Vaniloquium

Der Titel bedeutet „leeres Geschwätz“ und der Einband sieht aus wie eine Infobroschüre aus der Apotheke. Ironie? Möchte ich meinen. Der großartige Zeze hat da in Anlehnung an etwas Früheres, Periodisches ein einmaliges literarisches Sammelprojekt heraufbeschworen, das sich jetzt auf Papier manifestiert hat, das Vaniloquium. Auch ich durfte einen Beitrag leisten – ich leistete einen bescheidenen, gerade unter den anderen Beiträgen, den hervorragenden, wie zum Beispiel Carola Grafs beiden Briefen an Berta. Ich habe mich sehr gefreut, als ich vor knapp zwei Wochen mein Freiexemplar in Händen hielt, und möchte dafür werben, unter http://www.zerebralzebra.de/v01.htm auch das ein oder andere unfreie Exemplar zu erwerben.

Gamerschwang reloaded

Wer sagt, er hätte noch nie bei einem Computerspiel oder Film den Kopf bewegt, um etwas, das auf dem Bildschirm von etwas anderem verdeckt wird, besser sehen zu können, um dann an der Zweidimensionalität des Schirms zu scheitern, lügt wahrscheinlich. Ich habe das Phänomen vor einiger Zeit Gamerschwang getauft. Nun aber ist die Zeit der Spötterdämmerung: Gamerschwänge werden sinnvoll! Zurücklehnen und gucken.

Kabelbinder

Kabelbinder. Einmal geschlossen, kann man sie nicht öffnen, ohne sie zu zerstören. Aber mitunter kann man sie umgehen. Als ich noch im Studentenwohnheim wohnte, habe ich das mal gemacht: Der Stecker der Waschmaschine war mit einem Kabelbinder in einer Steckdose befestigt, die an einem kaputten Münzautomaten hing. Ein bisschen Nesteln reichte, um den Stecker aus der Schlinge zu ziehen und ihn in eine ungeschaltete Steckdose zu stecken. „So was geht gar nicht“, erboste sich die Heimleitung schriftlich, „einen Kabelbinder entfernen“ – vieles ist okay, aber das! Oh mein Gott!! Einen Kabelbinder!!! Auch der Hausmeister war so aus dem Häuschen, dass ich mich seither frage, wer Kabelbinder mit so viel Machtsymbolik aufgeladen hat, dass man einen Mann, der einen Kabelbinder angebracht hat, an dem Punkt so tief treffen kann.

Vielleicht sind Kabelbinder in den Händen von Frauen generell besser aufgehoben. Silvia Wille ist dafür ein Beispiel: Nimmt mal eben 20.000 Kabelbinder und macht daraus eine atemberaubende Skulptur, von unglaublicher Kraft und Leichtigkeit, wie ein Geist aus der Flasche.

Geschenke müssen rappeln

Rappel-CD (klein)Mein Bruder schenkte mir einmal einen Animationsfilm. In den Scharnierkantenhohlraum der CD-Hülle hatte er Softair-Munition gelegt, denn er fand, Geschenke müssen rappeln. Tja, wir sind mit Lego aufgewachsen, wie auch O., der neulich zustimmte: „I was always pissed when my presents didn’t rattle appropriately.“ Vor dieser Formulierung möchte ich niederknien.

Drucken

Ich habe gestern eine sehr interessante Umgebung gefunden, die das Drucken aus Java-Anwendungen heraus ermöglicht. Sie heißt Windows. Grrrrrrr.

Chomsky

Kann es sein, dass Noam Chomsky als Linguist im deutschen Sprachraum [ˈtʃɔmski] ausgesprochen wird, als politischer Publizist dagegen [ˈxɔmski]? Meine Evidenz dafür ist zwar ausgesprochen dünn, denn Zeit-Audio-Sprecher informieren sich prinzipiell nie, wie irgendetwas ausgesprochen wird, und mit einem Politikwissenschaftler habe ich erst einmal über Chomsky gesprochen (gestern). Aber der Gedanke gefällt mir.

Besondere Konjunktionen

Einige Wörter, die im heutigen Deutsch normalerweise nur als Adverbien auftreten, haben in alterthymlichen und sehr formalen Texten eine geheime zweite Identität als unterordnende Konjunktionen:

Ihnen ist es geboten, als Juden zu überleben, ansonsten das jüdische Volk unterginge.
Emil Ludwig Fackenheim, Die gebietende Stimme von Auschwitz

Dutzende einander duzende medizinstudentinnen zierten sich, sezierte zu siezen, darob der professor wütend befahl, sie sollen sich, bis auf eine, die vorgab, jungfrau zu sein, entfernen und heute ihre häute zu markte tragen.
zeze, Das mädchen mit der hosenscharte

(…) elliptisch oder geradlinig vibrirt, je nachdem die Iucidenzen zwischen jenen Grenzen liegen oder nicht.
Jamin, Ueber die Reflexion des Lichts an der Oberfläche von Flüssigkeiten. In: Annalen der Physik und Chemie, Band 165, Nummer S2, S. 269-288 (aus einem Google-Snippet, OCR-Fehler behutsam entfernt).

