Dass die Helmut-Schmidt-Nachrichten, auch bekannt als Deutschlands größte Wochenzeitung, jede Woche ihren eigenen Herausgeber interviewen, ist journalistisch so ungehörig, dass mein anarchisches Gemüt davor fast schon wieder den Hut zieht. Was mich erstaunt ist viel mehr, dass Smokey es mit sich machen lässt. Hauptsächlich ist er damit beschäftigt, persönliche und politische Interviewfragen als gefühlsduseligen Quatsch abzutun. Wäre er wirklich so souverän, wie er sich gibt, würden diese Interviews nicht stattfinden. Altern in Würde ist anders.
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Mein Beitrag zur Wikipedia-Spendenaktion
Das Zitat wollte ich schon lange mal angebracht haben. Leider konnte ich nicht den ganz genauen Wortlaut anbringen, weil ich Max Goldts Verteidigung der Besserwisserei bisher nur von Lesungen kenne.
Ein bisschen Kritik muss bei dieser Gelegenheit aber auch sein: Die Wikipädie könnte so viel mehr sein als eine Enzyklopädie – nicht nur technisch und sozial, sondern auch inhaltlich. Sie sträubt sich aber ein wenig dagegen. In der deutschen Ausgabe stört mich schon lange eine Sorte von Benutzern, die ich gerne die Relevanznazis nenne. Die kennen kein größeres Vergnügen als alles von Admins löschen zu lassen, was nicht „enzyklopädisch relevant“ ist – von Studenten organisierte Fachtagungen etwa. Die englische Wikipädie kam mir da lange viel lockerer vor, aber auch da lese ich in letzter Zeit immer häufiger „This article or section may contain content that is not appropriate for an encyclopedia.“ Ich hege ja Sympathie für die Auffassung, dass Freies Wissen unteilbar ist und dass, wer von Quantendynamik spricht, von recurring characters in vergessenen 80er-Jahre-Sitcoms nicht schweigen sollte. Wird man eines Tages einen Parallelwikikosmos, eine Irrelepedia gründen müssen?
An Wörter glauben?
Menschen glauben an Wörter. Und dieser Glaube wird oft ausgenützt. Die Wortakrobaten jonglieren mit ihren Begriffskonstruktionen und machen die Leute glauben, daß sie von Tatsachen reden und Wahrheiten zum Besten geben. Aber nur mit ein wenig sprachkritischer Logik läßt sich feststellen, daß in den meisten Fällen nur geschickt anderweitige Interessen verborgen oder inhaltsleere Worthülsen gehandelt werden. Mit Pauschalisierungen und anderen Verallgemeinerungen werden Vereinheitlichungen postuliert, um ordnungspolitischen Zwecken besser zu genügen. Die Harmonisierung der breiten Masse erfolgt über sprachliche Verallgemeinerungen.
Dem Illusionismus der sprachlichen Abstraktionen, wie er über die Medien transportiert wird, erliegen besonders Menschen mit ungenügender Bildung. Einfache Menschen wollen und müssen an die Worte glauben und den Sprechern vertrauen können, um nicht die essentielle Basis gesellschaftlichen Verkehrs zu gefährden.
Diese Passage sagt mir zwar etwas, ist mir aber zu wenig konkret. Was ist die „essentielle Basis gesellschaftlichen Verkehrs“? Mit dieser Frage verbunden ist etwas, das ich mich schon lange frage: Glaubt Lieschen Chantal Müller zum Beispiel das, was in der Bildzeitung steht? Oder liest sie sie nur zur Unterhaltung, mit einer Abgeklärtheit, die Menschen mit „genügender“ Bildung beim jubeljährlichen Durchblättern mit Einmalhandschuhen abgeht? Eigentlich müsste ich Chantal mal fragen, wenn ich das nächste Mal eine ihrer Verkörperungen in der Straßenbahn sehe.
2008 Chair Mishap
Was muss man als südafrikanischer Politiker tun, um einen Eintrag in der englischen Wikipädie zu kriegen? Das:
Nhlanhla Nenes Sprechweise erinnert mich so derart an die meines Großonkels (auch kein Leichtgewicht), dass es eine Wonne ist.
Web²
Liebe Öffentlichkeit,
hiermit reiche ich ein neues Buzzword zur Aufnahme in den allfälligen Wortschatz ein: Web². Es bezeichnet bestimmte kombinatorische Phänomene, die das Web 2.0 mit sich bringt oder mit sich bringen sollte.
