Archiv der Kategorie: Leben

Ein neues Lebensgefühl

Aufmerksame Leser werden sich noch an meine Armbanduhr erinnern, deren Alarm sich einmal von selbst auf 6:69 Uhr einstellte. Von dieser Uhr gibt es Neues. Sie war mal wasserdicht, aber ist es – seit sie mal in Reparatur war – nicht mehr so ganz. Das Spülwasser, das gestern hineinlief, hat Teile des Displays zerstört – die Minuten-Einerstellen werden nur noch fragmentarisch angezeigt. Die Wirkung ist frappierend: Ich fühle mich der Hektik unserer Stressgesellschaft auf nie gekannte, faszinierende Art und Weise enthoben. Ich denke nur noch in Zehnminutenabschnitten, die Klaue des Pünktlichkeitswahns lockert sich ganz von selbst. Eine eigentümliche Gelassenheit und Leichtigkeit erfüllt mich; ich freue mich des Lebens mehr als vorher, habe mehr Zeit für mich und meine Mitmenschen. Es gibt weniger Hast und mehr Lächeln in meinem Leben.

Alles gelogen. In Wirklichkeit ist mein Leben eine Spur stressiger geworden, weil es mehr Aufwand erfordert, die genaue Uhrzeit zu ermitteln.

Wo der Pfeffer wächst

Wenn die Wise Guys ein neues Album veröffentlichen, ist das immer wieder eins der schönsten Erlebnisse – schöner sogar als Weihnachten und Geburtstag zusammen. Wenn dann auch noch das CD-Präsentationskonzert als Spezialnacht quasi vor der eigenen Haustür stattfindet, beginnt man sogar die Wonnen von Sonntag und Tag der deutschen Einheit gleichzeitig zu erahnen. Und die Feste, die ich heranziehen müsste, um zu schildern, welche Glücksgefühle es mir bereitet, einen Weblog-Eintrag über meine Lieblingsmusikgruppe mit einem eleganten Seitenhieb auf eine aktuelle politische Diskussion zu spicken, müssen erst noch erfunden werden.

Vormittagsbeschäftigungen

Schnellen Schrittes das Stolpern über ein Staubsaugerkabel verweigernd entnahm ich der Wand heute Morgen erstmal eine Steckdose. Später ging ich zur Schule und hörte mir die üblichen widersprüchlichen Wünsche meiner Französischlehrerin an: „J’espère que vous avez bien passé les vacances… peut-être que vous avez un peu révisé du vocabulaire…“

Physik und Philosophie

„Schrödingers Katze“ ist ein philosophysikalisches Gedankenexperiment, bei dem in einer Kiste eine Katze sitzt, deren Leben von zufälligem radioaktivem Zerfall abhängt. Ob sie noch lebt oder schon tot ist, ist dabei nicht nur unbekannt, sondern bis zur Öffnung der Kiste überhaupt nicht festgelegt. Eine ähnliche Situation kennt man aus dem Alltag. Wenn man im fünften Stock wohnt und einen Freund zu Gast hat, der sich dann spät in der Nacht zum Gehen wendet, steht man vor der schwer zu beantwortenden Frage, ob die anderen Hausbewohner schon die Haustür abgeschlossen haben – sollte man also noch mit runtergehen, um dem Freund ggf. aufzuschließen? Ob die Haustür aber abgeschlossen ist oder nicht, lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht sagen. Die gesamte Zeitlinie, der Lauf des Universums befindet sich in einem schwankenden Zustand. Erst wenn man sich entscheidet, kristallisiert der Zeitfluss, fügen sich Raum und Zeit zu einem festen Geschehensfluss zusammen. Riskiert man’s und verabschiedet den Freund schon an der Wohnungstüre, dann hat ein treusorgender Nachbar die Tür schon vor zwei Stunden gründlich zugeschlossen. Greift man aber selbst zum Schlüssel und begleitet den Freund nach unten, so wird man die Tür dort problem- und schlüssellos zu öffnen vorfinden. Man ist dann zwar unnötig mitgekommen, aber es war nötig.

Wie man sich beschäftigt…

Corinna feilt an einer Portraitzeichnung. Malik schreibt eine Kurzgeschichte. Ich memoriere eine Lügengeschichte. Zumeist sitzende, alles schweigende Tätigkeiten. Und das veranlasst den gerade eintretenden Andi zu der Bemerkung: „Ihr bietet ein unglaubliches Bild der Langeweile!“ Oh Herr, schleudere Blitze vom Himmel wider diese Oberflächlichkeit! Dass hier keine Langeweile, sondern das Gegenteil herrscht, kann man doch sogar mit den Augen sehen, ohne groß sein Hirn anzustrengen. Andi, weißt du nicht, wie gelangweilte Menschen aussehen? In der Regel ja doch eher so wie die Typen oben, die mit halboffenen Mündern auf dem Sofa hängen, sehr lauter und sehr schlechter Musik sowie sehr viel Alkohol ausgesetzt sind und sich einbilden, sich zu amüsieren. Da, wo „was los ist“, wie Mireille sagte. Wo Langeweile nicht beseitigt, sondern narkotisiert wird. Und bei uns, bei uns kreativ Tätigen! „is ja nix los. Das is ja doof.“ Verkehrter kann man nicht denken.

DANÖNE

DANÖNE im Kühlschrank

Kühlschrank auf, Milch raus, Milch rein, aus den Augenwinkeln noch einen Blick auf die DANÖNE-Joghurts erhascht, Kühlschrank zu. Moment, „DANÖNE“? Kühlschrank auf: Aha. Ich hatte die Joghurtpackung durch eins der weiß gepünkelten Kühlschrankregalbretter gesehen – daher kamen die Ö-Pünktchen.

Zuckerl

Wenn ein Zirkuspferd beim Training etwas richtig macht, bekommt es zur Belohnung ein Zuckerstück. Wenn eine Laborratte eine Aufgabe löst, drückt der Forscher auf einen Knopf, und Elektroden senden zur Belohnung Lustimpulse in ihr Hirn. Wenn ich im Kino einen guten Trailer sehe, gehe ich zur Belohnung in den Film.

Fenster

Von klugen und philantropischen Menschen entworfene Fenster, also die meisten, sind so zu bedienen, dass man erst den einen Flügel schließt und der andere dann genau passt. Die westliche Normandie dagegen scheint voll zu sein von dummen oder bösen Fenstermachern, denn sowohl in der letzten als auch in der jetzigen Herberge haben die Fenster innen halbrunde Passformen, sodass man die beiden Flügel nur gleichzeitig öffnen bzw. schließen kann. In der Theorie ist das lediglich sinnlos. In der Praxis führt es zu großem Klemmen, Ächzen, Knirschen und Krachen. Jedes Öffnen und jedes Schließen wird zum Kraft- und Geschicklichkeitsmarathon und zaubert Risse ins Gemäuer.

Ansonsten lässt es sich prima leben.

Geschniegelte Jünglinge

Normalerweise haben alte Frauen geschniegelte, ernst blickende Jünglinge in Schwarzweiß in einem ovalen Rahmen auf dem Sekretär stehen. In Avromanches, einer normannischen Hafenstadt, wo 1944 aliierte Truppen landeten, sahen wir heute eine alte Frau, die ein solches Portrait als Tätowierung auf dem rechten Oberarm hatte.