Archiv des Autors: Kilian Evang
Die Münze für Selbstentscheider
Manchmal kann man sich zwischen zwei Möglichkeiten schier nicht entscheiden. Dann bleibt als letzter Ausweg der Münzwurf. Bei mir ist es so: Wenn die Münze erst mal geworfen ist, schlage ich ihren Rat regelmäßig in den Wind und entscheide mich dann doch anhand von Gründen. Es ist, als würde der Münzwurf nur die klemmende Waage anstupsen, damit sich die doch etwas schwerere Schale endlich senken kann. Für Leute wie mich könnte man mal eine Münze mit zwei gleichen Seiten herstellen und – etwa über den Antipreneur-Shop – vertreiben.
Der Grund, warum
Und ich hatte schon gedacht, auf Englisch würde sich niemand darüber aufregen. Anscheinend gibt es aber doch Leute, die das stört:
Der Mann im grünen T-Shirt hatte vorher wohl „the location where“ gesagt – eine unschöne Dopplung, weil sowohl in location als auch in where steckt, dass es um einen Ort geht. In dieselbe Kategorie gehören „the reason why“, „the time when“ und, etwas entfernter, „just because … doesn’t mean …“ wie in Homer Simpsons sehr schönem Sinnspruch „Just because I don’t care doesn’t mean I don’t understand.“ Ich wage mal zu behaupten, dass all diese Wendungen weit weiter verbreitet sind als ihre „richtigen“ Pendants „the reason for which“, „the time at which“ und „that … doesn’t mean“.
Und wenn Sprache logisch wäre, wäre ich arbeitslos.
Trotzdem tue ich hiermit kund, dass es mich im Deutschen zwiebelt, wenn es heißt „der Ort, wo“ statt „der Ort, an dem“, „die Zeit, als“ statt „die Zeit, zu der“ oder – am schlimmsten und verbreitetsten! – „der Grund, warum“ statt „der Grund, aus dem“. Schätze, ich schätze die Vielfalt und Willkür der von den einzelnen Substantiven regierten Präpositionen zu sehr.
Auch die because–mean-Dopplung hat ein unschönes Pendant (wenn auch kein Äquivalent) im Deutschen: „Nur weil es mir egal ist, heißt das noch lange nicht, dass ich es nicht verstehe.“ Dieser Satz könnte jetzt theoretisch als Leserkommentar folgen.
Hirnforschung und Willensfreiheit
Da war letzte Woche mal wieder ein Interview zum Thema Hirnforschung und Willensfreiheit in der Zeit. Wie man sieht, bringt mich das Thema in Wallung. Es könnte daher passieren, dass hierzublog eine Artikelserie folgt. Beginnen wir so:
Bisher habe ich zwei „Probleme“ ausmachen können, zwei wissenschaftliche Positionen, die von vielen als störend oder beunruhigend empfunden werden, und dieses Empfindens wegen gibt es die Debatte. Leider werden die beiden Probleme nur selten sauber voneinander unterschieden.
1) Der freie Wille ist eine Illusion. Das geht auf Experimente des Hirnforschers Benjamin Libet aus den siebziger Jahren zurück. Er fand anscheinend heraus, dass Entscheidungen (z.B. einen Knopf zu drücken) neurophysiologisch unumkehrbar werden, bevor sie der Person, die entscheidet, bewusst werden. Das Gehirn setzt eine Ereigniskette in Gang, die zum Senden von Impulsen durch Nerven, zum Bewegen von Muskeln, kurz: zum Ausführen von Handlungen führen, und das Bewusstsein weiß erst Sekundenbruchteile später davon. Legt man die gängigen Vorstellungen von Raum und Zeit zugrunde, kann das Bewusstsein also keine Macht über Entscheidungen haben. Kommt es uns also so vor, als würden wir Entscheidungen bewusst treffen, muss das eine Illusion sein. Kann man trotzdem noch sagen, dass man selbst sein Handeln bestimmt? Wer oder was ist man selbst?
