Archiv der Kategorie: Sprache

Blogspektrogramm #13

Diese monatliche Übersicht über die deutschsprachige Sprachblogosphäre – mit sprachwissenschaftlichem Schwerpunkt und sprachspielerischen Einstreuungen – geht nunmehr in ihr zweites Jahr. Der Kreis der regelmäßig teilnehmenden Blogs hat sich im ersten Jahr nicht sehr stark verändert, als kürzlicher Neuzugang hervorzuheben ist aber „Interkorrektor“ Dirk Müllers Sprachblog. Um die Flughöhe über dem eigenen Tellerrand beruhigend hoch zu halten, fließen auch verstärkt externe Linkempfehlungen ein, oft in die englischsprachige Blogosphäre.

Kristin Kopf erklärt im [ʃplɔk], warum man als Linguistikstudent/in energisch zurechtgewiesen wird, wenn man in der falschen Situation von Buchstaben spricht. Im öffentlichen Diskurs über Sprache und Rechtschreibung wird beides oft vermischt oder sogar gleichgesetzt. Kristin erklärt, warum man es auseinanderhalten muss und wie man über Sprache spricht, ohne Zuflucht zu Begriffen der Rechtschreibung zu nehmen. Des weiteren empfiehlt sie einen Blogeintrag von Alexander Lasch, in dem er praktisch und im Detail eine kleine, aber facettenreiche korpuslinguistische Übungsstudie präsentiert, bei der es um Autorenstile geht.

Dirk Müller beschäftigt sich mit dem Verb lektorieren und dem Vorwurf, dieses Verb sei Schwachsinn, weil bereits der Lektor von einem Verb abgeleitet sei. Er kann dem Vorwurf aber einige gute Argumente entgegenhalten, wird also wohl auch in Zukunft  Texte lektorieren und höchstens mal Speisen oder Metalle legieren.

Nur noch, nur mehr und mehr als sind alles Ausdrücke, die wir kennen und wissen, was sie bedeuten. Michael Mann vom lexikographieblog ist nun auf einen Artikel gestoßen, in dem sie eine syntaktisch und semantisch auf den ersten Blick nicht ganz durchsichtige Verbindung eingehen: nur noch mehr als. Michael zerlegt sie. Er empfiehlt außerdem das Blog der Merriam-Webster-Lexikografin Kory Stamper, in dem „wunderbare, amüsante Geschichten aus ihrem Leben mit diesem Beruf“ zu finden sind, zum Beispiel eine darüber, wie sie in einem Radiostudio merkte, dass sie über dem Arbeiten mit Wörtern unter Laborbedingungen fast vergessen hatte, wie man mit Menschen redet.

Stephan Bopp schreibt bei Fragen Sie Dr. Bopp! über den ersten niederländischen Tag der deutschen Sprache, der am 19. April stattfand. Von Anschlusstreffer (Fußballtrainer) über fabelhaft (Bankdirektor) bis Wiedergutmachung (Botschafter) findet man in seinem Beitrag auch eine Liste von deutschen Lieblingswörtern niederländischer Promis nach Beruf.

Wenn man zwei Sprachen miteinander vergleicht, wird man immer feine Unterscheidungen finden, die durch eine Sprache getroffen werden und durch die andere nicht. Anatol Stefanowitsch beschäftigt sich im Sprachlog mit den Unterschieden zwischen naked und nude und shadow und shade, die Deutschsprachigen erst mal merkwürdig vorkommen. Daneben empfiehlt er eine Glosse der feministischen Linguistin Luise Pusch zur Lektüre, in dem sie sprachliche Diskriminierung von Lesben und Schwulen in einem Krimi von 1970 und einem Artikel von heute aufzeigt.

Hier im Texttheater erblickten im April drei selbsterfundene Wörter das Licht der Öffentlichkeit.

Bisher erschienene Ausgaben:

Blogspektrogramm #12

Hängt das wirtschaftliche Verhalten eines Volkes mit der Zukunftsbezogenheit seiner Sprache zusammen? Woher kommt das Wort Gegenwart? Welche Wörter sind in Goethes Faust am häufigsten und am seltensten? Was ist von dem heftig umstrittenen Buch Kiezdeutsch der Linguistin Heike Wiese zu halten? Wie kann man den französischen Satzbau so beschreiben, dass er auf einen Spickzettel passt? Was ist der Unterschied zwischen Inhalt und Content? Was bedeutete das Wort digital ursprünglich? Eilen Sie ins Schplock, lesen Sie das Blogspektrogramm #12, und es wird Ihnen geantwortet werden!

