Neue Wörter (4)

I·de·oˈlekt <m. 1; Sprachw.> spezifischer Sprachgebrauch der Vertreter einer bestimmten Ideologie
ˈMeh-Efˌfekt <m. 1> das Ausbleiben von Erkenntnis und Begeisterung; Ggs. Aha-Effekt
ˈQuer·kunft <f. 7u> Querkommen; Patrick war mir schon am Morgen quergekommen, am Nachmittag wartete er mit einer weiteren Querkunft auf mich
ˈsu·zen <V. t.> unsicher zwischen vertrauter und formaler Anrede schwanken [Martini]
To-ˈdo-ˌWol·ke <f. 19> über mehrere elektronische Medien verteilte To-do-Liste
ˈvor|krie·gen <V. t.> in den Zustand geraten, etwas vorzuhaben; Ich komme zu der Feier, wenn ich nicht noch etwas anderes vorkriege
ˈZei·chen·girˌlan·de <f. 19> Zeichenkette mit Zeichen aus unterschiedlichen Alphabeten
zerˈwir·kli·chen <V. refl.> sich ~ sich auf der Suche nach Selbstverwirklichung verzetteln und verrennen; Hör mir mit Sharon auf und ihrem Selbstverwirklichungstrip, die wird nicht aufhören, bevor sie sich komplett zerwirklicht hat

Blogspektrogramm #4

Logo des BlogspektrogrammsIn der letzten Ausgabe des Blogspektrogramms war es recht viel um andere Sprachen gegangen, unter anderem um Lehnwörter, die ihnen das Deutsche verdankt. In den besten deutschsprachigen Sprach-Blogbeiträgen vom Juli 2011 steht die deutsche Sprache in allen Beiträgen im Mittelpunkt – Aspekte ihres Lexikons, ihrer Orthografie, ihrer Flexion, ihrer Morphologie und Probleme geschlechtergerechten Deutschsprechens werden diskutiert.

Was hat es mit dem Wort Titelhuberei auf sich, das in der Diskussion über Plagiate und Doktortitel plötzlich in aller Munde zu sein schien? Ist es eine neue Schöpfung oder gibt es das Wort schon länger? Wird es häufig gebraucht und wenn ja, wie? Wie ist es zu interpretieren? Anatol Stefanowitsch hat die Korpora, sein Sprachgefühl und seinen analytischen Verstand befragt und gibt im Sprachlog überzeugende Antworten.

Warum schreiben wir <sch> für den Laut [ʃ]? Ich bin sicher nicht der einzige, der sich das immer latent gefragt, aber es nie recherchiert hat. Zum Glück gibt es Kristin Kopf, die das im [ʃplɔk] (wie passend) sehr unterhaltsam erklärt – und plötzlich sieht man, dass unsere merkwürdige Orthografie an dieser Stelle kein Hexenwerk, sondern historisch erklärbar ist.

Dr. Bopp erklärt auf Fragen Sie Dr. Bopp! die Genitiv- und die Pluralform von Euro – und dass beide je nach Laune bzw. Zusammenhang sowohl Euro als auch Euros lauten können.

Viele sprachliche Fragen warf dieses Jahr die Frauen-Fußball-WM auf. Das geht schon mit der Bezeichnung dieser Sportveranstaltung selbst los: Warum sagt man „Frauen-Fußball-WM“, hält es aber bei „Fußball-WMs“ nie für nötig zu erwähnen, dass Männerveranstaltungen gemeint sind? Ist das diskriminierend? Michael Mann gibt im Lexikographieblog eine vorbildlich vorsichtige und differenzierte Einschätzung, beschäftigt sich aber hauptsächlich mit der Frage, wie das Wort Frauenfußballweltmeisterschaft überhaupt aufgebaut ist. Wie man sieht, gibt es mehr als eine Antwort auf diese Frage.

