Archiv des Autors: Kilian Evang

Das Labyrinth der träumenden Bücher

Es gehört schon einige Chuzpe dazu, so eine Fortsetzung rauszubringen: Nachdem der Schriftsteller Hildegunst von Mythenmetz in Die Stadt der träumenden Bücher von der Lindwurmfeste nach Buchhaim gereist war, ausführlich die Stadt kennenlernte, Bekanntschaft mit Hachmed Ben Kibitzer schloss und schließlich sagenhafte Abenteuer in den Katakomben von Buchhaim erlebte, reist in Walter Moers’ neuem Buch Das Labyrinth der träumenden Bücher der mittlerweile 200 Jahre ältere Hildegunst von Mythenmetz von der Lindwurmfeste nach Buchhaim, reminisziert seine Abenteuer in der Stadt und trifft Hachmed Ben Kibitzer wieder. Darüber hinaus ist ein zentraler Teil des neuen Romans eine Nacherzählung des ersten, in Form eines detailiert ausgemalten Puppentheaterstücks. Und schließlich endet der Schinken mit einem Cliffhanger, wiederum am Eingang der Katakomben.

Hat Moers hier aus Ideenlosigkeit einen bloßen zweiten Aufguss seines Bestsellers von 2004 vorgenommen? Noch dazu über zwei oder mehr Bände gestreckt und mit einem Aufguss im Aufguss, dem Theaterstück? Zahlreiche enttäuschte Rezensionen sehen es ungefähr so. Aber die stammen bestimmt von denselben Leuten, die von Die Stadt der träumenden Bücher damals völlig begeistert waren. Ich hingegen äußerte mich unter dem Pseudonym Inuk Latuda kritisch und bin jetzt mit Buchhaim eher versöhnt.

Ich sehe mit Wohlgefallen, dass Moers den Kardinalfehler, wieder und wieder auf die allerschrecklichste vorstellbare Gefahr die allerallerschrecklichste vorstellbare Gefahr zu türmen, diesmal vermieden hat. Es sind nicht länger Stapel von Superlativen und furchtbaren und furchtbareren Monstern, die die Lesefröschchen bei der Stange halten sollen, sondern veränderte Perspektiven: der zeitliche Abstand, die inzwischen gemachten neuen Erfahrungen Mythenmetz’, die Veränderungen, die die Gesellschaft des wiederaufgebauten Buchhaim und ihre Werteordnung mitgemacht haben, die veränderte Sichtweise des Protagonisten auf manche Dinge, und im Falle des Puppentheaterstücks die sehr einfallsreich ausgemalte künstlerische Form, in die die Heldensage aus dem ersten Teil diesmal gekleidet wird. Natürlich verdankt sich meine Begeisterung darüber auch meiner Theaternarretei. Es sind nicht die konkreten, großen, schweren und lauten Dinge, die neu sind, sondern eher die abstrakten, kleinen, leichten und leisen. Das sagt mir mehr zu.

Da die Fortsetzung vermutlich wieder in den Katakomben spielen wird, muss man sich natürlich Sorgen machen, dass Moers doch wieder darein zurückfallen wird, lebensgefährliche Situationen auf einen dürre Handlungsschnur zu fädeln. Andererseits traue ich ihm durchaus zu, mich noch einmal positiv zu überraschen.

Blogspektrogramm #10

Im aktuellen Blogspektrogramm gibt es wieder viel über Sprache zu erfahren:

  • Dass Pumuckl mit seinen Wortspielen schon Kinder zu linguistischen Überlegungen animiert.
  • Dass Verben der Zustandsveränderung für manchen schwer zu verstehenden philosophischen Text charakteristisch sind.
  • Was aus linguistischer Sicht davon zu halten ist, dass vor allem in Stellenanzeigen nach der Bologna-Reform kurzerhand der Masterand den Diplomanden ersetzt hat.
  • Warum derzeit nur die Schreibweise Scheißhaus, zukünftig aber in manchen Fällen womöglich auch scheiß Haus als korrekt gilt.
  • Welche Verben außer merkeln und wulffen seit 1949 noch von den Namen hoher deutscher Amsträger abgeleitet wurden und was sie so bedeute(te)n.
  • Wie im 17. Jahrhundert anhand einer Baummetapher die deutsche Wortbildung erklärt wurde.