Blogspektrogramm #11

Welche Bedeutungen und Wertungen verbinden sich mit dem Verb wulffen und seinen diversen Ableitungen? Woher kommt das Wort Lawine? Wie hat das Wort Shitstorm es geschafft, den deutschen Sprachraum im Sturm zu erobern? Wie lässt sich das Raubmordkopieren noch steigern? Was ist der Unterschied zwischen Brunst und Brunft? Dies und mehr im Blogspektrogramm #11, diesmal bei Michael Mann im Lexikografieblog.

Blogspektrogramm #10

Im aktuellen Blogspektrogramm gibt es wieder viel über Sprache zu erfahren:

  • Dass Pumuckl mit seinen Wortspielen schon Kinder zu linguistischen Überlegungen animiert.
  • Dass Verben der Zustandsveränderung für manchen schwer zu verstehenden philosophischen Text charakteristisch sind.
  • Was aus linguistischer Sicht davon zu halten ist, dass vor allem in Stellenanzeigen nach der Bologna-Reform kurzerhand der Masterand den Diplomanden ersetzt hat.
  • Warum derzeit nur die Schreibweise Scheißhaus, zukünftig aber in manchen Fällen womöglich auch scheiß Haus als korrekt gilt.
  • Welche Verben außer merkeln und wulffen seit 1949 noch von den Namen hoher deutscher Amsträger abgeleitet wurden und was sie so bedeute(te)n.
  • Wie im 17. Jahrhundert anhand einer Baummetapher die deutsche Wortbildung erklärt wurde.

Wer es noch nicht mitbekommen hat, sei außerdem darauf hingewiesen, dass das Wort Shitstorm – verdient, wie ich finde – zum Anglizismus des Jahres gekürt wurde.

Logo des Blogspektrogramms

Blogspektrogramm #9

Logo des BlogspektrogrammsZum neunten Mal erscheint hiermit das Blogspektrogramm, ein monatlicher Überblick über die deutschsprachigen Artikel von Bloggerinnen und Bloggern mit linguistischem Hintergrund zum Thema Sprache.

Im Sprachlog begutachtet Anatol Stefanowitsch das Wort des Jahres 2011, Stresstest, und kurz auch noch einmal das Jugendwort des Jahres 2011, Swag. Besonders lesenswert und erheiternd finde ich das Rezept zum Erfinden von Jugendwörtern, das bei unrühmlicheren Juryentscheidungen in Vorjahren zum Einsatz gekommen zu sein scheint. Auch nicht unerwähnt bleibt eine Wörterwahl, die erst noch bevorsteht: der Anglizismus des Jahres 2011.

Von eigenen Korpusuntersuchungen berichten Kristin Kopf im Schplock und Michael Mann im lexikographieblog. Erstere versucht herauszufinden, ob der Anglizismus des Jahres 2010, leaken, dauerhaft im Deutschen heimisch geworden ist. Letzterer ist auf die Suche nach Variationen der Redewendung Hals- und Beinbruch gegangen. Mir war nicht klar, wie viele Versionen es da gibt, speziell zugeschnitten auf Singende, Tanzende, Segelnde, Fliegende, Rudernde, Radfahrende, Autofahrende und Bahnfahrende.

Wenn wegen mit Genitiv steht, worauf manche ja bestehen, dann müsste es ja eigentlich statt wegen mir wegen meiner heißen. Gebräuchlicher ist aber die Form meinetwegen. Stephan Bopp erklärt bei Fragen Sie Dr. Bopp!, woher sie kommt.

Ich selbst denke im Texttheater über ungewöhnliche Konditionalsätze nach und darüber, woher die Wendung es sei denn kommt.

Das Blogspektrogramm #10 wird bei Kristin im Schplock erscheinen.

