Archiv der Kategorie: Zitate

Lexik, Objektebene und Metaebene

Wie doch die Objektebene die lexikalische Auswahl auf der Metaebene beeinflusst! Heiterkeit folgt.

  • tasting is perceived by FrameNet as PERCEPTION_ACTIVE. (A.)
  • Wir müssen die paint()-Methode dieser Klasse übermalen. (J.)
  • Der Begriff Sentiment Analysis ist im Moment relativ positiv besetzt. (M.)

Weitere Beispiele werden gern entgegengenommen.

Home

Home (Yann Arthus-Bertrand, 2009), ein grauenhafter Film, nicht zu verwechseln mit Home (Ursula Meier, 2008), einem großartigen Film. In geselliger Runde wurde gestern ein Versuch gestartet, ihn anzuschauen, doch nach kurzer Zeit brachten ich und weitere Zuschauer/innen diesen Plan durch Murren zu Fall und wir widmeten uns wieder voll der Geselligkeit. Der vorliegende Verriss basiert also auf den ersten ungefähr 20 Minuten. Verstehen Sie mich nicht falsch, Home ist ein toller Bildschirmschoner. Ich finde es aber künstlerisch unredlich, einen Bildschirmschoner mit Musik und Text zu unterlegen und als Film zu verkaufen. Diese Mogelpackung hatte mich schon bei Mikrokosmos (Claude Nuridsany und Marie Pérennou, 1996) gestört. Bei Home kommt noch dazu, dass er sich als engagierter Film mit aufrüttelnder Botschaft zum Umweltschutz präsentiert, wie es bei Filmen halt gerade Mode ist. Ha!

Ich bin ungerecht; vielleicht gibt es ja wirklich Leute, die sich von Home zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit der Erde animieren lassen. Aber wenn ich mich in jemanden hineinversetze, dem Home gefällt, dann stelle ich mir vor, dass ich das Kino verlasse und gar kein Problem sehe, weil das an der Erde Schöne, nämlich bonbonbunte Luftbilder zu dramatischem Geschrummel und parapoetisch/pseudoinformativer Sprechberieselung („The atmosphere was thick with carbon dyoxide“), ja jetzt auf DVD konserviert ist.

Ich habe nichts grundsätzlich gegen die Kombination aus Landschaftsaufnahmen und Musik. Es gibt auch künstlerisch wertvolle Filme, die sich ihrer bedienen, um das gestörte Gleichgewicht zu thematisieren, das da herrscht zwischen den aufopferungsvollen Versuchen der Menschheit, eine technisch perfekte Zukunft zu schaffen, und dem blöden Planeten, der es für nötig hält, empfindlich darauf zu reagieren zwischen der Erde und ihrer rücksichtslosen Aneignung durch uns, die Menschen, zum Beispiel Koyaanisqatsi (Godfrey Reggio, 1982). Die gesellige Runde schaute noch Ausschnitte daraus, nachdem Home geditcht war. Die Musik ist von Philip Glass, und das gab Anlass zu folgendem Dialog.

A: Ich bin ja auch ein großer Fan von Steve Reich.
B: Von wem?
C: Steve Reich, auch ein Vertreter der Minimal Music.
B: Also nicht Third Reich.
A: Nein, Third Reich ist sein Bruder.
B: Sein Stiefbruder.
A: Nein, nicht Steve Bruder!

Es wurde noch ein schöner Abend.

Was ich immer sage (3)

Was bisher geschah: Was ich immer sage, Was ich immer sage (2).

  1. (als Zeitangabe zwischen Mitternacht und dem Schlafengehen) morgen (also heute)
  2. (als Zeitangabe zwischen Mitternacht und dem Schlafengehen) heute (also gestern)
  3. Ich bestehe zur Gänze aus Ohren.
  4. All das. All diese Dinge.
  5. Na?
  6. (als Beschreibung von Übernachtungsbedürfnissen) isomattengroßes Stück Fußboden
  7. (als Ausdruck des Neides) Abstoßend.
  8. Frohes Schaffen!
  9. Wie kommt’s?
  10. Worin äußert sich das?
  11. Inwiefern?
  12. Ausgezeichnet.
  13. (auf die Frage „Was hörst’n du so für Musik?“) Von allem das Beste.
  14. Sag, …
  15. Klingt verlockend.
  16. (bei sprachlichen Zweifelsfällen, Google aufrufend) Machen wir mal eine kleine Korpusstudie.
  17. (wenn ein Bekannter stark abgenommen hat) Ist ja kaum noch was übrig von dir!
  18. Genau.
  19. Well put.
  20. Nicht doch.
  21. Let’s make this interesting.
  22. Keep it coming.
  23. Das erklärt einiges.
  24. Es gibt eine Theorie, nach der das bereits geschehen ist.
  25. Das mögen mir dereinst die Englein verklickern, wenn ich behangen mit Orden für Aufrichtigkeit durch das Himmelreich spaziere.
  26. Ein bisschen denken schadet manchmal nicht.
  27. Nie wieder wirst du aus meinem Munde einen Kalauer hören, und wenn du lauerst, bis du kahl wirst.
  28. Greetings!
  29. Das können Sie halten, wie du willst.
  30. Alright!

