Mort aux balises?

The projects described involved the digitisation of everything from monumental inscriptions in the classical world (one of the many new words I learnt was „epigraphy“), through a 10th century palimpsest containing the earliest known manuscript of Archimedes, through the complete correspondence of the German composer Carl Maria von Weber, all the way to 1930s comic books. In all cases the challenge is to capture the detail – for example the fact that several words in an inscription might now be illegible, but were recorded in the 18th century by the first antiquarian visitors to a site. Capturing different features of the text often leads to a need for parallel markup, with corresponding XSLT challenges – but as I say, we didn’t get much technical detail.

Michael Kay, reporting from last year’s TEI conference

I’m probably just going through an ignorant phase, but reading the above made me realize I don’t see the merits of XML anymore. For many applications, that is. After having contributed to a linguistic research project making heavy use of XML and XSLT for a year and a half, I wonder: Why bother to force data into the shape of trees when the data is clearly more complex than that? Because you can then do more operations with standard tools? But does this rather fuzzy advantage outweigh the morbidness of some graph-to-tree conversions and the resultant wrenches you have to make in writing tools to process the data? If I were to design, say, a platform for storing, browsing and querying linguistic annotations right now, I would definitely put a relational database at its core and not an XML one. Any similarities between this arbitrary example and real projects – *cough* – are purely coincidental.

Blurb Fail

Walter Krämer ist Statistikprofessor – er gastierte mal in meinem Mathe-LK, um für seinen Studiengang zu werben -, Autor vieler populärer Bücher über Irrtümer und sprachliche Irrwege und der Boss einer sprachschöpferischen Aktion mit guten Grundsätzen, deren tatsächliche Auslassungen jedoch im Großen und Ganzen als peinlich zu bewerten sind. Das muss auch sein neuestes Buch sein, falls jedes Buch den Klappentext bekommt, den es verdient:

Warum denn in die Ferne schweifen, sieh, das Gute liegt so nah: In Deutschland gibt es vieles, was einfach toll ist. Walter Krämer listet es auf. Sein Buch ist für die leichte Partyunterhaltung ebenso unentbehrlich wie für die seriöse Information.

Oh Mann. Da kann man ja hoffen, dass die Listenelemente dieses Buches gekennzeichnet sind, was jetzt L.P. und was S.I. ist.

Über Sparsamkeit

Wenn zum Kaufen aufgerufen wird, um die Konjunktur anzukurbeln, und wenn Sparsamkeit der Tugendstatus abgesprochen wird, dann klingt das immer so, als wäre materieller Wohlstand das einzige Ziel des Fortschritts. Dabei ist Arbeitsvermeidung doch auch ein sehr wichtiges. Wenn einer lieber von Hartz IV lebt als einer geregelten Beschäftigung nachzugehen, ist der dann böse, weil faul? Und wenn einer auf allen möglichen Luxus verzichtet, ist der dann böse, weil Geiz ungeil ist? Oder deuten die sich damit verknüpfenden Probleme nicht vielmehr darauf hin, dass die Allokation von Arbeit, Dienstleistungen und Gütern in der Welt noch nicht smart genug geregelt ist?

Heiße, rauchige Luft

Dass die Helmut-Schmidt-Nachrichten, auch bekannt als Deutschlands größte Wochenzeitung, jede Woche ihren eigenen Herausgeber interviewen, ist journalistisch so ungehörig, dass mein anarchisches Gemüt davor fast schon wieder den Hut zieht. Was mich erstaunt ist viel mehr, dass Smokey es mit sich machen lässt. Hauptsächlich ist er damit beschäftigt, persönliche und politische Interviewfragen als gefühlsduseligen Quatsch abzutun. Wäre er wirklich so souverän, wie er sich gibt, würden diese Interviews nicht stattfinden. Altern in Würde ist anders.

Retter

Es ist eine wenig beachtete Tatsache, dass Uhrzeiger nicht nur ihrer Länge nach zeigen können, auf die Zahlen, sondern auch in den Raum hinein, auf den Betrachter des Ziffernblatts – zumal, wenn sie dieses dreieckige Profil haben, diese Satteldachform. Als Klaus Eveling an diesem Morgen aufwachte und sah, dass es nur noch 10 Minuten waren, bis der Wecker klingeln würde, fühlte er sich richtig „angezeigt“. „I want you“, schien der zu sagen, der den Wecker gestellt hatte, und sich dabei in Uncle Sams berühmte Plakatpose zu werfen. Alles Weiterschlafenwollen half nichts, es wurde jetzt ein Mann gebraucht mit genialen Ideen, einer, der es fertigbrächte, etwa eine verunglückte Werbekampagne zu retten, indem er das zugehörige Produkt durch ein anderes ersetzte, oder jetzt einem durch eine durchTeXte Nacht in Schutt und Asche liegenden Gehirn innert dreier Stunden die Fähigkeit zu einem spritzigen Vortrag abzutrotzen. So dachte Klaus’ Gehirn, das gleichzeitig das Gehirn des genialen Retters und das Gehirn in Schutt und Asche war. Und allmählich begann sich in all dem Nebel die Crux des Planes abzuzeichnen.

