Web-Ikone

Was hat das Siegburger Café des Arts Google Maps gezahlt, um dort per Beispieladresse exklusiv beworben zu werden? Bemerkenswert: 1986 wurde ich am 1.5. um 1:51 Uhr etwa 300 m Luftlinie von dieser Adresse entfernt geboren. In der Nähe befindet sich außerdem eine Boutique, die in ihrem Namen einen hochgestellten Schrägstrich als (natürlich falschen) Apostroph verwendet.

Durchgestrichene Hakenkreuze

Am 8. März soll der Bundesgerichtshof entscheiden, ob es erlaubt ist, mit durchgestrichenen Hakenkreuzen gegen rechte Umtriebe zu protestieren. Baden-Württembergs Justizminister Goll meint, um Nazis zu bekämpfen, brauche man ja nicht deren Symbole, auch nicht, wenn diese als Anti-Symbole verfremdet worden sind (Stuttgarter Zeitung, heute). Dieses häufig gehörte Argument scheint mir irgendwie völlig an der Sache vorbeizugehen. Weder benutzen heutige Nazis (Neonazis) das Hakenkreuz öffentlich besonders häufig – das verhindert die (möglicherweise) sinnvolle Anwendung von § 86a StGB – noch ist das durchgestrichene Hakenkreuz primär als Kritik an den Original-Nazis zu verstehen. Zumindest ich verstehe den beliebten Button so: „Keinen Fußbreit den heutigen Rechtsradikalen“, denn dass es um die heutigen geht, impliziert die Verwendung als Button o.Ä., man protestiert in dieser Form ja nicht gegen Historisches, „denn“, und das ist nicht unbedingt selbstverständlich, „sie sind denen zuzuordnen, die hier vor 70 Jahren abertausende Fahnen mit diesem Symbol schwangen.“

Umzugsnotizen (4)

Diesmal sind es Notizen vom Umzug von Windows nach Linux. Auch wenn in der neuen Bude – oder sagen wir besser: am neuen Arbeitsplatz – noch einiges gerichtet und geschraubt werden muss, meine persönlichen Kisten habe ich schon alle ausgepackt. Die Unterordner meines persönlichen Ordners (f.k.a. Eigene Dateien) sind jetzt alle ausschließlich mit Kleinbuchstaben, ohne Leerzeichen benannt, das ist komfortabler, wenn man auch mal mit der Shell arbeiten will (die Shell entspricht ungefähr dem Windows-Kommandozeilenfenster, mit dem Unterschied, dass man die unter Linux auch benutzt, und sogar gerne). Im Ordner tt reift zum Beispiel diese Website (Arbeitstitel: Texttheater) heran. dox heißt kurz für Docs (kurz für Documents) und enthält verstreuten Textverarbeitungs-Output wie z.B. echte Briefe (extrem selten). shorn ist gestorkenes Englisch für shared und enthält die Dateien, die ich per File Sharing herunter- und hinauflade. sams hat nichts mit Paul Maars Kinderbuchfigur zu tun, sondern ist der neue Name meines einstigen Ordners „Sammelsurium“, in dem ich das Destillat der Bilder, Texte, Klänge und Filme aus dem WWW auffange, die mich zum lautesten Lachen und tiefsten Nachdenken brachten. sword schließlich… raten Sie mal… steht für „Spoken Word“ und enthält in bei derzeitiger Multimedia-Software unpopulärer Abgrenzung zu musik Hörbücher und Comedy-Clips. Abkürzungen machen das Leben schöner.

Kleinster gemeinsamer Nenner und größter gemeinsamer Teiler

Mit der Redensart „kleinster gemeinsamer Nenner“ meint man für gewöhnlich eine Lösung („Nenner“), die die Ansprüche aller Beteiligten berücksichtigt (daher „gemeinsam“), dabei jedoch enttäuschend wenig umfangreich oder wenig innovativ ausfällt – daher sagt man, es wurde nur der kleinste gemeinsame Nenner gefunden. Wer jedoch das Wort „kleinste“ auf die mangelnde Qualität der Lösung bezieht, irrt. Was die Lösung so blöd macht, ist ja der Zwang, gemeinsam zu sein – da braucht es keinen einschränkenden Superlativ. „Kleinste“ ist hier vielmehr mit „beste“ zu übersetzen.

