Archiv der Kategorie: Humor

Schöne Disjunktionen (1)

Als Zyniker kehrt man aus verheerenden Lebenssituationen, in denen man alleingelassen wurde, z.B. Kriegen oder Kindheiten, zurück.
Max Goldt, Mein Nachbar und der Zynismus

Umgekehrt würde unsere Unwissenheit uns selbst dann dazu zwingen, eine große Zahl wahrscheinlichkeitstheoretischer Modelle zur Untersuchung von Phänomenen auf anderen Ebenen, wie etwa die von Gasen oder Gesellschaften, einzuführen, wenn die grundlegenden physikalischen Gesetze absolut deterministisch wären.
Alan Sokal und Jean Bricmont, Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen

Aschen

Intransitive Verben, die die Absonderung einer bestimmten Substanz durch das Subjekt beschreiben, beziehen sich fast immer auf Körperausscheidungen. Zu einer solchen adelt das Verb aschen quasi die Zigarettenasche, als wäre die Zigarette Teil des Körpers. Darin vermute ich den Grund dafür, dass ich das Verb lustig finde und auch viele der Sätze, die es enthalten:

Auf jeden Fall muß man den Gästen beizeiten einbleuen, daß sie auf keinen Fall jemanden mitbringen dürfen! Sonst hat man ein oder zwei Stunden lang die Wohnung voll mit Gestalten, die man überhaupt nicht kennt und auch nicht kennenlernen wird, die dafür aber so ungehemmter in die byzantinischen Bodenvasen aschen, (…)
Max Goldt, Die Mitgeschleppten im Badezimmer

Wenn ich Vermieter wäre, würde ich auch immer ne Stunde vor dem vereinbarten Termin kommen, damit ich sehe, wie meine Mieter in Müslischalen aschen oder den Herd nicht saubergemacht haben.
C.

Brotsorten

Voraussetzung für den Empfang der Kommunion ist der Glaube an die Realpräsenz Christi. Darum dürfen kleine Kinder (außer in den katholischen Ostkirchen) nicht kommunizieren, da sie den Leib Christi noch nicht von normalem Brot unterscheiden könnten.

Wikipedia

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Abendmahl&oldid=75955262#R.C3.B6misch-katholische_Tradition

So bunt, so romantisch, so witzig

Ein mit erklärungsbedürftigen Wundern, Daseinsformen und Phänomenen um sich schmeißendes Buch wie Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär ist schwer zu adaptieren. Zu einer vor Jahren mal umraunten, bisher nicht in Sichten Filmfassung verriet Walter Moers die Parole „Alles außer Trickfilm!“ Von Malik habe ich die Überzeugung, dass Stop-Motion die ideale Technik wäre. Ich hoffe jedenfalls, dass das Projekt noch betrieben wird, und zwar von kompetenter Seite. Furchtbar misslungen ist ja das Musical, dass die Wunder Zamoniens auf ein visuell absolut unbeeindruckendes Kasperltheater zusammendampfte. Immerhin bleibt es durch einige musikalische Highlights positiv in Erinnerung, zum Beispiel durch die folgende Passage aus der Nummer Blau muss mein Geliebter sein. Man muss sie aber hören, gesungen, nein, geschrien von Fredda der Berghutze, um dem vollen Zauber zu verfallen.

Ist es auch komplementär,
mir gefällt Orange nicht sehr.
Mint, Rosé und auch das Pink
sind ganz sicher nicht mein Ding.
Gold und Silber oder Bronze
haben bei mir keine Chance
und du solltest dich verzieh’n,
wenn dein Ton ist Aubergine.
Mir vergeht der Appetit,
denk ich nur an Anthrazit.
Rosa, Lila und Oliv
macht mich richtig aggressiv.
Bist du grün, dann kann es sein,
hau ich dir die Zähne ein.
Ich mag Gelb nicht und kein Ocker,
Blau, nur Blau haut mich vom Hocker!

Und wo wir gerade bei lustigen Liebesliedtexten mit Farben sind, zitiere ich noch eine Strophe aus Stereo Totals Ich weiß nicht mehr genau:

Mein Gedächtnis hat Löcher.
Ich weiß nicht mehr genau:
Welche Farbe hatten seine Augen?
Ich glaub, die waren blau.
Waren sie blau, waren sie grün
oder waren sie grau?
Oder wechselten sie ständig
vom Wetter abhängig?

Sollte Ihnen der Text metrisch zweifelhaft erscheinen – Françoise Cactus singt mit französischem Akzent, die darf mit der Betonung machen, was sie will. Darin besteht ein nicht unwesentlicher Teil des Reizes bei Stereo Total…

Air Quotes

Anführungszeichen kann man nicht aussprechen. Das ist ein Problem, wenn man Texte mit Anführungszeichen vorliest. Bei Zitaten oder wörtlicher Rede nicht so sehr, da kann man sich die Anführungszeichen aus dem Kontext und der Stimmführung dazudenken. Werden Anführungszeichen aber verwendet, um sich von der benutzten Wortwahl zu distanzieren, um Unglauben oder Ironie auszudrücken, muss man sie irgendwie explizit wahrnehmbar machen. Seriös, aber dem Zuhörer auch leicht entgänglich ist es, vor den angeführten Worten eine hörbare Pause zu machen und sie dann etwas überbetont vorzulesen. So wird es z.B. bei ZEIT Audio gemacht. Max Goldt verwendet auf seinen Lesungen zuweilen die, höhö, Höhö-Methode, höhö, Sie verstehen. Hat man Blickkontakt zum Zuhörer und keine Angst vor dem etwas schlechten Image dieser Geste, wird man dagegen air quotes verwenden.

Bei air quotes hebt man beide Hände auf Kopfhöhe und zuckt – meist zweimal – mit Zeige- und Mittelfingern. Häufiger als beim Vorlesen kommen air quotes als Geste beim mündlichen Kommunizieren zum Einsatz. Über ihre schon recht lange Geschichte verrät die englische Wikipädie mehr.

Wie sollen air quotes eigentlich auf Deutsch heißen? Ich dachte erst an Entenfüßchen wegen Gänsefüßchen und weil sie oben in der Luft sind statt unten auf Papier und Enten ja gründeln – nur: Beim Gründeln bleiben die Füße im Gegensatz zum Bürzel unter Wasser, also stimmt das Bild leider nicht. Vorschläge willkommen.

Mein Schatzkästlein des Humors enthält eine bisher zweiteilige Materialsammlung zum dem Thema: einen Ruthe-Cartoon (Air quotes mit Hufen! Göttlich!) und ein Zitat aus der Simpsons-Folge, in der Bart mit einem Doppelgänger aus reichem Hause die Rollen tauscht:

Lisa: Mom, “Bart” has something to tell you.
Marge: I don’t like the look of those air quotes.