Wer es noch nicht mitbekommen hat, sei außerdem darauf hingewiesen, dass das Wort Shitstorm – verdient, wie ich finde – zum Anglizismus des Jahres gekürt wurde.

Die Schrecken der Facebook-Timeline

Wenn Walter Jens Boris Jelzin lila Lutschmobil genannt hätte, dann hätten die Menschen gesagt: »Welch meisterliche Rhetorik!«, wenn ich Jelzin so bezeichnen würde, würde es heißen: »Was für eine skurrile Alltagsbeobachtung!«, und wenn Reinhold Messner über Boris Jelzin gesagt hätte, er wäre ein lila Lutschmobil, hätten alle gerufen: »Was für ein schönes Gebirgsvideo!« Aber wenn Helmut Kohl so etwas sagt, hinterläßt er angeblich einen Scherbenhaufen.

Max Goldt, Warum Dagmar Berghoff so stinkt, Die Kugeln in unseren Köpfen, Haffmans 1995

Und wenn Facebook Boris Jelzin ein lila Lutschmobil nennt (oder die Timeline einführt, oder die Schriftart ändert, oder den Blauton…), sagen alle: „Was für ein dreister Angriff auf meine Privatsphäre!“

Technischer Rückschritt

Wehmütig blicke ich auf manche technische Errungenschaft vergangener Jahrzehnte zurück, die die Menschheit inzwischen schon lange verloren hat und vielleicht nie wieder zurückerlangen wird. Da ist zum Beispiel die Möglichkeit, am Anrufbeantworter (heute: Voicemail) einzustellen, wie oft er es klingeln lässt, bevor er drangeht. Oder Audiodatenträger (bzw. Abspielvorrichtungen dafür), die sich über beliebig lange Hörpausen hinweg die Abspielposition merken. Vorbei, vorbei.

Eine kleine Taxonomie der Funktionen von Twitter-Hashtags in meiner Timeline

Hashtags dienen dazu, Tweets zu gruppieren:

  • Tweets zu einem Thema, dass für einen relativ engen, wohldefinierten Personenkreis interessant ist, z.B. für die Teilnehmer einer bestimmten Veranstaltung wie #28c3 oder #spack0.
  • Tweets, die eine Serie bilden, ein bestimmtes Mem instanziieren, das für alle interessant ist, die daran Freude haben, z.B. #lessambitiousbooks oder #ThingsWhitePeopleInvented. Ähnlich wie eine Kolumne oder regelmäßiger Cartoon in einer Zeitschrift, mit dem Unterschied, dass alle mitmachen können. Auch Werbekampagnen werden in diesem Format betrieben, z.B. #ProgressIs von Audi.
  • Tweets zu einem aktuellen, das Interesse großer Teile der Twitteröffentlichkeit auf sich ziehenden Thema, wie z.B. #Wulff oder #kuerschnergate.

Hashtags dienen dazu, nicht ausformulierte Neben-Kommentare zu einem Tweet hinzuzufügen:

  • Sie enthalten kurze, oft emotionale Reaktionen auf den Gegenstand des Tweets, etwa #happy, #fail, #wtf oder #iwouldratherhaveamoose. Dieser Typ wird in einem Language-Log-Artikel, insbesondere in jk’s Kommentar, sowie im New Yorker ausführlicher auseinandergenommen. Er ist auch der Typ Hashtag, der es am stärksten schon in den mündlichen Sprachgebrauch geschafft hat.
  • Sie geben an, worauf sich der Tweet bezieht. Beispiel bei @kathrinpassig: Auch immer schön: Der Vorwurf alter gebildeter Männer, das Internet biete nur Partizipationsmöglichkeiten für junge gebildete Männer. #boell. Und bei @dnaberDas Android „Sicherheits“-Update von neulich sorgt für deutlich längere Akkulaufzeiten. Hatten bisher Hacker meinen Strom gestohlen? #G1.
  • Sie erklären unauffällig einen Witz oder eine Anspielung, damit die Gebildeten nicht Duh und die Ungebildeten nicht Huh sagen. So @VonFernSeher@sixtus Wenn #Schubert heute lebte: „Alles als gewesen markieren“ #winterreise
  • Sie stellen den Tweet in einen Kontext, der den Erwartungen völlig zuwiderläuft und bilden dadurch erst die Pointe. So @Ohiogasimas: Hitler, er ist offen und kann auf Leute zugehen. #wettendass. Das ist übrigens meine Lieblingsfunktion bei Hashtags. Wenn ihr weitere gute Beispiele kennt, bitte mich drauf aufmerksam machen!

