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Literatur

Sergius und Virata

Ich lese gerade die Erzählung Pater Sergius von Lew Tolstoi. Der Titelheld ist ein Mann, der erst als Kaufmann, dann als Ordensbruder, dann als Einsiedler mit seinem Hochmut kämpft. Als Einsiedler wird er berühmt – da fühlte ich mich an Stefan Zweigs wunderbare Erzählung Die Augen des ewigen Bruders erinnert, in der dem Protagonisten Virata als Einsiedler Ähnliches widerfährt. Und die Parallelen gehen tiefer: Virata und Sergius sind Menschen, die in ihrem Streben nach einem moralisch einwandfreien Leben nie zur Ruhe kommen. Nach alltäglichen Maßstäben sind sie verrückt. Virata zieht sich immer weiter zurück, weil er, egal, wie er sich verhält, immer noch das Leid sieht, dass er anderen Menschen zufügt, und vergeblich versucht, das Schuldigwerden gänzlich abzustellen. Erst als er sich so verhält, dass er nicht mehr durch Selbstlosigkeit die Bewunderung der Menschen auf sich zieht, sondern durch Selbstentwürdigung ihre Verachtung und ihr Vergessen, kommt er seinem Ziel nahe – keinem Menschen mehr zu schaden. Zweigs Held ist mir sympathischer als Tolstois. Bei dem steht immer Gott zwischen ihm und den anderen Menschen – stellenweise besteht Sergius‘ Konflikt gerade darin, dass das gottgefällige Leben eben nicht unbedingt das Leben ist, das den anderen Menschen am meisten hilft. Pater Sergius, wie überhaupt Tolstois späte Erzählungen mit ihrem stickigen Christentum und ihrer Fixierung auf Sexualmoral, muss man nicht gelesen haben. Die Augen des ewigen Bruders hingegen besorgt sich das kluge Lesefröschchen, wenn es sie noch nicht kennt, am besten noch heute.

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Literatur

Die Vermessung der Welt

Die Vermessung der Welt von Daniel Kehlmann ist eins meiner Lieblingsbücher. Das Wichtigste über seinen Inhalt ist in zahllosen Rezensionen enthalten, daher hier nur zwei Aspekte, die mir besonders gut gefallen. Es gibt viele Dialoge, aber sie sind ausnahmslos in indirekter Rede abgefasst. Schön mit Konjunktiv I. Dieses eher ungewöhnliche Stilmittel ist für herrliche Komik gut. Zum Beispiel wird Alexander von Humboldt auf Seite 127 gebeten, etwas zu erzählen.

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt und schob seinen Hut zurecht, den der Affe umgedreht hatte. Auch möge er das Erzählen nicht. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.

Auch kommt ein komisches Stilmittel mehrfach zum Einsatz, das Homer Simpson so beschreibt: „He lived in mideval times, but sometimes he said things from today time.“ Also ganz subtile verbale Anachronismen, die eine Pointe enthalten, wenn man heute lebt. Ein schlechtes Beispiel, aber eine gute Stelle – und sie hat natürlich, wie könnte es bei mir anders sein, wieder mit Sprache zu tun – ist Seite 64, wo die Wurzeln einer fachsprachlichen Verschrobenheit erfunden werden:

Am nächsten Morgen klopfte jemand an seine Tür. Ein Junge stand draußen, sah mit aufmerksamen Augen zu ihm auf und fragte, ob er mitfliegen dürfe.

Mitfahren, sagte Pilâtre. Mit dem Ballon fahre man. Man sage nicht fliegen, sondern fahren. So sei es Sitte unter Ballonleuten.

Welchen Ballonleuten?

Er sei der erste, sagte Pilâtre, und er habe es so verfügt. Und nein, natürlich könne keiner mitfahren.

