Archiv des Autors: Kilian Evang

Lieblingswörter (6)

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Das Wort heimsuchen ist ein besonderes Wort für besondere Anlässe. Ich verwende es gerne in den seltenen Fällen, in denen sich eine gemeinsame Arbeit nicht per Internet oder Telefon erledigen lässt und es erforderlich wird, jemanden in dessen eigenen vier Wänden aufzusuchen: „Sobald ich das Formular habe, suche ich dich damit heim, dann können wir es beide unterschreiben.“ Tut es mir gleich, und das Wort wird seinen negativen Beiklang verlieren.

Verwandt ist heimleuchten, schön, weil ein eigenes Wort für eine sehr spezielle Tätigkeit. Zumindest heute, im Zeitalter des elektrischen Lichtes, ist seine ursprüngliche Bedeutung nicht mehr gerade alltäglich. Mitunter kommt es aber auch heute noch vor, dass jemandem heimgeleuchtet wird, meist mit einem Handy-Display.

Viel lieber als das üblichere Synonym gelingen mag ich das etwas altertümliche Wort glücken – vielleicht, weil das zufriedene Glucksen schon mit anklingt. Hätte ich Einfluss darauf, wie im deutschen Sprachraum Logikprogrammierung gelehrt wird, würden Ziele (goals) stets glücken (succeed) oder missglücken (fail). Ich weiß gar nicht, wie man auf Deutsch sagt. Wo wir gerade bei Programmierung sind: An dem Wort Arglist mag ich unter anderem, dass es als Abkürzung von argument list auftritt.

Irrealis im Alltag

Drei Radfahrer (A, B und C) kommen an eine rote Fußgängerampel. A fährt einfach darüber. Von rechts kommt ein Auto und bleibt auf der Linksabbiegerspur stehen. Angesichts dessen bleiben B und C auch stehen.

B: Wenn man jetzt nicht wüsste, dass, wenn man jetzt einfach losführe, der sofort grün kriegen würde, könnte man’s ja machen.

Während B noch spricht, kriegt das Auto grün und fährt weg, dann kriegen die Radfahrer grün und setzen sich in Bewegung.

C: Was?

B: Wenn man jetzt nicht gewusst hätte, dass, wenn man jetzt einfach losgefahren wäre, der sofort grün gekriegt hätte, hätte man’s ja machen können.

Netzneutralität – keine Selbstverständlichkeit

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Noch vor Kurzem kämpfte die internetaffine Gemeinde in Deutschland erbittert gegen ein Gesetz, das Internetzugangsanbietern (ISPs) ein Stück weit vorschreiben sollte, wie sie ihren Job zu machen haben: das Zugangserschwerungsgesetz, ein unverhältnismäßiger Eingriff in die Meinungsfreiheit, schlecht mit dem Banner des Kampfes gegen Kinderpornografie bemäntelt, getragen auf den Flügeln stumpfsinnigsten Aktionismus. Leider hat man damals auch immer wieder die pauschale Forderung gehört, der Staat habe sich gefälligst aus dem Internet herauszuhalten, es regele sich besser selbst. Solche Forderungen waren nicht nur wohlfeile Munition für – ich überspitze – böswillige Internetausdrucker etwa bei Zeit und bei Emma, sie stellen sich jetzt auch als Bumerang heraus.

Denn dieser Tage kämpft die internetaffine Gemeinde in Deutschland erbittert für ein Gesetz, das ISPs ein Stück weit vorschreiben soll, wie sie ihren Job zu machen haben: eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität. Netzneutralität ist bisher schlicht deswegen gegeben, weil bis vor Kurzem noch kein ISP auf die Idee gekommen war, es anders zu machen. Diesmal setzen wir uns also nicht gegen ein Gesetzesvorhaben zur Wehr, sondern wir fordern eins ein. Diese Erkenntnis ist wichtig für den Feinschliff unserer Argumente. Bei einigen der werten internetaffinen Mitstreiter scheint sie noch nicht angekommen zu sein. Ich greife wahllos den Kommentar von Mitzeichner 3083, Torsten Bolz, heraus:

Es ist wirklich ärgerlich, sich für Selbstverständlichkeiten einsetzen zu müssen.

Nein, eine Selbstverständlichkeit ist die Netzneutralität eben nicht. Sie ist bisher nichts gesetzlich Garantiertes, sondern etwas historisch Gewachsenes. Meiner Ansicht nach ist sie aber eine obzwar eher zufällige, so doch große Errungenschaft für die Demokratie: Alle können Sender sein, und alle senden gleichberechtigt. Diese Errungenschaft zu verlieren fände ich äußerst schmerzhaft, vor allem angesichts drohender Oligopolisierung von Nachrichten-, Meinungs- und Wissensangeboten. Deswegen finde ich es nötig, die Netzneutralität durch ein Gesetz zu schützen. Denn wäre es nicht nötig, ein solches Gesetz zu machen, wäre es nötig, kein Gesetz zu machen.

Ich habe die Erklärung der Initiative Pro Netzneutralität! also mitunterzeichnet, obwohl ausgerechnet der erste Satz völlig verunglückt ist:

Ein freies Internet ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe ist Garant für freien Meinungsaustausch weltweit und damit die direkte Ableitung des Rechts auf Meinungsfreiheit.

