Notlandung in der S-Bahn

Warte ich doch gestern auf die S-Bahn und belausche einen jungen Mann mit Mobiltelefon und leichtem slawischem Akzent: „Stell die Maschine mal auf 3706. … Wie hoch seid ihr denn? … Ihr seid zu hoch. … Nein, Düsseldorf ist der einzige Flughafen. … Mann, Mann, Mann, ich krieg Krise. Wie soll ich euch denn jetzt runterbringen? … Für zehn Minuten Treibstoff? … Aufm Flugzeugträger? … Nein, ihr seid viel zu weit von Deutschland noch weg. … Auf der A46? … Was hat die F16 denn geladen? Habt ihr Sprengstoff, Munition, Raketen? … Zünde mal das zweite Triebwerk … 5, 4, 3, 2, 1, jetzt! … Auch das noch. … Nein, wenn das Triebwerk jetzt nicht zündet, schafft ihr’s nicht mehr nach Düsseldorf.“

Beim Einsteigen in die S-Bahn bemühe ich mich, in seiner Hörweite zu bleiben. Nachdem er im Kopf Berechnungen zur Flughöhe (in Fuß), Strecke bis zum Flughafen (in Kilometern) und Tankfüllung (in Litern) angestellt hatte, telefoniert der Mann noch mit so einer Art Leitstelle und tauschte sich mit ihr darüber aus, was ihn störte: „Dass sie Höhe verlieren. Die werden die Maschine nicht bei 5000 Fuß halten können. … Düsseldorf wollte jetzt ein Tankflugzeug hochschicken. … Sind die Landeklappen auf? Wenn die Landeklappen auf sind, ist gut. Wenn die Landeklappen nicht auf sind, ist schlecht. … Auf der A1? Der Schwertransport müsste jetzt weg sein.“

Ich wüsste gern, was aus dem Flugzeug geworden ist… noch lieber aber, warum seine Notlandung per Handy koordiniert wurde.

Ring

Gutes über hervorragende Filme, Folge 3: Ring (Gore Verbinski, 2002). Auch dieser Film hat mich überrascht. Überrascht, dass es einen Horrorfilm gibt, der mich nicht zu Tode langweilt. Verzeihung, das ist nicht eben mein Genre, ich habe nicht viel und ansonsten fast nur Müll gesehen. Doch, warten Sie mal: Friedhof der Kuscheltiere war ganz gut – die Skorbut-Schwester im Dachgeschoss, das war wirklich gelungener Grusel. An Ring hat mir erstens die Idee gefallen: Ein Video ominöser Herkunft, das die Leute, die es sich ansehen, tötet. Das ist ja so etwas ähnliches wie ein „Todesspruch“, der sich in der Fantasy-Literatur findet: Wer ihn liest, ist verflucht und stirbt binnen Kurzem. Solche Sachen finde ich gruselig, weil ich neugierig und ein Fan von freiem Informationsfluss bin – schon Geheimhaltungsvorschriften und Digital Rights Management scheinen mir nicht ganz von dieser Welt zu sein, da ist ein Video, von dessen Inhalt man nicht Kenntnis erlangen kann, ohne eine Woche Todesangst zu investieren und sodann sein Leben zu geben, erst recht beängstigend.

Da die tödliche Wirkung fiktiv ist, unterliegt der Filmzuschauer nicht dieser Beschränkung und kann sich das verzerrte, rauschende Schwarzweißvideo ansehen, mit dem Hollywood die Idee umgesetzt hat. Und siehe da: Auch das Video selbst ist schön beklemmend in seiner Wirkung, ähnlich wie Un chien andalou: Eine surrealistische Bilderaneinanderreihung, die viel zu bedeuten scheint, aber man hat keine Ahnung, was. Atmosphärisch gruselt das Band, indem es dem Film alles antut, was die analoge Magnetoskopie vermag: Bild- und Tonrauschen, Flackern und verformte Bildteile, als zerrte das Bild an seiner Leine und wollte aus der Mattscheibe ausbrechen. Die Videokassette ist sowohl ein technischer Gegenstand als auch ein jenseitiges Artefakt, und beide Rollen vermengen sich. Zum Beispiel kann man den Fluch von sich nehmen, indem man das Band kopiert und einem anderen Unglücklichen zu sehen gibt. Und Rachel Keller entlockt dem Magnetband mit moderner Videotechnik (wo die Verzerrung justierbar ist) deutlichere Hinweise auf sein düsteres Geheimnis.

Auch die Angst der anfänglichen Protagonistinnen vor den Mattscheiben, die ein Eigenleben führen und schließlich den Tod bringen, gelingt dem Film trefflich auf den Zuschauer zu übertragen. So weit noch alles schön subtil für meinen Geschmack. Leider ist das Ende deutlich holzhammermäßiger – wo dann die arthritische Leiche mit ihrer Metal-Frisur aus dem Fernseher gekrochen kommt – konnte aber meine Begeisterung nicht vergällen.