Plötzlich transitiv

gegangen werden ist des Übertreibers Wort der Woche, dazu habe ich noch was im Nähkästchen.

Es ist ein bekannter Witz: Deutsche Verben, die ihr Perfekt mit dem Hilfsverb sein bilden, zuvörderst Verben der Bewegung, zuvörderst Verben der Wegbewegung, werden wider die Regeln des Standarddeutschen transitiv gebraucht, als Kausativ zu ihrer intransitiven Variante: „Ich dachte, du wärst abgereist worden“, flachst Frank in Wolfgang Hohlbeins Spiegelzeit, „Die ist gegangen worden“, „Der ist zurückgetreten worden“, hört man alleweil, „Queen Elizabeth ist dann ja auch gestorben… gestorben worden…“, sinnierte der Lehrer in meinem Geschi-Strafkurs einst. Der Witz funktioniert so gut, weil das Hilfsverb werden sein Perfekt auch mit sein bildet und man nur ein worden an den Verbalkomplex anzuhängen braucht, um den Sinn des Satzes für den Hörer unerwartet zu ändern. Verstohlen und augenzwinkernd zuzugeben, dass Unfreiwilligkeit im Spiel war.

Nicht immer ist die Transitivierung ein Witz: Das Verb trocknen zum Beispiel funktioniert wirklich so. „Die Wäsche ist getrocknet“ kann man genau so gut sagen wie „Die Wäsche ist getrocknet worden.“ Neuerdings gilt das anscheinend auch für umziehen: „Im Lauf des Juli konnte die Wörterbuchsoftware schrittweise auf ihre neue Heimat umgezogen werden“, meldete LEO neulich. Auch dem intransitiven auf etwas stoßen (etwas zufällig entdecken) hat sich ziemlich unbezweifelt ein transitives jemanden auf etwas stoßen (jemandem etwas zeigen) beigesellt.

Nun zurück zu kreativen Neubildungen. „Klasse Idee! Wie ist dir das nur wieder eingefallen?“ Ein bescheidener Mensch könnte darauf antworten: „Eigentlich ist es mir von meinen Freunden eingefallen worden.“ Ein trefflicherer Kausativ wäre hier eingefällt, weil es zu fallen ja schon fällen gibt, aber gut. Oder hier, man stelle sich diese Szene vor: Geheimrat von Fontheweg betrat mein Büro. Seine Fliege saß schief, seine Hose war dreckig, sein Haar wirr und sein Gesicht leicht zerschrammt. Er keuchte vor atemloser Entrüstung. „Sie werden es nicht glauben, mein Freund!“, rief er aus, „Soeben bin ich auf dem Gang hinterhältig gestolpert worden!“ In beiden Fällen lassen adverbiale Ergänzungen – von meinen Freunden, hinterhältig – schon vor der Zeit vermuten, dass ein worden folgen wird, doch witzig ist es immer noch. Sind Sprachspiele ja immer.

Was ich finde

  1. Ich verehre Lisa Simpson dafür, dass sie sich eine Zeichentricksendung anschaut, in der eine Katze mit Säure verätzt und überfahren wird, sich vor Lachen ausschüttet und anschließend ihren bedrückten Bruder fragt: „Bart, du lachst ja gar nicht! Zu subtil?“
  2. Menschen, die verschnupften Sarkasmus für Humor halten, sprechen manchmal nuschelig, weil sie vor lauter falsch verstandener „Ironie“ und „Schelmenhaftigkeit“ die Zungenspitze nicht mehr aus der Backentasche kriegen. Bei schriftlicher Kommunikation entspricht dieser Nuscheligkeit ein unheimlich verkrampftes Vermengen von Ernst und Ironie, Andeutungen und nebulösen Formulierungen.
  3. Die Zeit t, die es braucht, einen Text von einer gegebenen Qualität q zu verfassen, ist proportional zum Quadrat der Anzahl der engagiert mitwirkenden Personen n.
  4. Die Intensität i der Entrüstung, die ein Fehler legitimerweise erregen darf, ist proportional zu dem Produkt aus seiner Schlimmheit s und seiner Eindeutigkeit e.
  5. „Keine Heuchelei auf meiner Beerdigung!“, kann man ja verfügen. Aber was bringt’s? Es führt bestenfalls zu einer Meta-Heuchelei.
  6. Ein Buch muss einen interessanten Inhalt haben. Das Thema ist dann drittrangig. Erstrangig ist die Gestaltung des Umschlages!
  7. Eine Liste kann Ausreißer verkraften, das steigert u.a. ihren humoristischen Wert. Sammeln sich aber zu viele ähnliche Ausreißer an, muss eine neue Liste her.
  8. Ich beklage bei der Menschheit einen mangelhaften Sinn für genaue Wortlaute. Da wird einem vom Munde weg alles zerzitiert, zergröbert, zersext und zersponnen.