Hashtags dienen dazu, Leser/innen zu lenken:

  • Eine Mini-Inhaltsangabe bzw. Themenbestimmung bei Tweets, die ansonsten nur aus einem Link und vielleicht einer kurzen emotionalen Reaktion bestehen, so z.B. @textundbloghehe RT @ennomane: Wie geil! http://www.duden.de/rechtschreibung/Pirat #Duden #Piraten. Eine ähnliche Funktion haben in längeren Tweets scheinbar thematisch gruppierende Hashtags mit recht weiten, allgemeinen Themenfeldern wie #typografie oder #kurzfilm. Sie sehen zunächst ähnlich aus wie die strukturierenden Kategorien auf Wikipedia, werden aber ja nicht systematisch so verwendet, dienen also eher dazu, dem Folgefröschschen schnell zu vermitteln, ob der Link in dem Tweet es wohl interessieren wird.
  • Querverweise ermöglichen eine schnelle Suche nach Stichwörtern, die vom Kernthema des Tweets wegführen, wie z.B. #Schubert in @VonFernSeher’s Tweet@sixtus Wenn #Schubert heute lebte: „Alles als gewesen markieren“ #winterreise. Persönlich halte ich diese Verwendungsweise für zweifelhaft und eine Verwechslung von Twitter mit Wikipedia.
  • Schlagwörter werden durch das Doppelkreuz hervorgehoben. In längeren Texten dienen solche Hervorhebungen der Unterstützung des Diagonallesens, was sich bei Texten unter 141 Zeichen eher erübrigt. Das Motiv ist wohl mehr, mit aufgeladenen Begriffen der Leser/innen Aufmerksamkeit zu grabschen, wie @unreality in zwei Beispielen schön vorführt: Liebes #Google, wäre es evtl. möglich, zu erkennen, dass ich schon 1.000 mal den neuen Look bestätigt habe? In allen Anwendungen. Täglich. Und: Sagt mal, #Bushido, das war doch der mit dem kleinen Penis, oder? Es geht übrigens nicht nur um die Aufmerksamkeit derjenigen, die den Tweet eh lesen, weil sie @unreality folgen, sondern auch um die Aufmerksamkeit derer, die sich z.B. für Bushido interessieren und auf Twitter nach seinem Hashtag suchen. Zu dieser Gruppe könnte z.B. Bushido selbst gehören, @unreality umgehend aufspüren und übelst töten. In dieser Gefahrensuche liegt denn auch die Pointe des Tweets.

Hashtags dienen dazu, einen Tweet mit Metadaten auszuzeichen:

  • Tags wie #followerpower oder #korrekturtweet kennzeichnen Tweets mit spezieller Funktion. Oft wird dieser Typ Tag voran- statt hintangestellt.
  • Spezielle Tags kontrollieren das Verhalten externer Tools, z.B. lässt #fb die App Selective Tweets den Tweet nach Facebook kopieren.

Gruppierende und kommentierende Funktionen überschneiden sich, wenn ein Thema durch Schaffung eines nicht mehr ganz so neutral-deskriptiven Hashtags in den Status einen Twittermems erhoben wird, was andere Twitterinnen und Twitterer mit ähnlicher Sichtweise dazu einlädt, dieser Sichtweise verstärkt mit solcherart getaggten Tweets Ausdruck zu verleihen. So muss es bei der Schaffung des Hashtags #guttengate und anderer #-gates zugegangen sein.

Dieser Blogpost entstand im Rahmen des Versuchs, eine Antwort auf Kristin Kopfs Frage zu finden, inwiefern die oft ironische Bildung von solchen -gate-Wörtern im Zusammenhang mit ihrem Hashtagtum zu sehen ist. Hinsichtlich dieser Frage ist abgesehen von den vage in die Richtung gehenden Überlegungen im letzten Absatz nichts herausgekommen, dafür aber eine kleine Taxonomie.

Logo des Blogspektrogramms

Blogspektrogramm #9

Logo des BlogspektrogrammsZum neunten Mal erscheint hiermit das Blogspektrogramm, ein monatlicher Überblick über die deutschsprachigen Artikel von Bloggerinnen und Bloggern mit linguistischem Hintergrund zum Thema Sprache.