Der Inhaber des genannten Sparbuches wird aufgefordert, seine Rechte innerhalb von drei Monaten unter Vorlage der Sparurkunde geltend zu machen, widrigenfalls die Urkunde für kraftlos erklärt wird.
Amstblatt des Landkreises Roth 25/2002

Pott

Ich komme aus Düsseldorf, das von Ortsfremden häufig „dem Pott“, also dem Kohlenpott, also dem Ruhrgebiet, zugeschlagen wird. Ganz unbegründet ist das nicht – Düsseldorf stößt direkt an des Ruhrgebietes Südkante und war der gleichen Industrialisierungswelle ausgesetzt, die das kohlenreiche Ruhrgebiet zu dem machte, wofür es bekannt ist. Dies allerdings insbesondere auch, was die weißkragigen Aspekte angeht (Verwaltungen von Thyssen, Krupp, Mannesmann, Wirtschaftsverbände, Messen) – man sprach vom „Schreibtisch des Ruhrgebiets“.

Mir gefällt enorm, was das Ruhrgebiet in den letzten Jahren aus sich gemacht hat. Letztens war ich mal wieder im Landschaftspark Duisburg-Nord, bei dem tausend Bilder mehr sagen als ein paar Worte, gestern dann spazierte ich durch Oberhausen, an einer Turbinenhalle und einem Gasometer vorbei, die immer noch so heißen, obwohl dort jetzt abgedancet bzw. Kunst ausgestellt wird. Mein Ziel war diesmal nicht so industriehistorisch angehaucht, es war das Schloss Oberhausen mit der Ausstellung Deix in the City, die Werkschau einer wohl ganz großen Nummer im Malen menschlicher Schwächen.

Mir kommt es so vor: Manfred Deix‘ Karikaturen übertreiben die Realität und schaffen es dabei fast immer, nicht nur die Zustände zu verspotten, sondern auch die, die sich über die Zustände aufregen. Und zwar heftig. Immer hat man das Gefühl „Huch, wen wollte er damit letztlich aufspießen?“ Diese Doppelbödigkeit fand ich beachtlich, ansonsten fand ich’s soso lala, ein Humor, den seine Derbheit nicht immer zu voller Blüte treibt.

Wollte ich also eine Chance haben, am selben Tage noch richtig begeistert zu werden, müsste ich eine weitere Ausstellung besuchen, und ich wählte Radical Advertising im Düsseldorfer NRW-Forum. „Erwarten Sie bitte keine besonders originelle oder aufwändige Werbung“, wurde sinngemäß gewarnt, aber leider erst nach dem Eintritt. „Hier geht es um systemverändernde Werbung.“ Inwiefern die gezeigte Werbung systemverändernd war, erschloss sich mir nicht. Im ersten Teil gab es einzelne Beispiele für Guerilla- und virales Marketing – hier hat es ein Museum schwer, einen besseren Überblick zu verschaffen als z.B. scaryideas oder YouTube. Von einem radikalen Paradigmenwechsel, der der zeitgenössischen Werbung im Geleittext großspurig bescheinigt wird, ist jedenfalls nichts zu sehen. Dafür unterscheiden sich in Haltestellenwände eingelassene Riesensandalen dann doch nicht genug von Plakaten und zieht es nicht weit genuke Kreise, wenn ein Baumarkt sich mal den Spaß erlaubt, einen Netzkult um einen fiktiven Stuntman auszulösen.

Auch im zweiten Teil kein Paradigmenwechsel, jedenfalls kein kontemporärer: Gezeigt wird Schockwerbung (Benetton, natürlich, und Diesel) aus längst vergangenen Jahrzehnten. Mag ja sein, dass das damals systemverändernd war, aber irre ich, oder ist die Ironie in der Werbung eine Randerscheinung geblieben? Als drittes Thema ein bisschen Adbusting.

Insgesamt habe ich mich von diesem Sonntag denn aber doch gut unterhalten gefühlt. :-)

Spendenstichwort

Heute sah ich ein Plakat der Diakonie – mit Spendenkontonummer, Bankleitzahl und Stichwort. Letzteres heißt auf den Formularen meiner Bank allerdings immer noch „Verwendungszweck“, und da nun „Krieg und Vertreibung“ reinschreiben…?