Bisher erschienene Ausgaben:

Tempus- und Aspektmysterien der philosophischen Geheimsprache

Es gibt eine philosophische Geheimsprache, an der ich mir immer wieder die Zähne ausbeiße. Peter Sloterdijk zum Beispiel hat seit gefühlten tausend Jahren keinen Absatz mehr geschrieben, der nicht in dieser Geheimsprache abgefasst wäre. Aber auch die folgenden Absätze aus dem Artikel Transparent ist nur das Tote von Byung-Chul Han sind ein gutes Beispiel. Der Karlsruher Philosoph schilt darin die „Ideologie“ der Transparenz (vgl. Post-Privacy) und außerdem die Piratenpartei dafür, dass bei ihr keine Ideologien (!) zugelassen seien, aber das nur am Rande. Einleitend schreibt Han:

(…) Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. Transparent werden die Dinge, wenn sie ihre Singularität ablegen und sich ganz im Preis ausdrücken. Transparent werden die Bilder, wenn sie, von jeder hermeneutischen Tiefe, ja vom Sinn befreit, pornografisch werden. In ihrer Positivität ist die Transparenzgesellschaft eine Hölle des Gleichen.

Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Abweichende eliminiert. (…)

Die Dichte von Fremdwörtern und Fachbegriffen ist sehr moderat. Ich störe mich auch nicht an vagen Begriffen wie die Dinge oder das Gleiche. Auf deren Bedeutung könnte man wohl im Prinzip aus dem Kontext schließen.

Wovor mein Verständnis aber kapituliert, das sind Tempus und Aspekt.

Die Geheimsprache kennt beinahe ausschließlich solche Verben, die die Änderung eines Zustandes ausdrücken. Das allerwichtigste Verb, wenn nicht Wort, der Geheimsprache überhaupt ist werden. Es kommt in dieser Passage sechsmal vor. Ansonsten zähle ich jeweils ein Vorkommen folgender zehn eindeutiger Zustandsänderungsverben: abstreifen, glätten, einebnen, einfügen, unterordnen, ablegen, befreien, stabilisieren, beschleuningen und eliminieren. Alles wird als Prozess ausgedrückt.

Leider ist keine der beschriebenen Zustandsänderungen auch nur ansatzweise in der Zeit verankert. Han sagt nichts darüber aus, wann Zustand A geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird oder darüber, wann Zustand B geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird. Es gibt keine Hinweise darauf, wann und wie oft der beschriebene Vorgang eingesetzt hat, einsetzt oder einsetzen wird, wie schnell er verlief, verläuft oder verlaufen wird und ob und wann er abgeschlossen war, ist oder sein wird. Vor allem fehlen Zeitangaben wie in den letzten zehn Jahren, zukünftig oder immer dann, wenn.

Auch das Tempus hilft nicht weiter. Die ganze Passage ist im Präsens geschrieben. Aber ich kann ums Verrecken nicht erkennen, ob das ein aktuelles, generelles, historisches, futurisches oder gar szenisches Präsens sein soll. Wird hier ein aktueller Prozess beschrieben oder eine allgemeine Aussage getroffen? Wenn Letzteres, geht es um einen lang andauernden oder einen sich immer wieder wiederholenden Prozess?

Schließlich die Konjunktion wenn, ein weiterer Grundpfeiler dieser Geheimsprache. Sie bedeutet hier sicher mehr, als dass Dinge zur gleichen Zeit stattfinden. Aber was? Kausation, Korrelation, Definition? Wird Transparenz durch das Abstreifen jeder Negativität verursacht? Oder treten Transparenz und das Abstreifen jeder Negativität typischerweise gemeinsam auf? Wenn ja, auf welchen Beobachtungen, in welchem Zeitraum, in welcher Kultur, an welchem Ort, beruht diese Generalisierung? Oder will Han den Begriff Transparenz hier überhaupt erst definieren, als das Abstreifen jeder Negativität (und/oder der ganzen anderen Vorgänge, von denen er schreibt)? Es bleibt das Geheimnis Hans und derer, die seine Sprache sprechen.

Ich will mich hier nicht nur lustig machen über einen schwierigen Schreibstil. Ich verstehe aufrichtig nicht, was gemeint ist. Vielleicht verstehe ich wirklich einfach nur die philosophische Fachsprache nicht. Hat dieses Präsens, haben diese Prozessbeschreibungen, hat dieses wenn in der Philosophie eine konventionelle technische Bedeutung? Wissen Fachleute, wie sie es zu interpretieren haben? Wenn ja, bitte ich um Aufklärung. Bis dahin werde ich wohl annehmen müssen, dass es sich um eine Methode zur Verschleierung handelt. Zur Verschleierung der Tatsache, dass die eigene Positon auf vagen, selbstausgedachten Zusammenhängen beruht, die man nicht begründen, geschweige denn belegen kann. Es würde mich nicht wundern.