Zweifellos ist die Sprache der Fußballberichterstattung bislang vom Männer-Fußball geprägt. So manche/r hörte dieses Jahr so manche Spielerinnenbezeichnung zum ersten Mal, etwa Torwartin oder Libera. Was Bastian Sick zu all dem zu sagen hat, ist, wie zu erwarten war, großteils haarsträubender Unsinn – Susanne Flach nimmt es auf */ˈdɪːkæf/ auseinander und weist dabei unter anderem auf den von Sick übersehenen Unterschied zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht hin.

Diesen Unterschied führt auch eine Anekdote vor Auge, die ich im Texttheater erzähle. Die Wörter er und sie kommen vor und beziehen sich auf Menschen – ist notwendigerweise von einer männlichen und einer weiblichen Person die Rede? Ich will das Ende nicht verraten, lesen Sie selbst.

Bisher erschienene Ausgaben:

Das Blogspektrogramm #5 wird bei Kristin im [ʃplɔk] erscheinen. Wer auch einen sprachwissenschaftlichen Hintergrund hat und zum Thema Sprache bloggt, erfüllt alle Voraussetzungen, beim Blogspektrogramm mitzumachen, und kann sie kontaktieren, um den eigenen besten Blogbeitrag vom August zu nominieren!

Das jüngste Gewitter

Gutes über hervorragende Filme, Folge 4: Das jüngste Gewitter (Roy Andersson, 2007). Es gibt keine Kamerafahrt in diesem Film und keine Nahaufnahme und nur ausnahmsweise mal einen Wechsel der Einstellung innerhalb einer Szene. Aber was für schön durchkomponierte Bilder die vielen statischen Totalen zeigen! Skandinavisch spartanisch, extrem klar und übersichtlich eingerichtete Räume strukturieren die Bilder mit Türrahmen und Neonleuchten. Der Blick geht stark in die Tiefe, oft in den übernächsten oder sogar überübernächsten Raum hinein. Alles ist gleichmäßig ausgeleuchtet wie von einer Art fluoreszierendem grauen Nebel, der die wenigen sanften Farbflecke wie Möbelstücke, Kleidungsstücke oder das sattgoldene Sousaphon besonders leuchtend hervortreten lässt. Und so leuchtet auch die Hoffnung mit skurrilem Humor aus dem Elend der Menschen hervor, die in dem Film auftreten. Fast alle sind sie ziemlich mitgenommen von Liebeskummer, Geldsorgen, Alpträumen, Alkoholismus, Burnout, dem Diktat des Shareholder Value, der Welt als ganzer. Sie scheitern in den alltäglichsten Situationen. Gezeigt werden gerade die Teile menschlicher Kommunikation, die, weil sie nicht weiterführen, normalerweise nie in Filmen zu sehen sind. So gibt es eine Szene, deren ganzer Dialog wie folgt lautet: „Es ist schon fast halb sechs!“ – „Ja, was soll ich dazu sagen? … Schön, schön!“ Aber es ist keiner dieser Filme, die einen hoffnungslos zurücklassen, im Gegenteil werden viele verschiedene Wege aus dem Unglück gezeigt: Man kann musizieren, träumen, eine Versöhnungsglatze schneiden, sich in den unpassendsten Situationen bei der Kamera oder bei Kunden ausweinen oder notfalls – so entzieht sich ein Unternehmschef dem Diktat des Shareholder Value – einen plötzlichen Herzinfarkt erleiden und sterben.

Was ich immer sage (4)

Was bisher geschah: Was ich immer sage, Was ich immer sage (2), Was ich immer sage (3).

