Die Erfindung des Wortes „Tenordidgeridoo“

In den letzten drei Monaten habe ich einen Anfängerkurs im Kendo belegt, einer Zweikampfsportart, die ihre Wurzeln im Schwertkampf der Samurai hat. So sieht es aus (allerdings nicht bei mir, ich habe noch keine Rüstung):

Kendo

Photo by tommrkr

Das Übungsschwert aus Bambus heißt Shinai, und natürlich gibt es spezielle Taschen dafür – schwarz, zum Umhängen, aus Kunststoff. Die Leute, die mich damit im Bus sehen, assoziieren das wahrscheinlich eher mit Musikinstrumenten. Aber welches Instrument ist so lang und dünn? Eine einzelne Orgelpfeife wäre von der Form her denkbar, ergäbe aber wenig Sinn. So sinnend kam ich heute auf „Tenordidgeridoo“.

Mogelausdrücke (1)

In einem für Zeit-Verhältnisse nicht sehr gut geschriebenen Artikel stieß mir heute eine Verwendung des Wortes inzwischen auf, mehrfach kurz hintereinander. Zum Beispiel:

Inzwischen haben professionelle Betrüger das Netz als Einnahmequelle entdeckt.

Ich wittere einen typisch journalistischen Mogelausdruck, der im Zweifelsfall „seit zehn Jahren“ bedeuten kann, aber aktuelle Information suggeriert. Auf die Idee, den Missbrauch des Wortes zu bemängeln, komme ich natürlich nur, weil mir der ganze Artikel nicht mit der erforderlichen Ahnung geschrieben zu sein scheint. Andere Mogelausdrücke, die ich nicht mag, tauchen typischerweise in Unternehmens- und Amtskommunikation auf:

In diesem Fall müssen wir leider eine Bearbeitungsgebühr von 20 € erheben.

Die Installation dieser PHP-Erweiterung ist leider nicht möglich.

Was für ein Unfug – als ob die betreffenden Unternehmen da irgendwelchen Zwängen unterliegen würden! Die wollen die 20 €, um die Kundschaft zu konformerem Verhalten zu erziehen, bzw. sie wollen sich den Stress mit der Installation aus Sicherheits- oder Wirtschaftlichkeitserwägungen nicht machen.

Doch ich bin ein Pharisäer – viel länger ist die Liste der Mogelausdrücke, die ich selbst gerne benutze, wenn ich mich nicht festlegen will oder mehr suggerieren möchte, als ich beweisen kann. „Mal schauen, ob’s jemand merkt“, feixe ich und schreibe:

  • X stellt Y dar – ist X Y, kann X als Y benutzt werden, gibt sich X als Y aus oder wird X als Y wahrgenommen? Es gibt bestimmt noch mehr mögliche Interpretationen.
  • Der Doppelpunkt ist auch so ein Mogelausdruck: Er kann mit praktisch beliebiger Bedeutung gefüllt werden, von denn über daher und zum Beispiel bis hin zu außerdem. Er eignet sich vortrefflich, um kausale Beziehungen zu suggerieren, ohne sich festnageln zu lassen.
  • Es gibt Adverbien, die auf ähnliche Weise Sätze verbinden und die genaue Beziehung im Unklaren lassen. Namentlich kann namentlich vieles bedeuten, nämlich nämlich (denn), als ein Beispiel von vielen, als einziges Beispiel usw.
  • einstweilen ist ein etwas veraltetes und wenig bekanntes Wort, dem wahrscheinlich relativ wenige Menschen sofort anhören, dass sich der damit bezeichnete Zeitraum nach Gusto bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag ausdehnen lässt.
  • Wenn kein aber, nur o.Ä. folgt, ist das Wort eigentlich semantisch praktisch leer. Wenn etwas eigentlich so ist, dann ist es in aller Regel so, Punkt. Ein nützliches Zwischending zwischen eigentlich und fast ist das Mogelwort praktisch. Es ist nicht so bestimmt wie eigentlich, klingt aber auch nicht so einschränkend wie fast.