Das ist gleich dreifach Quatsch: Einen staatlichen Eingriff fordern wir ja gerade und wirtschaftliche Eingriffe sind die Voraussetzung dafür, dass es das Internet (jenseits seiner akademischen Ursprünge) überhaupt gibt. Es kömmt auf die Art dieser Eingriffe an. Ein Garant für freien Meinungsaustausch weltweit ist die Netzneutralität noch lange nicht, gemeint ist wohl „Voraussetzung“, und selbst das scheint mir übertrieben. Und aus dem Recht auf Meinungsfreiheit lässt sie sich nicht ableiten, schon gar nicht direkt. Nicht alles, was gut ist, ist ein Menschenrecht. Muss man immer gleich so maßlos übertreiben und bullshitten, wenn man irgendetwas durchkriegen will? Vielleicht schon.

Zwei Papiertüten

Als ich um fünf vor zwölf in den REWE rausche, stellt sich mir die schwarz gekleidete Sekuritärin in den Weg, eine Schrankwand von einer Frau. „Eingang ist da!“ Aus der üblichen Geistesabwesenheit gerissen und jäh in eine soziale Situation geschubst reagiert mein Stammhirn autark und hält auch diesmal wieder eine Überraschung für mich bereit, nämlich ein Welpengesicht und einen leicht bettelnden Tonfall: „Ich muss nur zwei Papiertüten kaufen, wär das okay, wenn ich eben hier rein gehe?“ Slightly off, wenn man bedenkt, dass es nicht an sich darum geht, einen Umweg zur Kasse zu vermeiden, sondern darum, mein Gesicht zu wahren. Wahrscheinlich wirke ich wie auf Drogen, aber mein Argument zieht. Die Pointe entfällt.

Neue Wörter

A·nuˈskript <auch> A·nusˈkript <n. 11> Manuskript, das für den Arsch ist
ˈein|wer·ten <V. t.> bei der Auswertung hineininterpretieren; die Forscher haben die gewünschten Ergebnisse sehr kreativ in die Daten eingewertet
entˈgäng·lich <Adj.> leicht zu übersehen oder zu überhören
entˈob·ach·ten <auch> entˈo·bach·ten <V. t.> aufhören zu beobachten; aus dem Feedreader entfernen; automatische Benachrichtigungen deaktivieren; klicken Sie hier, um Änderungen dieser Seite zu entobachten
geˈpsycht <Adj.; [-yː-]> aufgedreht; voll Emotion und nicht recht wissend wohin damit [< engl. psyched]
geˈschlös·sent·lich <Adj.> nicht öffentlich
ˈgim·micht <Adj.> voll von Gimmicks (Gags und Stilmitteln, die auf Effekte zielen); viele postmoderne Romane sind entsetzlich gimmicht [vgl. engl. gimmicky]
ˈgleit·zei·chig <Adj.> (von Zeichen) in einem Kontext gleichzeitig zwei verschiedene Bedeutungen habend, zwischen diesen Bedeutungen hin- und hergleitend; in dem Satz „Frauen riechen besser als Männer“ meine ich mit „riechen“ zwei Dinge gleitzeichig
grau <Adj.> von mitteldunkler Hautfarbe; Bezeichnung für Menschen gemischt kaukasischer/schwarzafrikanischer Rasse
hiˈnein|be·triebs·ge·heim·nis·sen <V. t.> durch ein Verfahren, das einem Betriebsgeheimnis unterliegt, in etwas hineinbringen; die Saiten werden in den Rahmen des Tennisschlägers hineinbetriebsgeheimnisst
in·fol·geˈwes·sen <Interrogativadv.> infolge welcher Ursache; infolgewessen stürzte das Flugzeug ab; <konjunktional in Nebensätzen> ein wichtiges Instrument fiel aus, infolgewessen das Flugzeug abstürzte
per·spi·kuˈier·lich <Adj.> einleuchtend, verständlich [verhält sich zu engl. perspicuous wie kontinuierlich zu continuous]
Schluß <m. 1u; [-uː-]> Konklusion, Fazit, abschließende Betrachtung in einem wissenschaftlichen Aufsatz [ein scharfes ẞ wirkt einfach abschließender, also muss man das jetzt mit langem U aussprechen]
ˈSchwum·mer·kam·mer <f. 21> schwach beleuchteter Raum in einem Museum, in dem sich die lichtempfindlichen Ausstellungsstücke befinden
ver·geˈmei·nern <V. t.> gemeiner machen; zusätzliche Gemeinheiten einführen; das Spiel wird noch dadurch vergemeinert, dass zu Beginn einer Runde geschmiedete Strategien durch Mitspieler, die vor einem dran sind, völlig zunichte gemacht werden können
ˈVor·freu·de·wrack <n. 15> einer, dem so viele schöne Dinge in Aussicht gestellt wurden, dass er sich gar nicht mehr zu helfen weiß vor Vorfreude
willˈgan·gen <Adj.> nicht willkommen gewesen und jetzt zur allgemeinen Freude wieder weg; Ggs willkommen

Semi-entscheidbar

Auf einer Medizinerparty. Eine Gruppe schickt sich zum Gehen an.

F.: Ich hab mich noch gar nicht von C. verabschiedet. Kommt der noch mal irgendwann wieder?
T.: Weiß ich nicht.
F.: Dann warte ich noch.

Raten Sie mal, wer die Steilvorlage zu einem Kurzreferat über das Halteproblem genutzt hat – und verstanden wurde! Anschaulichkeit ist alles.

Brotsorten

Voraussetzung für den Empfang der Kommunion ist der Glaube an die Realpräsenz Christi. Darum dürfen kleine Kinder (außer in den katholischen Ostkirchen) nicht kommunizieren, da sie den Leib Christi noch nicht von normalem Brot unterscheiden könnten.

Wikipedia

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