Mittwöchliche Einzeiler

Stellen Sie sich eine Sitcom vor, die in den Straßen und U-Bahn-Tunnels New Yorks spielt. Die Charaktere: JAP, Suit, Hobo, Hipster, Thug, Queer, Tourist und viele mehr. Das ist Overheard in New York, die vitalste und witzsprühendste mir bekannte Sprüchesammelseite. Dass sie zwanzigmal so viele Einträge hat und viel komischer ist als das Pendant für ganz Deutschland (immerhin zehnmal so viele Einwohner), liegt sicher nicht nur daran, dass New York viel dichter besiedelt ist und daher mehr Kontakt zwischen Sprücheklopfern und Spionen besteht.

Es liegt wahrscheinlich auch nicht allein an den states of mind der hochsexualisierten, der unfreundlichen, der hedonistischen, der plain crazy, der zynischen und der arroganten New Yorker, die zum Nährboden für vielfältige humoristische Topoi und Running Gags beitragen.

Nein, ich finde, die Qualität von OiNY besteht zu einem guten Teil auch aus dem redaktionellen Rahmen: Steht da ein mehrzeiliger Dialog mit einer Schlusspointe, wird in jedem Fall noch eine zweite Pointe draufgesetzt, und zwar immer in Form einer Überschrift, ob es nun ein Kommentar zum Dialog ist oder eine fiktive Fortsetzung. Das ist eine ganz schöne Leistung; sie lässt die Überschriften auf belauscht.de sehr brav und kläglich aussehen.

Es gibt Dialoge, bei denen es einem einfach die Sprache verschlägt. Das Finden einer lustigen Überschrift ist dann besonders schwierig und wird in Form eines Headline Contests an die Besucher weitergegeben. Die circa sieben besten Vorschläge werden dann veröffentlicht.

Sprüche, die jeweils nur in einer „einzeiligen“ Äußerung bestehen, werden aus irgendeinem Grunde mittwochs en gros veröffentlicht, und zwar thematisch gruppiert. Es gibt dann z.B. einen Eintrag für Hundesprüche, einen für Alkoholsprüche, einen für deviantes Sexualverhalten, einen für MySpace, einen für… you get the idea. Ich frage mich, ob die die Einzeiler per Hand aussortieren und gruppieren oder ob deren Server automatisch alle Einsendungen, die nur einen Doppelpunkt enthalten, tokenisiert, stemmt und mit Hilfe einer Ontologie einer Reihe von Begriffen zuordnet. Dann könnte die Redaktion jeden Mittwoch einfach gucken, welche Begriffe gerade genug Sprüche haben und daraus die Einträge basteln. Woher, wenn nicht von dieser Automatisierung, hätte sie die Zeit, sich für die Überschriften auch noch jeweils einen Satz zu dem Begriff zu überlegen, der das Wort Wednesday One-Liners enthält?

Wer jetzt OiNY-Leser werden will, dem sei dazu noch das Urban Dictionary ans Herz gelegt – ein Hilfsmittel, das einen bei Begriffen wie bimbette, get head oder sogar OiNY-Erfindungen wie wheelbo praktisch nie im Stich lässt.

Die fließende Königin

Als Peter Jackson zum ersten Mal den „Herrn der Ringe“ las, soll er gedacht haben: „Wow, hoffentlich macht da mal jemand einen Film draus!“, bevor er es dann viel später selbst tat. Als ich zum ersten Mal den „Herrn der Ringe“ las, dachte ich: „O je, hoffentlich macht da mal jemand Recyclingpapier draus!“, bevor ich mich dann hütete, es zu tun, und das Buch, weil geliehen, zurückgab. Nicht so bei der Fließende-Königin-Trilogie: Hier denke ich wie dort Jackson! Was Kai Meyer allein an Kulisse auffährt: Venedig. Eine Zauberspiegelwerkstatt. Palazzi. Lebendige Steinlöwen. Sphinxe. Fliegende Sonnenbarken. Mumienkrieger. Die Hölle. Heliopolis. Subozeanische Gefilde. Ein Unterseeboot. Eine eiserne Festung. Ein schneebedecktes Ägypten. Genau das Richtige also für eine monumentale Filmreihe. Regisseure der Welt, ich warte!

Lieblingswörter

Gestern habe ich schon einige meine Lieblingswörter als Beispiele verwendet. Es folgen weitere.

Arglistig, blitzartig, erbost, fürbass, Geheimnis, getrost, listig, Nekropole, Netz, schwatzhaft, Sheddach, Substitute, Zorn, blend, caterpillar, gazeteer, harpsichord, hirquitalliency, lingo, miscellaneous, presume, shady, technically, toss, vending machine, quatorze, holókauston, хорошо.