Übernommen von Timo Brunke (4), Gako (7), Douglas Adams (24), Max Goldt (25) und dem Volksmund (27, 29).

Was ich mal gesagt habe (2)

Eigenlob der geglückten Formulierung. Was bisher geschah: Was ich mal gesagt habe.

  1. Selbst wenn es so wäre, würde ich es nicht wissen wollen.
  2. Ich gehe mal kurz um die Ecke, und wenn ich zurückkomme, habt ihr besser ein neues Gesprächsthema gefunden.
  3. Ich ermutige zur Einfach-mal-Integration ins Wiki, dabei bilden sich dann Anschlüsse und Gesamteindrücke, von denen ausgehend man alles weiter zurechtbiegen kann.
  4. Ich bin stolz, einer Nation ohne Nationalstolz anzugehören.
  5. Nun gut, es ist ja nicht so, als ob ich nicht ein paar Tricks kennte.
  6. In a sick and twisted way this even makes sense.
  7. Dieses Thema hat den Charme der Wohldefiniertheit.
  8. Falls sich jemand wundert… nicht wundern.
  9. Jahrelanges latentes Interesse ist nun endlich auf wundersame Weise in Besitz umgeschlagen.
  10. Ihr rockt! Rockt fürbaß!
  11. Das will ich in einem sehr realen Sinne nicht wissen.
  12. In that case what I just said must have made very little sense to you.
  13. Das habe ich für dich mitverdrängt.
  14. Nicht meine Region, nicht meine Zeit, nicht mein Niveau.
  15. Korrekt. Ich meine, plausibel.

Irrealis im Alltag

Drei Radfahrer (A, B und C) kommen an eine rote Fußgängerampel. A fährt einfach darüber. Von rechts kommt ein Auto und bleibt auf der Linksabbiegerspur stehen. Angesichts dessen bleiben B und C auch stehen.

B: Wenn man jetzt nicht wüsste, dass, wenn man jetzt einfach losführe, der sofort grün kriegen würde, könnte man’s ja machen.

Während B noch spricht, kriegt das Auto grün und fährt weg, dann kriegen die Radfahrer grün und setzen sich in Bewegung.

C: Was?

B: Wenn man jetzt nicht gewusst hätte, dass, wenn man jetzt einfach losgefahren wäre, der sofort grün gekriegt hätte, hätte man’s ja machen können.

Brotsorten

Voraussetzung für den Empfang der Kommunion ist der Glaube an die Realpräsenz Christi. Darum dürfen kleine Kinder (außer in den katholischen Ostkirchen) nicht kommunizieren, da sie den Leib Christi noch nicht von normalem Brot unterscheiden könnten.

Wikipedia

http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Abendmahl&oldid=75955262#R.C3.B6misch-katholische_Tradition

Denken und sprechen

Die Zeit widmet diese Woche dem Niedergang der deutschen Sprache den Aufmacher und eine Doppelseite im Feuilleton. Ulrich Greiner erkennt zum Glück richtig, dass Anglizismen, Genitiv und Konjunktiv nichts zur Sache tun, schiebt sie nach einer halben Spalte beiseite und stürzt sich auf ein sprachphilosophisches Thema, das hierzublog schon hie und da aufgetaucht ist. Seine Thesen geben mir Gelegenheit, ein paar verstreute Frechheiten in geisteswissenschaftliche Richtung abzufeuern.

Zitiert wird aus einem Artikel von Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo:

„Unter Wissenschaftlern hat sich herumgesprochen, dass es sich empfiehlt, erst zu denken und dann zu sprechen. Dennoch hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass nicht wir denken, sondern die Sprache für uns.“

Ich finde, das hat Coulmas großartig gesagt. Greiner ist anderer Meinung:

In der Literatur begebe ich mich in die Sprache hinein, und ich weiß nicht, wo ich am Ende herauskomme. Das gilt für nicht wenige Felder der Geisteswissenschaften. Die Philosophie Kants, Hegels oder Heideggers wäre anders ausgefallen, hätten sie Englisch schreiben müssen.

Ja, weniger Geschwurbel und klarer herausgearbeitete wesentliche Gedanken, behaupte ich mal frech.

