Antifaschisten-Bashing

Ich kann mir nicht helfen, meine verehrte Zeit hat zur Zeit richtig Spaß daran, Leute zu bashen, die sich zumindest bemühen, etwas gegen Neonazis zu unternehmen. Das ist zwar böse, aber lustig:

Landauf, landab zittern die Neonazis schon vor Angst. NPD verboten? Hass verboten? Will also heißen also, Ausländer schlagen verboten? Derlei Aussichten erschüttern das Glatzenwesen bis in die Stiefelschäfte.
Jochen Bittner

„Wir müssen den Jugendlichen eine Bildung vermitteln, die ihnen vermittelt, dass die Demokratie die Gesellschaftsform ist, die ihnen die meisten Chancen bietet.“ Ein Satz wie in Knete gemeißelt. 350 gewalttätige, organisierte Neonazis gibt es nach übervorsichtiger Schätzung des Verfassungsschutzes im Harzkreis Halberstadt, Quedlinburg, Wernigerode. Deshalb verspricht vom Podium herab ein Politiker, dass die Strafverfolgung jetzt (jetzt!) intensiv betrieben werde. Dann kommt der Vorschlag, bis an die Grenzen des Rechtsstaates zu gehen. Dann wird NPD mit SPD verwechselt. Dann Jugendarbeit gefordert. Und dann ruft der Bürgermeister in seiner Verzweiflung den unsterblichen Satz: „Was die Rechten machen, müssen wir auch machen!“
Evelyn Finger

Komische Sätze

Heute analysieren wir Komik auf Satzebene. Und zwar nehme ich Max Goldts Herausforderung aus dem Text Der Lachmythos und der Mann, der 32 Sachen gesagt hat (Für Nächte am offenen Fenster, Rowohlt 2003, S. 110) an.

Es muß an dieser Stelle unbedingt auf einen großartigen Satz von Robert Löffler hingewiesen werden, der da lautet: „Nun ist es auch schon wieder 167 Jahre her, daß man Marie von Ebner-Eschenbach gebar.“ Als ich diesen Satz das erste Mal las, dachte ich: Wer nicht sofort exakt drei Gründe nennen kann, warum dieser Satz komisch ist, der hat entweder keinen Humor oder keine analytische Erfahrung, vermutlich beides nicht. Ein brillanter Testsatz in der Tat.

Also gut, analysieren wir: Der wesentliche Teil der Komik entsteht durch das Subjekt man, und zwar in drei Schritten:

  1. Bei Angaben zum Geburtsjahr bekannter Persönlichkeiten ist das Passiv wurde geboren üblich. Dass hier gebären aktiv verwendet wird, trifft einen unerwartet. Es scheint plötzlich nicht mehr um ein trockenes, bibliografisches Datum zu gehen, sondern um den Vorgang der Geburt, der bei der Auseinandersetzung mit einer Dichterin selten im Vordergrund steht – kaum jemand interessiert sich für den ersten Schrei der kleinen Marie.
  2. Jemanden zu gebären ist der Inbegriff desjenigen, das nur die Mutter tun kann. Das unpersönliche man ist komisch deplatziert.
  3. Zusätzlich suggeriert man in Bezug auf ein konkretes Ereignis (also zum Beispiel nicht in „Das macht man halt so“, wohl aber in „Man hat mich vertrieben.“) nicht nur mehrere Beteiligte, sondern auch ein geradezu verschwörerisches, planvolles Handeln, als hätte man es ausgeheckt, die große Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach in die Welt zu setzen.

Zusammenfassend: Der Satz vermischt auf ungewohnte Weise die historische Perspektive auf eine Dichterin und das Auf-die-Welt-Bringen eines Babys.

Jetzt will ich noch erklären, warum dieser Lehrerspruch von schulzitate.de komisch ist:

Kinders, wenn Dummheit lange Hälse machte, dann könntet ihr kniend aus der Dachrinne des Kölner Doms saufen!

