Beliebigkeit

Mein Bullshitdetektor (der zwischen den lokalen Ohren) hat nun auch das Wort Beliebigkeit erlernt. Er springt besonders stark an, wenn davon die Rede ist, dass Toleranz, Freiheit oder Offenheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden dürfe.

Freiheit bedeutet für mich, dass man mir nicht ohne guten Grund etwas verbietet oder mich zu etwas zwingt. Toleranz bedeutet für mich dasselbe aus der anderen Perspektive: den Leuten nicht ohne guten Grund etwas verbieten oder sie dazu zu zwingen. Eine gute Sache und leicht zu kapieren: Ich darf alles, solange ich den Menschen und der Gesellschaft damit nicht schade. Leicht ist auch zu kapieren, wann man einem Menschen schadet. Schwer zu definieren ist, wann man der Gesellschaft schadet. Ich glaube, noch keine Gesellschaft ist, um zu funktionieren, ohne ein paar ziemlich willkürliche Gesetze ausgekommen, die den einen mehr nützten als den anderen. Doch ich schweife ab.

Dass mir bei der Ausübung meiner Freiheit gewisse moralische und juristische Grenzen gesetzt sind, ist also sowieso klar. Wozu dient dann der Slogan „Freiheit/Toleranz/Offenheit ist nicht Beliebigkeit“? Populär ist er bei den Experten für Verbieten und Vorschreiben ohne guten Grund: Kirchen und konservativen Parteien. Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, sprach zum Dialog der Religionen:

Die Religionen können Beispiele gelebter Toleranz bieten. Sie können zeigen, wie Menschen unterschiedlicher Überzeugungen und Lebensformen in wechselseitiger Achtung miteinander leben können. Eine Vorstellung von Toleranz ist dabei freilich vorausgesetzt, die mit gleichgültiger Beliebigkeit nicht zu verwechseln ist. Toleranz setzt vielmehr voraus, dass Menschen zu dem stehen, was ihnen wichtig ist, und deshalb achtungsvoll mit dem umgehen, was anderen wichtig ist.

Alles klug und richtig, außer zwischen den Zeilen. Warum spricht er von „gleichgültiger Beliebigkeit“ und nicht einfach von „Gleichgültigkeit“? Beliebigkeit zu verneinen heißt, auf Grenzen hinzuweisen. Grenzen, die nicht unbedingt gute Gründe haben, sonst verstünden sie sich ja von selbst. Ich glaube, der Bischof will hier eine Klientel bedienen, die heraushören möchte, dass alle Religionen gleichgestellt sein sollen, aber das Christentum immer ein wenig gleichgestellter. Die Katholiken werden da wie üblich deutlicher:

Der Staat ist nach Meinung von [Erzbischof Reinhard] Marx dennoch nicht verpflichtet, alle Religionen völlig identisch zu behandeln. „Bei der Ausgestaltung des staatlichen Verhältnisses zu den verschiedenen Religionsgemeinschaften sind die verschiedenen Religionen an ihrem konstruktiven Beitrag zu Staat und Gesellschaft zu messen, wenn der Staat seine Grundlagen und seine Freiheitsfähigkeit langfristig sichern will“, betonte Marx.

(…) Dank der Trennung von Staat und Kirche sei unser Staat heute weltanschaulich offen, was aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden dürfe.  Angesichts der Herausforderungen von unterschiedlichen Religionen bestehe ein großes Potential an Gesprächs- und Diskussionsbedarf über die Stellung von Kirche und Staat, erklärte die Landtagspräsidentin [Barbara Stamm].

Übt ihr eure Religion frei aus, höre ich da heraus, aber nicht beliebig – und die Definition des Unterschieds behalten wir als politische Hegemone uns vor.

Lassen wir DJ Kosmoprolet das letzte Wort:

Andererseits ist es eben nicht Beliebigkeit im Sinne von ‚anything goes‘. Natürlich geht alles, und der/die DJ’n darf auch prinzipiell alles, auch zwei – auch energiemäßig – sich widersprechende Tracks spielen. Selbstverständlich auch gleichzeitig. Auch drei oder mehr. Völlig egal. Es muss nur geil sein.

Andererseits ist es eben nicht Beliebigkeit im Sinne von ‚anything goes‘. Natürlich geht alles, und der/die DJ’n darf auch prinzipiell alles, auch zwei – auch energiemäßig – sich widersprechende Tracks spielen. Selbstverständlich auch gleichzeitig. Auch drei oder mehr. Völlig egal. Es muss nur geil sein.

SPI

So so, SPI steht also für Service Provider Interface. Dass es allerdings auch für Schwarzpulverinitiative steht, mit der Mission „das Schießen mit Schwarzpulver in all seinen Facetten und vielfältigen Möglichkeiten in Deutschland wieder attraktiv zu gestalten“, andererseits auch für die Schwestern der Perpetuellen Indulgenz, hat mich beim Nachgucken kurz glauben lassen, auf einer Wikpädie-Parodie gelandet zu sein.

Eine kleine Sammlung wikipädischen Humors (für so was sind Permalinks echt gut):

Und es gibt natürlich die große, aber die, so könnte man scherzen, ist „irgendwie witzlos“.

