Archiv der Kategorie: Kunst

And Then There Were None

Ten guests are invited to a large house on a small island. When they arrive, their host is nowhere to be found. Soon, they hear a mysterious voice that accuses them of being guilty of murder – then, suddenly, one of the guests drops dead – poisoned! One down, nine to go! The excitement never lets up in this classic and brilliant murder mystery presented by the Anglo-Irish Theater Group.

In this English-language production of Agatha Christie’s And Then There Were None, which through its take on the afterlife of the murdered guests adds a whole new edge to the classic murder mystery, I myself will be playing the role of General MacKenzie. Texttheater readers with physical access to Tübingen should not miss this opportunity to see us, the Anglo-Irish Theatre Group, on the most important theatrical stage of our small university town, the Großer Saal of Landestheater Tübingen (LTT).

We perform on Tuesday, July 19th and Wednesday, July 20th at 8 PM. Tickets should be available on line (if the booking system works, it didn’t for me), through booking offices and from the box office located, like the theatre, at Eberhardstr. 6.

Looking forward to seeing you there!

Turmbau zu Straßburg

Um diese nette Beobachtung noch einmal in einem weniger flüchtigen Medium als der Süddeutschen Zeitung festzuhalten (ich fand gerade einen vergilbten Ausschnitt vom 17. Januar 2007), amerikanische christliche Fundamentalisten haben die Europäische Union als die Hure Babylon identifiziert. Als Hinweise darauf werten sie nicht nur unsere babylonische Sprachenvielfalt, sondern auch die Architektur des Straßburger Parlamentsgebäudes:

Pieter Bruegel der Ältere, Turmbau zu Babel (1563)

Europäisches Parlament, Straßburg, Foto: mitko_denev

Wir gottlosen Altweltler.

Nicht funktional, aber dekorativ

Ubuntu 10.04 beim Erwachen auf einem ThinkPad W510:

abstraktes Muster aus leuchtend farbigen Rechteckenabstraktes Muster aus leuchtend farbigen Rechteckenabstraktes Muster aus leuchtend farbigen Rechtecken

Der linke Teil sieht aus wie HELP!, der rechte auch ein wenig. Solange der Rest der Botschaft nicht lautet „Ich bin in einer Laptopfabrik gefangen!“ oder „Ich werde von Canonical Ltd. gefangengehalten, weil ich ihrem Weltherrschaftsplan auf die Schliche gekommen bin“, muss ich aber nichts unternehmen, denke ich.

Sockelschau

In Heilbronn gibt es noch bis zum 14. Februar 2010 die Ausstellung Das Fundament der Kunst – Die Skulptur und ihr Sockel seit Alberto Giacometti:

Der Bogen wird dabei vom repräsentativen Sockel am Ende des 19. Jahrhunderts über die Verkleinerung und die ironische Paraphrase bis hin zu einer erneuten Überdimensionierung gespannt. Die Ausstellung zeigt ebenso die Verschmelzung des Sockels mit der „Figur“ wie auch seine Verselbstständigung als skulpturales Element. (Flyer zur Ausstellung)

Wie man sich denken kann und die Fotos im Flyer bestätigen, ist das ein extrem dankbares Thema. Mit meiner Faszination für das Marginale, Unwesentliche und Dienende beziehungsweise für die Befreiung desselben aus diesen Rollen muss ich da unbedingt hin.

http://www.museen-heilbronn.de/index.php?d=/sonderausstellungen/DasFundamentderKunst/&f=cont_sonderausstellungen.htm&anchor=_sonderausstellungen_DasFundamentderKunst_&anchor=_sonderausstellungen_DasFundamentderKunst_#_sonderausstellungen_DasFundamentderKunst_

Nie ohne Titel

Ich bin so sehr ein Mensch der Worte, dass ich in Museen meistens zuerst wie ein Adler auf das Schildchen zuschieße, bevor ich mir ein Werk ansehe. Vor diesem Hintergrund finde ich es sehr nachahmenswert, dass die aktuelle große Monet-Ausstellung in Wuppertal auf Schildchen verzichtet und alle Angaben zu den Werken groß an die Wände gemalt hat.

Ein Raum und ein Treppenhaus

Nach The Quintet of the Astonished will ich heute zwei weitere meiner Lieblingskunstwerke vorstellen. I Am Sitting in a Room (2005) ist Residuums digitale Wiedererschaffung des gleichnamigen Stücks von Alvin Lucier (1970). Der sprach damals folgenden Text auf Band…

I am sitting in a room different to the one you are in now. I am recording the sound of my speaking voice and I am going to play it back into the room again until the resonant frequencies of the room reinforce themselves so that any semblance of my speech with perhaps the exception of rhythm, is destroyed. What you you will hear, then, are the natural resonant frequencies of the room articulated by speech. I regard this activity not so much as a demonstration of a physical fact, but more as a way to smooth out any irregularities my speech might have.