Natürlich nur dann, wenn der Zwang zum Schreiben in der Fremdsprache bei den drei Herren tatsächlich den Schalter umgelegt hätte von „sich mit der Sprache treiben lassen“ auf „erst denken, dann sich verständlich ausdrücken“. Aber es gibt keinen Grund das anzunehmen; Kant, Hegel und Heidegger hätten wohl auch auf Englisch zu schwurbeln gewusst. Sie hätten dann halt anders geschwurbelt – das ist ja gerade das Problem, wenn man eine Sprache für sich denken lässt. Man sollte es daher nur tun, wenn man Kunst, nicht Erkenntnis erlangen will. Greiner sieht das anders:

Wenn es also Gebiete gibt, wo die Sprache eine erkenntnisleitende Funktion besitzt (was unbestreitbar der Fall ist), (…)

Ah. Und Belege für diese unbestreitbare Tatsache kommen dann nächste Woche als Forsetzung? Das nun folgende Jürgen-Trabant-Zitat überzeugt mich nämlich noch nicht ganz:

„Es gibt wissenschaftliche Betätigungen, die nicht sprachlos Gedachtes, Gemessenes, Gewogenes und Berechnetes als wissenschaftliche Erkenntnis erzeugen, sondern die wissenschaftliche Erkenntnis in Sprache generieren. Wissenschaftliche Arbeiten in den sogenannten Geisteswissenschaften kommen nicht so zustande, dass der Forscher sich zuerst die Ergebnisse denkt und diese dann nur noch bezeichnen und verlautbaren muss. Er schafft mit der Sprache einen völlig aus Sprache bestehenden Gegenstand.“

Man kann sich das nackte Grauen vorstellen, das es für den Leser bedeutet, zu versuchen, solchen „völlig aus Sprache bestehenden“ Gegenständen einen Erkenntniswert abzutrotzen – oder den Spaß, den es bereitet, sie zu verspotten. Bei der Gesellschaft zur Stärkung der Verben haben wir dafür einen Vorgang mit dem Titel Geschwalle.

Why I Love Wikipedia (#587)

“Disgustipated” is track 69 on most pressings in North America (causing most CD players upon reaching the end of track 9 to advance through tracks 10-68, which contain no data, at a rate of about 2 per second until track 69 is reached). It also appears as track 39, track 10 (mostly in Europe) or as a hidden track following “Flood” on track 9. On certain Japanese imports, “Disgustipated” is track 70, with a short live version of “Flood” as track 71.

Undertow (album)

So bunt, so romantisch, so witzig

Ein mit erklärungsbedürftigen Wundern, Daseinsformen und Phänomenen um sich schmeißendes Buch wie Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär ist schwer zu adaptieren. Zu einer vor Jahren mal umraunten, bisher nicht in Sichten Filmfassung verriet Walter Moers die Parole „Alles außer Trickfilm!“ Von Malik habe ich die Überzeugung, dass Stop-Motion die ideale Technik wäre. Ich hoffe jedenfalls, dass das Projekt noch betrieben wird, und zwar von kompetenter Seite. Furchtbar misslungen ist ja das Musical, dass die Wunder Zamoniens auf ein visuell absolut unbeeindruckendes Kasperltheater zusammendampfte. Immerhin bleibt es durch einige musikalische Highlights positiv in Erinnerung, zum Beispiel durch die folgende Passage aus der Nummer Blau muss mein Geliebter sein. Man muss sie aber hören, gesungen, nein, geschrien von Fredda der Berghutze, um dem vollen Zauber zu verfallen.

Ist es auch komplementär,
mir gefällt Orange nicht sehr.
Mint, Rosé und auch das Pink
sind ganz sicher nicht mein Ding.
Gold und Silber oder Bronze
haben bei mir keine Chance
und du solltest dich verzieh’n,
wenn dein Ton ist Aubergine.
Mir vergeht der Appetit,
denk ich nur an Anthrazit.
Rosa, Lila und Oliv
macht mich richtig aggressiv.
Bist du grün, dann kann es sein,
hau ich dir die Zähne ein.
Ich mag Gelb nicht und kein Ocker,
Blau, nur Blau haut mich vom Hocker!

Und wo wir gerade bei lustigen Liebesliedtexten mit Farben sind, zitiere ich noch eine Strophe aus Stereo Totals Ich weiß nicht mehr genau:

Mein Gedächtnis hat Löcher.
Ich weiß nicht mehr genau:
Welche Farbe hatten seine Augen?
Ich glaub, die waren blau.
Waren sie blau, waren sie grün
oder waren sie grau?
Oder wechselten sie ständig
vom Wetter abhängig?

Sollte Ihnen der Text metrisch zweifelhaft erscheinen – Françoise Cactus singt mit französischem Akzent, die darf mit der Betonung machen, was sie will. Darin besteht ein nicht unwesentlicher Teil des Reizes bei Stereo Total…