Das ergibt auch Sinn, wenn wir uns an den Mathe-Unterricht in der sechsten Klasse erinnern: Wenn man mehrere Brüche mit unterschiedlichen Nennern addieren will (metaphorisch für: eine Lösung mit mehreren Beteiligten mit unterschiedlichen Ansprüchen finden will), muss man die Brüche zunächst auf den gleichen Nenner bringen. Um hinterher einen schön gekürzten Bruch mit möglichst kleinem (!) Zähler und Nenner (!) zu erhalten, bemüht man sich in der Regel darum, nicht irgendeinen gemeinsamen Nenner zu finden, sondern den kleinsten, den es gibt. Der kleinste gemeinsame Nenner der Brüche von 3/4 und 1/6 ist das kleinste gemeinsame Vielfache ihrer Nenner, also kgV(4, 6) = 12. Und so addiert man: 3/4 + 1/6 = 9/12 + 2/12 = 11/12.

Man kann als Metapher für die verschiedenen Beteiligten statt Brüchen auch nackte Zahlen wählen und als Metapher für die zu findende Lösung statt einer Summe auch schlicht deren größten gemeinsamen Teiler. Zum Beispiel ist der größte gemeinsame Teiler von 12 und 8 ggT(12, 8) = 4. Das ist vielleicht einleuchtender, weil die Lösung ja schon die „beste und größte“ ist, die sich unter Berücksichtigung aller Ansprüche finden ließ – aber eben nur die. Nicht sinnvoll ist es, wie es häufig geschieht, vom „kleinsten gemeinsamen Teiler“ zu sprechen, denn der ist für mehrere natürliche Zahlen stets 1.

Positives Ergebnis

Heute in unserer Reihe „Gelegenheiten, anlässlich derer man sagen kann, in Zukunft zweimal im Jahr Geburtstag feiern zu können“: Eine Nachbarin war zur Generalinspektion beim Arzt, inklusive HIV-Test. Die Sprechstundenhilfe beim Mitteilen der Ergebnisse, munter: „Jå, positiv…“ Die Leben schenkende Herausstellung: Sie meinte positiv im Sinne von erfreulich.

Kein schöner Land

Immer wieder ertappe ich mich dabei, nach dem nächsten Punkt Ausschau zu halten, unsteter Leser, der ich bin, um mal eben aufs Klo zu gehen, etwas zu knabbern zu holen oder den Techno leiser zu machen, der eben nach dem Willen der Zufallswiedergabeliste Vivaldis Windkonzert abgelöst hat, doch er kommt nicht, erst am Ende des aktuellen Kapitels von Elke Heidenreichs Satire Kein schöner Land kann man darauf hoffen, weshalb man dann doch ziemlich lange am Stück bei der Stange bleibt und genießt, wie einfallsreich und komisch – ich zitiere nur eine willkürlich herausgegriffene Preziose: „die Leute sind a neuerdings alle so verrückt auf Natur, als ob die auch schon groß was einbringt mit ihrer ewig faden Blüherei“ – das Leben von Neu-MdB Robert Riedinger im Spannungsfeld anstrengender Familienmitglieder, denn sie klauen und bändeln mit Nazis an und sind schwul und verhökern alle Möbel für ein neues Lebensgefühl und Yoga und wollen den Scheißstaat aus den Angeln heben, und eines seinen Assisenten zum Vergnügen des Lesers herrlich schurigelnden Finanziers mit Stahl-Ellebogen geschildert wird, wie auch ich mich nach diesem kurz zwischendurch geschriebenen Eintrag wieder für längere Zeit in den Fluss der Kommata einfädeln werde, worauf ich mich schon jetzt – 30 Sekunden vor dem Klick auf „Veröffentlichen“ und 60 Sekunden vor der Wiederaufnahme der Lektüre – freue.

Emily the Strange

Im Februar 2003 sah ich sie zum ersten Mal, in einem Geschäft in Notting Hill, London. Dort lag das erste und damals auch noch einzige Emily-Buch Emily the Strange. Es schlug mich so in seinen Bann, dass ich nach kurzem Überlegen ziemlich viel Geld dafür ausgab. Denn es heroldete den individualistischen, introvertierten, düsteren, sympathisch bösen Charakter der Heldin, indem es ihn mit Kreativität, Schönheit und Erfolg paarte: Emily may be odd, but she always gets even.

Ein bildschönes Bilderbuch, ganz in schwarz, weiß, knallrot und einer Prise grau gehalten, grafisch ebenso schlicht wie genial. Meistens reichte ein kurzer Satz wie der eben zitierte für zwei Doppelseiten, typischerweise mit Wortspielen auf englischen Redensarten.