2) Der freie Wille ist nicht frei. Diese These basiert nicht auf irgendwelchen konkreten Erkenntnissen der Hirnforschung, sondern man muss das eigentlich als Annahme voraussetzen, wenn man Hirnforschung überhaupt betreibt. Denn Naturwissenschaft bewegt sich grundsätzlich innerhalb eines naturalistischen Weltbildes. Welche Ursachen man also auch immer für menschliches Verhalten und Empfinden findet, ob das Bewusstsein eine entscheidende Rolle spielt oder nur machtloser Zuschauer ist – letzten Endes wird man alles auf die Positionen und Bewegungen von Elementarteilchen zurückführen, der Mensch wird also physikalisch determiniert sein. Die Menschen neigen dazu, Erkenntnisse wie diese nicht schmeichelhaft zu finden. Manche wehren sich dagegen, von Teilchenbewegungen bestimmt zu sein, wie andere sich dagegen wehren, vom Affen abzustammen. Die Quantenmechanik liefert einen Ausweg: Ihr zufolge ist, so weit ich weiß, bei allen Teilchenbewegungen eine Menge objektiver Zufall im Spiel, der sich wissenschaftlichen Vorhersagen entzieht. Statt nun aufzubegehren, zufallsgesteuert wolle man schon gar nicht sein, sollte das gekränkte Individuum m.E. berücksichtigen, dass nicht alles, was Zufall heißt, auch profan sein muss – hinter dem Unvorhersagbaren kann man ein metaphysisches Selbst oder einen Gott vermuten, wenn man möchte.
Noch habe ich nicht herausgefunden, um welches dieser beiden Probleme sich die Debatte in den letzten Jahren hauptsächlich gedreht hat. Vielleicht ging es immer nur munter durcheinander. Gemeinsam ist beiden Problemen, dass sie gängigen Vorstellungen vom „freien Willen“, von Schuld und Verantwortlichkeit die Grundlage zu entziehen scheinen. Damit lassen sich trefflich Schlagzeilen machen. Ich finde aber, bevor wir uns aufregen, müssen wir uns erst mal darüber klar werden, was das überhaupt für Grundlagen gewesen sein sollen. Worauf haben unsere Vorstellungen von Schuld, Verantwortlichkeit, gerechter Strafe usw. denn vorher basiert? Wie haben wir uns den freien Willen vorgestellt, bis er als Illusion entlarvt wurde? Frei wovon wollen wir unseren Willen haben?
Neben mir liegt das Buch mit demselben Titel wie dieser Blogeintrag. Es enthält ein gelesenes Vorwort und 31 ungelesene Aufsätze. Ich hoffe für die nächste Zeit auf Erkenntnisgewinne, die die Wände wackeln lassen. Wenn ich das Gefühl habe, dass es sich lohnt, werde ich Sie, liebe Leser, an meinem Erkenntisprozess teilhaben lassen.
Porter Stemmer for German in Python
Anybody need a quick and dirty Python 2.5.2 implementation of the Porter German stemming algorithm?
I wrote one for the German S.L.U.T student project today: porterde.py
The only testing I did is running it on the complete list of examples on above page (pink background).
To use, import porterde as a module and call porterde.stem(word). The function requires and returns unicode strings.
Edit: I should have looked harder before jumping into this, there already is PyStemmer which does the same but for eight languages. Thanks to Mathieu for pointing that out.
Sozialpädagogisches Mission Statement
Es waren einmal zwei Jugendleiter in Schwerin…
Kinder brauchen Grenzen. Wir rücken die Grenzen in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Die emanzipatorischen Wurzeln unseres Metiers verführen dazu, mit Kindern auf Augenhöhe zu sprechen. Traumata der Vergangenheit haben uns jedoch klug werden lassen: Heute arbeiten wir an uns, bis wir in jedem Kind einen kleinen Kriminellen sehen. Einmal in die Falle des Regelverstoßes getappt – und uns sollte der Teufel holen, wenn wir mit den Kindern Regeln „vereinbaren“ würden, an die man sich auch halten kann – hat das Kind Unrecht, komme, was da wolle, da wird nur noch draufgehauen und kleingemacht. Schließlich haben wir Werte zu vermitteln: „AUF DIESE WEISE IST ES KLAR, DAS SOLVEIG UND KEVIN VOLL IN DEN KONFLIKT KOMMEN! WIR SIND EINE GEMEINSCHAFT UND WIR STELLEN UNS UNSEREM PROBLEM, VERSTANDEN?!“ Unsere Macht ist die Definitionsmacht darüber, worin das Problem besteht (man hat das ja schließlich studiert). Von dieser Definitionsmacht kein Jota an ein Kind abzugeben, so vernünftig es auch argumentieren mag, ist das Wichtigste überhaupt. Sachargumenten mit dem Wechsel der Gesprächsebene zu begegnen („Darum geht es nicht, es geht darum, dass du…“) ist das A und O unserer Kommunikationskunst. Nur so gelingt es, während einer Jugendfreizeit permanent zu gut für diese Welt und entsprechend übellaunig zu sein. Die volle pädagogische Kunst ist erst entfaltet, wenn es beim Anblick unserer galligen Mienen, hinter denen wir die nächsten Attacken auf unsere Schützlinge vorbereiten, schon beim Frühstück auch den anderen Gästen der Jugendherberge die Kehlen zuschnürt.
