Archiv des Autors: Kilian Evang

Feier des Lebens III

Über mein Gemälde Feier des Lebens sagte ich ja einst:

Wie gesagt, es ist zum Glück leider nicht erhalten. Ich habe allerdings noch das abstrakte Bild, in dem ich nach dem nächtlichen Fertigmalen von Feier des Lebens meinen Frust sublimierte: V for Violence (2003, Abtönfarben und Folie auf Karton, 59,4 cm x 42 cm) in Wuppertal herumliegen.

Und so ist es auch:

Hässlich

Wir werden die Klimakatastrophe ja nur noch am Rande erleben, sagen sich Journalisten wie Hanno Rauterberg oder Ulf Poschardt, warum sollten wir also in unseren verbleibenden Jahrzehnten Windräder, Solaranlagen oder Energiesparlampen tolerieren, wo diese doch unseren ästhetischen Gewohnheiten gar nicht entsprechen? Mir bleibt die Spucke weg.

Interessant auch Poschardts Kontrast zwischen „fleißigen Eltern und Großeltern“, die uns Häuser vererbt haben, und… nun ja, der faulen und lasterhaften Bande von Grünen-Wähler/inne/n und Solaringenieur/inn/en, die zehn Stunden am Tag Latte Macchiato trinken und im Rest ihrer Zeit Pläne aushecken, wie man die Dächer dieser Häuser möglichst sinnfrei verschandeln kann.

Tip to the hat to Klaus Jarchow.

Neue Wörter (3)

Aˈha?-Efˌfekt <m. 1; Aha? mit an Ekel grenzender Skepsis ausgesprochen> das Auslösen von Unverständnis und Verstörung; Die Inszenierung will das Publikum provozieren, setzt mit ihren scheinbar willkürlichen Szenenverläufen und minutenlangen „Brummli“-Monologen stark auf den Aha?-Effekt.
ˈFort·ge·spinst <n. 11> Ergebnis des Fortspinnens; Als ihr weg wart, haben wir die Idee noch fortgesponnen, das Fortgespinst liegt in Form von 300 eng bedruckten Seiten auf der Anrichte.
Paˈpa·de <f. 19> Amtszeit eines Papstes; Ich bloggte schon in der 264. Papade.
ˈSei·se·lig·keit <f. 20; meist Pl.> Eigenschaft, Fähigkeit oder Fertigkeit (die nicht viel wert ist); Mit Hilfe seiner Seiseligkeiten (Akkordeonspieler, Babysitter, Hobbychirurg) verdingte er sich mehr schlecht als recht.
verˈneu·en <V.i.> unbrauchbar werden durch Veränderungen, die nach der letzten Absprache mit allen beteiligten Personen einseitig vorgenommen werden; Die Version des Dokumentes, die auf meiner Festplatte war, war verneut; Zum Schutz vor verneuten Dokumenten benutze ich mein E-Mail-Postfach als primären Speicherort.

Eleganter Unsinn

Eine Buchempfehlung in vier Zitaten: Alan Sokal und Jean Bricmont: Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen. Es geht in diesem Buch um haarsträubendes Geschwalle, das der Welt erfolgreich als geisteswissenschaftliche Texte verkauft wurde. Die einzelnen Beispiele hiervon, die Sokal und Bricmont minutiös zerlegen, waren mir zu erschreckend und die Analyse zu ermüdend für eine vollständige Lektüre. Einführung, Intermezzi, Epilog und die Richtigstellungen der Autoren zu mancher missverstandenen Theorie sind jedoch ebenso vergnüglich wie geistig nahrhaft.

Wir greifen die Philosophie, die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht in ihrer Gesamtheit an, im Gegenteil: In unseren Augen sind diese Disziplinen von größter Bedeutung, und wir wollen jene, die in diesen Fächern arbeiten (vor allem die Studenten) vor einigen eklatanten Fällen von Scharlatanerie warnen. Insbesondere wollen wir den Nimbus zerstören, den einige Texte besitzen: Sie seien deshalb so schwierig zu verstehen, weil die darin vorgebrachten Gedanken so tiefgründig seien. In vielen Fällen werden wir aufzeigen, daß die Texte einzig und allein deshalb so schwierig erscheinen, weil sie absolut nichts aussagen.

(…), daß die betreffenden Texte etwas beinhalten, das über „Fehler“ weit hinausgeht: Aus ihnen spricht eine tiefe Gleichgültigkeit, wenn nicht Verachtung, gegenüber Fakten und Logik. [Siehe hierzu auch On Bullshit von Harry G. Frankfurt, ke] Unser Ziel ist es also nicht, Geisteswissenschaftler zu verspotten, die beim Zitieren von Einstein oder Gödel Fehler gemacht haben, sondern den Kanon der Rationalität und der intellektuellen Redlichkeit zu verteidigen, der allen wissenschaftlichen Disziplinen zu eigen ist (oder jedenfalls sein sollte).

