Archiv des Autors: Kilian Evang

Paywall [Anglizismus 2012]

Die Kandidaten für den Anglizismus des Jahres 2012 stehen fest und werden jetzt bis Mitte Februar von der Jury in Blogbeiträgen besprochen. Den Anfang machten Anatol mit Fracking/fracken und Susanne mit Hashtag, heute setze ich die Reihe mit Paywall fort.

Das Wort

Das englische paywall, seltener: pay wall, ist ein Substantiv und ein Kompositum aus dem Verb pay („bezahlen“) und dem Substantiv wall („Mauer“). Ins Deutsche wurde es als Paywall praktisch unmodifiziert übernommen und bezeichnet auch dasselbe wie im Englischen: eine technische Vorrichtung, mit der Online-Medien den Zugang zu ihren Inhalten beschränken, wobei diese Beschränkung für zahlende Benutzer/innen aufgehoben wird, typischerweise in Form eines Abonnements.

Zwei Parallelen zur bereits länger bekannten Firewall fallen mir auf: Zum einen, dass beide Wörter die Mauer (wall) als Metapher für elektronische Zugriffsbeschränkungen benutzen, und zum anderen, dass sich bei beiden im Deutschen das feminine Genus durchgesetzt hat, wohl in Anlehnung an Mauer. Nur sehr vereinzelt findet sich maskulines oder neutrales Genus, wohl in Anlehnung an das deutsche Wort Wall.

Als Eigenbezeichnung kostenpflichtiger Inhaltsangebote kommt Paywall selten vor, die Online-Medien sprechen eher von „Abonnements“ oder „E-Papers“. Der Kandidat kommt vielmehr in Berichten über die Errichtung von Paywalls vor. Das scheint mir daran zu liegen, dass die Mauer-Metapher die Sichtweise ausdrückt, dass der freie Zugriff auf alle Inhalte im Internet der Normalfall ist und die Online-Medien sich quer dazu stellen, um ihrer Nutzer/innen zur Kasse bitten zu können. Demgegenüber sind die Paywalls einführenden Medien bemüht, das Zahlen als Normalfall zu etablieren. Eine Ausnahme bildet die taz: Deren Paywall heißt TAZ PAYWALL. Aber bei der ist das Zahlen auch völlig freiwillig.

Die Sache

Paywalls sind nicht völlig neu, so bietet das Wall Street Journal schon seit 1997 seine Online-Nachrichten nur gegen Geld an. Auch ist es bei Online-Medien schon lange üblich, manche Artikel kostenlos und andere Artikel nur für Besitzer/innen eines Premium-Abonnements anzubieten. Dass über so etwas unter dem Begriff paywall Bericht erstattet wird, lässt sich im Englischen etwa ab 2005, im Deutschen etwa ab 2008 ausmachen.1 Diese „Paywalls der ersten Generation“ sind eigentlich alle „hart“: jeder Artikel ist entweder kostenlos oder kostenpflichtig, die Paywall teilt das Angebot des jeweiligen Online-Mediums in zwei fixe Teile, wobei in Extremfällen wie dem Wall Street Journal der kostenlose Teil praktisch nichtexistent ist. Die erste Paywall der New York Times teilte ihr Angebot in einen kostenlosen aktuellen und einen kostenpflichtigen historischen Bereich, diese Paywall wurde 2007 aufgegeben.

Seit etwa 2011 ist eine zweite Generation von „weichen“ Paywalls im Kommen. Hierbei verläuft die Grenze flexibel: die ersten 10-20 Artikel, die ein/e Leser/in aufruft, sind kostenlos, danach muss er/sie zahlen oder ihre/seine Browser-Cookies löschen. Auf diese Weise vermeiden die Medien es, ihre gelegentlichen Nutzer/innen zu vergrätzen, schonen so ihre Reichweite und Werbeeinnahmen und können doch an treuen Nutzer/innen dazuverdienen. Die wohl bekannteste Vertreterin dieser im Englischen metered paywalls genannten Art ist die neue Paywall der New York Times. Sie gilt als Erfolgsmodell und wird daher und seit Kurzem eifrig kopiert, auch von deutschsprachigen Medien wie z.B. NZZ, Welt Online oder – geplant – der Süddeutschen.