PS: Der überwiegende Rest von Hans Artikel ist dankenswerterweise nicht in diesem Stil geschrieben.

Unfug mit Fügungen

Sprache ist auch dazu da, seine Mitmenschen zu verwirren. So bereitet es mir großes Vergnügen, Wortfolgen, die normalerweise in einer eingebürgerten, festen Bedeutung gebraucht werden, in anderen Bedeutungen zu verwenden, die sich aber auch aus den Bedeutungen der einzelnen Wörter herleiten lassen.

Ein Beispiel ist die Fügung es sei denn, deren Etymologie ich im letzten Blogpost skizziert habe. Wie schön lässt sich der Konjunktiv I zur Wunschform umdeuten und das denn in seiner Bedeutung also verwenden. Schon hat man einen prima Spruch, um sich ins Schicksal zu fügen und den Lauf der Dinge zu affirmieren: Nun gut, es sei denn.

Das altertümliche siehe da erstrahlt in neuer Frische, wenn man das siehe in seiner ungebrochen modernen Verwendung für Verweise verwendet und ein Hyperlink das einfache deiktische Adverb mit Sinn erfüllt: siehe da.

Oder so kennt man als Ungenauigkeit und Ungewissheit ausdrückende Fügung (er hieß Schymanski oder so), kann man aber auch prima gebrauchen, um einen Gegenvorschlag anzuerkennen: Lass uns zur Pizzeria und dann einkaufen gehen. – Oder wir kaufen heute ein, essen zu Hause und gehen morgen essen. – Oder so.

Ab und zu gerät man an einen Gegenstand, der sowohl ästhetisch als auch funktional wenig zu wünschen übrig lässt. Man beschreibe ihn als schön und gut und freue sich daran, wie irreführend die Homonymie mit der abschätzig-einräumenden Formel Das ist ja schön und gut, aber… ist.

Die Mehrdeutigkeit des Wortes schon nutzte @kasia886 für einen sehr gelungenen Tweet im Sinne dieses Beitrags (Hervorhebung von mir): Du weißt schon. Aber ich noch nicht.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, wie schön man sich im Adminstrationsbereich der deutschen Version von WordPress zur Seite klicken kann, also zum Frontend des Blogs.

(Es sei) denn: Adverbialsätze mit Verbzweitstellung

Ein Adverbialsatz ist ein Nebensatz, der die Wahrheitsbedingungen des übergeordneten Satzes modifiziert. Bei den meisten Typen von Adverbialsätzen ist diese Modifikation monoton, das heißt, wenn das Gefüge aus übergeordnetem Satz und Adverbialsatz wahr ist, ist auf jeden Fall auch der übergeordnete Satz wahr. So zum Beispiel bei kausalen Adverbialsätzen, die einen Grund angeben: Wenn das Gefüge Wir gehen nach Hause, weil es regnet wahr ist, ist auch der übergeordnete Satz Wir gehen nach Hause zwingend wahr. Nicht monoton sind dagegen die konditionalen Adverbialsätze (eingeleitet durch Konjunktionen wie wenn, falls, sofern, außer…), die eine Bedingung für das Geschehen angeben: Wenn das Gefüge Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause wahr ist, muss deshalb der Satz Wir bleiben zu Hause nicht unbedingt wahr sein.

Im Deutschen erkennt man Adverbialsätze typischerweise daran, dass sie mit einer Konjunktion eingeleitet werden und Verbletztstellung aufweisen, das flektierte Verb also hinten steht. Es gibt aber auch konditionale (und temporale) Adverbialsätze, die keine Konjunktion haben und Verberststellung aufweisen, wie das Hilfst du mir in Hilfst du mir, helf ich dir.

