glaubt man jedoch an einen Scherz: Der Schrank in den Wissenschaften? Schrank? Ist das nicht völlig bescheuert? Und dann heißt sie auch noch auf\zu? Das ist ja wohl ein dadaistisches Späßchen?

Das hat mir auf Anhieb gefallen. Da öffnet also die altehrwürdige Eberhard-Karls-Universität die Pforten eines Museums und nimmt sich gleich auf die Schippe. Ich also hin. Um 16 Uhr macht das Museum erst auf, fünf Minuten vorher war ich da. Als die Wärterin eintrudelt, beginnt der Museumsbesuch sofort zu halten, was der Ausstellungstitel verspricht: Fenster auf. Fensterläden auf. Fenster zu. Fenster auf. Fensterläden auf. Fenster zu. Das Ganze insgesamt fünfmal.

Und auch sonst: Die Ausstellung delivert. Es wird keine tiefere Bedeutung in den Schrank hineingeheimnisst. Sondern es werden die Bedeutungen, die er wirklich hat – schützen, verbergen, ordnen -, museal ausgelotet. Es ist wie eine kuratorische Studie – kein großes Thema, aber handwerklich perfekt in Szene gesetzt. Mit gut geschriebenen Texten, wunderbaren Fotos, Ausstellungsstücken (die Schränke in der Universität Tübingen bieten sehr reichhaltiges Anschauungsmaterial), Bezüge zum wissenschaftlichen Arbeiten und zum akademischen Alltag herstellend.

Diese Ausstellung ist einen Besuch wert!

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