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Literatur

Die fließende Königin

Als Peter Jackson zum ersten Mal den „Herrn der Ringe“ las, soll er gedacht haben: „Wow, hoffentlich macht da mal jemand einen Film draus!“, bevor er es dann viel später selbst tat. Als ich zum ersten Mal den „Herrn der Ringe“ las, dachte ich: „O je, hoffentlich macht da mal jemand Recyclingpapier draus!“, bevor ich mich dann hütete, es zu tun, und das Buch, weil geliehen, zurückgab. Nicht so bei der Fließende-Königin-Trilogie: Hier denke ich wie dort Jackson! Was Kai Meyer allein an Kulisse auffährt: Venedig. Eine Zauberspiegelwerkstatt. Palazzi. Lebendige Steinlöwen. Sphinxe. Fliegende Sonnenbarken. Mumienkrieger. Die Hölle. Heliopolis. Subozeanische Gefilde. Ein Unterseeboot. Eine eiserne Festung. Ein schneebedecktes Ägypten. Genau das Richtige also für eine monumentale Filmreihe. Regisseure der Welt, ich warte!

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Humor Max Goldt Sprache

Komische Sätze

Heute analysieren wir Komik auf Satzebene. Und zwar nehme ich Max Goldts Herausforderung aus dem Text Der Lachmythos und der Mann, der 32 Sachen gesagt hat (Für Nächte am offenen Fenster, Rowohlt 2003, S. 110) an.

Es muß an dieser Stelle unbedingt auf einen großartigen Satz von Robert Löffler hingewiesen werden, der da lautet: „Nun ist es auch schon wieder 167 Jahre her, daß man Marie von Ebner-Eschenbach gebar.“ Als ich diesen Satz das erste Mal las, dachte ich: Wer nicht sofort exakt drei Gründe nennen kann, warum dieser Satz komisch ist, der hat entweder keinen Humor oder keine analytische Erfahrung, vermutlich beides nicht. Ein brillanter Testsatz in der Tat.

Also gut, analysieren wir: Der wesentliche Teil der Komik entsteht durch das Subjekt man, und zwar in drei Schritten:

  1. Bei Angaben zum Geburtsjahr bekannter Persönlichkeiten ist das Passiv wurde geboren üblich. Dass hier gebären aktiv verwendet wird, trifft einen unerwartet. Es scheint plötzlich nicht mehr um ein trockenes, bibliografisches Datum zu gehen, sondern um den Vorgang der Geburt, der bei der Auseinandersetzung mit einer Dichterin selten im Vordergrund steht – kaum jemand interessiert sich für den ersten Schrei der kleinen Marie.
  2. Jemanden zu gebären ist der Inbegriff desjenigen, das nur die Mutter tun kann. Das unpersönliche man ist komisch deplatziert.
  3. Zusätzlich suggeriert man in Bezug auf ein konkretes Ereignis (also zum Beispiel nicht in „Das macht man halt so“, wohl aber in „Man hat mich vertrieben.“) nicht nur mehrere Beteiligte, sondern auch ein geradezu verschwörerisches, planvolles Handeln, als hätte man es ausgeheckt, die große Dichterin Marie von Ebner-Eschenbach in die Welt zu setzen.

Zusammenfassend: Der Satz vermischt auf ungewohnte Weise die historische Perspektive auf eine Dichterin und das Auf-die-Welt-Bringen eines Babys.

Jetzt will ich noch erklären, warum dieser Lehrerspruch von schulzitate.de komisch ist:

Kinders, wenn Dummheit lange Hälse machte, dann könntet ihr kniend aus der Dachrinne des Kölner Doms saufen!

Dies wäre ja nur eine gewöhnliche Beleidigung des Schemas „Wenn Dummheit X verursachte, gölte für dich Y“, hier etwas beliebig Ausgedachtes für X einsetzen und eine abstruse Konsequenz einer extremen Ausprägung von X für Y. Wäre da nicht in dem Y des Dachrinnensatzes noch ein feiner Zusatz: „kniend“. An der Stärke der Aussage ändert dieses Adverb lächerlich wenig, denn was ist schon die Länge eines Unterschenkels im Vergleich zur Höhe des Kölner Doms? Der Komik des Satzes kommt es aber sehr stark zugute, weil es die absurde Vorstellung einer Welt, in der man erwägt, aus Dachrinnen zu saufen, aufnimmt, und die Frage der dafür geeigneten Körperhaltung anschneidet.

Zum Abschluss lasse ich noch einen komischen Satz als Übung für den/die Leser/in stehen, den ich einmal im britischen Fernsehen aufschnappte. Eine Gouvernante ermahnt ihre Schutzbefohlenen:

Ingredients of apple pies don’t grow on trees.