Warum erbost? Weil ich es schön finde, dass es ein eigenes Wort für eine possierliche Form der Wut gibt. Kleine Kinder und Kasperles sind erbost. Und das ist niedlich. Außerdem kann man beim Aussprechen des langen o hervorragend ein erbostes Gesicht machen.

Schöne Wörter

Wie versprochen: Mein schönstes deutsches Wort ist Gefängnis, weil frecherweise dicke Mauern, winzige Fenster und Tristesse das Letzte sind, wonach es klingt. Orientierten sich Knastarchitekten an seinem Klang statt an dem von «Zuchthaus» oder «Justizvollzugsanstalt», wären Gefängnisse filigrane, von orangegelbem Licht durchflutete Käfige, wenn nicht gar unsichtbare Bannsprüche. Denn die zauberhafte Endung «nis» teilt sich das Kittchen praktisch nur mit Abstrakta, wie z. B. «Bedrängnis», «Verhältnis», aber vor allem «Geheimnis».

So hätte ich dem Deutschen Sprachrat geschrieben, wäre mir der Einfall noch vor dem Einsendeschluss gekommen.

Was macht Wörter schön?

Manche Wörter klingen besonders schön, vollmundig und warm wie lapidar oder zungenbrecherisch filigran wie Differenzialgetriebe, sodass es ein sinnliches Vergnügen ist, sie zu hören und auszusprechen.

Manche Wörter, wie kafkaesk, ergeben im Schriftbild interessante Muster, die für einen kurzen Augenblick das unabschaltbare Analysieren und Lesen der linken Hirnhälfte aussetzen lassen und der rechten Hirnhälfte eine Zeichnung zeigen wie von Künstlerhand.

Manchmal ist ein Wort schön, weil sein Klang oder sein Schriftbild vortrefflich zur Bedeutung passt. Jäh ist ein tolles Beispiel, oder Krautfaß (man bemühe hier die Alte Rechtschreibung, deren ß dem Kraute etwas besonders Deutsches und Scharfes verleiht). Oder zu dieser in krassem Gegensatz steht, wie bei Gefängnis oben.

Manchmal ist ein Wort auch allein wegen seiner Bedeutung schön, aber nicht einfach, weil das Bezeichnete schön ist, daher im obigen Wettbewerb die waschkörbeweise Einsendungen von Liebe, nein, das güldet nicht! Wohl aber ist es schön, wenn ein Wort eine ganz bestimmte Bedeutung umreißt, für die andere Sprachen kein Wort haben – wenn schon in der semantischen Form eines Wortes eine scharfsinnige, sensible Beobachtung steckt.

Selten gebrauchte Wörter bieten manchmal überraschend die Möglichkeit, mit einem Wort zu sagen, wofür man sonst einige braucht. Einander ist so ein Fall: Helga krault Bob und Bob krault Helga sagt sich eleganter so: Helga und Bob kraulen sich gegenseitig, noch schöner aber so: Helga und Bob kraulen einander.

So zählt auch zumal zu meinen Lieblingswörtern: Für so etwas Spezielles wie einen verstärkenden Grund eine eigene Konjunktion zu haben ist sprachlicher Reichtum pur.

Veraltende Wörter zeigen ihre Schönheit unter anderem in der Freude, die einen befällt, wenn man eine Gelegenheit findet, sie anzubringen. Ruchlos und tückisch sind hier nur zwei von unzähligen Beispielen.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters, besonders, wenn sie von den Assoziationen herrührt, die ein Wort – möglicherweise unerklärlicherweise – versprüht. Farbige Bilder rufen bei mir zum Beispiel Komposita wie Knethaken oder Milchkammern hervor.

Schließlich kann ein Wort schön sein aufgrund der Weise, in der es gebildet wurde: Ohne Zweifel war es eine sehr poetische und gute Idee von Philipp von Zesen, Moment mit Augenblick zu übersetzen und macht das Letzteres zu einem legitimen Lieblingswort. Ein fantasievoll aus einfachen Bestandteilen zusammengesetztes oder auf andere Weise geistreich gebildetes Wort ist schön.

entfernen

entfernen gehört zu meinen Lieblingswörtern. Hier sind ein paar Beispielsätze, die illustrieren, warum das so ist:

Pfarrwerfen, das: Unterdrückt-aggressive Stimmung in Kirchengemeinderäten und Konfirmandengruppen, wenn jedes Mitglied gerne den ausufernden Monolog des Pfarrers durch gewalttätiges Entfernen desselben beenden würde.
Ranunkel

Alle Ihre Sinne arbeiten logarithmisch. Sonst würden Sie ein leichtes Streicheln nicht fühlen, oder eine Ohrfeige würde Ihren Kopf entfernen.
Dr. Huster

Das World Trade Center beherbergte über 800.000 m² Bürofläche, bis Al Kaida es am 11. September 2001 entfernte.