…nahm auf einem anderen Band das Abspielen des Textes in einem Raum (mit spezifischen Resonanzeigenschaften) auf und tat dasselbe immer wieder mit der jeweils letzten Aufnahme, bis aus dem Sprechen ein sphärisch-abstraktes Pfeifen und Kreischen geworden war. Mehrere (alle?) Aufnahmen aus der Reihe bilden das fertige, ca. 15-minütige Stück. Eine gute Idee, aber eine ungenießbare Umsetzung. Residuums Version ändert das, indem es die Imperfektionen der Wirklichkeit hinter sich lässt. Statt eines Menschen spricht ein (sehr blechernes) Text-to-Speech-System, und statt einen echten Raum den Klang filtern zu lassen, wird eine digitale, wahrscheinlich nicht sehr realistische Simulation bemüht. Mit jeder Iteration wird es halliger, ungefähr ab der 32. ist keine Ähnlichkeit mit Sprache mehr wahrnehmbar und man kann sich das wirklich gut anhören.

Ganz früher war ich mal in einem Physikerlebnismuseum für Kinder gewesen und hatte dort ein säulenförmiges „Klavier“ gesehen, dessen acht Tasten im Kreis um die Säule herum angeordnet waren. Jede Taste schien einen höheren Ton zu produzieren als die links von ihr. Ging man um das Klavier herum und spielte eine Tonleiter, produzierte man scheinbar ständig höhere Töne, ohne jemals die eine Oktave zu verlassen. Diese Illusion entsteht dadurch, dass immer ein Sinuston zusammen mit vielen Ober- und Untertönen gespielt wird, die zu den Rändern des hörbaren Frequenzspektrums hin leiser werden (Shepard-Skala, der Beginn eines langen faszinierenden Wikipädiegeklickes).

Da es damals noch keine Wikipädie gegeben hatte, geriet ich mit Shepard-Tönen erst wieder in Kontakt, als ich 2007 durchs ZKM schlenderte, außer einem Industrieroboter, der die Bibel auf Pergament kalligrafierte, noch nicht viel Begeisterndes gesehen hatte, und mich nicht groß fragte, woher das leise Jaulen in der Ausstellungshalle kam – na geh, die Lüftungsanlage würde es halt sein. Man kann sich meine Begeisterung vorstellen, als ich schließlich Elín Hansdottírs treppenhausförmige Installation Drift betrat, das Jaulen genauer hörte und gewahr wurde, dass der Shepard-Effekt auch als absteigendes Glissando funktioniert! Absteigend war auch deshalb gut, weil man die weiß verschalte Treppe hinaufsteigen musste, die Wände des Schachtes sich aber so neigten, dass es erst ein wenig klaustrophobisch und dann ziemlich plötzlich surreal zwergenhaft wurde; weiter ging es nicht. Diesen Effekt kombiniert mit dem Shepard-Glissando, das man im Mittelalter für ein eigenhändiges Werk des Satans zum Verstoß gegen die Ordnung des Kosmos gehalten hätte, fand ich sehr beeindruckend. Was auf clevere Weise an Urängste rührt, ist mir ohnehin die liebste Kunst.