Handylomo
Wo wir’s gerade von schlechten Handykameras hatten: Hier sind meine gesammelten Werke aus der Ära NEC N34li, in voller Auflösung.
Abstract Art
Assembly
Bibliothek
Ecke
Hohestadt
Kopfhörer
Kugeln
Loch Loch
Mandarinen
Mathe
Mikrofone Ⅰ
Mikrofone II
Minidiscs
Mischpult
Old Dictionary
Ordner
Papier
Parallel?
Pfauenauge Ⅰ
Pfauenauge II
Pfauenauge III
Pfauenauge IV
Ravensburger
Rund
Schloss
Schöpfergeist
Sonne (Foto: Viola)
Stifte
Struktur
Stufen
Stühle
Tablesoccer
Tasten
Text
Tropfen
Valentin
Viola
Vorhang
iPhone – Mythos und Wirklichkeit
Vor fünf Monaten kaufte ich mir ein iPhone 3G und erwartete, man würde mich dafür dissen. Tat man aber nicht. Was mache ich jetzt mit der sorgsam vorbereiteten Verteidigungsschrift? Einfach ablegen:
Ein so hochgezüchtetes Handy ist nur zum Angeben. Stimmt nicht. Ich hatte den starken Wunsch, Telefon und MP3-Player immer dabei haben zu können, ohne mehr als ein Gerät zu schleppen. Wenn man dann auch noch Wert darauf legt, viel Musik in akzeptabler Qualität dabeizuhaben, hat man schon nicht mehr viel Auswahl auf dem Handymarkt. Internetfähgikeit und GPS waren mir nicht wichtig, aber auch nicht zuwider. Auf die Designer-Marke hätte ich lieber verzichtet und z.B. das Android-Handy G1 genommen, aber für diesen Ausbund and Hässlichkeit war ich dann doch zu sehr Ästhet.
Niemand braucht ein Internet-Handy. Stimmt nicht. Ob es jetzt gut war, dass ich zum ersten Mal eine ganze Urlaubswoche lang jeden Tag meine E-Mails und Feeds gelesen und so manche Mail auch geschrieben habe, mag man sich streiten. Was ich indes nie mehr missen möchte, ist die Maps-Applikation. Meine Orientierungsfähigkeiten in fremdem Gelände sind nicht überdurchschnittlich und ein zoombarer Stadtplan, der in die Handfläche passt und – entscheidend! – einem zeigt, wo man sich befindet, ist ein wahrer Segen.
Das iPhone ist viel zu teuer. Stimmt nicht. Es kostet viel, ist aber jeden der ca. 750 € (Zuzahlung + zwei Jahre überdimensionierter Mobilfunkvertrag) wert. Wie bei Apple üblich, ist viel Geld und hektoliterweise Schweiß darein geflossen, dass die Bedienung einfach ist und das Ding verdammt noch mal einfach funktioniert. Und das ist unterwegs entscheidend. Zum Beispiel verbindet sich mein iPhone praktisch immer innerhalb von drei Sekunden mit jedem WLAN, das es schon kennt. Es funktioniert einfach. Kann das Ihr PC?
Auch das iPhone hat gravierende Mängel. Stimmt. Die Kamera des 3G fällt hinter die Qualitätsstandards des Restgeräts weit zurück, sie taugt überhaupt nichts (die des Nachfolgemodells 3G S soll besser sein). Will man also auf das Mitschleppen eines weiteren Geräts, einer eigenen Kamera, verzichten, muss man sich schon auf sehr mindere Schnappschüsse bei guter Beleuchtung beschränken. Der ganze Spuk mit der closed-source-Software ist natürlich auch ein gravierender Mangel – ich wusste schon beim Kauf, dass ich ominöse Tools und viel Nervenstärke würde einsetzen zu müssen, um das Gerät unter Linux mit Musik befüllen zu können. Hat aber geklappt. Völlig unverzeihlich ist, dass man ohne Jailbreak und hackichte Modifikationen auch keine Chance hat, in SMS-Nachrichten Wörter zu verwenden, die nicht im Wörterbuch der jeweils aktivierten Sprache stehen. Hat man solches schon vernommen?! Wer mich nur ein bisschen kennt, weiß, wie sehr das meinem Gebrauch von Sprache widerspricht.