Dies wäre ja nur eine gewöhnliche Beleidigung des Schemas „Wenn Dummheit X verursachte, gölte für dich Y“, hier etwas beliebig Ausgedachtes für X einsetzen und eine abstruse Konsequenz einer extremen Ausprägung von X für Y. Wäre da nicht in dem Y des Dachrinnensatzes noch ein feiner Zusatz: „kniend“. An der Stärke der Aussage ändert dieses Adverb lächerlich wenig, denn was ist schon die Länge eines Unterschenkels im Vergleich zur Höhe des Kölner Doms? Der Komik des Satzes kommt es aber sehr stark zugute, weil es die absurde Vorstellung einer Welt, in der man erwägt, aus Dachrinnen zu saufen, aufnimmt, und die Frage der dafür geeigneten Körperhaltung anschneidet.

Zum Abschluss lasse ich noch einen komischen Satz als Übung für den/die Leser/in stehen, den ich einmal im britischen Fernsehen aufschnappte. Eine Gouvernante ermahnt ihre Schutzbefohlenen:

Ingredients of apple pies don’t grow on trees.

He used to lose six iPods

Ich versuche derzeit, ein Gefühl für den russischen imperfektiven und perfektiven Aspekt zu bekommen. Da wundert es mich, dass der folgende englische Satz grammatisch korrekt ist:

He used to lose at least half a dozen iPods to relentless and cunning thieves, continually able to outsmart him and relieve him of his portable music boxes.
Engadget

Denn used to-Sätze sind ja geradezu Musterbeispiele für imperfektiven Aspekt, während man bei der Angabe der Anzahl der iPods eigentlich perfektiven Aspekt erwarten würde.

Notlandung in der S-Bahn

Warte ich doch gestern auf die S-Bahn und belausche einen jungen Mann mit Mobiltelefon und leichtem slawischem Akzent: „Stell die Maschine mal auf 3706. … Wie hoch seid ihr denn? … Ihr seid zu hoch. … Nein, Düsseldorf ist der einzige Flughafen. … Mann, Mann, Mann, ich krieg Krise. Wie soll ich euch denn jetzt runterbringen? … Für zehn Minuten Treibstoff? … Aufm Flugzeugträger? … Nein, ihr seid viel zu weit von Deutschland noch weg. … Auf der A46? … Was hat die F16 denn geladen? Habt ihr Sprengstoff, Munition, Raketen? … Zünde mal das zweite Triebwerk … 5, 4, 3, 2, 1, jetzt! … Auch das noch. … Nein, wenn das Triebwerk jetzt nicht zündet, schafft ihr’s nicht mehr nach Düsseldorf.“

Beim Einsteigen in die S-Bahn bemühe ich mich, in seiner Hörweite zu bleiben. Nachdem er im Kopf Berechnungen zur Flughöhe (in Fuß), Strecke bis zum Flughafen (in Kilometern) und Tankfüllung (in Litern) angestellt hatte, telefoniert der Mann noch mit so einer Art Leitstelle und tauschte sich mit ihr darüber aus, was ihn störte: „Dass sie Höhe verlieren. Die werden die Maschine nicht bei 5000 Fuß halten können. … Düsseldorf wollte jetzt ein Tankflugzeug hochschicken. … Sind die Landeklappen auf? Wenn die Landeklappen auf sind, ist gut. Wenn die Landeklappen nicht auf sind, ist schlecht. … Auf der A1? Der Schwertransport müsste jetzt weg sein.“

Ich wüsste gern, was aus dem Flugzeug geworden ist… noch lieber aber, warum seine Notlandung per Handy koordiniert wurde.