Das Sams

Gutes über hervorragende Filme, Folge 2: Das Sams (Ben Verbong, 2001). Grob gesagt eine Verfilmung der ersten drei Bände von Paul Maars zu Recht beliebter Sams-Reihe. Ich hatte diese Bände als Kind mehrfach verschlungen und hätte jeden, der mir prophezeit hätte, der Film werde sie alle drei umfassen und an Handlung vielleicht manches weg-, aber nicht vermissen lassen, skeptisch von der Seite angeschaut. Hätte er dann noch gesagt, die filmische Umsetzung werde vor Eyecandy strotzen, die gesichtslose Stadt, in der Herr Taschenbier wohnt, durch die urige Kulisse Bambergs ersetzen, den schüchternen Niemand in einem beinahe herrschaftlich positionierten Eckhaus unterbringen (aber er ist ja nur Mieter bei der dominanten Frau Rotkohl, passt also), die blasse, schablonenhafte Rechenfirma aus den Büchern durch eine Regenschirmfabrik mit Belastungstestlabor ersetzen und gleichzeitig den Inhalten und Charakteren der Bücher völlig gerecht werden – Christine Urspruch und Ulrich Noethen verkörpern das Sams und Herrn Taschenbier mit Bravour – ich hätte ihm einen Vogel gezeigt. Hätte er mir weiterhin eröffnet, in die 98 Minuten passten außerdem noch die Doppelgänger-Szene aus dem vierten Band (mit Bruno statt Martin Taschenbier und Margarete März statt Tina Holler) und eine wahre Fülle ganz neuer Ideen (Herr Lürcher als Spießer mit Försterhütchen und Tuba, ein im Flugzeug ausgesetztes Sams, Herrn Taschenbiers Tanzeinlage im Restaurant…), hätte ich den Irrenalarm ausgelöst. Um zu glauben, dass man drei turbulente, hochwertige Kinderbücher in ihre besten Szenen zersägen, jedes einzelne Stück mit allen Registern cineastisch aufjazzen und aus ihnen wie aus Bauklötzen in völlig neuer Anordnung einen so runden, stimmigen und unterhaltsamen Film zusammensetzen kann, musste ich ihn sehen. Tun Sie das bitte auch.

Der Nachfolger Sams in Gefahr ist dann übrigens leider misslungen. Er stützte sich nur noch auf zwei Sams-Bücher, warf aber vieles davon weg und jazzte den Rest zu Tode. Eyecandy wie ein Modell des Sonnensystems in der Schule, einen Rollschuhpalast und einen völlig spinnerten Dominique Horwitz an der Stelle des ethisch herausgeforderten Sportlehrers Daume konnte ich mangels funktionierender Handlung nur noch als heiße Luft auffassen.

Match Point

Gutes über hervorragende Filme, Folge 1: Match Point (Woody Allen, 2005). An dem Film wird kritisiert, dass er sehr lange braucht, um in die Gänge zu kommen. Es ist aber genau das Tempo, das den Zuschauer mitten hineinführt in die Dilemmas und Entscheidungen des Aufsteigers Chris Wilton. Immer mehr bangt und fiebert man mit, bis zu einem Punkt, an dem man sich völlig mit einem Mörder mehrerer Unschuldiger identifiziert. Das muss einem ein Film erst mal bieten. Noch genialer ist der Schluss: Die nervenzerfetzende Spannung, ob Wilton seine Schuld wird verbergen können, der Schnitt auf den hochfahrenden Polizisten, die Reaktion seiner Ehefrau (für mich der Höhepunkt des Films) und schließlich der meisterlich erdachte Twist in der Tennisballmetapher.

Superfeingeistig

Wenn ich mit wildfremden Menschen im Auto zwischen Rheinland und Schwaben unterwegs bin, peinigen mich Eins Live, Hitradio FFH, hr3, SWR3 und wie sie alle heißen. Einer dieser Sender hat eine Horoskop-Sendung, wo Hörer anrufen und sich von einer Astrologin den Fortgang persönlicher Probleme prophezeien lassen können. Die Voraussagen scheinen auf üblicher Küchenpsychologie zu basieren, die Argumente sind jedoch tatsächlich „Jupiter steht im dritten Haus“ usw. Als ich diese Sendung zum ersten und hoffentlich auch letzten Mal in meinem Leben hörte, rief eine Frau an, mit einem Automechaniker liiert. Sie begeisterte sich für Bücher, Musik und Theater, er nicht. Ob eine Beziehung gut gehen könne, formulierte der Moderator, wo der eine sich vor allem für Motoren interessiert und die andere „superfeingeistig“ ist? Das Wort gefällt mir sehr gut für eine, die Beziehungsratschläge in einer Horoskopsendung einholt. Es sagt doch alles, oder?