Sprachkurs Phrasisch I

Phrasisch ist gar nicht so schwer zu verstehen, liebe Kinder, passt mal auf: Ein Buch wird mir als konsequente Fortsetzung eines beliebten Klassikers angepriesen – da ist klar, es handelt sich um einen billigen Abklatsch. Es sei unentbehrlich, heißt es, sowohl für leichte Partyunterhaltung als auch für seriöse Information. Das heißt: Es kann möglicherweise dazu beitragen. Ein andermal lese ich, dass ein Theaterstück sich jeder narrativen oder logischen Auflösung verweigert. Aha, da ist mit chaotischen Szenen zu rechnen, die am Ende auf nichts hinauslaufen! Die taz bezeichnet die Antiquitätenshow „lieb & teuer“ als einen Seismografen der Krise des deutschen Bildungsbürgertums. Gemeint ist natürlich, dass die Sendung ein gutes Beispiel für diese Krise abgibt, weiter nichts. Schließlich die Amazon-Kurzbeschreibung, die uns mitteilt, Franz Kafka habe die Physiognomie des 20. Jahrhunderts entworfen. Das, liebe Kinder, bedeutet – überhaupt nichts. Es ist ein Füllwort, das im Deutschen unübersetzt bleibt.

Geist und Materie

Ich hatte mich in dem Beitrag Hirnforschung und Willensfreiheit gefragt, ob es in dem Buch Hirnforschung und Willensfreiheit eher um das grundsätzliche Problem Determinismus vs. Willensfreiheit oder um das recht spezifische Problem des möglicherweise nicht fürs Handeln ursächlichen Bewusstseins geht. Die ernüchternde Erkenntnis: Es geht wild durcheinander. Statt die Unterscheidung anzusprechen, reden die Autoren öffentlichkeitswirksam aneinander vorbei.

Mein Groll gilt den Proklamatoren der plakativen These „es gibt keine Willensfreiheit“, wenn sie damit meinen, dass jeder Mensch letztlich – wie ein Tier, eine Pflanze, eine Maschine oder ein Stein auch – eine Ansammlung von sich bewegenden Elementarteilchen ist und sein Handeln daher keine anderen Ursachen habe als Naturgesetze und Zufall. Sie haben ja Recht! Naturgesetze und Zufall sind die beiden einzigen Arten von Ursachen, die wir kennen. Andere Ursachen zu behaupten ist entweder Leugnung der Naturgesetze oder metaphysische, also nicht überprüfbare, Deutung des objektiven Zufalls. Versteht man unter dem freien Willen also etwas, das weder an Naturgesetze noch an Zufall gebunden ist, so ist von vornherein klar, dass er nicht „existiert“. Die Definition ist schon absurd. Dieses philosophische Problem ist eigentlich längst gelöst. Es ist also ärgerlich, dass es in dieser ganzen Hirnforschungsdiskussion immer noch ständig im Wege herumgeistert.

Den Begriff des freien Willens mit einer sinnvollen Bedeutung zu füllen, dazu gibt es viele Ansätze, z.B. die bedingte Willensfreiheit. Allen brauchbaren Ansätzen ist gemeinsam, dass sie mit einer naturalistischen Erklärung menschlichen Handelns kompatibel sind. Und sie sind natürlich vage. Es könnte gar nicht anders sein, denn das Gehirn ist extrem komplex. Könnten wir die Zustände der Neuronen oder gar der Atome eines Gehirns genau und vollständig vermessen, könnten wir irgendwann vielleicht vollständige physikalische Kriterien angeben. Wir haben natürlich nicht die Technik dazu, so wie wir auch keine Raumschiffe haben, die mit Lichtgeschwindigkeit fliegen. Die präzisen Werkzeuge der Physik versagen angesichts der unbeherrschbaren Mengen an Beobachtungen und Daten. Um solche Fragen zu klären, brauchen wir die stumpferen, aber viel verwendbareren Werkzeuge von Wissenschaften wie Psychologie oder Philosophie.

Dass es aus praktischen Gründen keine Psychophysik gibt, ist manchen Philosophen nicht genug. So zum Beispiel Prof. Manfred Frank (Uni Tübingen, Zeit-Interview vom 2009-08-27), der diese meine Artikelserie ausgelöst hat. Er scheint von einem ebenso verzweifelten wie unsinnigen Wunsch beseelt, zu zeigen, dass es aus ganz prinzipiellen Gründen keine Psychophysik geben kann – keinen Zugriff der Naturwissenschaften auf Fragen wie: Hat Paula hier aus freien Stücken gehandelt? Empfindet Peter gerade Schmerz? Denkt Pia gerade an Pinguine? Nur weil wir die neurophysiologischen Bedingungen solcher Fragen nicht kennen, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Schmerz zum Beispiel ist ganz bestimmt nicht identisch mit der Reizung einer C-Faser, aber gewiss mit einer anderen, sehr kompliziert zu beschreibenden und praktisch unmöglich genau herauszufindenden Klasse von Hirnzuständen.

