Il Giardino dei Tarocchi

Nur wenige Orte sind so dazu geeignet, mit der Welt Frieden zu schließen, wie der „Tarotgarten“, den die große Künstlerin Niki de Saint Phalle vor den Toren des Städtchens Campalbio in der südlichen Toskana errichtet hat. Man merkt ihm an, mit wie viel Liebe er gemacht ist. Die extrem farben- und formenfrohe Gestaltung der Skulpturen und Pavillons reicht hinein bis in aberwitzig viele Details, wie Säulen mit Stachelkleidern, die man streicheln kann, hohle Drachen, in denen man liegen kann, der Fußboden, in den Muster und Runen gezeichnet sind. Alles ist bunt oder spiegelnd und aus widerstandsfähigen Materialien, die Wetter, Streicheln und Klettern trotzen. Mir blieb nur, mit einem Hochgefühl durch das alles hindurchzuspazieren, lächelnd und gelöst.

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Die Kaiserin, die Päpstin, der Turm, der Kaiser, das Rad des Schicksals und der Magier

Die Kaiserin ist – zusammen mit dem Magier – das Gesicht des Parks. Der Ausdruck dieses Gesichts ist über alle Maßen herrschaftlich, und die enormen Brüste der Kaiserin (de Saint Phalle ist für die großzügige Darstellung weiblicher Rundungen bekannt) bringt sie wie Kanonen alles sprengenden Kalibers in Stellung. Außerdem kann man in der Kaiserin wohnen, ein großes Wohnzimmer, Kochnische und Bad mit Klo und Dusche, alles bunt mosaisch ausgekleidet, sind vorhanden.

Im Kaiser

Im Kaiser

Der Kaiser schaut ganz anders aus, gar nicht wie eine Person, im Grunde ist er ein runder Säulengang mit begehbarer Galerie. Abgesehen von der runden Form und dem Brunnen in der Mitte ist alles an ihm phallisch: der Turm mit den goldenen Kugeln auf der Spitze, die wie im Übermut dazugestellte rote Rakete, der in den Komplex integrierte Turm und die Säulen des Säulengangs, mit den unterschiedlichsten Perlen, Bildern und Stacheln besetzt und sehr sinnlich zu berühren.

Der Tod

Der Tod

Dass das alles kein allzeit heiteres, vielleicht etwas suggestives Disneyland ist, wird klar, wenn man zu der einzeln stehenden Skulptur des Todes weitergeht. Genau so bunt wie alles andere hier und geformt wie eine klassische Nana im Badeanzug, nur mit Totenkopf, ist diese Gestalt doch unverkennbar grim: Zwischen den Hufen ihres mit blauer Nacht behangenen Pferdes liegt, dahingerafft, mit allen möglichen Kuscheltieren nicht nur die halbe Einrichtung eines Kinderzimmers, sondern mit emporgestreckten menschlichen Armen und Beinen womöglich auch dessen Bewohnerschaft.

Die Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit

Müsste ich eine Lieblingsfigur wählen, so müsste es wohl die Gerechtigkeit sein. Auch hierbei handelt es sich um eine Frauenfigur, sehr groß, herausstechenderweise ganz in Schwarz und Weiß gehalten. Ihre Brüste sind gleichzeitig die Waagschalen des berühmten Attributs der Gerechtigkeit. In ihrem Inneren befindet sich, hinter Gitter und Schloss, eine extrem verrostete, extrem wirr aufgebaute und fürchterlich quietschende motorisierte Installation: eine Art Maschine, die sich unaufhörlich bewegt. Darin hängen ein verkleinertes menschliches Skelett und mehrere Tierschädel. Meine Assoziation: Diese Maschine hat man vor Jahrzehnten eingeschaltet, um einen Delinquenten automatisiert zu Tode zu foltern, und seitdem hat man sie nicht mehr berührt. Es scheint mir also, sympathischerweise, ein eher skeptischer und sarkastischer künstlerischer Kommentar zum Konzept der Gerechtigkeit zu sein.

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Der Magier, der Gehängte, der Papst und die Sonne

Und ich hatte noch gezweifelt, ob der Garten die insgesamt fünf Stunden in Zügen und Bussen in die Provinz an meinem letzten Rom-Tag lohnen würde. Hell, did it ever!

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