Zu Lieblingswörtern werde ich bald noch mehr schreiben.

Horde Groupware Webmail Edition webgehostet

Mit der Horde Groupware Webmail Edition kann man, wenn man ein IMAP-Mail-Konto hat, über eine Web-Schnittstelle von überall aus auf seine Mails zugreifen. Für Besitzer eigener Domains und zugehöriger E-Mail-Adressen bietet das gegenüber etwa Google Mail den Vorteil, diese Adressen als Absender-Adressen nutzen zu können und E-Mails dabei auch über den SMTP-Server zu verschicken, an den die Adressen ggf. per SPF gekettet sind.

Die Horde-Entwickler haben Leute im Blick, die wirklich über einen eigenen Server gebieten. Eine Installation bei einem Webhoster, bei dem man nur einen FTP-Zugang hat, ist nicht vorgesehen. Das wollte ich aber. Und es geht. Zum Glück beinhaltet mein Webhosting-Paket all die PHP-Erweiterungen, die Horde verlangt.

Für die Art von Installation, die mir gelungen ist, braucht man außer dem entfernten Webserver mit FTP-Zugang und einer Möglichkeit, MySQL zu verwalten (z.B. phpMyAdmin), auch noch eine lokal laufende MySQL-Datenbank, „gegen“ die man Horde erst mal vorkonfigurieren kann. Das geschieht nämlich mit Hilfe des Skripts scripts/setup.php, das man von der Kommandozeile aus ausführen muss. Man benötigt also auch eine lokale PHP-Installation mit Kommandozeileninterpreter. Die muss aber nicht all die von Horde geforderten Erweiterungen aufweisen.

Man lädt sich also Horde runter, geht in das Horde-Verzeichnis, tippt…

php scripts/setup.php

und sieht:

Configuration Menu
(0) Exit
(1) Configure database settings
(2) Create database or tables
(3) Configure administrator settings

Der Trick ist jetzt, diese Punkte in der Reihenfolge 1, 2, 1, 3, 0 abzuarbeiten. Also:

  1. (1) Die Datenbankeinstellungen für die lokale Datenbank vornehmen. Das UNIX-Socket, das man angeben muss, kann man bei entsprechend konfiguriertem PHP z.B. per phpinfo() herausfinden, dort ist es unter der Überschrift mysql aufgeführt.
  2. (2) Die von Horde benötigten Tabellen in der lokalen Datenbank erzeugen lassen.
  3. (1) Die Datenbankeinstellungen auf die für die Datenbank auf dem Zielserver benötigten Werte ändern. Wie man das UNIX-Socket herausfindet, siehe unter 1.
  4. (3) Den zum eigenen IMAP-Postfach gehörigen Benutzernamen als Administrator-Benutzernamen angeben.
  5. (0) Das Konfigurationsskript verlassen.
  6. Die unter 2 in der lokalen Datenbank erzeugten Tabellen exportieren und auf dem Zielserver importieren. Das geht z.B. mit phpMyAdmin.
  7. Das Horde-Verzeichnis mitsamt der unter 3 erzeugten config/conf.php auf den Zielserver hochladen.
  8. Von hier ab reicht die offizielle Horde-Installationsanleitung wieder.

Antifaschisten-Bashing

Ich kann mir nicht helfen, meine verehrte Zeit hat zur Zeit richtig Spaß daran, Leute zu bashen, die sich zumindest bemühen, etwas gegen Neonazis zu unternehmen. Das ist zwar böse, aber lustig:

Landauf, landab zittern die Neonazis schon vor Angst. NPD verboten? Hass verboten? Will also heißen also, Ausländer schlagen verboten? Derlei Aussichten erschüttern das Glatzenwesen bis in die Stiefelschäfte.
Jochen Bittner