Im Sprachlog begutachtet Anatol Stefanowitsch das Wort des Jahres 2011, Stresstest, und kurz auch noch einmal das Jugendwort des Jahres 2011, Swag. Besonders lesenswert und erheiternd finde ich das Rezept zum Erfinden von Jugendwörtern, das bei unrühmlicheren Juryentscheidungen in Vorjahren zum Einsatz gekommen zu sein scheint. Auch nicht unerwähnt bleibt eine Wörterwahl, die erst noch bevorsteht: der Anglizismus des Jahres 2011.

Von eigenen Korpusuntersuchungen berichten Kristin Kopf im Schplock und Michael Mann im lexikographieblog. Erstere versucht herauszufinden, ob der Anglizismus des Jahres 2010, leaken, dauerhaft im Deutschen heimisch geworden ist. Letzterer ist auf die Suche nach Variationen der Redewendung Hals- und Beinbruch gegangen. Mir war nicht klar, wie viele Versionen es da gibt, speziell zugeschnitten auf Singende, Tanzende, Segelnde, Fliegende, Rudernde, Radfahrende, Autofahrende und Bahnfahrende.

Wenn wegen mit Genitiv steht, worauf manche ja bestehen, dann müsste es ja eigentlich statt wegen mir wegen meiner heißen. Gebräuchlicher ist aber die Form meinetwegen. Stephan Bopp erklärt bei Fragen Sie Dr. Bopp!, woher sie kommt.

Ich selbst denke im Texttheater über ungewöhnliche Konditionalsätze nach und darüber, woher die Wendung es sei denn kommt.

Das Blogspektrogramm #10 wird bei Kristin im Schplock erscheinen.

Bisher erschienene Ausgaben:

Tempus- und Aspektmysterien der philosophischen Geheimsprache

Es gibt eine philosophische Geheimsprache, an der ich mir immer wieder die Zähne ausbeiße. Peter Sloterdijk zum Beispiel hat seit gefühlten tausend Jahren keinen Absatz mehr geschrieben, der nicht in dieser Geheimsprache abgefasst wäre. Aber auch die folgenden Absätze aus dem Artikel Transparent ist nur das Tote von Byung-Chul Han sind ein gutes Beispiel. Der Karlsruher Philosoph schilt darin die „Ideologie“ der Transparenz (vgl. Post-Privacy) und außerdem die Piratenpartei dafür, dass bei ihr keine Ideologien (!) zugelassen seien, aber das nur am Rande. Einleitend schreibt Han:

(…) Die Transparenzgesellschaft ist eine Positivgesellschaft. Transparent werden die Dinge, wenn sie jede Negativität abstreifen, wenn sie geglättet und eingeebnet werden, wenn sie sich widerstandslos in glatte Ströme des Kapitals, der Kommunikation und Information einfügen. Transparent werden die Handlungen, wenn sie sich dem berechen-, steuer- und kontrollierbaren Prozess unterordnen. Transparent werden die Dinge, wenn sie ihre Singularität ablegen und sich ganz im Preis ausdrücken. Transparent werden die Bilder, wenn sie, von jeder hermeneutischen Tiefe, ja vom Sinn befreit, pornografisch werden. In ihrer Positivität ist die Transparenzgesellschaft eine Hölle des Gleichen.

Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche antwortet, wo eine Kettenreaktion des Gleichen stattfindet. Die Negativität der Anders- und Fremdheit oder die Widerständigkeit des Anderen stört und verzögert die glatte Kommunikation des Gleichen. Die Transparenz stabilisiert und beschleunigt das System dadurch, dass sie das Andere oder das Abweichende eliminiert. (…)

Die Dichte von Fremdwörtern und Fachbegriffen ist sehr moderat. Ich störe mich auch nicht an vagen Begriffen wie die Dinge oder das Gleiche. Auf deren Bedeutung könnte man wohl im Prinzip aus dem Kontext schließen.

Wovor mein Verständnis aber kapituliert, das sind Tempus und Aspekt.

Die Geheimsprache kennt beinahe ausschließlich solche Verben, die die Änderung eines Zustandes ausdrücken. Das allerwichtigste Verb, wenn nicht Wort, der Geheimsprache überhaupt ist werden. Es kommt in dieser Passage sechsmal vor. Ansonsten zähle ich jeweils ein Vorkommen folgender zehn eindeutiger Zustandsänderungsverben: abstreifen, glätten, einebnen, einfügen, unterordnen, ablegen, befreien, stabilisieren, beschleuningen und eliminieren. Alles wird als Prozess ausgedrückt.