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Literatur

Kein schöner Land

Immer wieder ertappe ich mich dabei, nach dem nächsten Punkt Ausschau zu halten, unsteter Leser, der ich bin, um mal eben aufs Klo zu gehen, etwas zu knabbern zu holen oder den Techno leiser zu machen, der eben nach dem Willen der Zufallswiedergabeliste Vivaldis Windkonzert abgelöst hat, doch er kommt nicht, erst am Ende des aktuellen Kapitels von Elke Heidenreichs Satire Kein schöner Land kann man darauf hoffen, weshalb man dann doch ziemlich lange am Stück bei der Stange bleibt und genießt, wie einfallsreich und komisch – ich zitiere nur eine willkürlich herausgegriffene Preziose: „die Leute sind a neuerdings alle so verrückt auf Natur, als ob die auch schon groß was einbringt mit ihrer ewig faden Blüherei“ – das Leben von Neu-MdB Robert Riedinger im Spannungsfeld anstrengender Familienmitglieder, denn sie klauen und bändeln mit Nazis an und sind schwul und verhökern alle Möbel für ein neues Lebensgefühl und Yoga und wollen den Scheißstaat aus den Angeln heben, und eines seinen Assisenten zum Vergnügen des Lesers herrlich schurigelnden Finanziers mit Stahl-Ellebogen geschildert wird, wie auch ich mich nach diesem kurz zwischendurch geschriebenen Eintrag wieder für längere Zeit in den Fluss der Kommata einfädeln werde, worauf ich mich schon jetzt – 30 Sekunden vor dem Klick auf „Veröffentlichen“ und 60 Sekunden vor der Wiederaufnahme der Lektüre – freue.

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Literatur

Emily the Strange

Im Februar 2003 sah ich sie zum ersten Mal, in einem Geschäft in Notting Hill, London. Dort lag das erste und damals auch noch einzige Emily-Buch Emily the Strange. Es schlug mich so in seinen Bann, dass ich nach kurzem Überlegen ziemlich viel Geld dafür ausgab. Denn es heroldete den individualistischen, introvertierten, düsteren, sympathisch bösen Charakter der Heldin, indem es ihn mit Kreativität, Schönheit und Erfolg paarte: Emily may be odd, but she always gets even.

Ein bildschönes Bilderbuch, ganz in schwarz, weiß, knallrot und einer Prise grau gehalten, grafisch ebenso schlicht wie genial. Meistens reichte ein kurzer Satz wie der eben zitierte für zwei Doppelseiten, typischerweise mit Wortspielen auf englischen Redensarten.

Ob mich die Nachfolgerbände Emily’s Secret Book of Strange und Good Nightmares ebenso vom Fleck weg begeistert hätten, bezweifle ich. Als Emily-Fan habe ich sie natürlich ohne Diskussion erworben, sobald ich von ihrem Erscheinen erfuhr, und auch begeistert verschlungen. Das fast quadratische Format und der grafische Anspruch wurden stets beibehalten, letzterer auch ausgebaut. In Band 2 kam Glanzlack hinzu, mit dem schräg gegen das Licht gehalten erkennbare Botschaften auf vielen Seiten versteckt wurden. Detailiertere Zeichnungen, mehr Grau- und Rottöne und viele Fantasiesymbole prägten das Buch, während sich das erste auf die Grundformen Emily, Katze und einige wenige weitere beschränkt hatte.

Der zweite Band stand unter dem Motto der fünf Sinne, plus Sprechen und Denken: Jeweils wurde Emilys subversive Version davon vorgestellt. Leider habe ich das Buch nicht zur Hand, da ich dies schreibe, sonst könnte ich mich differenzierter äußern. Aus der Erinnerung konstatiere ich: Das Buch ist gut, aber überladen.