Ring

Gutes über hervorragende Filme, Folge 3: Ring (Gore Verbinski, 2002). Auch dieser Film hat mich überrascht. Überrascht, dass es einen Horrorfilm gibt, der mich nicht zu Tode langweilt. Verzeihung, das ist nicht eben mein Genre, ich habe nicht viel und ansonsten fast nur Müll gesehen. Doch, warten Sie mal: Friedhof der Kuscheltiere war ganz gut – die Skorbut-Schwester im Dachgeschoss, das war wirklich gelungener Grusel. An Ring hat mir erstens die Idee gefallen: Ein Video ominöser Herkunft, das die Leute, die es sich ansehen, tötet. Das ist ja so etwas ähnliches wie ein „Todesspruch“, der sich in der Fantasy-Literatur findet: Wer ihn liest, ist verflucht und stirbt binnen Kurzem. Solche Sachen finde ich gruselig, weil ich neugierig und ein Fan von freiem Informationsfluss bin – schon Geheimhaltungsvorschriften und Digital Rights Management scheinen mir nicht ganz von dieser Welt zu sein, da ist ein Video, von dessen Inhalt man nicht Kenntnis erlangen kann, ohne eine Woche Todesangst zu investieren und sodann sein Leben zu geben, erst recht beängstigend.

Da die tödliche Wirkung fiktiv ist, unterliegt der Filmzuschauer nicht dieser Beschränkung und kann sich das verzerrte, rauschende Schwarzweißvideo ansehen, mit dem Hollywood die Idee umgesetzt hat. Und siehe da: Auch das Video selbst ist schön beklemmend in seiner Wirkung, ähnlich wie Un chien andalou: Eine surrealistische Bilderaneinanderreihung, die viel zu bedeuten scheint, aber man hat keine Ahnung, was. Atmosphärisch gruselt das Band, indem es dem Film alles antut, was die analoge Magnetoskopie vermag: Bild- und Tonrauschen, Flackern und verformte Bildteile, als zerrte das Bild an seiner Leine und wollte aus der Mattscheibe ausbrechen. Die Videokassette ist sowohl ein technischer Gegenstand als auch ein jenseitiges Artefakt, und beide Rollen vermengen sich. Zum Beispiel kann man den Fluch von sich nehmen, indem man das Band kopiert und einem anderen Unglücklichen zu sehen gibt. Und Rachel Keller entlockt dem Magnetband mit moderner Videotechnik (wo die Verzerrung justierbar ist) deutlichere Hinweise auf sein düsteres Geheimnis.

Auch die Angst der anfänglichen Protagonistinnen vor den Mattscheiben, die ein Eigenleben führen und schließlich den Tod bringen, gelingt dem Film trefflich auf den Zuschauer zu übertragen. So weit noch alles schön subtil für meinen Geschmack. Leider ist das Ende deutlich holzhammermäßiger – wo dann die arthritische Leiche mit ihrer Metal-Frisur aus dem Fernseher gekrochen kommt – konnte aber meine Begeisterung nicht vergällen.

Das Sams

Gutes über hervorragende Filme, Folge 2: Das Sams (Ben Verbong, 2001). Grob gesagt eine Verfilmung der ersten drei Bände von Paul Maars zu Recht beliebter Sams-Reihe. Ich hatte diese Bände als Kind mehrfach verschlungen und hätte jeden, der mir prophezeit hätte, der Film werde sie alle drei umfassen und an Handlung vielleicht manches weg-, aber nicht vermissen lassen, skeptisch von der Seite angeschaut. Hätte er dann noch gesagt, die filmische Umsetzung werde vor Eyecandy strotzen, die gesichtslose Stadt, in der Herr Taschenbier wohnt, durch die urige Kulisse Bambergs ersetzen, den schüchternen Niemand in einem beinahe herrschaftlich positionierten Eckhaus unterbringen (aber er ist ja nur Mieter bei der dominanten Frau Rotkohl, passt also), die blasse, schablonenhafte Rechenfirma aus den Büchern durch eine Regenschirmfabrik mit Belastungstestlabor ersetzen und gleichzeitig den Inhalten und Charakteren der Bücher völlig gerecht werden – Christine Urspruch und Ulrich Noethen verkörpern das Sams und Herrn Taschenbier mit Bravour – ich hätte ihm einen Vogel gezeigt. Hätte er mir weiterhin eröffnet, in die 98 Minuten passten außerdem noch die Doppelgänger-Szene aus dem vierten Band (mit Bruno statt Martin Taschenbier und Margarete März statt Tina Holler) und eine wahre Fülle ganz neuer Ideen (Herr Lürcher als Spießer mit Försterhütchen und Tuba, ein im Flugzeug ausgesetztes Sams, Herrn Taschenbiers Tanzeinlage im Restaurant…), hätte ich den Irrenalarm ausgelöst. Um zu glauben, dass man drei turbulente, hochwertige Kinderbücher in ihre besten Szenen zersägen, jedes einzelne Stück mit allen Registern cineastisch aufjazzen und aus ihnen wie aus Bauklötzen in völlig neuer Anordnung einen so runden, stimmigen und unterhaltsamen Film zusammensetzen kann, musste ich ihn sehen. Tun Sie das bitte auch.

