Für mich persönlich war die Matrix-Trilogie der letzte Kontakt mit Keanu Reeves, den Wachowski-Brüdern und der Idee, dass eine elitäre Gruppe von Guten sich über physikalische Gesetze hinwegsetzt. Gestern im Kino, während der Vorschauen, bin ich allen dreien wieder begegnet: Ersterer spielt jetzt einen Cop in Street Kings, die zweiteren beiden bringen demnächst einen unglaublich bonbonfarbenen Film raus und letztere treibt sich bald in einem neuen Film rum, in dessen Trailer am Anfang eine Frau vor einer Zielscheibe steht und der Held um sie herum schießen soll. Der Titel war… kurz. Machte einen interessanten Eindruck.
Tabus
Ein Tabu zu brechen ist schwierig, weil man dafür an einer Quelle des Mainstreams sitzen muss. Abseits dessen gibt es ja kaum noch welche. Vor zwanzig Hanseln auf einer Provinzbühne unter Zuhilfenahme von Hühnerblut zu kopulieren, damit möge mir keiner kommen, das haben schon tausende gemacht. In der Fernsehwerbung ist dagegen noch manches Tabu zu brechen, und eins hat DMAX gerade, wie ich finde, erfolgreich gemeistert:
Frust und Lust mit MonoBook
Kriegt außer mir irgendjemand Darstellungsprobleme dieser Art in der Ubuntu-Ausgabe von Firefox 2? Es ist auffällig, weil ausgerechnet MonoBook, das Standard-Skin der Wikipädie, sie mit der größten Zuverlässigkeit auslöst. Abgesehen von den ekligen Rauten zerfetzt es die schönen Registerreiter:
MonoBook ist aber auch eine monströse Schöpfung. Es ist atemberaubend und desillusionierend, zu was für Tricks gegriffen wurde, um die schöne Verpackung in jedem Browser ähnlich aussehen zu lassen. Vor allem der visuelle Eindruck von Registerreitern ist ganz schön schwarzmagisch herbeigeführt.
Trotzdem wollte ich nicht für die Gesellschaft zur Stärkung der Verben auf den fast jedem aus der Wikipädie vertrauten Look verzichten. Deutlicher kann man „Dies ist ein Wiki, und du kannst edieren“ wahrscheinlich nicht sagen. Und überraschenderweise hab ich heute Nachmittag tatsächlich endlich ein schon mit Firefox, Opera, Konqueror und Internet Explorer 7.0 für Windows erfolgreich getestetes Skin hingekriegt. Das alte funktionierte im Grunde nur mit Firefox. Man beachte die „verbalisierte“ oder, um es stark zu sagen, „verbalisorene“ Reiterbeschriftung, deren volle Pracht sich nur dem Administrator, also mir, erschließt (rechts abgeschnitten: beobachten):
Außer denen freue ich mich kindisch über das nunmehr stilvoll abgedunkelte Rot der Quadrate und den Individualisierungseffekt, den man schon damit erreichen kann, dass man den Buch-Hintergrund an der rechten statt wie bei MonoBook an der linken Bildkante ausrichtet. Langfristig sollen da aber wieder ressortweise wechselnde, etwas farbkräftigere Hintergrundbilder hin. Ist sonst ein bisschen leer rechts.
Der Schirmschuss stammt jetzt übrigens aus Firefox 3, der kurz vor der endgültigen Veröffentlichung steht und auch das unmodifizierte MonoBook richtig anzeigt. Auch sonst ist er cool. Ein lustiges Detail ist, dass die Anzahl der Klicks, um eine Website mit ungültigem Zertifikat aufrufen zu können, von 1 auf 5 erhöht wurde. Ohne erkennbaren Sinn außer dass man gezwungen wird, länger nachzudenken, einfach hier noch ein Dialogfenster, da noch ein DHTML-Dialog, hier noch ein Knopf, den man drücken muss. Damit man auch ja weiß, was man tut.
Graffiti (1)
You Can’t Spell „Soundso“ without „Sound“
Was die beiden Bands betrifft, die man unter Deutschrock → WI findet, bin ich meinen Fanpflichten diesmal mit teils erheblicher Verspätung nachgekommen. Jetzt hab ich sie endlich, die neuen Alben von Wir sind Helden und Wise Guys. Und will sie mit jeweils einer dieser schönen Love-it-hate-it-Listen würdigen, wie Julius sie immer macht.
Wir sind Helden: Soundso
(Ode) an die Arbeit – Looooove it.
Also, was das Schaf da mit dem Gras macht – keine Arbeit. / Was man später mit dem Schaf macht – das ist Arbeit!
Die Konkurrenz – Looooove it.
Du pfeifst und singst und fühlst dich frei / da zieht wer links an dir vorbei. / Vorbeizieh’n ist dir einerlei / sagst du und wirst ganz blass dabei.
Soundso – Looooove it.
Aber nichts davon bestimmt dich, weißt du / nichts davon verglimmt nicht mit der Zeit…
Für nichts garantieren – Love it.
Kaputt – Love it.
Labyrinth – Love it.
The Geek (Shall Inherit) – Love it.
Endlich ein Grund zur Panik – Looooove it.
Die Krieg kommt schneller zurück als du denkst – Love it.
Was ist so lustig an Liebe und Frieden? Was ist so lustig?
Hände hoch – Love it.
Stiller – Love it.
Lass uns verschwinden – Love it.
Hier also ein knappes und eindeutiges Urteil. Die Texte z.B. machen mich sprachlos mit ihrem Sprachwitz. Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll, zu zitieren. Das Album ist halt grandios. Und auch die Wise Guys, hätten sie auch drei der mörderisch vielen Lieder auf ihrer neuen CD ohne Verlust einfach weglassen können, scheinen mir nicht auf dem absteigenden Ast zu sein…
Wise Guys: Frei!
Am Anfang – Hate it. Wer hat in Stein gemeißelt, dass jedes Album einen „Opener“ braucht?
Relativ – Love it. Nett und flott.
Es ist nicht immer leicht – Hate it.
Ich will zu dir – Love it. Sehnsuchtsvoll.
Die ersten warmen Tage – Hate it. Die Schönwetterobsession entwickelt sich zur Kardinalschwäche der Wise Guys.
Alles in die Luft – Love it. Witzig!
Schiller – Looooove it. Natürlich. Das ist im Vorfeld schon massiv 3sat und YouTube rauf- und runtergekultet. Es ist wunderbar, die Parodie auf Michael Jacksons Thriller jetzt in der Studioqualität genießen zu können, die ihrer Dramatik gerecht wird.
Jener Schleimer, der scheinbar in Weimar zwei-, dreima‘ dabeiwar / gilt heut als Klassiker pur, als Leitkultur, warum nur?
Wir hatten eine gute Zeit – Love it. Gefühlvoll.
Seemann – Looove it. Cooles Shantie, lustige Pointe.
Sonnenschein – Love it.
Das Wasser – Love it. Melancholoid.
Nonverbale Kommunikation – Love it.
Langsam – Love it.
Aber der Sekundenzeiger /bei der Uhr dort an der Wand / bleibt nach der Pause tempomäßig offenbar konstant / trotzdem kommt er nach der Runde wieder pünktlich oben an /woher weiß der Zeiger bloß, wie lang er Pause machen kann?
Paris – Gähn.
Jeden Samstag – Love it. Geht textlich los wie „Aber bitte mit Sahne“ und hat musikalisch eine fantastische Gackerbegleitung.
Quäl dich fit – I disagree, but looove it.
ChaChaCha auf’m Dach – Love it.
Nummer drei – Love it. Klagend.
Herbst am See – Love it. Melancholisch.
Paris (feat. Bremer Philharmoniker) – Okay. Die Orchesterversion kann man sich ganz gut anhören. Ist halt lustig.
Schlimme Lehrerin
In der aktuellen Zeit ist ein Streitgespräch: Dürfen Schüler ihre Lehrer im Internet benoten? zwischen dem Sprecher von spickmich.de, einem Schüler und einer Lehrerin. Diese Lehrerin, Frau Boese, ist ohne Frage die… äh… schillerndste Persönlichkeit in der Runde. Ihr Kernargument ist, dass nicht alle Lehrer einer Schule bewertet würden und dass nicht alle Schüler einer Klasse einen Lehrer bewerteten. Als ob das nicht bei jeder Form von Meinungsäußerung so wäre. Und dass es für richtiges Feedback durchorganisierte Veranstaltungen bräuchte. Merke also: Nicht den Mund aufmachen, bevor der institutionelle Rahmen dafür geschaffen ist. Der Hammer ist aber Frau Boeses Schlusswort:
Wenn es um die Gegenüberstellung von Persönlichkeitsrecht und Meinungsfreiheit geht und spickmich.de keinen Nutzen für die Schule hat, muss es aus der Welt geschafft werden. Und wie das in Deutschland so ist, geht das nur vor Gericht.
Statt, wie das in besseren Staaten wäre, per Entscheid des Kultusministeriums und diskrete Entfernung der spickmich.de-Zentrale durch die Polizei? Wer sich erdreistet, keinen für Renate Boese sichtbaren Nutzen für die Schule zu haben und trotzdem über diese reden zu lassen, wird es nicht anders verdient haben.
Motivationsschrei (1 Seite)
Katzensprunk
Eeeeeeeerie: Vor einer Minute trifft eine E-Mail von Aleks ein, in der dieser etwas von einem „Katzensprunk“ schreibt. Ich amüsiere mich und spreche das Wort laut aus, gucke aus dem Fenster und genau in diesem Moment sehe ich die schwarz-weiße Nachbarskatze auf den Dachboden des Holzschuppens springen. Da sitzt sie nun.
Wortparallelismus
Eine schöne Stilfigur, meines Wissens nicht einschlägig beschrieben, will ich den Wortparallelismus nennen und nicht durch Beschreibungen, sondern durch Beispiele erklären:
Schälen der Birne mitnichten vonnöten. (Max Goldt)
Sie machen es ja anders als seinerzeit unsereins.
Das ist hierzulande heutzutage so üblich.
Leider ist er saumäßig saumselig.
Er vergibt die Jobs nach Gutdünken und Wohlwollen.
Sergius und Virata
Ich lese gerade die Erzählung Pater Sergius von Lew Tolstoi. Der Titelheld ist ein Mann, der erst als Kaufmann, dann als Ordensbruder, dann als Einsiedler mit seinem Hochmut kämpft. Als Einsiedler wird er berühmt – da fühlte ich mich an Stefan Zweigs wunderbare Erzählung Die Augen des ewigen Bruders erinnert, in der dem Protagonisten Virata als Einsiedler Ähnliches widerfährt. Und die Parallelen gehen tiefer: Virata und Sergius sind Menschen, die in ihrem Streben nach einem moralisch einwandfreien Leben nie zur Ruhe kommen. Nach alltäglichen Maßstäben sind sie verrückt. Virata zieht sich immer weiter zurück, weil er, egal, wie er sich verhält, immer noch das Leid sieht, dass er anderen Menschen zufügt, und vergeblich versucht, das Schuldigwerden gänzlich abzustellen. Erst als er sich so verhält, dass er nicht mehr durch Selbstlosigkeit die Bewunderung der Menschen auf sich zieht, sondern durch Selbstentwürdigung ihre Verachtung und ihr Vergessen, kommt er seinem Ziel nahe – keinem Menschen mehr zu schaden. Zweigs Held ist mir sympathischer als Tolstois. Bei dem steht immer Gott zwischen ihm und den anderen Menschen – stellenweise besteht Sergius‘ Konflikt gerade darin, dass das gottgefällige Leben eben nicht unbedingt das Leben ist, das den anderen Menschen am meisten hilft. Pater Sergius, wie überhaupt Tolstois späte Erzählungen mit ihrem stickigen Christentum und ihrer Fixierung auf Sexualmoral, muss man nicht gelesen haben. Die Augen des ewigen Bruders hingegen besorgt sich das kluge Lesefröschchen, wenn es sie noch nicht kennt, am besten noch heute.