Swill

1999, als ISDN noch state of the art war und viele noch gar keinen Internetanschluss hatten, verteilte T-Online auf Schulhöfen ein „Multimedia-Magazin“ titels taste. Es war eine CD-ROM mit bunten Menüs und Clips, mit Fotos, Tratsch und Freizeittipps. Eine Rubrik stellte unter großem Hallo und animierten Schriftzügen dekadente Fantasieköstlichkeiten vor. Man wurde z.B. instruiert, eine Frisbeescheibe mit Speiseeis zu füllen, in Piña Colada zu tauchen und in der Badewanne auszulecken, oder so ähnlich. Ich schwöre, dass diese „ultimativen Genüsse“ Swill genannt wurden. Das ist englisch und bedeutet Küchenabfall, Schweinefutter.

Server-Umzug mit MediaWiki

Seit März habe ich auf dem eigenen localhost eine MediaWiki-Installation gestylt, mit Inhalt gefüllt und mit Erweiterungen versehen (Spezialseiten und Parser-Hooks, teilweise selbst zusammengehackt). Jetzt ist das Wiki fast bereit für das Licht der Öffentlichkeit. Daher habe ich es jetzt auf meinen Webserver „migriert“. Davor hatte ich ein bisschen Angst gehabt, es ging aber ganz gut. Zum Glück sind die PHP-Konfigurationen auf beiden Servern ziemlich ähnlich. So war nur Folgendes zu tun:

  • Dateien hochladen
  • Einige aus Faulheit hartkodierte URLs im Style-Skript aktualisieren
  • Datenbank-Tabellen per phpMyAdmin exportieren und importieren – hier musste ich die Riesentabelle mw_text in zwei Teilen hochladen.
  • In LocalSettings.php den $wgScriptPath anpassen. Für das „Wurzelverzeichnis“ einer Domain ist das nicht etwa "/", sondern "".
  • MediaWiki unterstützt die Kommunikation mit der Datenbank in UTF8 bisher nur experimentell und optional. Die Inhalte von Wiki-Seiten werden binär, also als BLOBs gespeichert. Die Seitentitel dagegen werden UTF8-kodiert in Feldern gespeichert, die als latin1_bin gekennzeichnet sind. Das führt – aufgrund einer Fehlfunktion phpMyAdmins? – bei jedem Import/Export dazu, dass die Seitentitel um eine Stufe weiter hieroglyphisiert werden. Aus Menü wird Menü, beim nächsten mal würde daraus etwas mit vier komischen Zeichen, und so weiter. Zwei Lösungen habe ich ausprobiert:
    • Quickfix: Die experimentelle Unterstützung für kodierungsbewusste Kommunikation mit der Datenbank ausschalten (LocalSettings.php: $wgDBmysql5 = false), sodass MediaWiki die Zeichen selbst richtig rechnet. Funktionierte, war aber keine gute Idee, da ich die Unterstützung eigentlich eingeschaltet hatte, um in Erweiterungen UTF8-Strings ohne zeitraubendes Konvertieren aus meinen eigenen Tabellen holen und ausgeben zu können. Meine Erweiterungen produzierten jetzt UTF8-ungültige Strings und übergaben sie dem Parser, worauf dieser mit kommentarloser Arbeitsverweigerung reagierte. Ich habe sehr lange gebraucht, um herauszufinden, wieso meine Spezialseiten plötzlich leer waren. Also schnell wieder $wgDBmysql5 = true und…
    • …in Handarbeit alle Seiten mit Sonderzeichen im Titel „verschieben“. :-(

In der Hoffnung, dass diese Notizen mal jemandem helfen, der vor einer ähnlichen Aufgabe steht.

Aus der Fassung

Es ist ein paar Jahre her, da war ich mit Malik im Kino, und rechts neben uns saß ein Mann, der an unserer Unterhaltung Freude hatte. Malik hatte sich, wie er das damals oft tat, ein radioaktiv blau (oder war es rot?) leuchtendes Eisgetränk gekauft. Ich durfte probieren und rang um Beherrschung angesichts des intensiv chemischen Geschmackes. Dann wurde ich nachdenklich. Zur Erklärung sagte ich: „Ich suche noch nach einer griffigen Metapher, die diesen Geschmack beschreibt… es ist nicht leicht, dieser Intensität mit Worten gerecht zu werden…“ Es kam zu einer weiteren Gesprächspause, und ich platzte heraus mit: „Dieser Geschmack dreht einem die Birne aus der Fassung!“ Woraufhin der Mann rechts neben mir losprustete. Das war peinlich, weil ich selbst daraufhin natürlich in ein Gabelbachergreut geriet. Aber schön war’s schon.