Es gibt noch ein weiteres Baumuster für konditionale Adverbialsätze, das allerdings so gut wie ausgestorben ist. Man begegnet ihm in alten Texten, zum Beispiel in der Lutherbibel: Ich lass dich nicht, du segnest mich denn. Die Kennzeichen sind Verbzweitstellung, oft Konjunktiv I und das Wort denn, das sich hier syntaktisch wie ein Adverb, semantisch aber, wenn man so will, eher wie eine Konjunktion mit der Bedeutung wenn nicht, außer verhält. (In anderen Bedeutungen kommt denn ja sowohl als Konjunktion – Wir gehen nach Hause, denn es regnet – als auch als Adverb – Ich brauch denn mal Hilfe – vor.)

Liebe Germanist/inn/en! War diese Konstruktion immer so ungewöhnlich, wie sie heute erscheint, oder gibt es in der deutschen Sprachgeschichte weitere bekannte Beispiele für… fassen wir den Gegenstand erst mal weit: Adverbialsätze mit Verbzweitstellung? Adverbialsätze mit Verbzweitstellung, die ohne Konjunktion angeschlossen werden?

Im heutigen Standarddeutschen ist die Konstruktion mit denn jedenfalls ein Fremdkörper und wird nicht mehr produktiv verwendet, sie ist allerdings erstarrt in der Wendung es sei denn, X erhalten, wobei X wahlweise ein ganz normaler dass-Satz oder Verbzweitsatz ist.

Siehe auch: Eintrag für denn im Deutschen Wörterbuch (man suche nach nisi).

Blogspektrogramm #8

Nicht-koreanische Zeichen auf Seouler Werbeplakaten – was hat es mit ihnen auf sich? Das Adjektiv nah – hat es mehr als einen korrekten Superlativ? Das jüngst erschienene Buch mit hausgemachten Neologismen von Sascha Lobo – ist es gut? Sprache ist ständig under construction – wie lässt sich das humorvoll illustrieren? Enten, die aus Wikipedia in Zeitungsartikel und Reden übernommen werden – welche gibt es da noch, außer dem besonders bekannten zehnten Vornamen zu Guttenbergs? Pseudo-Anglizismen – können uns Muttersprachler/innen des Englischen ihrer zweifelsfrei überführen? Und natürlich die Wahl zum Anglizismus des Jahres – was, warum, wie, wer, wann? Die Antworten erreichen Sie über das achte Blogspektrogramm, die Ausgabe für November 2011, diesmal wieder bei Susanne von */ˈdɪːkæf/.

Die nächste Ausgabe wird voraussichtlich hier im Texttheater erscheinen. Wie unter den derzeitigen Mitmachenden per E-Mail besprochen, soll die Weitergabe der Ausrichtung in Zukunft nicht mehr zentral (über Anatol) erfolgen, sondern jede/r, der/die das Spektrogramm ausrichtet, soll sich hauptverantwortlich um eine/n Nachfolger/in kümmern. Wer also im Februar gerne das zehnte Blogspektrogramm ausrichten möchte, darf sich ab sofort bei mir melden! Ebenso hochwillkommen sind mir ab sofort Vorschläge für tolle Blogs zu Sprachwissenschaft und verwandten Themen, die man für eine Teilnahme gewinnen könnte. Wie das Ganze noch mal funktioniert? Kann man hier nachlesen.

Arabische Hangulimitate

Wir erinnern uns, dass es findigen Seouler Werbemenschen gelungen war, den koreanischen Satz 고맙습니다 („Danke“) so zu schreiben, dass es wie arabische Schrift aussieht:

Quelle: Seoul Culturenomics

Wir erinnern uns auch, dass ich zuvor aufgegeben hatte, zu entziffern, welche arabischen Buchstaben hier verwendet wurden. Es ist schwierig, weil