„Wir müssen den Jugendlichen eine Bildung vermitteln, die ihnen vermittelt, dass die Demokratie die Gesellschaftsform ist, die ihnen die meisten Chancen bietet.“ Ein Satz wie in Knete gemeißelt. 350 gewalttätige, organisierte Neonazis gibt es nach übervorsichtiger Schätzung des Verfassungsschutzes im Harzkreis Halberstadt, Quedlinburg, Wernigerode. Deshalb verspricht vom Podium herab ein Politiker, dass die Strafverfolgung jetzt (jetzt!) intensiv betrieben werde. Dann kommt der Vorschlag, bis an die Grenzen des Rechtsstaates zu gehen. Dann wird NPD mit SPD verwechselt. Dann Jugendarbeit gefordert. Und dann ruft der Bürgermeister in seiner Verzweiflung den unsterblichen Satz: „Was die Rechten machen, müssen wir auch machen!“
Evelyn Finger

Komische Sätze

Heute analysieren wir Komik auf Satzebene. Und zwar nehme ich Max Goldts Herausforderung aus dem Text Der Lachmythos und der Mann, der 32 Sachen gesagt hat (Für Nächte am offenen Fenster, Rowohlt 2003, S. 110) an.

Es muß an dieser Stelle unbedingt auf einen großartigen Satz von Robert Löffler hingewiesen werden, der da lautet: „Nun ist es auch schon wieder 167 Jahre her, daß man Marie von Ebner-Eschenbach gebar.“ Als ich diesen Satz das erste Mal las, dachte ich: Wer nicht sofort exakt drei Gründe nennen kann, warum dieser Satz komisch ist, der hat entweder keinen Humor oder keine analytische Erfahrung, vermutlich beides nicht. Ein brillanter Testsatz in der Tat.

Also gut, analysieren wir: Der wesentliche Teil der Komik entsteht durch das Subjekt man, und zwar in drei Schritten:

  1. Bei Angaben zum Geburtsjahr bekannter Persönlichkeiten ist das Passiv wurde geboren üblich. Dass hier gebären aktiv verwendet wird, trifft einen unerwartet. Es scheint plötzlich nicht mehr um ein trockenes, bibliografisches Datum zu gehen, sondern um den Vorgang der Geburt, der bei der Auseinandersetzung mit einer Dichterin selten im Vordergrund steht – kaum jemand interessiert sich für den ersten Schrei der kleinen Marie.
  2. Jemanden zu gebären ist der Inbegriff desjenigen, das nur die Mutter tun kann. Das unpersönliche man ist komisch deplatziert.
  3. Zusätzlich suggeriert man in Bezug auf ein konkretes Ereignis (also zum Beispiel nicht in „Das macht man halt so“, wohl aber in „Man hat mich vertrieben.“) nicht nur mehrere Beteiligte, sondern auch ein geradezu verschwörerisches, planvolles Handeln, als hätte man es ausgeheckt, die große Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach in die Welt zu setzen.

Zusammenfassend: Der Satz vermischt auf ungewohnte Weise die historische Perspektive auf eine Dichterin und das Auf-die-Welt-Bringen eines Babys.

Jetzt will ich noch erklären, warum dieser Lehrerspruch von schulzitate.de komisch ist:

Kinders, wenn Dummheit lange Hälse machte, dann könntet ihr kniend aus der Dachrinne des Kölner Doms saufen!

Dies wäre ja nur eine gewöhnliche Beleidigung des Schemas „Wenn Dummheit X verursachte, gölte für dich Y“, hier etwas beliebig Ausgedachtes für X einsetzen und eine abstruse Konsequenz einer extremen Ausprägung von X für Y. Wäre da nicht in dem Y des Dachrinnensatzes noch ein feiner Zusatz: „kniend“. An der Stärke der Aussage ändert dieses Adverb lächerlich wenig, denn was ist schon die Länge eines Unterschenkels im Vergleich zur Höhe des Kölner Doms? Der Komik des Satzes kommt es aber sehr stark zugute, weil es die absurde Vorstellung einer Welt, in der man erwägt, aus Dachrinnen zu saufen, aufnimmt, und die Frage der dafür geeigneten Körperhaltung anschneidet.

Zum Abschluss lasse ich noch einen komischen Satz als Übung für den/die Leser/in stehen, den ich einmal im britischen Fernsehen aufschnappte. Eine Gouvernante ermahnt ihre Schutzbefohlenen:

Ingredients of apple pies don’t grow on trees.

He used to lose six iPods

Ich versuche derzeit, ein Gefühl für den russischen imperfektiven und perfektiven Aspekt zu bekommen. Da wundert es mich, dass der folgende englische Satz grammatisch korrekt ist:

He used to lose at least half a dozen iPods to relentless and cunning thieves, continually able to outsmart him and relieve him of his portable music boxes.
Engadget

Denn used to-Sätze sind ja geradezu Musterbeispiele für imperfektiven Aspekt, während man bei der Angabe der Anzahl der iPods eigentlich perfektiven Aspekt erwarten würde.