Der Nachfolger Sams in Gefahr ist dann übrigens leider misslungen. Er stützte sich nur noch auf zwei Sams-Bücher, warf aber vieles davon weg und jazzte den Rest zu Tode. Eyecandy wie ein Modell des Sonnensystems in der Schule, einen Rollschuhpalast und einen völlig spinnerten Dominique Horwitz an der Stelle des ethisch herausgeforderten Sportlehrers Daume konnte ich mangels funktionierender Handlung nur noch als heiße Luft auffassen.

Match Point

Gutes über hervorragende Filme, Folge 1: Match Point (Woody Allen, 2005). An dem Film wird kritisiert, dass er sehr lange braucht, um in die Gänge zu kommen. Es ist aber genau das Tempo, das den Zuschauer mitten hineinführt in die Dilemmas und Entscheidungen des Aufsteigers Chris Wilton. Immer mehr bangt und fiebert man mit, bis zu einem Punkt, an dem man sich völlig mit einem Mörder mehrerer Unschuldiger identifiziert. Das muss einem ein Film erst mal bieten. Noch genialer ist der Schluss: Die nervenzerfetzende Spannung, ob Wilton seine Schuld wird verbergen können, der Schnitt auf den hochfahrenden Polizisten, die Reaktion seiner Ehefrau (für mich der Höhepunkt des Films) und schließlich der meisterlich erdachte Twist in der Tennisballmetapher.

Superfeingeistig

Wenn ich mit wildfremden Menschen im Auto zwischen Rheinland und Schwaben unterwegs bin, peinigen mich Eins Live, Hitradio FFH, hr3, SWR3 und wie sie alle heißen. Einer dieser Sender hat eine Horoskop-Sendung, wo Hörer anrufen und sich von einer Astrologin den Fortgang persönlicher Probleme prophezeien lassen können. Die Voraussagen scheinen auf üblicher Küchenpsychologie zu basieren, die Argumente sind jedoch tatsächlich „Jupiter steht im dritten Haus“ usw. Als ich diese Sendung zum ersten und hoffentlich auch letzten Mal in meinem Leben hörte, rief eine Frau an, mit einem Automechaniker liiert. Sie begeisterte sich für Bücher, Musik und Theater, er nicht. Ob eine Beziehung gut gehen könne, formulierte der Moderator, wo der eine sich vor allem für Motoren interessiert und die andere „superfeingeistig“ ist? Das Wort gefällt mir sehr gut für eine, die Beziehungsratschläge in einer Horoskopsendung einholt. Es sagt doch alles, oder?

Swill

1999, als ISDN noch state of the art war und viele noch gar keinen Internetanschluss hatten, verteilte T-Online auf Schulhöfen ein „Multimedia-Magazin“ titels taste. Es war eine CD-ROM mit bunten Menüs und Clips, mit Fotos, Tratsch und Freizeittipps. Eine Rubrik stellte unter großem Hallo und animierten Schriftzügen dekadente Fantasieköstlichkeiten vor. Man wurde z.B. instruiert, eine Frisbeescheibe mit Speiseeis zu füllen, in Piña Colada zu tauchen und in der Badewanne auszulecken, oder so ähnlich. Ich schwöre, dass diese „ultimativen Genüsse“ Swill genannt wurden. Das ist englisch und bedeutet Küchenabfall, Schweinefutter.