Ob mich die Nachfolgerbände Emily’s Secret Book of Strange und Good Nightmares ebenso vom Fleck weg begeistert hätten, bezweifle ich. Als Emily-Fan habe ich sie natürlich ohne Diskussion erworben, sobald ich von ihrem Erscheinen erfuhr, und auch begeistert verschlungen. Das fast quadratische Format und der grafische Anspruch wurden stets beibehalten, letzterer auch ausgebaut. In Band 2 kam Glanzlack hinzu, mit dem schräg gegen das Licht gehalten erkennbare Botschaften auf vielen Seiten versteckt wurden. Detailiertere Zeichnungen, mehr Grau- und Rottöne und viele Fantasiesymbole prägten das Buch, während sich das erste auf die Grundformen Emily, Katze und einige wenige weitere beschränkt hatte.

Der zweite Band stand unter dem Motto der fünf Sinne, plus Sprechen und Denken: Jeweils wurde Emilys subversive Version davon vorgestellt. Leider habe ich das Buch nicht zur Hand, da ich dies schreibe, sonst könnte ich mich differenzierter äußern. Aus der Erinnerung konstatiere ich: Das Buch ist gut, aber überladen.

Good Nightmares desgleichen. Ideen und Umsetzung muss man natürlich trotzdem loben: Alpträume sind Emilys Element. Da es Träume sind, nehmen sich die Illustratoren mehr künstlerische Freiheit. Es gibt plötzlich rau-krakelige Sequenzen in Bunt- und Bleistiftzeichnungen (?), Anspielungen auf Zeichenstile und Motive von Albrecht Dürer, Hokusai Katsushika oder M.C.Escher. Neben Knallrot treten auch Pink und Weinrot auf, die Katzen sind gelegentlich zerzauster. Gegen Ende hat sogar Emily einen Albtraum, in dem dann Farben wie Blau, Orange, Grün und Gelb (!!!) auftreten. Alles berauschend, vielleicht etwas zu schreiend, spritzend und reizüberflutend für Emily, es fehlt etwas das Motto, das verbindende Element, und der Text bewegt sich teilweise auf niedrigem Niveau: „In a blink, all was pink.“ Gähn.

In gewisser Hinsicht ist jetzt mit dem vierten Band Seeing is Deceiving das beste Emily-Buch seit dem ersten erschienen. In den Bildern stechen wieder mehr Emily und ihre Katzen hervor, weniger grelle Umgebungen. Das Thema ist sehr eng gefasst: Nicht mehr alle fünf Sinne wie im zweiten Band, sondern hier brilliert der Gesichtssinn aus Emilys Sicht alleine. Den Text, so stelle ich es mir vor, schrieb Rob Reger, indem er in einem Redensarten-Lexikon unter see, look und watch nachschlug. Aus der bestimmt fulminanten Ausbeute suchte er sich heraus, was seine Fantasie zu seltsamen Twists befeuerte. Sprachlich und gedanklich sind die Wortspiele wieder außergewöhnlich sauber, man muss ein bisschen mitdenken und das Buch kommt mit sehr schlichtem Bildmaterial aus, man kann sagen: Die Rückkehr zum Erfolgsrezept des ersten Bandes. (Nicht, dass es nur solche Bücher geben dürfte, das wäre ja langweilig, aber sagen wir mal so: Vielleicht hätte das Ausbleiben von Band zwei und drei Emilys kommerziellen Erfolg Abbruch getan, nicht jedoch ihrer Anbetungswürdigkeit, die durch Band vier wieder richtig gefördert wird, ebenso wie die zu ignorierenden Emily-Comics versuchen sie zu zerstören.)

Ein Beispiel: Emily looks close, but keeps her distance. Die Bilder dazu zeigen Emily, ein Fernglas verkehrtherum auf eine Katze gerichtet, und dann, auf der nächsten Seite, den Blick durch das Stereoskop auf „zwei“ winzige Kätzchen. Schlichter und schöner geht’s kaum. Ein nettes, unaufdringliches, aber effektvolles und sehr gut in die Grundaussage des Buches (siehe Titel) passendes Gimmick sind Ausschnitte in manchen Seiten, wie man sie auch aus anderen Bilderbüchern kennt, die die optische Wahrnehmung aufs Korn nehmen. So werden die Unterleiber zweier fetter Spinnen durch Zurückblättern zu Emilys Augen, und in einem unstrukturierten Gewirr grober Kreuzstich-Nähte erkennt man, wenn man die Seite mit dem Loch in Form von Emilys Gesicht darüberlegt, eine mumienhafte Fratze.