Das Werk Laplace’ wird oft mißverstanden. Als er den Begriff des universalen Determinismus einführte, fügte er sofort hinzu, wir würden „stets unendlich weit entfernt bleiben“ von seiner imaginären „Intelligenz“ und deren idealem Wissen der „jeweiligen Situation der Wesen, aus denen sie [die natürliche Welt] sich zusammensetzt“, das heißt, in eine moderne Sprache übersetzt, von den exakten Ausgangsbedingungen aller Teilchen. Laplace unterschied klar zwischen dem, wie sich die Natur verhält, und dem Wissen, das wir darüber haben. Er formulierte diese prinzipielle Unterscheidung sogar zu Beginn seines Aufsatzes über Wahrscheinlichkeitstheorie. Aber welche Bedeutung hat die Wahrscheinlichkeitstheorie für Laplace? Sie stellt für ihn lediglich eine Methode dar, um in einer Situation partieller Unwissenheit vernünftig entscheiden zu können. Die Bedeutung von Laplace’ Text wird vollkommen falsch dargestellt, wenn man sich einbildet, er habe gehofft, eines Tages zu vollkommenem Wissen und universeller Vorhersagbarkeit zu gelangen, denn das Ziel seines Aufsatzes bestand gerade darin zu erklären, wie man vorgehen solle, wenn man ein derartiges vollständiges Wissen nicht besitzt – so, wie man zum Beispiel in der statistischen Physik vorgeht.

Einige der in diesem Buch zitierten Texte vernachlässigen den empirischen Aspekt der Wissenschaft völlig und konzentrieren sich ausschließlich auf Sprache und theoretischen Formalismus. Sie vermitteln den Eindruck, als werde eine Erörterung schon dadurch „wissenschaftlich“, daß sie oberflächlich zusammenhängend wirkt, selbst wenn sie nie empirischen Tests unterzogen wird. Oder, noch schlimmer, als müsse man nur mit mathematischen Formeln um sich werfen, um Probleme einer Lösung zuzuführen.

Darf man Facebook regulieren?

Julia Schramm von der datenschutzkritischen Spackeria und Konstantin von Notz von den Grünen sprechen in diesem Podcast über Datenschutz. Sie sind sich einig: Die deutschen Datenschutzgesetze müssen grundlegend überarbeitet werden, um der durch PCs, Smartphones und das Internet veränderten Realität gerecht zu werden.

Ein weiteres Schwerpunktthema ihres Gesprächs ist: Soll/darf der deutsche Staat Facebook stärker regulieren? So geil und lustig ich Datenschutzkritik auch finde, meiner Meinung nach wäre das nicht verwerflich und sogar stark von Facebook provoziert. Die elegantere Lösung fände ich jedoch, staatlicherseits einfach einen Batzen Geld in den Betrieb und das Promoten von Diaspora-Servern zu investieren, damit man mal eine echte, ISB-technisch weniger bedenkliche Alternative hätte.

Alternativen zum Bedingungslosen Grundeinkommen

Ich sympathisiere stark mit der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens. Die Idee mag nicht von heute auf morgen umsetzbar sein, aber sie gibt die einzig sinnvolle Richtung für die Zukunft des Sozialstaats vor, will mir scheinen. Denn welche Alternativen gibt es?