Leider ist keine der beschriebenen Zustandsänderungen auch nur ansatzweise in der Zeit verankert. Han sagt nichts darüber aus, wann Zustand A geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird oder darüber, wann Zustand B geherrscht hat, herrscht oder herrschen wird. Es gibt keine Hinweise darauf, wann und wie oft der beschriebene Vorgang eingesetzt hat, einsetzt oder einsetzen wird, wie schnell er verlief, verläuft oder verlaufen wird und ob und wann er abgeschlossen war, ist oder sein wird. Vor allem fehlen Zeitangaben wie in den letzten zehn Jahren, zukünftig oder immer dann, wenn.

Auch das Tempus hilft nicht weiter. Die ganze Passage ist im Präsens geschrieben. Aber ich kann ums Verrecken nicht erkennen, ob das ein aktuelles, generelles, historisches, futurisches oder gar szenisches Präsens sein soll. Wird hier ein aktueller Prozess beschrieben oder eine allgemeine Aussage getroffen? Wenn Letzteres, geht es um einen lang andauernden oder einen sich immer wieder wiederholenden Prozess?

Schließlich die Konjunktion wenn, ein weiterer Grundpfeiler dieser Geheimsprache. Sie bedeutet hier sicher mehr, als dass Dinge zur gleichen Zeit stattfinden. Aber was? Kausation, Korrelation, Definition? Wird Transparenz durch das Abstreifen jeder Negativität verursacht? Oder treten Transparenz und das Abstreifen jeder Negativität typischerweise gemeinsam auf? Wenn ja, auf welchen Beobachtungen, in welchem Zeitraum, in welcher Kultur, an welchem Ort, beruht diese Generalisierung? Oder will Han den Begriff Transparenz hier überhaupt erst definieren, als das Abstreifen jeder Negativität (und/oder der ganzen anderen Vorgänge, von denen er schreibt)? Es bleibt das Geheimnis Hans und derer, die seine Sprache sprechen.

Ich will mich hier nicht nur lustig machen über einen schwierigen Schreibstil. Ich verstehe aufrichtig nicht, was gemeint ist. Vielleicht verstehe ich wirklich einfach nur die philosophische Fachsprache nicht. Hat dieses Präsens, haben diese Prozessbeschreibungen, hat dieses wenn in der Philosophie eine konventionelle technische Bedeutung? Wissen Fachleute, wie sie es zu interpretieren haben? Wenn ja, bitte ich um Aufklärung. Bis dahin werde ich wohl annehmen müssen, dass es sich um eine Methode zur Verschleierung handelt. Zur Verschleierung der Tatsache, dass die eigene Positon auf vagen, selbstausgedachten Zusammenhängen beruht, die man nicht begründen, geschweige denn belegen kann. Es würde mich nicht wundern.

PS: Der überwiegende Rest von Hans Artikel ist dankenswerterweise nicht in diesem Stil geschrieben.

Herrenboutiquen

Reine Herrenboutiquen haben es schwer. So folgte der Eröffnung der ersten Macho-Filiale in Tübingen vor ein paar Jahren auf dem Fuße die Erweiterung um einen Bereich namens Chica, der mittlerweile drei von vier Schaufenstern belegt. Und MEN_AT_WORK in Groningen hat seinem Schriftzug kleinlaut ein WO_ vorangestellt.

Unfug mit Fügungen

Sprache ist auch dazu da, seine Mitmenschen zu verwirren. So bereitet es mir großes Vergnügen, Wortfolgen, die normalerweise in einer eingebürgerten, festen Bedeutung gebraucht werden, in anderen Bedeutungen zu verwenden, die sich aber auch aus den Bedeutungen der einzelnen Wörter herleiten lassen.

Ein Beispiel ist die Fügung es sei denn, deren Etymologie ich im letzten Blogpost skizziert habe. Wie schön lässt sich der Konjunktiv I zur Wunschform umdeuten und das denn in seiner Bedeutung also verwenden. Schon hat man einen prima Spruch, um sich ins Schicksal zu fügen und den Lauf der Dinge zu affirmieren: Nun gut, es sei denn.