Nämlich einerseits die Kombination von Webanwendungen verschiedener Anbieter zu einer verzahnten „Desktopumgebung“ bzw. „Office-Suite“. Konkret: Man klickt z.B. auf last.fm auf „Ja, ich werde dieses Konzert attenden“, und wenn man beim nächsten Mal Google Calendar öffnet, steht das schon da. Existiert bisher, so weit ich weiß, nur in Ansätzen und Träumen.
Der zweite Aspekt von Web² ist dank Social bookmarking und verwandten Phänomenen schon voll im Alltag angekommen: Im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen nicht mehr nur Inhalte, sondern auch: Wer empfiehlt mir was, wer ist auf was durch meine Empfehlungen aufmerksam geworden usw.
In gespannter Erwartung deiner Antwort
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Bildungskanon
Das Wissenschaftsressort der Zeit ist gerade dabei, seine 50-teilige Serie Bildungskanon – Das Wissen dieser Welt in Buchform unters Volk zu bringen und abschließend zu beweihräuchern. Das Unterfangen habe ja so viel Spaß gemacht und sei seinen extremen Ambitionen ja so gerecht geworden. Und die Entscheidung, für jede Folge an einen bestimmten Ort der Erde zu jetten, auf den Spuren des Themas zu wandeln und somit aus Wissen Geschichten zu machen, sei ja (sinngemäß) ein Geniestreich allererster Sahne gewesen. Zeit, dazwischenzufahren und zu rufen: „Es war Unterhaltung und sonst – gar – nichts!“
Ein hartes Urteil und vielleicht übertrieben. Aber was bleibt vom Zeit-Bildungskanon in Erinnerung? Er erzählte von der Luft auf den Caféterrassen, auf denen Redakteure Wissenschaftler trafen, er erzählte von den Farben der Hemden der Interviewpartner, von deren Gangart, vom Klang ihrer Stimme. Immer standen einzelne Forschungsinstitute im Mittelpunkt, einzelne Wetterstationen, einzelne Staatsgründungen, einzelne Episoden aus der Geschichte. Mal mehr, mal weniger gut, wurden andere Episoden und Informationen, die wirklich zur Allgemeinbildung beitrugen, damit verknüpft. Überblick wurde nicht geboten und entstand auch nicht.
Über die Karte, die der ersten Folge beilag und die ich mir ins Zimmer hängte, haben A., J. und ich uns einmal herzlich amüsiert. Sie zeigt, wo „das Wissen dieser Welt“ wirklich liegt: Europa ist hinter einer Schar kleiner Marker versteckt. Der Rest der Welt hat kaum welche abbekommen.
Online-Kundenservice
Die Anmeldung zum Online-Kundenservice von Barclaycard geht so: Man füllt im Internet ein Formular aus, in dem man zwecks Identitätsnachweis alle möglichen Daten einträgt, wie zum Beispiel den Kreditrahmen, die Telefonnummer und die Höhe der letzten Einzahlung. Das ist tückisch, denn wer weiß schon, welche Telefonnummer man der Bank seines Vertrauens hinterlegt hat? Noch fieser: Die Höhe der letzten Einzahlung. Wer das Glück hat, seine Kontoauszüge griffbereit zu haben, kann immer noch daran scheitern, dass der aktuelle Kontoauszug noch nicht zugestellt ist. Und es ist nicht so, als ob einem mitgeteilt würde, welche Angabe nicht stimmt. Stattdessen gibt es Fehlercodes und den Hinweis, man möge sich mit diesen Codes wappnen und bei einer Hotline anrufen. Bei der Hotline kommt man nicht weiter, weil man seine Online-Pin eingeben muss, und die kriegt man – dreimal dürfen Sie raten – wenn man sich beim Online-Kundenservice anmeldet. Man klickt sich weiter und stößt auf eine andere Hotline, bei der einem die korrekten Daten dann mitgeteilt werden, die Registrierung ist aber erst wieder am Folgetag ab 14 Uhr möglich. Zu dem Zeitpunkt, da man zum nächsten Mal an die Registrierung denkt, ist die Höhe der letzten Einzahlung bereits wieder eine andere. So wiederholt sich das Ganze mindestens einmal, bevor die Registrierung endlich gelingt. Will man dann den Online-Kundenservice zum ersten Mal nutzen – und befindet sich natürlich nicht in der Nähe der Bankunterlagen – erlebt man eine weitere Überraschung: Barclaycard hat inzwischen die erforderlichen Login-Daten von „Mastercardnummer und Online-Pin“ auf „Persönliche ID“ (was auch immer das ist) und „Nachname“ (???) geändert.
