Lieblingswörter (5)

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Das Wort Gestaltungswille kommt mir immer in den Sinn, wenn ich so etwas sehe wie den Verkehrserziehungstruck, der vor der Tübinger Landespolizeidirektion steht. Darauf steht „GIB ACHT IM VERKEHR“. Das Wort „ACHT“ ist ohne erkennbaren Grund rot hervorgehoben und auf der Seite des Trucks durch ein Zebra ersetzt. Vorne steht der Satz etwa fünfmal in verschiedenen Farben und Größen, die Versionen überlagern sich. Das ganze Design ist ohne jegliche Harmonie und ohne jeglichen Sinn, aber eben mit viel Gestaltungswillen angegangen worden.

Weiß nicht, was ich lieber mag: Geniestreiche oder das Wort Geniestreich. Auch eins dieser Wörter, die schön sind, weil sie (für mich) eine sehr spezielle Bedeutung haben. In diesem Fall: Die Klasse der Aktionen, die mit geringem Aufwand große Verblüffung schaffen. Weil man erst mal drauf kommen muss.

Chaot ist ein schönes Wort, weil’s wie eine Berufsbezeichnung von Chaos abgeleitet ist und somit suggeriert, dass ein Chaot ein Meister und Beherrscher des Chaos ist, ein Chaostechniker, ein Chaosarbeiter. Einer, der für das Chaos zuständig und verantwortlich ist und es gewissenhaft instand hält.

Einfach lustig sind die Wörter vergraulen und ogottogottogott. Und das englische yeah. Ich meine jetzt nicht das yeah, das ja bedeutet, sondern das yeah, das unter gar keinen Umständen oder hör sofort damit auf bedeutet, wie in „Yeah, that’s not helping“, „Yeah, this is awkward“ oder „Yeah, you keep telling yourself that.“ Wo wir gerade bei Englisch sind, ich wusste bis vor Kurzem gar nicht, dass es ein Verb zu intuition gibt. Gibt es aber: intuit. „Whorf intuited that the Inuit must have many words for snow.“ Es gehört zu jener verschrobenen Klasse von Verben, deren Grundform dem Perfektpartizip des lateinischen Originals mehr ähnelt als dessen Infinitv (intueri).

Wenn man mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen ist und das englische Wort hilarious kennt, wirkt die Tatsache, dass es im Niederländischen das Wort hilarisch gibt, nun ja, wahnsinnig komisch. Es ist irgendwie nicht die Endung, die man erwartet hätte.

Zu meinem letzten Lieblingswort für heute gibt es eine Geschichte. Ich war mal Teil einer Zweier-WG in einer Kellerwohnung. Die Zimmer waren hübsch hergerichtet und hatten auch normalgroße Fenster, da das Haus in einen steilen Berg hineingebaut war. Aber die untapezierten Wände im Flur und die Rohre und das Gewölbe auf der Nachtseite der Wohnung machten doch sehr klar, dass es ein Keller war. Das war sehr cool, auch wegen des wilden Gartens und des Holzschuppens und der Katze und der Gasöfen und der großartigen Feiern, die L. und ich dort veranstalteten.

M., mein rumänischer Mitbewohner, war eines Tages ausgezogen, und L. zog ein, zufällig auch Rumänin. Bei der Übergabe des Zimmers redete M. fünf Minuten lang sehr heiter auf Rumänisch auf L. ein und gebrauchte dabei ungefähr fünftausendmal akzentuiert das Wort pivniţa. Als ich fragte, was das Wort  bedeute, und die Antwort Keller war, wusste ich sofort, welche Geschichte M. gerade erzählt hatte, denn ich hatte sie schon einmal auf Deutsch gehört. Ein Mann von den Stadtwerken o.Ä. hatte mal zu ihm gewollt und erst den Eingang nicht gefunden, dann überrascht gesagt: „Ach so, Sie wohnen im Keller!“ Das hatte M. völlig entgeistert, dass jemand auf die absurde Idee kommen konnte, unsere Kellerwohnung wäre im Keller. Also bitte, wir wohnten doch nicht im Keller! Die Wohnung hatte damit ihren Namen weg, und er ist mir in den schönen acht Monaten, die ich noch in der Pivniţa verbringen durfte, denn auch sehr ans Herz gewachsen.

Ein Gedanke zu „Lieblingswörter (5)

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