Kronloyal (Remastered)
Eine verbesserte Neuinszenierung des Publikumsrenners Kronloyal
Im StudiVZ, dem deutschsprachigen sozialen Netzwerk für Studenten, kann man seine politischen Überzeugungen wie folgt angeben: unpolitisch, Kommunist, sehr links, links, Mitte links, grün, liberal, Mitte rechts, rechts, konservativ oder kronloyal. Kronloyal! Dieses Wort in die Liste aufzunehmen ist ein lustiger Scherz, aber auch ein erstklassiger Schnappschuss vom Zeitgeist.
Ein paar subjektive Beobachtungen: Gar nicht wenige Studenten heften sich das Prädikat „kronloyal“ mit Begeisterung an die Brust. Kronen, also feudale Insignien, zieren Gesäßtaschen und Tops von Jugendlichen. Jugendliche bitten darum, an die Kandare genommen zu werden und die Zahl der Pädagogen, die bereit sind, das zu tun, wächst. Diese sind dann „modern“ Es läuft unter Schlagwörtern wie „Disziplin“ und „Manieren sind wieder ,in‘“. Sich Autoritäten zu unterwerfen ist einfacher, als in Eigenverantwortung dafür zu sorgen, ein guter Mensch zu sein. Uncool ist das auch nicht, denn die zugehörige Elterngeneration ist im Großen und Ganzen liberal. Indem man konservativer ist als konservativ – kronloyal eben – kann man also ein echter Rebell sein, ein Lehrerschreck (wenn man nicht an einen „modernen“ Lehrer gerät).
Ist es okay, konservativ zu sein? Was bedeutet „konservativ“ eigentlich? Ich verstehe darunter die Grundhaltung, am Bestehenden festzuhalten. Wenn jemand an sich bemerkt, dass seine Ansichten oft dazu tendieren, dann darf und soll er sich als konservativ bezeichnen, so denke ich. Wie man sich den Begriff allerdings auf die Fahnen schreiben kann, habe ich nie verstanden. Am Bestehenden hält man fest, weil es entweder nichts Besseres gibt – dann kommt die Frage überhaupt nicht auf, es wird nicht politisch – oder aus Faulheit. Faulheit, einschließlich Denkfaulheit und Lernfaulheit, ist ohnehin eine Haupttriebfeder menschlichen Tuns und vor allem Lassens. Das ist auch richtig so, denn Zeit und Energie sind knapp. Aus dieser Selbstverständlichkeit ein politisches Bekenntnis zu machen, halte ich für dumm bis bedenklich. Denn der Begriff bemäntelt die tatsächlichen definierenden Eigenschaften der so genannten Konservativen. Die sind meist treffender als Wirtschaftsliberale, Religiöse oder Autoritäre zu beschreiben. Wenn Jugendliche so drauf sind, fühle ich mit dem Lehrer, der darüber erschrickt.
Manche sind auch einfach starrsinnig, und für die klingt ein Begriff wie „konservativ“ zu freundlich. Wer das Bewährte verteidigt, ist freilich noch nicht gleich starrsinnig. Wenn etwas bewährt ist, also seit langer Zeit erfolgreich im Einsatz, ist das ein Hinweis auf seine Qualität, den es zu berücksichtigen gilt. Starrsinnige machen jedoch den Fehler, Bewährtheit als eine Komponente der Qualität anzusehen: Für sie ist etwas gut, weil es alt ist. Gegen solche Scheinargumente hat das Neue nie eine faire Chance. Mein Lieblingsbeispiel für Starrsinn, bemäntelt mit bemerkenswert schlechten Sachargumenten, ist Prof. Dr. Ch. Meiers Essay für Beibehaltung und Wiedereinführung der „bewährten Rechtschreibung“. Die Tugend der Faulheit vom Laster des Starrsinns säuberlich zu unterscheiden, das sollte Schulfach sein.
Wörter mit Z
zerˈfil·men <V.t.; hat> (ein Buch) schlecht verfilmen
zerˈfress·lich <Adj.> ätzend [Grinsekater, Re: Beinkleid bleibt Beinkleid. Bleibt Beileid Beileid?]
zerˈgnü·gen <V. t.> jmdn. oder sich ~ jmdn. od. sich heiter unterhalten wollen, was jedoch unbeabsichtigt zu einer Qual gerät; In dieser Bar haben wir uns den ganzen Abend zergnügt, durften uns aber aus Rücksicht auf Claudes Gefühle nichts anmerken lassen.
ˈzu·schus·seln <V. t.> jmdm. etwas ~ jmdm. etwas versehentlich zukommen lassen; Edward hat mir das Passwort für seine Website zugeschusselt
ˈzu·treff·lich <Adj.> plausibel; mit hoher Wahrscheinlichkeit richtig; ja, das klingt doch zutrefflich es kann gut sein, dass das stimmt