Aktualität

Paywall ist also im deutschsprachigen Raum gerade ein sehr aktueller Begriff und boomt entsprechend. In Googles Suchstatistiken für Deutschland taucht das Wort überhaupt erst Anfang 2011 auf (kurz vor der Einführung der neuen New-York-Times-Paywall) und geht nach einem fluktuierenden Jahr seit Mitte 2012 steil nach oben. Aktueller könnte das Thema auch nicht sein, nun, da Welt Online ihre Paywall im Dezember eingeführt hat und eine noch blödere Zeitung aus demselben Hause bald als zweite überregionale Tageszeitung folgen wird.

Das Deutsche Referenzkorpus bildet indes noch kein nachhaltiges Eindringen von Paywall in die deutsche Sprache ab. Vor Juli 2012 (weiter geht dieses Korpus momentan noch nicht) taucht das Wort nur in 11 Texten auf, davon 1 Zeitungsartikel, 2 Wikipedia-Artikel und 8 Wikipedia-Diskussionen.

Auch im englischsprachigen Raum wurde paywall als besonders aktuelles Wort wahrgenommen, allerdings schon 2009, da war es unter den Finalisten für die Wahl zum Word of the Year des New Oxford American Dictionary.

Die Lücke füllen

Wird für das, was Paywall bezeichnet, ein Wort gebraucht? Im Moment offensichtlich ja. Die Paywall ist sozusagen die Veränderung, die aus einer kostenlosen Nachrichtenseite, wie wir sie gewohnt sind, eine (teilweise) kostenpflichtige Nachrichtenseite macht, wie sie uns auch nicht völlig unbekannt ist. Man könnte also argwöhnen, dass der Begriff eigentlich nur in der aktuellen Diskussion um die Veränderung von Online-Journalismus eine Rolle spielt und dass wir ihn, wenn die Entwicklung erst mal halbwegs abgeschlossen ist, nicht mehr brauchen werden. Dann könnten wir einfach wie bisher von kostenlosen und kostenpflichtigen Websites reden.

Andererseits sagt sich „Hat die Website eine Paywall?“ leichter als „Ist die Website kostenpflichtig?“ Eine aktuelle Suche beim englischen Google News erweckt den Eindruck, dass Entsprechendes auch fürs Englische gilt und der dort schon etwas ältere Begriff sich durchaus durchgesetzt hat – auch abseits von Nachrichtenwebsites, z.B. bei Websites, die wissenschaftliche Forschungsergebnisse veröffentlichen.

Dass Paywall ein relevantes Wort bleiben wird, denke ich aber vor allem deshalb, weil Websites sich immer weniger entweder dem Kostenlos- oder dem Kostenpflichtig-Modell zuordnen lassen. Mit hybriden Modellen wie der metered paywall hält der Moment, in dem man „gegen die Paywall knallt“, in den Erfahrungsschatz der Internetnutzer/innen Einzug, und so braucht man denn auch ein Wort dafür.

Bleibt noch die Frage, ob es eine nichtanglizistische Alternative gibt. Ja: Bezahlschranke, was eine freie Lehnüberseztung zu sein scheint. Mit aktuell 84,300 deutschen Google-Treffern gegenüber 172,000 für Paywall ist sie durchaus eine ernstzunehmende Konkurrenz. Das Wort ist deutlich sperriger, hat aber den Charme, dass die Schrankenmetapher m.E. besser zur bezeichneten Sache passt als die Mauermetapher: Wo, wann und für wen welche Schranke hochgeht, entscheiden flexible Algorithmen™, es gibt keine Mauer, die unverrückbar wäre.

Fazit

Paywall ist ein solider Kandidat, der eigentlich alle Kriterien erfüllt: Das Wort besteht aus englischem Wortmaterial, es ist kein Produktname, es füllt eine erkennbare Lücke im deutschen Wortschatz (wenn auch nicht ohne „heimische“ Konkurrenz) und es lässt sich für 2012 eine klare Ausbreitung in Bewusstsein und Sprachgebrauch einer relativ breiten Öffentlichkeit erkennen.

Fußnoten

1 Die krude Methode, die mich zu dieser verstiegenen Aussage verleitet: Bei Google über die Suchoptionen die Ergebnisse auf die jeweilige Sprache sowie auf jeweils eins der vergangenen Jahre beschränken und dann gucken, wann chronologisch zum ersten Mal auf Ergebnisseite 1 ein einziger relevanter Treffer auftaucht, d.h. ein Link zu einem Blogbeitrag oder sonstigem Medienbericht, der tatsächlich auf das jeweilige Jahr datiert ist.