Rundgang durch die Kunstakademie. Stream of consciousness

Hoppla, ist das nicht Herr M.? Na, besser nicht ansprechen. Ich würde länger brauchen, um zu erklären, wer ich bin, als wir uns was zu sagen hätten. Gut, er geht in eine andere Richtung. Aber ich bin gewarnt. Bestimmt werde ich hier noch jemanden treffen, den ich wirklich kenne. Bin mal gespannt, wen. Heiligemariamuttergottes, der Stieleke! Den sprech ich auch nicht an. Ah nee, er ist es gar nicht. Was ist denn das hier, da hat jemand eine Art Netz aus an zwei Seiten aufgeschlitzten Fensterumschlägen gewoben. Wie ideesam und schön! Sind viele von ING dabei, wahrscheinlich selbst empfangen und gesammelt. Eigentlich schade, dass ich nicht auch was Künstlerisches studiere – das bietet so viele Möglichkeiten, im Alltag seiner Kreativität zuzuarbeiten. Und diese hohen Ateliers – toll! Was haben wir denn hier *reinlatsch*, vier Holzbalken als Rauminstallation. Mist, da sitzt ja die Künstlerin am Eingang. Gleich, wenn ich mich umdrehe, darf ich kein zu abschätziges Gesicht machen. Und nicht zu schnell gehen. Wobei, das ist ja lächerlich jetzt, was schreite ich so bedächtig, hier gibt es ja wirklich nichts zu sehen. Ach so, das waren Kunstwerke von vier verschiedenen Kunststudenten hier drin! Na klar, für eine Person wäre es auch ein bisschen viel gewesen. Trägt ja auch jeder Holzbalken seine eigene unverwechselbare Handschrift. Haha. Im nächsten Raum beim Reinkommen auch zunächst Plunder, aber das hier, das ist ja geil, das spricht sofort zu mir: Eine mittelgroße einstellige Anzahl von Holzstühlen, zersägt und dysfunktional, aber formschön neu zusammengesetzt. Eine Etage drüber wird es richtig, richtig geil – eine Installation aus geschundenen, ihrer Natur beraubten Kreaturen. So eine gut gemachte Darstellung der totalen Perversion des Lebens habe ich ja lange nicht mehr gesehen. Der Erschaffer des Ganzen, das mutierte Skelett da, das da Frankenstein spielt und gerade ein so übel zugerichtetes Kleintier seziert – woraus ist das wohl modelliert -, dass die Art nicht mehr zu erkennen ist, ist die vermonstertste Kreatur von allen. Und das mit so einfachen Mitteln wie Staubsaugern und Schaufensterpuppen. Hier der Kerl da vorne, der PU-Schaum sieht aus wie Kotze oder wie rausrinnende Gehirnmasse. Und wie alles laborhaft und doch extrem schmuddelig wirkt – der speckige Teppich, die Geräte an den Wänden, der Erlenmeyerkolben neben dem ungespülten Rotweinglas. Sehr gut gemacht! David Wagner heißt der Künstler, leider schüchtern, hat keine Handynummer auf die Kontaktliste am Eingang geschrieben, nur eine E-Mail-Adresse, die man nicht lesen kann und die er sich mit seinen Eltern zu teilen scheint. So weit von meiner Lebenswirklichkeit entfernt. Aber wonach sollte ich ihn auch fragen – nach dem Preis des Kunstwerks? Vor dem nächsten Raum werden T-Shirts mit „I love my cunt“ verkauft. Gibt es drinnen also wieder Vulvalkunst (wie eben unten schon)? Nein, alle gemalten Menschen angezogen… doch, eine Zeichnung in der Ecke! Zwei fiese volksrepublikanische Funktionäre scheinen den Preis einer schwebenden Nackten auszuhandeln. Ich habe noch keine einzige Visitenkarte gesehen, dabei stand doch in der Zeitung, die jungen Künstler wollten vor allem mit Galeristen in Kontakt kommen. Ist aber nicht, die sind schon müde, sitzen im Gang, hören laut Musik, trinken und lachen. Im allerletzten Raum, den ich betrete, dann der einzige, der ungefragt seine Bilder zu erklären beginnt. Personalunion mit dem erwarteten unerwarteten Wiedersehen – Christoph erkannte mich gleich als Görresianer; hatte keine Ahnung, dass der an der Kunstakademie ist. Vierter Stock – die architektonische Entwicklung Düsseldorfs der letzten Jahrzehnte hat es mit niemandem so gut gemeint wie mit denen, die hier arbeiten. Die Landesversicherungsanstalt hat, von hier aus in der Dunkelheit gesehen, eine Zwiebelkuppel.

The Quintet of the Astonished

von Bill Viola (siehe da) ist eins meiner Lieblingskunstwerke. Es handelt sich um ein Video von wenigen Sekunden, das durch Superzeitlupe auf ca. 15 Minuten Länge ausgedehnt wurde. Es zeigt eine Gruppe von Menschen, die irgendetwas mit heftigen Emotionen zu beobachten scheinen. Am Anfang dachte ich aufgrund der starren Haltung und der anhaltend verzerrten Gesichter an die Gram an einem Sterbebett. Oder war das eine langsamkeitsbedingte Täuschung? Als ich die Bewegungen weiter verfolgte, kam ich auf den Gedanken, das seien die Zuschauer eines Sportereignisses. Bill Viola selbst hatte anscheinend die Dornenkrönung im Sinn. So vielfältige Sichtweisen eröffnet The Quintet of the Astonished auf Anhieb. Jedenfalls wird es ab und zu im Fernsehen nachgestellt. Wenn nämlich bei der Wiederholung von Torchancen im Fußball die Trainerbank im Bild ist.