Liedtextverspottung

Du wirst jetzt 25 Jahre alt,
doch alt, das wirst du nie,
denn solange es hier Kinder gibt,
da bist du nicht am Ziel.
Geschichten aus dem Leben,
die wird’s immer wieder geben.
Solange hier die Kinder lachen,
musst du weitermachen.
Das Modul: Gratuliere

Sollte man seine Kinder die „Sendung mit der Maus“ dann lieber nicht gucken lassen? Bei diesem Geburstagsständchen drängt sich ja die Frage auf, was dann eigentlich das Ziel der Maus ist.

Coin operated boy
He may not be real, experienced with girls
But i know he feels like a boy should feel
Dresden Dolls: Coin Operated Boy

So we’re supposed to not feel anything? Nette Ambiguität.

Protokoll eines Scheiterns

Normalerweise bin ich darauf bedacht, Besitzern von Autos, die vornehmlich dazu zu dienen scheinen, Blicke auf sich zu ziehen, die dann als neidvoll interpretiert werden können, diesen Gefallen nicht zu tun. Als ich mir heute dennoch gerne durch das Betrachten eines quietschgelben Mercedes-Sportwagens Lustgewinn verschaffen wollte, beschloss ich, statt der Karosse zunächst einmal die Besitzerin zu fixieren und schnell wegzugucken, falls sie durch Gucken in die entsprechende Richtung von meinem Betrachten Wind zu kriegen drohen würde. Dieser Plan scheiterte auf der ganzen Linie an den dunkel getönten Scheiben des Autos, das, als ich die Umrisse der Fahrerin zu erahnen begann, schon praktisch vorüber war.

Kollation

Ich verwalte mehrere MySQL-Datenbanken, die ich in letzter Zeit nach und nach von der veralteten Zeichenkodierung Latin 1 auf das neue UTF-8 umgestellt habe. Dabei gilt es auch die Kollationen für einzelne Tabellenspalten auszuwählen, das sind Regeln, nach denen Stichwörter bei Bedarf sortiert werden (wie Nachnamen in einem Telefonbuch). Merkwürdig ist, dass MySQL Kollationen für alle möglichen Sprachen kennt, aber nicht für die deutsche; es ist also zum Beispiel utf8_swedish_ci vorhanden, aber kein utf8_german_ci. Zuerst war ich paralysiert von dieser Lücke. Im Web wurde verschiedentlich empfohlen, stattdessen utf8_czech_ci zu verwenden. Warum ausgerechnet die, wurde aber nicht erklärt. Schließlich konnte ich mich doch noch frohen Herzens dazu entschließen, als mir nämlich einfiel, dass ich ein T-Shirt mit der Aufschrift „Schön ist, was tschechisch ist“ besitze und die Verwendung der tschechischen Kollation daher nur konsequent ist.

Im weiteren Sinne ironisch

Mit der nötigen Geistesabwesenheit hätte ich mich eben elektrokutieren können, nämlich, indem ich mit einem leitenden, spitzen Gegenstand das Pappschild „geprüfte Sicherheit“ aus der bereits eingesteckten neuen Mehrfachsteckdose gepult hätte.

Announcement Center

Die Grenzen des depperten Aussehens neu aus lotet, wer eine dünne Notkapuze mit einer verkehrt herum aufgesetzten Baseballmütze fixiert. Eigentlich will ich heute aber über eine neue, leider noch nicht geschaffene Möglichkeit schreiben, Studien zu finanzieren – so etwas Ähnliches wie ein Call Center, aber nicht so entwürdigend.

Die Workforce eines Announcement Centers säße vor Bildschirmen, die mit Informationen von der Leitstelle der Deutschen Bahn gespiesen würden. Nämlich welcher Zug gleich welchen Bahnhof erreicht, welche Anschlüsse dort bestehen und welche Züge leider nicht mehr warten konnten. Dies durchzusagen ist nämlich an und für sich ein guter Dienst am Fahrgast, gerät aber leider zur Qual, wenn es zu leise, zu laut, krächzig, gepresst und in einem völlig bescheuerten, widernatürlichen Tonfall geschieht. Die Workforce eines Announcement Centers hätte gelernt, auf angenehme und professionelle Weise in ein Mikrofon zu sprechen, und täte das dann zentral.