Sergius und Virata

Ich lese gerade die Erzählung Pater Sergius von Lew Tolstoi. Der Titelheld ist ein Mann, der erst als Kaufmann, dann als Ordensbruder, dann als Einsiedler mit seinem Hochmut kämpft. Als Einsiedler wird er berühmt – da fühlte ich mich an Stefan Zweigs wunderbare Erzählung Die Augen des ewigen Bruders erinnert, in der dem Protagonisten Virata als Einsiedler Ähnliches widerfährt. Und die Parallelen gehen tiefer: Virata und Sergius sind Menschen, die in ihrem Streben nach einem moralisch einwandfreien Leben nie zur Ruhe kommen. Nach alltäglichen Maßstäben sind sie verrückt. Virata zieht sich immer weiter zurück, weil er, egal, wie er sich verhält, immer noch das Leid sieht, dass er anderen Menschen zufügt, und vergeblich versucht, das Schuldigwerden gänzlich abzustellen. Erst als er sich so verhält, dass er nicht mehr durch Selbstlosigkeit die Bewunderung der Menschen auf sich zieht, sondern durch Selbstentwürdigung ihre Verachtung und ihr Vergessen, kommt er seinem Ziel nahe – keinem Menschen mehr zu schaden. Zweigs Held ist mir sympathischer als Tolstois. Bei dem steht immer Gott zwischen ihm und den anderen Menschen – stellenweise besteht Sergius‘ Konflikt gerade darin, dass das gottgefällige Leben eben nicht unbedingt das Leben ist, das den anderen Menschen am meisten hilft. Pater Sergius, wie überhaupt Tolstois späte Erzählungen mit ihrem stickigen Christentum und ihrer Fixierung auf Sexualmoral, muss man nicht gelesen haben. Die Augen des ewigen Bruders hingegen besorgt sich das kluge Lesefröschchen, wenn es sie noch nicht kennt, am besten noch heute.

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