Technoratic
Daft Punks Lied Technologic ist veraltet und braucht einen neuen Text. So könnte es losgehen:
Blog it, cast it, tube it, digg it,
share it, tag it, aggregate it.
Und hier ist eine computerlinguistische Variante:
Type it, tag it, chunk it, parse it,
check it, fix it, annotate it.
Umzugsnotizen (5)
My old web site soviseau.de was hacked today and by God it wasn’t my fault. That gave reason to move the last curious odds and ends, boxes with bricolages from ages ago, to texttheater.de, from one attic to another, so to speak. Among them:
Der Puzzleteil-Navigator, a study for an unusual two-level menu. I remember creating the image maps with Paint and Notepad.
Riddle Sport, an interactive (edible!) virtual chocolate bar. Enjoy!
Last but not least:
dunkelwind&zwillingslicht, a series of analog photos I made of nightly London in 2003. They received artistic value by what happened to them in the photo laboratory – yet instead of paying royalties, I got a full refund! Hee hee!
Premium-Wörterwolken
DrNI berichtete neulich über Wordle, einen Dienst, in den man Texte oben reinwirft und wo unten eine Wörterwolke rauskommt. Ein Wort ist umso größer, je häufiger es im eingeworfenen Material vorkommt. Mit Farbschemata, Schriftarten und Textrichtungen lässt sich trefflich spielen.
Um das ästhetische Erlebnis zu erhalten, das man sich wünscht, muss man aber an mehr drehen als nur an den Schaltern, die Wordle bereitstellt. Das erlebte ich neulich, als ich den Dienst benutzte, um ein Geburtstagsgeschenk zu erstellen, ein Poster zum Thema „Vorhang“. Eine Wortwolke aus lauter Begriffen, die sich um den Begriff „Vorhang“ ranken, das war die Idee. Als Rohmaterial verwendete ich frei zugängliche Texte zu dem Thema, angefangen mit den wikipädischen Artikeln Vorhang und Bühnenvorhang (ich wollte begriffliche Ranken hauptsächlich um den Theatervorhang).
Wichtige Faktoren für die Schönheit einer Wörterwolke sind ihre Größe und die relative Größe der Wörter zueinander. Eine bunte Mischung aus vielen kleinen (seltenen) und einigen großen (häufigen) Wörtern ist wünschenswert, allzu starke Ausreißer allerdings nicht – ein graues Rauschen aus Mikroschrift ist nicht so hübsch, und auch nicht, wenn der zentrale Begriff „Vorhang“ wie ein Balken durch die ganze Wolke geht und die Hälfte des Platzes einnimmt. Ich entschloss mich daher, ihn komplett aus den Eingabetexten zu entfernen. Machte das ganze auch rätselhafter – man würde raten können, worum es überhaupt gehe.
Dann war ich mit den Wörtern selbst unzufrieden. Der Bühnenvorhang-Artikel ist durchsetzt mit Fachbegriffen der trockensten Sorte, zumeist aus dem Bereiche des Brandschutzes, und eine solche Wolke ist uncharmant und an einen, der durch Brandschutzvorschriften traumatisiert ist, unverschenkbar. Raus also mit dem „Bühnenvorhang“-Artikel! Doch wodurch ihn ersetzen? Die Begriffsklärung „Vorhang“ allein ergab nur ein kümmerliches Wölkchen, für eine Briefmarke vielleicht geeignet, aber nicht für ein Poster.
Durch Herumprobieren fand ich dann heraus, dass Zeitungstextkonkordanzen wie die des Wortschatz-Portals der Universität Leipzig (man gibt einen Begriff ein und kriegt u.a. Massen von Beispielen aus Online-Medien) unter ästhetischen Gesichtspunkten vortrefflich geeignet sind. Die Sprache ist dicht, durchsetzt mit bedeutungsstarken Wörtern und Metaphern und unvermuteten Zusammenhängen und durch technische Verarbeitungsfehler produzierten Artefakten wie „Cocogeschmust“. So wünsche ich mir den Zufall, wenn er künstlerisch für mich arbeiten soll! Genau so hatte ich mir das vorgestellt:


