Ich war im März in der Toskana. Im Museo Leonardino in Vinci faszinierte mich eine Schautafel über die 21 untersten sechseckigen Reliefs am Florenzer Campanile. Diese Reliefs stammen aus dem 14. Jahrhundert und zeigen menschliche Tätigkeiten. Interssanterweise sind diese nicht, wie damals (und heute) üblich, nach „niederen“ (landwirtschaftlichen und handwerklichen) Arbeiten und „höheren“ Künsten (einschließlich Wissenschaften) getrennt – sondern all das steht nebeneinander. Noch interessantererweise beginnen diese „menschlichen Tätigkeiten“ mit der Erschaffung von Adam und der Erschaffung von Eva. Auf einer Ebene ist Menschenmachen natürlich eine menschliche Tätigkeit. Auf einer anderen Ebene ließen mich diese beiden Reliefs an einen schöpferischen Menschheitstraum denken (klonen, Chimären, Golem und so weiter). Plausibler kommt es mir allerdings vor, dass die Künstler versucht haben, die Aufstellung der Handwerke und Künste gleichzeitig eine chronologische Illustration zur Bibel sein zu lassen – grob gesagt: Erst Erschaffung, dann Ackerbau, dann Rhetorik. Der Architekt taucht auf zwei Reliefs auf: Einmal als Planer am Schreibtisch, einmal als Baumeister auf der Baustelle. Im geisteswissenschaftlichen Bereich wurde dem Naturalismus der Darstellung die klare Erkennbarkeit der einzelnen Disziplinen anscheinend vorgezogen – so hätte ich Rhetorik von Grammatik (im Bild) kaum unterscheiden können. Das Relief zur Grammatik gefällt mir aber gut, weil es die Sprengkraft von Sprachnormen so lebendig darstellt. Gerne hätte ich es in das Logo der Gesellschaft zur Stärkung der Verben eingebauen, aber unglücklicherweise liegt es auf der Domseite des Campanile, die zudem durch biestige Gitter für Fotografen schlecht zugänglich ist. Oben sieht man das bescheidene Resultat meiner Bemühungen. Wer besseres Bildmaterial hat, melde sich! Wer lesen will, was Profis zu den Reliefs schreiben, kann zum Beispiel in Bluffton beginnen.
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gestatten = verwehren
Noch etwas Wichtiges: [Meine Töchter] müssen auch lernen, mit Langeweile umzugehen. Denn daraus entstehen oft die tollsten Ideen. Wenn es keine Langeweile mehr gibt, weil ständig Onlinespiele, Chatrooms und Clips zur Ablenkung bereitstehen, lähmt das die Kreativität. Zu erfahren, dass man aus sich selbst heraus die Leere eines Nachmittags füllen kann, ist ein tolles Erlebnis. Wer seinen Kindern dies verwehrt, indem er ihnen Dauerablenkung am Computer gestattet, der bringt sie letztlich um eine wichtige Selbsterfahrung.
Jörg Lau, Ich bleibe hart! (Artikel im aktuellen Zeit-Internet-Spezial)
Ich fand es schon immer zum Schießen, wenn Amateurpädagogen ein Verbot mit dem beliebig dehnbaren Universalargument rechtfertigen, einem Kind X zu gestatten, bedeute, ihm Y zu verwehren. Wie andere Menschen auch haben Kinder einen eigenen Willen. Wie bei anderen Menschen auch deckt sich dieser Willen bei Kindern nicht immer mit dem, was gut für sie selbst ist. Wie bei anderen Menschen auch ist es wohl manchmal – vielleicht häufiger – erforderlich, Kinder „zu späterem Glück zu zwingen“. Aber fast nur bei Kindern wird sprachlich in solchen amateurpädagogischen Auslassungen alleweil die Unterscheidung zwischen Wollen und Brauchen durch diese krude Unterscheidung zwischen Zu wollen glauben und Wirklich wollen ersetzt. Warum machen die das? Vielleicht wollen sie so die schwere Last der Verantwortung euphemisieren, die es mit sich bringt, jemanden „zu späterem Glück zu zwingen“. Das funktioniert ja nur sehr beschränkt und ist gefährlich, denn wer kann schon vorhersagen, was wirklich zu größerem Glück führt? Vernünftige Pädagogik braucht aber keine Euphemismen, um sich zu rechtfertigen. Sie steht dazu, wenn sie etwas verbietet, und sie tut es nur im Notfall. Um zum Beispiel zurückzukommen, wozu ein Internet-Verbot, das zum Unterlaufen und Verachten einlädt, wenn es die Möglichkeit gibt, seinen Töchtern die Wonnen unelektronischer Beschäftigung diplomatisch zu vermitteln, Zeitbeschränkungen fürs Internet zu vereinbaren und so weiter?