Das altertümliche siehe da erstrahlt in neuer Frische, wenn man das siehe in seiner ungebrochen modernen Verwendung für Verweise verwendet und ein Hyperlink das einfache deiktische Adverb mit Sinn erfüllt: siehe da.

Oder so kennt man als Ungenauigkeit und Ungewissheit ausdrückende Fügung (er hieß Schymanski oder so), kann man aber auch prima gebrauchen, um einen Gegenvorschlag anzuerkennen: Lass uns zur Pizzeria und dann einkaufen gehen. – Oder wir kaufen heute ein, essen zu Hause und gehen morgen essen. – Oder so.

Ab und zu gerät man an einen Gegenstand, der sowohl ästhetisch als auch funktional wenig zu wünschen übrig lässt. Man beschreibe ihn als schön und gut und freue sich daran, wie irreführend die Homonymie mit der abschätzig-einräumenden Formel Das ist ja schön und gut, aber… ist.

Die Mehrdeutigkeit des Wortes schon nutzte @kasia886 für einen sehr gelungenen Tweet im Sinne dieses Beitrags (Hervorhebung von mir): Du weißt schon. Aber ich noch nicht.

Zuletzt sei noch darauf hingewiesen, wie schön man sich im Adminstrationsbereich der deutschen Version von WordPress zur Seite klicken kann, also zum Frontend des Blogs.

(Es sei) denn: Adverbialsätze mit Verbzweitstellung

Ein Adverbialsatz ist ein Nebensatz, der die Wahrheitsbedingungen des übergeordneten Satzes modifiziert. Bei den meisten Typen von Adverbialsätzen ist diese Modifikation monoton, das heißt, wenn das Gefüge aus übergeordnetem Satz und Adverbialsatz wahr ist, ist auf jeden Fall auch der übergeordnete Satz wahr. So zum Beispiel bei kausalen Adverbialsätzen, die einen Grund angeben: Wenn das Gefüge Wir gehen nach Hause, weil es regnet wahr ist, ist auch der übergeordnete Satz Wir gehen nach Hause zwingend wahr. Nicht monoton sind dagegen die konditionalen Adverbialsätze (eingeleitet durch Konjunktionen wie wenn, falls, sofern, außer…), die eine Bedingung für das Geschehen angeben: Wenn das Gefüge Wenn es regnet, bleiben wir zu Hause wahr ist, muss deshalb der Satz Wir bleiben zu Hause nicht unbedingt wahr sein.

Im Deutschen erkennt man Adverbialsätze typischerweise daran, dass sie mit einer Konjunktion eingeleitet werden und Verbletztstellung aufweisen, das flektierte Verb also hinten steht. Es gibt aber auch konditionale (und temporale) Adverbialsätze, die keine Konjunktion haben und Verberststellung aufweisen, wie das Hilfst du mir in Hilfst du mir, helf ich dir.

Es gibt noch ein weiteres Baumuster für konditionale Adverbialsätze, das allerdings so gut wie ausgestorben ist. Man begegnet ihm in alten Texten, zum Beispiel in der Lutherbibel: Ich lass dich nicht, du segnest mich denn. Die Kennzeichen sind Verbzweitstellung, oft Konjunktiv I und das Wort denn, das sich hier syntaktisch wie ein Adverb, semantisch aber, wenn man so will, eher wie eine Konjunktion mit der Bedeutung wenn nicht, außer verhält. (In anderen Bedeutungen kommt denn ja sowohl als Konjunktion – Wir gehen nach Hause, denn es regnet – als auch als Adverb – Ich brauch denn mal Hilfe – vor.)

Liebe Germanist/inn/en! War diese Konstruktion immer so ungewöhnlich, wie sie heute erscheint, oder gibt es in der deutschen Sprachgeschichte weitere bekannte Beispiele für… fassen wir den Gegenstand erst mal weit: Adverbialsätze mit Verbzweitstellung? Adverbialsätze mit Verbzweitstellung, die ohne Konjunktion angeschlossen werden?

Im heutigen Standarddeutschen ist die Konstruktion mit denn jedenfalls ein Fremdkörper und wird nicht mehr produktiv verwendet, sie ist allerdings erstarrt in der Wendung es sei denn, X erhalten, wobei X wahlweise ein ganz normaler dass-Satz oder Verbzweitsatz ist.

Siehe auch: Eintrag für denn im Deutschen Wörterbuch (man suche nach nisi).