Good Nightmares desgleichen. Ideen und Umsetzung muss man natürlich trotzdem loben: Alpträume sind Emilys Element. Da es Träume sind, nehmen sich die Illustratoren mehr künstlerische Freiheit. Es gibt plötzlich rau-krakelige Sequenzen in Bunt- und Bleistiftzeichnungen (?), Anspielungen auf Zeichenstile und Motive von Albrecht Dürer, Hokusai Katsushika oder M.C.Escher. Neben Knallrot treten auch Pink und Weinrot auf, die Katzen sind gelegentlich zerzauster. Gegen Ende hat sogar Emily einen Albtraum, in dem dann Farben wie Blau, Orange, Grün und Gelb (!!!) auftreten. Alles berauschend, vielleicht etwas zu schreiend, spritzend und reizüberflutend für Emily, es fehlt etwas das Motto, das verbindende Element, und der Text bewegt sich teilweise auf niedrigem Niveau: „In a blink, all was pink.“ Gähn.

In gewisser Hinsicht ist jetzt mit dem vierten Band Seeing is Deceiving das beste Emily-Buch seit dem ersten erschienen. In den Bildern stechen wieder mehr Emily und ihre Katzen hervor, weniger grelle Umgebungen. Das Thema ist sehr eng gefasst: Nicht mehr alle fünf Sinne wie im zweiten Band, sondern hier brilliert der Gesichtssinn aus Emilys Sicht alleine. Den Text, so stelle ich es mir vor, schrieb Rob Reger, indem er in einem Redensarten-Lexikon unter see, look und watch nachschlug. Aus der bestimmt fulminanten Ausbeute suchte er sich heraus, was seine Fantasie zu seltsamen Twists befeuerte. Sprachlich und gedanklich sind die Wortspiele wieder außergewöhnlich sauber, man muss ein bisschen mitdenken und das Buch kommt mit sehr schlichtem Bildmaterial aus, man kann sagen: Die Rückkehr zum Erfolgsrezept des ersten Bandes. (Nicht, dass es nur solche Bücher geben dürfte, das wäre ja langweilig, aber sagen wir mal so: Vielleicht hätte das Ausbleiben von Band zwei und drei Emilys kommerziellen Erfolg Abbruch getan, nicht jedoch ihrer Anbetungswürdigkeit, die durch Band vier wieder richtig gefördert wird, ebenso wie die zu ignorierenden Emily-Comics versuchen sie zu zerstören.)

Ein Beispiel: Emily looks close, but keeps her distance. Die Bilder dazu zeigen Emily, ein Fernglas verkehrtherum auf eine Katze gerichtet, und dann, auf der nächsten Seite, den Blick durch das Stereoskop auf „zwei“ winzige Kätzchen. Schlichter und schöner geht’s kaum. Ein nettes, unaufdringliches, aber effektvolles und sehr gut in die Grundaussage des Buches (siehe Titel) passendes Gimmick sind Ausschnitte in manchen Seiten, wie man sie auch aus anderen Bilderbüchern kennt, die die optische Wahrnehmung aufs Korn nehmen. So werden die Unterleiber zweier fetter Spinnen durch Zurückblättern zu Emilys Augen, und in einem unstrukturierten Gewirr grober Kreuzstich-Nähte erkennt man, wenn man die Seite mit dem Loch in Form von Emilys Gesicht darüberlegt, eine mumienhafte Fratze.

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Max Goldt Welt

Models

Models hießen früher Mannequins und hatten keine Namen, waren nicht prominent und wurden nicht in Fernsehshows eingeladen. Weibliche Models veranstalten heute Spendengalen und werden auf Listen wichtiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens geführt. Bei männlichen Models hat sich nichts geändert.

Max Goldt vermutete einmal, das liege daran, dass Männer nur auf das Aussehen achten: Eine quäkige Stimme oder ein uncharmantes Gebahren würden der Beliebtheit eines weiblichen Models keinen Abbruch tun. Frauen seien anspruchsvoller und daher sei man bei männlichen Models vorsichtiger, sie anders zu präsentieren als durch die Linse einer still camera.

Nö, ich glaube, es liegt am Sexismus: Mit ihrem Aussehen Geld zu verdienen, ist für eine Frau doch ein toller Beruf. Die hat es geschafft, ist schon eine richtige Karrierefrau. Für einen Mann ist so ein kindischer Beruf aber nicht akzeptabel. Ein männliches Model wird als eine Art Gigolo betrachtet. Es kann durchaus mal in einer Talkshow auftreten, wird dann aber eher zwischen einem von Kopf bis Fuß Gepiercten und einem Schnupftuchfetischisten auf der Couch sitzen, nicht zwischen Veronica Ferres und Mick Jagger.