  1. die Buchstaben miteinander verbunden sind, so wie in tatsächlicher arabischer Schrift. Wer nicht arabisch lesen gelernt hat, kann nur raten, wo ein Buchstabe aufhört und der nächste beginnt.
  2. viele arabische Buchstaben stark unterschiedliche Formen annehmen, je nach dem, ob sie allein dastehen, nach links, nach rechts oder nach beiden Seiten verbunden sind. Man spricht von isolierten, initialen, finalen und medialen Formen. Versucht man etwas zu entziffern, muss man also nicht nur mit 28 (so viele Buchstaben hat das arabische Alphabet), sondern mit 66 Glyphen abgleichen, siehe diese Tabelle.
  3. die koreanischen Designer sich nicht überall an diese positionsabhängigen Formen gehalten haben, sonst hätte man sich bei der Suche nach einem bestimmten Segment ja jeweils auf eine Spalte der Tabelle beschränken können. Namentlich scheint mir der zweite Glyph von rechts ﻏ zu sein, die initiale Form des Ghain. Diese könnte eigentlich keine Verbindung nach rechts haben; die Verbindung wurde wohl hineingephotoshopt. Abgesehen davon ist es mir letztlich (siehe unten) gelungen, alles ohne illegale Verbindungen nach rechts oder links zu erklären, allein das linke von den beiden Zeichen unterhalb der Grundlinie, meinem Dafürhalten nach ein ج (Dschim) wurde nach oben verbunden.
  4. die koreanischen Designer sich auch sonst mehr künstlerische Freiheit genommen haben als bei den anderen beiden Plakaten: Ich habe mir für diesen Blogeintrag gerade mal so die Grundlagen der arabischen Schrift angelesen und kenne natürlich nicht übermäßig viele arabische Schriftarten, aber mir scheint, dass Teile mancher Buchstaben weggeschnitten und manche Größenverhältnisse manipuliert wurden.

Hier nun meine Theorie, welche Zeichen für das gelbe Plakat benutzt wurden, an welcher Stelle und mit welchen Manipulationen:

Hangul-Silbenblock Hangul-Buchstabe Fremdes Zeichen Schrift Anm.
ﺤ‎‎ (Hāh, medial) Arabisch 5
ﺰ (Zāin, final) Arabisch 6
ﻌ ‎‎‎‎‎(’Ain, medial) Arabisch
ﻟ (Lām, medial) Arabisch
ﺝ‎ (Dschīm, isoliert) Arabisch
ﻨ‎ (Nūn, medial) Arabisch
(fehlt)
ظ (Zā, isoliert) Arabisch
‏ﺴ‎ (Sīn, medial) Arabisch 7
ﻏ (Ghain, initial) Arabisch
ﻟ (Lām, initial) Arabisch 8
١ (1) Indische Ziffern

5 Klassischerweise sieht das mediale Hāh deutlich anders aus, aber in modernen Schriftarten mit strenger Geometrie tatsächlich manchmal einfach wie ein Bogen, der an der durchgezogenen Grundlinie endet. Ich habe allerdings noch nie gesehen, dass es sich unten wieder so weit nach links krümmt, wie es auf dem Plakat aussieht, daher habe ich an der Hāh-Theorie noch so meine Zweifel. Auch nicht besser gefallen mir allerdings die Möglichkeiten, der ganze erste Silbenblock könnte durch ein ذ dargestellt sein, das den Punkt in der Öffnung statt oben hat, oder durch ein ن, das nach links statt nach oben geöffnet ist.
6 Hier brauchte ich irgendeinen Buchstaben, der nur aus einer niedrigen Spitze mit Punkt drüber besteht. Das Zāin passte gut, wenn man seinen Schnörkel links wegschneidet.
7 Hier wurde m.E. der ganze Silbenblock durch ein Sīn dargestellt, dem allerdings die mittlere Spitze entfernt und die rechte möglicherweise noch etwas nach oben verlängert wurde. Dafür spricht auch der große Abstand zu dem Nūn links daneben, den man in manchen Schriftarten wiederfindet, zum Beispiel in Linotypes Neue Helvetica Arabic, aber nicht in Frutiger Arabic (fünftes Wort von rechts; Quelle). Die horizontale Linie, die diesen Abstand ausfüllt, könnte man sogar als das im Silbenblock links daneben fehlende koreanische U deuten.
8 Hier wurde in die andere Richtung vom Ein-Zeichen-pro-Hangul-Buchstabe-Prinzip abgewichen: Das ㅏ wurde durch ein initiales Lām und ein Strichelchen dargestellt, das mir von Form und kulturellem Kontext her am ehesten wie die Indische Ziffer 1 vorkommt. (Ja. Im Arabischen werden Zahlen mit – ihrer Herkunft nach so genannten – Indischen Ziffern geschrieben. Was wir Arabische Ziffern nennen, sind die abendländischen Fortentwicklungen derselben, die sich in der Form schon recht stark unterscheiden.)