Gamerschwang reloaded
Wer sagt, er hätte noch nie bei einem Computerspiel oder Film den Kopf bewegt, um etwas, das auf dem Bildschirm von etwas anderem verdeckt wird, besser sehen zu können, um dann an der Zweidimensionalität des Schirms zu scheitern, lügt wahrscheinlich. Ich habe das Phänomen vor einiger Zeit Gamerschwang getauft. Nun aber ist die Zeit der Spötterdämmerung: Gamerschwänge werden sinnvoll! Zurücklehnen und gucken.
Kabelbinder
Kabelbinder. Einmal geschlossen, kann man sie nicht öffnen, ohne sie zu zerstören. Aber mitunter kann man sie umgehen. Als ich noch im Studentenwohnheim wohnte, habe ich das mal gemacht: Der Stecker der Waschmaschine war mit einem Kabelbinder in einer Steckdose befestigt, die an einem kaputten Münzautomaten hing. Ein bisschen Nesteln reichte, um den Stecker aus der Schlinge zu ziehen und ihn in eine ungeschaltete Steckdose zu stecken. „So was geht gar nicht“, erboste sich die Heimleitung schriftlich, „einen Kabelbinder entfernen“ – vieles ist okay, aber das! Oh mein Gott!! Einen Kabelbinder!!! Auch der Hausmeister war so aus dem Häuschen, dass ich mich seither frage, wer Kabelbinder mit so viel Machtsymbolik aufgeladen hat, dass man einen Mann, der einen Kabelbinder angebracht hat, an dem Punkt so tief treffen kann.
Vielleicht sind Kabelbinder in den Händen von Frauen generell besser aufgehoben. Silvia Wille ist dafür ein Beispiel: Nimmt mal eben 20.000 Kabelbinder und macht daraus eine atemberaubende Skulptur, von unglaublicher Kraft und Leichtigkeit, wie ein Geist aus der Flasche.
Chomsky
Kann es sein, dass Noam Chomsky als Linguist im deutschen Sprachraum [ˈtʃɔmski] ausgesprochen wird, als politischer Publizist dagegen [ˈxɔmski]? Meine Evidenz dafür ist zwar ausgesprochen dünn, denn Zeit-Audio-Sprecher informieren sich prinzipiell nie, wie irgendetwas ausgesprochen wird, und mit einem Politikwissenschaftler habe ich erst einmal über Chomsky gesprochen (gestern). Aber der Gedanke gefällt mir.
Pott
Ich komme aus Düsseldorf, das von Ortsfremden häufig „dem Pott“, also dem Kohlenpott, also dem Ruhrgebiet, zugeschlagen wird. Ganz unbegründet ist das nicht – Düsseldorf stößt direkt an des Ruhrgebietes Südkante und war der gleichen Industrialisierungswelle ausgesetzt, die das kohlenreiche Ruhrgebiet zu dem machte, wofür es bekannt ist. Dies allerdings insbesondere auch, was die weißkragigen Aspekte angeht (Verwaltungen von Thyssen, Krupp, Mannesmann, Wirtschaftsverbände, Messen) – man sprach vom „Schreibtisch des Ruhrgebiets“.
Mir gefällt enorm, was das Ruhrgebiet in den letzten Jahren aus sich gemacht hat. Letztens war ich mal wieder im Landschaftspark Duisburg-Nord, bei dem tausend Bilder mehr sagen als ein paar Worte, gestern dann spazierte ich durch Oberhausen, an einer Turbinenhalle und einem Gasometer vorbei, die immer noch so heißen, obwohl dort jetzt abgedancet bzw. Kunst ausgestellt wird. Mein Ziel war diesmal nicht so industriehistorisch angehaucht, es war das Schloss Oberhausen mit der Ausstellung Deix in the City, die Werkschau einer wohl ganz großen Nummer im Malen menschlicher Schwächen.
