Drei neue Lieblingssätze

Über die letzten zwei Monate hinweg habe ich mal wieder intensiv mit XSLT gerungen, um ein (mir) neues Korpusformat in ein anderes zu überführen. Syntaktische Annotation steckt voller Fußangeln, gerade fürs Deutsche, und daher war ich immer heilfroh, in den Datenproben schön komplizierte Beispielsätze zu finden, an denen sich trefflich testen ließ, ob mein Konvertierstylesheet wirklich funktionierte. Insbesondere drei Sätze aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung (das Korpus kommt aus Potsdam) sind mir richtig ans Herz gewachsen.

Was haben wir nicht alles zusammen durchgemacht, liebe Sätze! Was haben verbuggte frühe Versionen meines Stylesheets eure Syntax verstümmelt, wie verzweifelt habe ich manchmal nach den Fehlern gesucht! Wo für normale glatte Sätze ohne Extravaganzen alles schon zu laufen schien, wart ihr unbestechlich und habt die Unvollkommenheit der Konvertierung entlarvt! Heute stelle ich euch der Öffentlichkeit vor:

Doch wo und wer sind sie?

Das wird im Potsdamer Korpus gewissermaßen als „Doch wo sind sie und doch wer sind sie?“ analysiert, wobei statt der roten Teile durch „secondary edges“ die blauen ein zweites Mal in den syntaktischen Baum eingebunden werden. Eine wunderhübsche symmetrische Konstruktion.

Die jungen Autoren wollen nur noch gute Bücher schreiben und behaupten nicht, dass sie dem Kanzler Ratschläge erteilen können, die besser sind als die von Normalbürgern.

In der messerscharfen Potsdamer Analyse hat dieser Satz zwei unterbrochene Konstituenten, wobei eine („besser (…) als die von Normalbürgern“) in der anderen („Ratschläge (…), die besser sind als die von Normalbürgern“) steckt. Schon eine ganz ordentliche Messlatte.

Vielleicht wird ja der abgerundete Bonbonpreis durch den aufgerundeten Schokoladenpreis wieder wettgemacht.

Auch der Sprung von zweiteiligen zu dreiteiligen Konstituenten war nicht ganz trivial. Und inhaltlich gefällt mir dieser Satz besonders gut.

Was man nicht sagt (1)

„Ich möchte Dir versichern, dass an meinem Kabinettstisch niemand Platz hat, der den amerikanischen Präsidenten mit einem Verbrecher in Verbindung setzt“, schrieb Gerhard Schröder George W. Bush einst. Was ist das denn bitte für eine Ausdrucksweise? Als ob Nazi-Vergleiche dick machen würden. Es besteht ja kein Sachzwang wie bei einem Ei, das nicht in den Eierbecher passt, sondern ein ganz bestimmtes Verhalten wird aus diplomatischen Gründen abgeurteilt. Die Platzmetapher ist leider sehr beliebt in der Sich-Öffentlich-Distanzier-Industrie und gehört zu den sprachlichen Manövern, die mich auf die Palme bringen (zumindest, wenn ich sie gedruckt sehe). Womit eine neue Serie eröffnet wäre: Was man nicht sagt (in Anlehnung an gleichtitlige Tagebucheinträge von Max Goldt)…

Adel

Ich weiß nicht, wie S. damals in der zehnten Klasse darauf kam, die Stufendumpfbacke, die als besonderes Kennzeichen einen Grafentitel, fünf Vornamen und die einschlägigen Präpositionen im Nachnamen trug, ausgerechnet als „Bauer“ zu beschimpfen. Deren Reaktion jedoch war bezeichnend: Packte seinen Personalausweis aus und präsentierte mit ätzender Gebärde eben Genanntes. Tiefer kann Adel nicht sinken.

Amok

Ich habe gehört, dass an Schulen jetzt Amokläufe geprobt werden. Es gibt ein Codewort, das nur dem Kollegium bekannt ist und nach einer Probe bzw. einem Amoklauf ausgewechselt wird, zum Beispiel der Name eines verstorbenen Hausmeisters. Wird dieses über die Lautsprecheranlage durchgesagt, muss jede Lehrkraft die Klassenzimmertür abschließen und die Klasse in der Ecke hinter der Tür versammeln, damit, wenn der Amokläufer die Tür eintritt, er niemanden in der Schusslinie hat und eventuell von hinten überwältigt werden kann. Um den Überraschungseffekt zu steigern, könnte man natürlich vor den Proben die melancholischen Außenseiter des Raumes verweisen, dies scheint jedoch nicht üblich zu sein.

Rrrr!

Nina Hagen hat mit Apocalyptica Rammsteins Seemann gecovert. Wie einer meiner guten Linguistenfreunde bemerkte, geht sie dabei auch phonetisch über Rammstein hinaus, deren Markenzeichen der stimmhafte alveolare Vibrant ist, und bringt eine Vielfalt von Aussprachen des R unter. Normalerweise wird im Deutschen nach Vokal auch das R vokalisiert, dies tut Hagen in 8 von 24 Fällen. Bleiben 16 postvokale R’s und 5 nicht postvokale R’s, die in dem Lied auch noch vorkommen. Darunter zähle ich zwei stimmhafte uvulare Frikative (standarddeutsch), vier stimmhafte uvulare Vibranten (standardfranzösisch) und 15 klassisch Rammstein’sche stimmhafte alveolare Vibranten, von denen wiederum drei zaghaft kurz daherkommen, acht schon deutlich mehrschlägig sind und vier genüsslichst ausgerollt werden. Und überhaupt ist das Lied gnadenlos gut.

Erfindungen

Weihnachten. Ich bin in den Schoß der Familie zurückgekehrt und bewundere deren Erfindungen. Mein Bruder hat eine Maschine gebaut, die das erste Level von Snake mit einer Brute-Force-Strategie durchzockt, und mein Vater hat das Problem des dreiwipfligen Weihnachtsbaumes („Wo soll nun der Stern hin?“) kreativ gelöst.

Snake-Zock-Maschine  Christbaumstern

Abkürzungen

Zur allgemeinen Belustigung habe ich einige typische Namen linguistischer Projekte, Korpora, Formate, Systeme, und (behold!) Architekturen zusammengestellt. Das sind alles Abkürzungen.

ALE
ATLAS
COBALT
COCONUT
COGENT

CoMa
DAISY
DRAMA
EAGLES
EGYPT
Falko
GATE
GENAU
GrAF
HIAT
ISLE
MATE
MiLCA
NEGRA
NITE
PALinKA
PTOLEMAIOS
SABLE
SALSA
SLAM
SNACK
SUMO
SUSANNE
TASX
TiGer
TRAINS
TRALE
TRIPS
TULiPA
TUNA
TUSNELDA