Folien als zeitsparender Kompromiss

Ich benutze bei Vorträgen meistens digitale Folien. Nicht, weil ich das für ein tolles Medium halte. Eher aus Bequemlichkeit: Digitale Folien erfüllen mehrere Funktionen, die andere Medien zwar besser erfüllen, dafür erfüllen diese anderen Medien jeweils nur eine Funktion. Digitale Folien sind ein zeitsparender Kompromiss. Ich glaube, das ist überhaupt das Geheimnis ihres Erfolgs. Sie ersetzen (jeweils leidlich):

  1. Das Konzeptpapier. Statt sich als ersten Schritt zu überlegen, wie man den Vortrag strukturiert, kann man auch einfach drauflostippen und -klicken und nebenbei Überschriften und Abschnitte einfügen. Der Nachteil ist hier relativ harmlos, vielleicht ist man so beim Strukturieren schon von dem Erstellen einzelner Folien abgelenkt, oder man hat vor einer ersten Fertigstellung der Gliederung schon so viel Material eingegeben, dass man die Überschriften nicht mehr auf einen Blick auf einer Bildschirmseite sieht.
  2. Das Manuskript/die Stichwortzettel. Damit ein Vortrag lebendig und gut zu folgen wird, ist es sehr wichtig, dass man frei spricht und alles, was man sagen will, im Wesentlichen im Kopf hat. Natürlich kann es Hänger geben – für solche Fälle hat man immer noch die Folien, um sich daran zu erinnern, was man als nächstes sagen wollte. Folien haben gegenüber Zettelchen in der Hand den deutlichen Nachteil, dass man in der Regel nicht die Möglichkeit hat, vorauszuschauen, was als Nächstes kommt, sondern man muss die nächste Folie für das Publikum sichtbar aufrufen, bevor man sie als Gedächtnisstütze nutzen kann. Dadurch kriegt das Publikum Hänger deutlicher mit, man macht sich ggf. Überleitungen kaputt und schlimmstenfalls rauscht man voller Elan in ein neues Thema, nur um beim Weiterschalten der Folie festzustellen, dass man mit dem vorigen noch nicht fertig ist und sich unterbrechen muss.
  3. Das Tafelbild. Gute Tafelbilder entstehen während des Vortrags, idealerweise im Austausch mit dem Publikum. Indem sie Schritt für Schritt entstehen, sind sie leichter zu verstehen. Fertige Schaubilder auf Folien lassen sich mit einiger Mühe zwar auch so vorbereiten, dass sie Schritt für Schritt aufgedeckt werden, aber das ist immer weniger flexibel und bietet kaum die Möglichkeit für spontane Ergänzungen. Dafür kann man in der Vorbereitung sicherstellen, dass, egal, was man im Vortrag für Blackouts erleidet, am Ende das richtige Tafelbild vorne prangt. Außerdem kann man sich einreden, ein fertiges Bild spare Zeit – aber wenn man es schneller präsentiert, als man es hätte malen können, geht es fürs Publikum wahrscheinlich zu schnell.
  4. Das Handout. Wenn man so viel Information auf den Folien hat, dass man sie auch ohne Vortrag lesen und grob verstehen kann, ist das zunächst einmal ungemein praktisch – man muss kein separates Handout erstellen und hat trotzdem etwas, das man zum allgemeinen Nutzen und Frommen ins Internet stellen kann. Leider ist zu viel Information auf Folien tödlich für den Vortrag; zumindest mir geht es so, dass ich Textmassen auf Folien nicht vernünftig lesen kann, wenn währenddessen jemand spricht, und niemandem vernünftig zuhören kann, während vorne Buchstaben meine Aufmerksamkeit heischen. Die absolute Todsünde ist es natürlich, von Folien abzulesen, und dazu verleiten allzu vollständige Folien leider, oder schlimmer: Sie verleiten dazu, sich an ihnen zu orientieren, aber dabei ungelenk die Formulierungen zu variieren, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, man lese ab. Die Strategie, die ich mir über die Jahre angewöhnt habe, ist tatsächlich der Balanceakt, also so wenig Text, wie gerade noch geht, damit auch Nichtzuhörer/innen noch was mit den Folien anfangen können.

4 Gedanken zu „Folien als zeitsparender Kompromiss

  1. Mabü (Matthias Büchse)

    Ich schreibe meine Folien mit Latex (Beamer), und das eignet sich eigentlich nicht gerade für rapid prototyping. Und ich mache auch so wenig Text drauf wie möglich. Die Folien sollen das Gesagte ergänzen und bereichern, nicht doppeln. Deswegen versuche ich, alle wichtigen Punkte irgendwie darzustellen, aber meistens eben nicht mit Worten, also eindimensional, sondern beispielsweise zweidimensional. Stichpunktlisten finde ich besonders grausam. Übrigens sind meine Vortragsfolien alle auf meiner Webseite verlinkt. ;-)

  2. ke Beitragsautor

    Eignet sich nicht für rapid prototyping im Sinne von Struktur konzipieren? Naja, ein paar \section’s und \subsection’s sind schnell hingeschrieben.

  3. Mabü

    Das schon, aber für mich ist es wichtiger, dass ich die Bilder im Kopf oder (besser) auf Papier habe. Und da kritzle ich schneller was auf, als ich mir eine Vorlage kopieren, bearbeiten und kompilieren kann.

  4. Pingback: Der Vorteil von zoomenden Präsentationsprogrammen | Texttheater

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