  1. Weiter wie bisher: Viel Arbeit und Geld für die Starken, Minimalversorgung und Demütigung für die Schwachen. Nachteile: Verelendung der Schwachen, Überwachungsbürokratie.
  2. BGE light: Grundeinkommen unter der Bedingung, dass man nicht mehr als X verdient, oder eine negative Einkommensteuer. Sonst keine Bedingungen, kein Druck, Arbeit zu finden. Nachteile: Überwachungsbürokratie, aber immerhin weniger davon. Halte ich insgesamt für die zweitbeste Lösung, zusätzlich hat sie den Charme, dass sie sich nicht so doll vom bestehenden System unterscheidet.
  3. „Gerechte“ Modelle: Kritiker/innen des BGE und verwandter Modelle finden, dass alles ganz „gerecht“ zugehen muss und dass es automatisch „ungerecht“ wäre, wenn jemand, der nicht zum materiellen Wohlstand der Gesellschaft beiträgt, daran teilhat. (Ich bin in beiden Punkten anderer Meinung.) Zwei Arten von Modellen stellen die „Gerechtigkeit“ in den Mittelpunkt:
    1. Rückkehr zur Selbstversorgerwirtschaft: Die Gesellschaft hat dann gar keinen materiellen Wohlstand, also kann auch niemand daran teilhaben. Nachteile: Sehr unrealistisch, Verelendung der Schwachen, sehr gefährlich für Kultur.
    2. Vollbeschäftigung: Alle arbeiten (außer denen, die nicht können), alle haben am gesellschaftlichen Wohlstand teil. Nachteil all dieser Modelle: Man braucht immer noch eine Definition davon, was „arbeiten können“ bedeutet, und eine Überwachungsbürokratie, die sie anwendet. Das Ziel „Arbeit für alle“ kann auf zwei grundsätzliche Weisen erreicht werden:
      1. Wenn zu wenig Arbeit da ist, mehr Arbeit schaffen. Nachteile: 1. Ist das sinnvoll? Ich hänge ja immer noch einem Fortschrittsbegriff an, der nicht nur höheren materiellen Wohlstand bei gleichem Arbeitseinsatz, sondern auch gleichen materiellen Wohlstand bei geringerem Arbeitseinsatz und mehr Freizeit als Erfolg anerkennt. Die begrenzten materiellen Ressourcen der Erde legen das auch nahe. 2. Es scheint ja selbst in unserem gegenwärtigen, das Ziel „Wachstum“ nicht hinterfragenden System nicht zu gelingen, Vollbeschäftigung zu erreichen.
      2. Die vorhandene Arbeit gerechter verteilen, d.h. Sozialismus. Eine Möglichkeit dazu ist, alle Tätigkeiten mit einem gleichen Stundenlohn zu versehen, dann kann man mehr oder weniger arbeiten, aber es können keine riesigen Unterschiede in der Bezahlung mehr entstehen. Es spricht viel für solche Modelle und das Egalitäre daran ist mir sehr sympathisch. Es spricht aber auch viel dagegen; was mich am meisten stört, ist, dass es sich ja im Grunde nur über ein Verbot jeglichen unternehmerischen Handelns durchsetzen ließe. Nachteile also: Überwachungsbürokratie, extreme Einschränkung der Freiheit.

Signifikant

Als Vorbereitung auf eine letztlich doch nicht besuchte Sommerakademie der Studienstiftung las ich einmal The Emergence of Probability: A Philosophical Study of Early Ideas about Probability, Induction and Statistical Inference von Ian Hacking. Am nachhaltigsten faszinierte mich an dieser Lektüre der Gedanke, wie sich der Zeichenbegriff im Laufe der Jahrhunderte erweitert habe. Früher, so hieß es sinngemäß, kannte man nur Zeichen im semiotischen Sinne. Sah man beispielsweise in der Farbe und Gestalt einer Beere ein Zeichen dafür, dass sie giftig sei, so glaubte man, dieses Zeichen stamme von Gott, er bediene sich eines Zeichensystems, eines Codes, den es zu entschlüsseln gelte. Heute kenne man auch Zeichen im Sinne von Anzeichen, Indiz: Wenn ich im Laufe meines Lebens genug Daten über Beeren gesammelt habe, kann ich aus der Farbe und Gestalt einer Beere mit Hilfe probabilistischer Inferenz auf ihre Giftigkeit schließen, ohne in dieser Erkenntnis einen Akt gelungener göttlicher Kommunikation zu sehen. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich gestern im Language Log las, die Schöpfung des Begriffes statistisch signifikant (von lat. signum: Zeichen!) sei der größte PR-Geniestreich des Statistikers R.A. Fisher gewesen.

Die Magie von heute

Arnymenos sagte mir am Donnerstag, das Maschinelle Lernen sei die Magie der heutigen Zeit: Sie funktioniert, aber man versteht nicht, warum. Und wenn man versteht, warum sie funktioniert, dann funktioniert sie nicht. Man kann nicht gleichzeitig die Antwort und die Frage kennen (Frage = operationalisierte und rational nachvollziehbare Ausformulierung der ursprünglichen Fragestellung?), sonst verschwindet das Universum und wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Nun ist dieser Gedanke für die Welt festgehalten, und mit der Kommentarsektion zu diesem Beitrag ist die Möglichkeit für Arnymenos geschaffen, ihn gegebenenfalls weiter auszuführen.

Ungültig wählen — Piraten wählen

@markobr berichtet vom Kreiswahlausschuss Tübingen für die Landtagswahl in Baden-Württemberg, dass laut Leitfaden bzw. Interpretation des Kreiswahlleiters ein durchgestrichener Stimmzettel, bei dem der Strich einen Wahlvorschlag nicht getroffen hat, als Stimme für diesen Wahlvorschlag zähle. Ich finde das reichlich bizarr, und wäre der Tweet zwei Stunden später gekommen, ich würde es für einen Aprilscherz halten. Wofür drucken sie denn schließlich die Kreise auf die Stimmzettel? Die schöne Nachricht ist: Als unterste Partei auf dem Stimmzettel scheint die Piratenpartei am meisten von der merkwürdigen Regelung profitiert zu haben, gegenüber dem vorläufigen amtlichen Endergebnis sind im Wahlkreis Tübingen wohl 28 Stimmen dazugekommen. Bei der CDU (ganz oben auf dem Stimmzettel) immerhin fünf.