Korbflechtartige Wellenverblender und die Sedimentierung des Subjekts

Nicht immer sind Texte, die in Museen Bereiche einer Ausstellung oder einzelne Werke erläutern, ohne weiteres zu verstehen. So stand ich neulich in den Hamburger Deichtorhallen vor einem Rätsel, als ich las, die Elemente, aus deren Abformungen Anselm Reyles Skulptur Ontology zusammengesetzt ist und deren Hockerartigkeit mich bei dem Ganzen an Ai Weiweis Hockerskultpuren denken lässt, seien ursprünglich an einem DDR-Gebäude zu „korbflechtartigen Wellenverblendern“ zusammengesetzt gewesen. Aber so überrumpelt ich mich von diesem Wortmonster fühlte, das so selbstverständlich in diesen Text eingereiht war, die ungefähre Antwort ließ sich doch rasch ergoogeln und ergrübeln. Erst während des Schreibens dieser Zeilen hingegen glaube ich einigermaßen verstanden zu haben, was das Straßburger Museum für moderne und zeitgenössische Kunst in seiner Sammlung damit meint, in Eugène Leroys Porträts offenbare die Übermalung des Gesichts mit dicken Farbschichten „die komplexe Sedimentierung des Subjekts“.

Reisestreiflichter

In einem guten Urlaub lernt man viel. Ich bin gerade aus einem guten Urlaub zurück. Gelernt habe ich u.a.:

Liège hat einen irre schönen Hauptbahnhof.

Dass Liège einen irre schönen Hauptbahnhof hat.

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Was Sol LeWitt für Kunst gemacht hat und dass ich die mag (hier im Centre Pompidou-Metz).

2012-12-16 15.14.08

Dass es an der École Supérieure d’Art de Lorraine Metz tolle Kofferwörter gibt: réflexposer, créelectif, pensarder, beauxarder, crégarder, inaventer, expollectif, échangeroger, nouvarder, découventer, expoginer, imarpréter.

2012-12-18 17.24.02

Wie es in einem der beiden Innenhöfe des Musée d’Art Moderne et Contemporain in Straßburg aussieht.

2012-12-22 19.06.23

Dass Stuttgart eine neue, von innen ziemlich tolle Stadtbibliothek hat.

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Dass die imposante Glas-Stahl-Kuppel des Düsseldorfer Ständehauses (K21) nicht ganz dicht ist. Alle Museumsbesucher/innen stellen beim Anblick des Eimers natürlich laut die gleiche Frage: ob das Kunst sei.

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Dass es noch Einkaufszentren gibt, deren Architektur mich ehrlich beeindruckt: Hier das wurmlochartige MyZeil in Frankfurt am Main.

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Was für Bauruinen die Nazis in Nürnberg hinterlassen haben und dass manche davon – hier die Kongresshalle – aus dem richtigen Winkel ganz hübsch sind.

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Dass in Dresden wildplakatiert wird.

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Wie (toll) die Neue Synagoge in Dresden aussieht.

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Dass das berühmte Schloss Sanssouci winzig klein ist und neben einer Windmühle steht.

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Wie der Himmel über Sanssouci aussieht.

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Wo man in Hamburg ungestört Paternoster fahren kann: Im „Columbia-Haus“ in der Deichstraße 29 (Nähe Speicherstadt) und dass man beim Reinkommen in dieses elegante Jugendstilgebäude direkt ein Rohr sieht und die Wand, hinter der die Paternosterkabinen im Untergeschoss wenden.

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Dass es in der Hamburger Speicherstadt Spezialkringel gibt.

Über Macht

Mitternachtsmeditation von neulich

Das Streben nach Macht kann ich nur teilweise verstehen. Sicher, es ist wichtig, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Aber was kann ich mir dafür kaufen, dass ich es war, der sie getroffen hat?

Anglizismus des Jahres 2012

Zum dritten Mal wird nun bald der Anglizismus des Jahres gekürt, dasjenige dem Englischen entlehnte Wort, das 2012 die deutsche Sprache nach Meinung einer linguistisch gebildeten Jury am stärksten bereichert hat – 2010 war es das Verb leaken und 2011 der Shitstorm.