Schlechter noch fand ich, dass Frank die Hirnforschung dafür kritisierte, aus neuronalen Abläufen seien keine moralischen Normen ableitbar. Viele Philosophen in oben erwähntem Buch vertraten einen ähnlich diffusen Mystizismus, der im Ungefähren der nicht exakten Wissenschaften irgendwelche Normenquellen verstecken möchte. Sie möchten die Öffentlichkeit glauben machen, Gott habe irgendwo auf dem Forschungsgebiet der Philosophie des Geistes zwei Steintafeln versteckt und die Philosophen grüben eifrig danach. Finden möchten sie diese Steintafeln natürlich nie, denn wer bestimmt, was moralisch geht, solange sie ungefunden bleiben? Der Philosoph, der die überzeugendsten Vermutungen über den Inhalt der Steintafeln verlautbart. Da kann man natürlich nicht irgendwelche Naturwissenschaftler auf demselben Gebiet graben lassen. Die würden der Öffentlichkeit sagen, dass da keine Steintafeln sind und auch gar keine sein können. Moral ist schließlich vom Menschen gemacht. Nur leider haben sie manch einem Philosophen im Kindergarten den Unterschied zwischen deskriptiv und normativ nicht beigebracht.

Forschungsprojekt

Hat man mir auf einer Party erzählt:

Letztes Semester hatten wir zum Beispiel ein Seminar zu Gender Studies. Das war toll. Die Dozentin war voll locker, die war Amerikanerin. Das fand ich voll gut, die war voll offen, gar nicht so wie die Deutschen, verstehst du? Die hat uns auch von ihren Affären erzählt, die sie während der Zeit hatte. Andere Dozenten sind da immer voll streng und achten voll darauf, wie man sich im Seminar beteiligt und machen voll strenge Vorgaben für die Hausarbeiten. Aber sie wollte das gar nicht so machen, sie wollte uns da Freiheit lassen, und das find ich auch gut, weil, wenn ich jetzt zum Beispiel im Seminar nicht so viel sage, kann das ja trotzdem sein, dass ich voll gute Gedanken und Ideen habe, weißt du? Und die Ideen wollte sie halt sehen, und deswegen haben wir eigene Forschungsprojekte machen dürfen. Völlig frei, also sie hat gar keine Vorgaben machen wollen, sie wollte, dass wir selber kreativ werden. Ich bin mit zwei Freundinnen aus dem Seminar ins Top Ten gegangen und wir haben die Leute beobachtet. Unser Thema war, wie sich Männer und Frauen in der Disco verhalten, ob’s da Unterschiede gibt. Und es gibt voll die Unterschiede. Männer bleiben in eher ihrer Clique, während Frauen den Kontakt suchen, auch zu anderen Leuten. Und dass die eine Gogo-Tänzerin schon Megacellulite hatte. Hab ich zwar auch, aber ich tanz auch nicht Gogo.

Die Münze für Selbstentscheider

Manchmal kann man sich zwischen zwei Möglichkeiten schier nicht entscheiden. Dann bleibt als letzter Ausweg der Münzwurf. Bei mir ist es so: Wenn die Münze erst mal geworfen ist, schlage ich ihren Rat regelmäßig in den Wind und entscheide mich dann doch anhand von Gründen. Es ist, als würde der Münzwurf nur die klemmende Waage anstupsen, damit sich die doch etwas schwerere Schale endlich senken kann. Für Leute wie mich könnte man mal eine Münze mit zwei gleichen Seiten herstellen und – etwa über den Antipreneur-Shop – vertreiben.

Der Grund, warum

Und ich hatte schon gedacht, auf Englisch würde sich niemand darüber aufregen. Anscheinend gibt es aber doch Leute, die das stört:


Der Mann im grünen T-Shirt hatte vorher wohl „the location where“ gesagt – eine unschöne Dopplung, weil sowohl in location als auch in where steckt, dass es um einen Ort geht. In dieselbe Kategorie gehören „the reason why“, „the time when“ und, etwas entfernter, „just because … doesn’t mean …“ wie in Homer Simpsons sehr schönem Sinnspruch „Just because I don’t care doesn’t mean I don’t understand.“ Ich wage mal zu behaupten, dass all diese Wendungen weit weiter verbreitet sind als ihre „richtigen“ Pendants „the reason for which“, „the time at which“ und „that … doesn’t mean“.

Und wenn Sprache logisch wäre, wäre ich arbeitslos.

Trotzdem tue ich hiermit kund, dass es mich im Deutschen zwiebelt, wenn es heißt „der Ort, wo“ statt „der Ort, an dem“, „die Zeit, als“ statt „die Zeit, zu der“ oder – am schlimmsten und verbreitetsten! – „der Grund, warum“ statt „der Grund, aus dem“. Schätze, ich schätze die Vielfalt und Willkür der von den einzelnen Substantiven regierten Präpositionen zu sehr.

Auch die becausemean-Dopplung hat ein unschönes Pendant (wenn auch kein Äquivalent) im Deutschen: „Nur weil es mir egal ist, heißt das noch lange nicht, dass ich es nicht verstehe.“ Dieser Satz könnte jetzt theoretisch als Leserkommentar folgen.