  1. Problem gelöst.
  2. Daran herrscht kein Mangel.
  3. Ja, so kann man heißen.
  4. Stimmt. Stimmt!
  5. Funktioniert!
  6. I just made that up.
  7. Voll gut.
  8. Discuss.
  9. Dito.
  10. Weiß man’s? Will es wer nachprüfen?
  11. Yeah, well, you know, that’s just, like, your opinion, man.
  12. I should be writing this down.
  13. Gut, um Ästhetik geht es also nicht.
  14. Wollt grad sagen.
  15. Jesus Christus.
  16. Oha.
  17. Warum kam es nicht zum Kuss?
  18. (als Antwort auf die Frage „Woher weißt du das?“) Osmotisch aufgenommenes popkulturelles Halbwissen.
  19. Care to elaborate?
  20. I didn’t mean to imply otherwise.
  21. And that happens to be a good thing, not a bad one.
  22. Das hab ich auch schon mal gewusst.
  23. (als resignativer Kommentar zu manch einem Regelwerk) p∧¬p
  24. Reaktion wie ein Amboss, nur nicht so schnell.
  25. Dann waret ooch nit wischtisch.
  26. Es wird sich nicht vermeiden lassen.
  27. Two’s a pattern, three’s a paradigm.
  28. Bummer.
  29. Vielleicht nicht. (für: Mit absoluter Sicherheit nicht)
  30. Wiesu denn bluß?
Übernommen von Billie (7, 8), Malik (9), Max Goldt (10), The Dude (11), Heiko Wernings Elektriker (13), Didi und Stulle (14), der Festivalzeitung der Maskerade (17), Pinyin news (21), Herrn Zielke (24), Darth Vader (25), den Rumpelwichten aus Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter (30).

Genus und Sexus

O C., als du, C. und ich neulich durch die Altstadt von Halle an der Saale schlenderten, guckten wir uns an einer großen Gruppe junger Männer erschreckend ähnlichen Phänotyps fest, die Pappschilder mit den Zeichen WILLST DU MICH HEIRATEN? dabeihatten, um sie so in den Himmel zu recken, dass man sie vom Turm der Marktkirche aus lesen konnte. Die Aktion gelang, von oben kam ein positives Signal, es wurde geklatscht und gejubelt. Wohl aus Verachtung für traditionelle Lebensweisen und konventionelle romantische Gesten bemerktest du: Jetzt darf er sie knallen. Und wohl aus Ablehnung von Geschlechterstereotypen und heteronormativen Vorurteilen präzisiertest du rasch und elliptisch: Der Mensch die Person.

Da hat sich die Natur schon was bei gedacht

Frau Schäfer, unsere Biolehrerin, war immer sehr darauf bedacht, dass wir unser Verständnis evolutionärer Mechanismen nicht durch teleologische Metaphern umwölken. Sie verbot uns zu sagen, dass die Giraffe einen langen Hals hat, damit sie Blätter von hohen Bäumen essen kann, nein, der lange Hals hatte einen evolutionären Vorteil dargestellt und sich daher in der Art erhalten. Verständlich, doch mit der Behauptung, teleologische Beschreibungen evolutionärer Vorgänge seien falsch, hatte und habe ich meine Schwierigkeiten – schließlich sind es doch nur Metaphern zur Beschreibung derselben Wirklichkeit.

Den Einwand, in der Evolution spiele Zufall eine viel zu große Rolle, um sich die Kombination aus Mutation und Selektion als planerischen Geist vorzustellen, lasse ich nicht gelten: Unsere Vorstellung von Intelligenz ist ja eine, die auf der Anschauung von Gehirnen basiert, die selbst durch evolutionäre Prozesse zustandegekommen sind und bei denen daher der Zufall jede Chance hatte, Quirks einzubauen, die sich in den Werken dieser Intelligenz fortsetzen.

In diesem Sinne kann man, mit dem gebotenen ironischen Unterton, durchaus ab und zu mal feststellen: Da hat sich die Natur schon was bei gedacht.

Blogspektrogramm #3

Im Juni in der deutschsprachigen Sprachbloglandschaft: so ziemlich alles über das Wort Meuchelpuffer, wie in der Orthografie aus EHEC sehr schnell Ehec wurde, Unterschiede in den Zählsystemen verschiedener europäischer Sprachen, was von der Nominierung des obersten Protestanten Deutschlands als Sprachpanscher des Jahres zu halten ist, was meine aktuellen Lieblingswörter sind und warum und wie das Wort Keks in die deutsche Sprache und in den Duden gelangte. Diesen Monat ist es Susanne Flach, die auf ihrem Blog  */ˈdɪːkæf/ den Überblick verschafft: im Blogspektrogramm #3.