Mir kommt es so vor: Manfred Deix‘ Karikaturen übertreiben die Realität und schaffen es dabei fast immer, nicht nur die Zustände zu verspotten, sondern auch die, die sich über die Zustände aufregen. Und zwar heftig. Immer hat man das Gefühl „Huch, wen wollte er damit letztlich aufspießen?“ Diese Doppelbödigkeit fand ich beachtlich, ansonsten fand ich’s soso lala, ein Humor, den seine Derbheit nicht immer zu voller Blüte treibt.
Wollte ich also eine Chance haben, am selben Tage noch richtig begeistert zu werden, müsste ich eine weitere Ausstellung besuchen, und ich wählte Radical Advertising im Düsseldorfer NRW-Forum. „Erwarten Sie bitte keine besonders originelle oder aufwändige Werbung“, wurde sinngemäß gewarnt, aber leider erst nach dem Eintritt. „Hier geht es um systemverändernde Werbung.“ Inwiefern die gezeigte Werbung systemverändernd war, erschloss sich mir nicht. Im ersten Teil gab es einzelne Beispiele für Guerilla- und virales Marketing – hier hat es ein Museum schwer, einen besseren Überblick zu verschaffen als z.B. scaryideas oder YouTube. Von einem radikalen Paradigmenwechsel, der der zeitgenössischen Werbung im Geleittext großspurig bescheinigt wird, ist jedenfalls nichts zu sehen. Dafür unterscheiden sich in Haltestellenwände eingelassene Riesensandalen dann doch nicht genug von Plakaten und zieht es nicht weit genuke Kreise, wenn ein Baumarkt sich mal den Spaß erlaubt, einen Netzkult um einen fiktiven Stuntman auszulösen.
Auch im zweiten Teil kein Paradigmenwechsel, jedenfalls kein kontemporärer: Gezeigt wird Schockwerbung (Benetton, natürlich, und Diesel) aus längst vergangenen Jahrzehnten. Mag ja sein, dass das damals systemverändernd war, aber irre ich, oder ist die Ironie in der Werbung eine Randerscheinung geblieben? Als drittes Thema ein bisschen Adbusting.
Insgesamt habe ich mich von diesem Sonntag denn aber doch gut unterhalten gefühlt. :-)
Spendenstichwort
Heute sah ich ein Plakat der Diakonie – mit Spendenkontonummer, Bankleitzahl und Stichwort. Letzteres heißt auf den Formularen meiner Bank allerdings immer noch „Verwendungszweck“, und da nun „Krieg und Vertreibung“ reinschreiben…?
Tabus
Ein Tabu zu brechen ist schwierig, weil man dafür an einer Quelle des Mainstreams sitzen muss. Abseits dessen gibt es ja kaum noch welche. Vor zwanzig Hanseln auf einer Provinzbühne unter Zuhilfenahme von Hühnerblut zu kopulieren, damit möge mir keiner kommen, das haben schon tausende gemacht. In der Fernsehwerbung ist dagegen noch manches Tabu zu brechen, und eins hat DMAX gerade, wie ich finde, erfolgreich gemeistert:
Graffiti (1)
Schlimme Lehrerin
In der aktuellen Zeit ist ein Streitgespräch: Dürfen Schüler ihre Lehrer im Internet benoten? zwischen dem Sprecher von spickmich.de, einem Schüler und einer Lehrerin. Diese Lehrerin, Frau Boese, ist ohne Frage die… äh… schillerndste Persönlichkeit in der Runde. Ihr Kernargument ist, dass nicht alle Lehrer einer Schule bewertet würden und dass nicht alle Schüler einer Klasse einen Lehrer bewerteten. Als ob das nicht bei jeder Form von Meinungsäußerung so wäre. Und dass es für richtiges Feedback durchorganisierte Veranstaltungen bräuchte. Merke also: Nicht den Mund aufmachen, bevor der institutionelle Rahmen dafür geschaffen ist. Der Hammer ist aber Frau Boeses Schlusswort:
Wenn es um die Gegenüberstellung von Persönlichkeitsrecht und Meinungsfreiheit geht und spickmich.de keinen Nutzen für die Schule hat, muss es aus der Welt geschafft werden. Und wie das in Deutschland so ist, geht das nur vor Gericht.
Statt, wie das in besseren Staaten wäre, per Entscheid des Kultusministeriums und diskrete Entfernung der spickmich.de-Zentrale durch die Polizei? Wer sich erdreistet, keinen für Renate Boese sichtbaren Nutzen für die Schule zu haben und trotzdem über diese reden zu lassen, wird es nicht anders verdient haben.