Dieses Jahr habe auch ich die Ehre, der Jury anzugehören, und das Texttheater wird wie auch das Sprachlog und das SprAACHENblog zur Bühne von Überlegungen zu einzelnen Kandidaten-Anglizismen werden. Daher sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass seit vorgestern Anglizismen nominiert werden können. On to you, liebe Leser/innen: Welche Anglizismen haben sich 2012 durchgesetzt und haben eine Würdigung verdient? Reichen Sie Ihre Vorschläge bis zum 7. Januar 2013 auf der Website zum Anglizismus des Jahres ein.

Literaturprojekt: Eine Kurzgeschichte als Maxi-Single

Text von 2004 (Mal wieder. Was für ein kreatives Jahr!)

Wenn man heutzutage in einen Plattenladen geht und eine Single ersteht, bekommt man „entschieden zu viel für sein Geld“ (Max Goldt). Auf den silbernen Datenträgern fürs heimische Reflektophon findet sich eine Vielzahl von Versionen und Remixes, je nach Genre auch Edits, Instrumental Remixes und bei DJs, die glauben, sich etwas schuldig zu sein, auch Experiences, Visions, Ultra Chemical Spicy Acceleration Hybrid Reconstructions gar!

Meine Idee ist, dieses Prinzip auf eine geeignete selbstverfasste oder geklaute Kurzgeschichte anzuwenden, einige Versionen von ihr zu verfassen und dabei Motive, Sprache, Erzählstil, Ausführlichkeit, Kunstgriffe, Perspektive, Abstraktionsgrad, Schwerpunktsetzung etc. bei gleich bleibendem Thema und Handlung auf unterschiedlichste Art und Weise zu variieren. Das Endprodukt ist die „Maxi-Single“ einer Kurzgeschichte, ein variantenreicher literarischer Leckerbissen, für den der Ladenpreis von € 6,99 angemessen erscheint.

Wissenschaftstragödie

Michael Hartmer, Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes, hat mit Wissenschaft nicht viel am Hut. Für ihn zählt die Gesichtswahrung des Wissenschaftsbetriebes viel mehr. So erkläre zumindest ich mir, dass er es als „tragödienhaft“ empfindet, wenn die Plagiatekrise nicht dadurch überwunden werden kann, dass der Wissenschaftsbetrug endlich als legitim anerkannt wird, oder dass die, die Plagiate aufspüren, stigmatisiert werden, sondern allein dadurch, dass man in Zukunft stärker darauf achtet, Wissenschaftsbetrug zu verhindern.

Es ist rührend, dass das Blog Erbloggtes auf diese paar hingerotzten, vermutlich witzig gemeinten und doch so entlarvenden Zeilen so ausführlich und klug reagiert. In der Plagiatefalle: Wenn Wissenschaft nicht wissen will ist ein wärmstens zu empfehlender Artikel darüber, was Wissenschaft ausmacht, was Äußerungen zu Plagiatsaffären über Motivationen verraten und – last but not least – was einem die Zehennägel hochrollen sollte, wenn Menschen wie Hartmer jetzt von „Qualitätsmanagement“ reden.

Blogspektrogramm #16

Ad-hoc-Neologismen zur EM: lexikografisch aufbereitet! Die Lexikografie: augenzwinkernd zum ältesten Beruf der Welt bewiesen! Meldungen zum grammatikverschlechternden Einfluss von SMS: als kompletter Stuss entlarvt! Plötzlich verdächtig geschlechtergerecht daherkommende Sprache im Spiegel: argwöhnisch beäugt und kommentiert! Krankengymnasten und KrankengymnastinnenKrankengymnastInnen und Krankengymnast/-innen: vorsichtig gegeneinander abgewogen! Der oder die A380: genuszubestimmen versucht! Die allgemein bekannte Fehlwahrnehmung, dass es genau dann regne, wenn man keinen Schirm dabeihabe u.Ä.: auf den schönen Namen Regenschirmsyndrom getauft. Wie man Deutschen im 18. Jahrhundert die (damalige!) englische Aussprache erklärte: anschaulich erklärt. Und Verben: gesteigert! Ein pralles Blogspektrogramm #16 also bei Kristin im Schplock. Das Texttheater wünscht viel Freude beim Stöbern.